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Bedeutung von Glocken

Mehr als schöner Klang

NEU-ANSPACH. Glocken haben etwas Anmutiges: Die oftmals kelchförmigen Gefäße aus gegossenem Metall läuten kräftig im gleichmäßigen Takt. Dahinter steckt oftmals eine spannende Geschichte.

Glocken strukturierten früher den Alltag, später kündigten sie große Ereignisse an, im Kriegseinsatz spielten sie eine entgegengesetzte Rolle. Sie wurden eingezogen und Waffen daraus geschmiedet, was aber auch umgekehrt funktionierte. »So manche Glocke ist aus Munition hergestellt«, schreibt Professor Eugen Ernst in seinem neuen Buch »Glocken – klingendes Kulturerbe«.

Geschichten über Glocken können Bibliotheken füllen

Den Geologen, Theologen und Germanisten faszinieren Bedeutung und Aufgaben von Glocken im Laufe der Jahrhunderte schon lange. Als die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelischen Kirche in Deutschland 2018 als »Europajahr des Kulturerbes Glocken« ausriefen und mit dem Guss einer ökumenischen Glocke besiegelten, war das einer der Anlässe, darüber zu schreiben.

Der Mitgründer und langjährige Leiter des Hessenparks in Neu-Anspach betont aber gleich zu Beginn seines Büchleins mit den 116 Seiten: »Auf die vielerlei Glockenrufe einzugehen, würde ganze Bibliotheken füllen.« Er habe sich auf exemplarische Betrachtungsfelder und regionale Beispiele beschränkt. Ernst beginnt mit den Glocken im Alltag. »Sie waren zunächst reine Gebrauchsgegenstände. Wenn sie erklangen, war Mittagspause oder Feierabend, Uhren gab es auf dem Feld nicht.«

Vom Alltagsgegenstand zum christlichen Instrument

Zu rituellen, christlichen Instrumenten wurden sie erst später. Über Klöster, wo sie zunächst nur zum Gebet riefen, begleiteten sie bis heute liturgische Handlungen in Gottesdiensten. In Asien hatten Glocken bereits vor 5000 Jahren kultischen Charakter. Im hiesigen Raum waren sie zunächst glockenähnliche, der Natur nachempfundene Gebilde mit Signal, Warn- und Mitteilungs-Funktion bei Brand, Hochwasser, Sturm oder Gewitter. Ortsdiener nutzten sie – Schelle genannt – um Neuigkeiten zu verkünden. Das Vieh auf Almweiden trägt sie heute noch, ihr Bimmeln lässt den Hirten wissen, wo seine Schäfchen grasen.

Regionale Glocken erzählen spannende Geschichten

Auf die Glocken von Anspach, Rod am Berg und Usingen geht der Autor näher ein. Usingen, weil sich im obersten Geschoss des Turms eine Türmer-Wohnung mit Küche, Stube und Alkoven befand. »Von 1578 bis 1860 sind in Usingen die Türmer lückenlos nachgewiesen.« Sie schlugen die Stunden und hielten Feuerwache. Der letzte Türmer sei 1860 in seiner Wohnung verstorben.

Dem Thema »Glocken in Krieg und Frieden« hat der Autor viel Platz eingeräumt. »Durch das Machtstreben der europäischen Staaten wurde schon 1914 eine Vernichtungsmaschinerie in Gang gesetzt, welche Zinn und Bronze in Schmelzöfen zu todbringenden Geräten verwandelten. Die Glocken wurden schon 1917 ›zum Schutz des Vaterlandes‹ beschlagnahmt.« Im Zweiten Weltkrieg musste auch die Gloriosa im Frankfurter Dom ihren Platz verlassen. Sie sei jedoch nicht zum Einsatz gekommen, wurde 1948 auf einem großen »Glockenfriedhof« in Hamburg entdeckt und zurückgebracht. Ernst vergisst auch den Glockenturm im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald nicht und nennt ihn »den erhobenen Zeigefinger über dem Thüringer Land.«

Gerrit Mai

Das Buch kostet 19,90 Euro und ist beim Autor und dem Herausgeber, dem Heimat- und Geschichtsverein Neu-Anspach zu erhalten.

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