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Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)

Freude auch ohne »documenta«-Niveau

NIDDA. Menschen mit Behinderung sollen ein selbstbestimmtes Leben haben ohne Ausgrenzung. Das ist das Ziel des Bundesteilhabegesetzes, dessen erste Reformstufe im Januar 2017 in Kraft trat. Aber Gesetzestext und Realität sind oft zweierlei. Die Diakonie hilft dabei, dass das nicht so bleibt.

Wohnen, Mobilität, Arbeit, Freizeit oder die Versorgung mit allerlei Hilfsmitteln – in all diesen Feldern können Menschen mit Behinderungen auf Hürden stoßen. Zwar gilt seit Januar vergangenen Jahres das Bundesteilhabegesetz. Papier ist allerdings oft geduldig. Aber auch diesem Problem hat der Gesetzgeber Rechnung getragen. Das Bundesministerium für Soziales und Arbeit hat Mittel bereitgestellt und Vorgaben für Teilhabeberatungsstellen entwickelt. Solche Stellen sollen im Vorfeld vor der Antragstellung Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) leisten und gewissermaßen Lotsen und Wegweiser für die Ratsuchenden sein.

Betroffene beraten Betroffene

Eine dieser Stellen ist der Betreuungsverein im Diakonischen Werk Wetterau (DWW). Er zählt zu den bundesweit 400 Institutionen, die das Ministerium dafür ausgewählt hat. Denn ein besonderer Pluspunkt des Vereins und des DWW, den sich auch der Gesetzgeber wünscht, ist das sogenannte »Peer Counselling«. Das bedeutet: Betroffene beraten Betroffene. Beim DWW ist das möglich durch die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt.

»Noch sind wir in einer Pioniersituation, wachsen als Team zusammen«, sagt Eckhard Sandrock, der Leiter des DWW und zugleich Vorsitzender des Betreuungsvereins. »Aber eine hohe Motivation ist spürbar.« Im Haus der Kirche in Nidda sind die EUTB-Beratungskräfte zusammengekommen, um sich auszutauschen.

Was tun, wenn die Mutter plötzlich stirbt?

Peter S. zum Beispiel kam mit seiner Schwester zur Beratung. Der geistig behinderte Mann arbeitet im Garten-Landschaftsbau einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und wohnte bisher mit seiner noch rüstigen Mutter zusammen, die plötzlich nach einem Schlaganfall verstarb. Die beiden hatten sich gut verstanden, und S. hatte jede Planung für ein Leben ohne Mutter vehement abgelehnt.

S. möchte im ländlichen Raum bleiben, hier ist die Werkstatt, sein ganzer sozialer Bezugskreis. Die EUTB-Berater zeigen auf, welche Möglichkeiten es in den Bereichen Wohnen und Hilfen beim Umgang mit Finanzen gibt. S. schaute sich eine kleine stationäre Wohngemeinschaft einer Behinderteneinrichtung an, aber die Berater informierten ihn auch über das ambulante Betreute Wohnen mit regelmäßiger Beratung durch eine Sozialarbeiterin. Letztere Lösung gefiel ihm besser. Seine Schwester suchte ihm ein Ein-Zimmer-Appartement, einmal pro Woche kommt die Sozialarbeiterin des Betreuten Wohnens, ebenso stundenweise eine hauswirtschaftliche Hilfskraft.

Wohnsituation verschlechtert die Stimmung

Mit anderen Anliegen kam Tanja F.: »Ich halte es zu Hause nicht mehr aus. Ich will bei Menschen sein, die mich verstehen«, sagte sie erregt. Nach und nach wurde deutlich: Die 32-Jährige leidet an einer psychischen Erkrankung mit jähen Stimmungsumschwüngen. In der Einliegerwohnung ihres Elternhauses wo sie wohnte, war die Situation mehr als gespannt, denn mit ihrer Mutter und deren Lebensgefährten vertrug sie sich nicht.

»Ich will als freischaffende Künstlerin leben – in einem Kreis kreativer, wundervoller Menschen«, war ihre Vorstellung. Um der häuslichen Situation zu entkommen, die ihre Symptome verstärkte, war sie bereit, für einige Zeit in ein Wohnheim für Menschen mit psychischer Behinderung zu ziehen. Zufällig kam ein Kontakt zum Inhaber eines kleinen Verlags zustande, dem F. nun stundenweise beim Gestalten von Kalendern oder Postern hilft und auf diese Weise ein wenig dazuverdienen kann. Derzeit ist sie so stabilisiert, dass sie sogar Selbstironie aufbringt: »Es ist nicht gerade ›documenta‹-Niveau, was ich mache, aber es macht mir Freude. Ich sehe, was ich kann.« Es ist nicht auszuschließen, dass wieder akute Krankheitsschübe kommen und stationäre Behandlung erfordern. Aber F. ist ihren Wünschen ein Stück näher gerückt und hat mehr Lebensqualität als zuvor.

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