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Spätfolgen des Holocausts

Ein kleines Paradies

Doris SticklerElisabeth Leuschner-Gafga (links) und Iris Bergmiller-Fellmeth hat das Schicksal der Bewohner des Föhrenwald-Lagers sehr bewegt. Deshalb machen sie die Geschichten öffentlich.

Frankfurt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs machte nicht automatisch aus Nazis Demokraten. Und so barg das Leben neue Herausforderungen für die Überlebenden der Nazigräuel. Eine Ausstellung im Frankfurter Hochbunker und eine Dokumentation geben Einblicke.

Wenn Boris Gerczikow an seine Kindheit denkt, hat er ein kleines Paradies vor Augen. Das trug den Namen Föhrenwald und war ein von den Alliierten 1945 eingerichtetes Lager, in dem zeitweise bis zu 6000 heimatlos gewordene Juden wohnten. Als Vierjähriger kam er mit seiner Mutter in die von der Außenwelt weitgehend abgeschirmte Enklave. Er erlebte sie als »riesigen Spielplatz«.

Eine unbeschwerte Kindheit für die Öhrenwald Kinder

»Es gab keinen Verkehr, wir rannten ständig draußen herum, auf den Straßen und im Wald oder waren in der Isar schwimmen. Föhrenwald war wie eine große Familie, wir fühlten uns sicher und gut.« Bei der Vorstellung des Ausstellungskatalogs »Displaced Persons – vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt am Main« blickte der heute 78-Jährige mit anderen Föhrenwaldkindern auf eine unbeschwerte Zeit zurück. Durch die Unterstützung der UNO und amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisationen hatte sich der Ortsteil des oberbayerischen Wolfratshausen in ein Schtetl verwandelt, das über sieben Synagogen, ein Ritualbad, Läden und Schulen verfügte.

Warten auf die Ausreise nach Israel

Die mehrheitlich aus Osteuropa stammenden Holocaustüberlebenden warteten in Föhrenwald auf ihre Ausreise nach Israel oder andere Länder. Die wurde allerdings nur jenen gewährt, die gesund waren und einen gefragten Beruf vorzuweisen hatten. Alle anderen mussten bleiben – viele bis zur endgültigen Auflösung 1957. Wie etwa Anton Jakob Weinberger, der das Geschehen als Achtjähriger miterlebte.

Die Synagoge über Nachtin eine Kirche verwandelt

Im Hochbunker in der Friedberger Anlage, den die Initiative 9. November zum »Ort der Erinnerung, der Debatte, des Lernens und der Begegnung« umfunktionierte, schilderte er das brutale Vorgehen des damaligen bayerischen Staatssekretärs für Flüchtlingsfragen, Theodor Oberländer. Die Abwicklung des Lagers hatten die Amerikaner 1951 einem Mann übertragen, der der Mittäterschaft bei Massakern und Pogromen angeklagt war.

In den hintersten Teil des Lagers verbannt

»Eine seiner Strategien bestand darin, die verbliebenen Juden in den hintersten Teil des Lagers zurückzutreiben und im vorderen Bereich die Sudetendeutschen, die Heimatvertriebenen, einzuquartieren.« Außerdem habe er »die größte Synagoge über Nacht in eine Kirche umgewandelt«. Der damalige Synagogendiener sei deshalb »tatsächlich wahnsinnig geworden«, weiß Anton Jakob Weinberger.

Verdrängung gehört zum Programms

Dass die Feindseligkeiten gegenüber Juden nach der Befreiung nicht automatisch verschwanden, liegt für ihn nahe: »Zwischen dem 8. und 15. Mai aus 8,5 Millionen Nazis Demokraten zu machen, ist schlichtweg unmöglich.« Verdrängung habe zum Programm gehört und so die geplante Verteilung der Föhrenwalder auf größere Städte behindert. »Keiner wollte die Judde«, brachte der frühere FAZ-Redakteur den Antisemitismus auf den Punkt.Von Doris Stickler

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