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AfD-Aussteigerin

Alles hört auf Höcke

Initiative „moment mal“Die einstige sächsische AfD-Landesvorsitzende und Aussteigerin, Franziska Schreiber.

WIESBADEN. Ihr Buch hatte im vergangenen Sommer für Aufsehen gesorgt: Die heute 29-jährige Franziska Schreiber berichtet in »Inside AfD« über ihren Erfahrungen in der Partei. Bis heute erhält die Dresdnerin Morddrohungen.

Vor dem Schlachthof Wiesbaden kontrollieren Mitarbeiter die Taschen der Gäste nach spitzen Gegenständen und Flüssigkeiten. Bereits im Vorfeld hatte es Drohungen gegen die Veranstalter des Vortrags mit der AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber gegeben. Deswegen wies die Initiative »moment mal« auf ihrer Internet- und Facebookseite darauf hin, unerwünschten Gästen den Eintritt in die Halle zu verwehren. »moment mal« ist eine Gruppe von Wiesbadenern, die sich für eine offene Gesellschaft engagiert.

Robert Lambrou, AfD-Landessprecher , stand trotzdem samt eigenem Kamerateam vor dem Schlachthof. Er musste draußen bleiben. Niemand solle die Diskussion stören, erklärte ein Mitarbeiter der Initiative wenig später auf der Bühne. 400 Besucher waren gekommen, um der einstigen sächsischen Landesvorsitzenden und späteren stellvertretenden Pressesprecherin der Nachwuchsorganisation Junge Alternative (JA) zuzuhören. Die Martin-Niemöller-Stiftung unterstützte die Veranstaltung.

Warnung vor zunehmender Radikalisierung

Schreiber warnte vor einer zunehmenden Radikalisierung der Partei und wirft dem Staat vor, die rechte Gefahr zu unterschätzen. Nach wie vor sei Björn Höcke der mächtigste Mann in der AfD, erklärte die Aussteigerin, die im Laufe ihrer Parteimitgliedschaft in den Bundesvorstand aufstieg. Niemand würde es wagen, sich gegen den Thüringer Landeschef zu stellen. Innerhalb der AfD herrsche ein enormer Druck und Gruppenzwang. Ein Beispiel dafür sei Alexander Gauland. Der Partei-Chef sei heute im Vergleich zu ihrem Eintritt im Jahr 2013 ein »komplett anderer Mensch.« »Wir werden erleben, wo das noch hingeht«, warnte die Autorin. Sie weiß aus eigener Erfahrung: »Man radikalisiert sich mit, gibt sich dem hin.«

Morddrohungen erhalten

Franziska Schreiber stammt nach eigenem Bekunden aus einer linksliberalen Familie. Nach abgebrochenem Jurastudium wechselte sie das Fach und schrieb sich für Politikwissenschaften an einer Fern-Uni ein. Bei ihrer ersten Wahl 2009 habe sie CDU und FDP gewählt, sei dann aber frustriert gewesen und mit 23 Jahren der AfD beigetreten. Ihr erstes Jahr in der Partei beschreibt sie als »ein schönes Jahr«. Damals sei noch nichts von einem Rechtsruck zu spüren gewesen. Erst nach und nach kamen ihr Zweifel. Nach dem AfD-Parteitag 2017 in Köln fühlte sich Schreiber von der Partei dann endgültig »entfremdet« und trat aus. Damals lehnte die Mehrheit der Mitglieder den sogenannten Zukunftsantrag der früheren Vorsitzenden Frauke Petry ab. Darin hatte sie versucht, die Partei gegen rechts außen abzugrenzen. Als Reaktion auf ihren Austritt hätten zahlreiche Mitglieder Schreiber angefeindet. Sogar Morddrohungen habe sie erhalten. Die kriegt sie bis heute, wie die junge Frau berichtet.

Soziale Netzwerke werden perfekt genutzt

Eine große Gefahr sieht das Ex-Parteimitglied in der Organisation der Jungen Alternative in den sozialen Netzwerken. »Das Konzept ist genial«, sagt Schreiber. Jedes neue Mitglied werde dazu aufgefordert, einen Facebook-Account zu erstellen. Dazu kommen Einladungen in diverse Gruppen. Jede Freundschaftsanfrage von anderen AfDlern werde angenommen. Schreiber selbst sei Mitglied in 30 Facebook-Gruppen gewesen, hatte 2000 Freunde.

Nachrichten würden sich so wie ein Lauffeuer verbreiten, erklärte Schreiber weiter. Ein Kreisverband poste etwa einen Zeitungsbeitrag. Innerhalb von Sekunden würden Landes- und schließlich Bundesverband den Bericht teilen. Ganz bewusst setze die AfD auf Übertreibungen und Fake-News. Besonders junge Menschen und Senioren würden darauf häufig reinfallen. Oft könnten sie nicht einschätzen, welche Statistiken, Schaubilder und Quellen seriös seien, erklärt Schreiber. »Wir müssen uns viel mehr vernetzen«, fordert die Dresdnerin mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen in diesem Jahr. »Wir dürfen die da nicht alleine lassen«, betont Schreiber, die mittlerweile einen YouTube-Kanal betreibt.

Kritiker werfen der Aussteigerin vor, mit ihrem Buch Kapital aus ihrer Vergangenheit zu schlagen. Die frühere AfD-Politikerin Petry nannte ihre Darstellung »frei erfunden«. Schreiber wiederum hatte auf einer Pressekonferenz in Berlin und in einer eidesstattlichen Versicherung ihre Darstellung bekräftigt. Eine Passage aus dem Buch musste im Herbst vergangenen Jahr gestrichen werden. Schreiber hatte behauptet, dass Höcke gemeinsam mit dem Verleger Götz Kubitschek die Reden des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels analysiert und daraus »Höcke-Reden mit modifizierten Versatzstücken« abgeleitet habe. Von Carina Dobra

Weitere Veranstaltungen der Initiative »moment mal« unter www.momentmal.org

Franziska Schreiber: »Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin«;
Europa Verlag; 221 Seiten; 18 Euro.

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