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Facettenkreuz

Kirchenlogo als Tattoo

Judith KesslerDie meisten Menschen, sagt Martin Mehl, könnten mit dem Facettenkreuz auf seinem Ellbogen gar nichts anfangen.

DARMSTADT/MARBURG. Der Herborner Martin Mehl ist optisch auffällig geworden. Ein Facettenkreuz ziert seinen Ellbogen. Negative Reaktionen erlebt er nur im Ausnahmefall.

Judith KesslerTätowierer Marc Sauvage (rechts) bittet zum Nachstech-Termin.

Mit 120 Minuten kann man so einiges anstellen: Das Fußball-WM-Finale von 2014 noch einmal bejubeln, den ersten James-Bond-Film mit Roger Moore sehen oder sich das Logo der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) auf den Ellbogen tätowieren lassen. Für die abgefahrenste der drei Optionen hat sich Martin Mehl entschieden und muss seinen rechten Arm dieser Tage deshalb häufiger vor eine Kamera halten.

Langer Bart ziert das Kinn

Optisch auffällig geworden ist der gebürtige Herborner schon früher. Während seiner Zeit in der Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau (EJHN) brockte ihm ein 16 Zentimeter langer Kinnbart einen festen Platz in der ersten Broschüre der EJHN ein. Heute ist Mehl 34, Gemeindepädagoge und Sozialarbeiter. Er steht kurz vor seinem Master in Religionspädagogik.

Über das Tattoo mit Menschen ins Gespräch kommen

Über seinen Glauben unterhält sich Mehl genauso gerne wie über Videospiele, Fußball oder das Bierbrauen. Mit der vielen Aufmerksamkeit für das Facettenkreuz auf seinem Arm hat er zwar nicht gerechnet, dagegen hat er aber auch nichts. »Klar, es ist auffällig und die Leute fragen auch nach, was es für eine Bedeutung hat. Das finde ich immer einen ganz schönen Aufhänger, auch mit Leuten über den Glauben ins Gespräch zu kommen.«

Kirche hat etwas mit Heimat zu tun

Das EKHN-Logo ist bereits sein viertes Tattoo und nicht sein erstes christliches Motiv – auf der Innenseite des Unterarms darunter prangt das Chi-Rho. Das Chi Rho ist eines der frühesten Kruzifixsymbole, das Christen verwendet haben. Es wird dadurch geformt, die beiden ersten Buchstaben des Wortes »Christ« in Griechisch, chi = ch und rho = r, übereinanderzuschreiben. Als wandelnden Gesprächsaufhänger oder kirchliche Werbetafel sieht sich Mehl aber nicht, Anlass für das Facettenkreuz unter der Haut war ein persönlicher. »Weil ich in der EKHN groß geworden bin«, begründet Mehl die Motivwahl und zögert kurz, »der Heimatbegriff ist in den letzten Jahren so ausgelutscht, aber weil ich das so ein bisschen mit Heimat verbinde.«

Kirche wird auf Körperkunst aufmerksam

Die schwarze und lila Farbe unter Mehls Haut gestochen hat der Tätowierer Marc Sauvage. Das Christusmonogramm stammt ebenfalls aus seiner Nadel. Sauvage ist genauso tiefenentspannt und von oben bis unten bunt, wie man sich einen Tätowierer vorstellt. Er freut sich, dass durch sein Tattoo auch die Kirche auf die Körperkunst aufmerksam wird.

80 Prozent religiöse Motive

Sauvages Arbeitsplatz, das »Morbus Gravis«, liegt keine drei Kilometer von der Kirchenverwaltung in Darmstadt entfernt. Vorbehalte gegenüber Mehls Motivwunsch hatte er keine. »Ich denke mal, religiöse Motive werden zu 80 Prozent gestochen, seien es Rosen, Engel oder Rosenkränze. Da hinterfrage ich nicht jedes Mal, ob derjenige in der Kirche oder wo er zugehörig ist. Ich denke, wenn er sich mit dem Bild identifizieren kann, dann ist es in Ordnung und so handhabe ich das eigentlich bei allen Motiven.« Nur politische sowie NS-Symbole lehne er kategorisch ab.

Symbol des Zusammenhalts

Neben Form und Farbe des Facettenkreuzes haben Mehl auch die »Deutungsmöglichkeiten fasziniert«. Am wichtigsten ist ihm dabei das Symbol des Zusammenhalts. »Dass, so vielfältig die Menschen sind, so unterschiedlich auch Gottesdienste gefeiert und der Glaube ausgelebt und verstanden werden kann, trotzdem alles zu einer großen Kirche zusammengehört.

Drohung mit Lizenzgebühr

Seit Januar trägt Mehl seinen bunten Ellbogen mittlerweile spazieren. Mit negativen Reaktionen hatte er seitdem nur in Ausnahmefällen zu kämpfen. Neben seiner Oma zeigte sich ausgerechnet eine Mitarbeiterin des Religionspädagogischen Instituts wenig begeistert von seinem neuesten Körper schmuck. »Total schockiert« sei sie gewesen und habe ihm leider nur halb im Scherz mit Lizenzgebühren gedroht. »Es ist auch meine Kirche, sie ist mir wichtig und ich möchte das zum Ausdruck bringen. Warum sollte sich jemand daran stören?«, wundert sich der 34-Jährige auch heute noch über die ablehnende Reaktion. Seine Darmstädter Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten dagegen durchweg »positiv fassungslos« reagiert. »Die fanden das, glaube ich, alle insgesamt als Aktion recht gut.«

Judith Kessler

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