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Aramäisch im Trickfilm

epd/Stefan MendlingAlte Sprache ganz lebendig im Grimm-Märchen: Die Heidelberger Lehrerin Simone Hanna ist Erzählerin für eine »Aschenputtel«-Trickfilmproduktion auf Aramäisch.

SPEYER/LEIMEN. Filme und Hörspiele auf Aramäisch sind Mangelware. Nun haben Mitglieder der christlichen Volksgruppe in Speyer den Text eines Grimm-Märchens aufgenommen. Aramäisch ist eine der ältesten Sprachen der Welt – und wird kaum noch gesprochen.

De ilono de mihaz, de ilono de mënfas w madrili lbuše šafire.« Die Worte, die Lilyana be Isa spricht, klingen fremd – und doch wirkt der Singsang seltsam vertraut. Kein Wunder: Mit »Aschenputtel« ist im Tonstudio des Evangelischen Presseverbands in der Pfalz in Speyer für eine Trickfilmproduktion in den USA ein bekanntes Märchen aufgenommen worden. Die Sprache ist eine der ältesten der Welt – und wird kaum noch gesprochen: Aramäisch.

Bürgerkrieg treibt Menschen aus ihrer Heimat

Die Aramäer, ursprünglich im oberen Zweistromland und am mittleren Euphrat zu Hause, hatten nie einen eigenen Nationalstaat. Während des Völkermords an den syrischen  Christen und den Armeniern während des Ersten Weltkriegs, aber auch in den 1960er und 1990er Jahren verließen viele ihre Heimat. Aktuell sorgt der syrische Bürgerkrieg für einen erneuten Flüchtlingszuzug. Deutschland, die Niederlande, Schweiz, Schweden, Australien und die USA sind die Länder, in denen heute die meisten Aramäer leben.

Verbindung zur eigenen Kultur durch die Sprache

Durch die Diasporasituation sei die Sprache besonders wichtig, um den Bezug zur eigenen Kultur aufrechtzuerhalten, sagt der Speyerer David Jacob. Seine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach Deutschland. Mit seinen Töchtern spricht er Deutsch und Aramäisch. Filme oder Hörspiele auf Aramäisch für die Kinder sind aber Mangelware.

Auf der Suche nach Sprechern

Zufällig lernte er den US-amerikanischen Arzt Robby Edo kennen, der die aramäische Sprache und Kultur erhalten möchte. Über das vor einigen Jahren gegründete gemeinnützige Projekt »Rinyo« produziert er unter anderem Youtube-Clips auf Aramäisch. Weil möglichst viele Menschen erreicht werden sollen, es in den USA aber nur eine spezielle Sprachform des Aramäischen gibt, kam die Idee auf, in Deutschland Sprecher zu suchen.

Alle Dialekte in einem Märchen

Im Freundes- und Familienkreis warb Jacob für die Idee. Mit Erfolg. Tatsächlich gab es sogar mehr Bewerber als Rollen in dem Stück. Ausgangspunkt ist eine Aschenputtel-Übersetzung von Zeki Bilgic. Simone Hanna, eine Heidelberger Lehrerin, die wie Bilgic Semitistik studiert hat, organisierte im Vorfeld einen Workshop zum Aramäischsprechen. Das Ziel war außerdem, in der neuen Märchenversion alle aramäischen Dialekte zu vereinigen.

Lieder auf Aramäisch

Für Hanna, die die Erzählerinnen-Rolle hat, ist das Grimm-Märchen ein erster Schritt zu einer größeren Verbreitung der Sprache. Aus den USA gibt es Lieder für Kinder, auf Aramäisch übersetzt, beispielsweise »Mary had a little lamb«. Was noch fehle, seien Aufnahmen von Geschichten aus dem aramäischen Kulturraum, sagt Hanna, die ihre Kinder zweisprachig erzieht. Demnächst will sie aramäische Erzählungen in Textform herausbringen.

Viele Texte der Bibel sind aramäisch geschrieben

Was ihr außerdem vorschwebt, sind Bibelgeschichten für Kinder auf Aramäisch. Zum einen sprach Jesus wissenschaftlichen Forschungen zufolge selbst Aramäisch. Ganze Bücher des Alten Testaments, etwa Esra und Daniel, sind in dieser Sprache verfasst worden. Überhaupt ist der syrisch-orthodoxe Glaube für Hanna ganz zentral, im badischen Leimen gibt es eine größere Kirchengemeinde. Über die christliche Liturgie sei die Sprache und damit das Selbstverständnis als Aramäer bewahrt worden – während vieles andere durch die Islamisierung des Kulturraums verloren gegangen sei.
»Die Bibelübersetzung Luthers ins Deutsche ist wunderbar«, sagt Hanna. Und trotzdem sei der Blick auf das Aramäische spannend, etwa was die ursprüngliche Bezeichnung von Pflanzen betrifft, die Luther nicht kannte, sagt Hanna.

Florian Riesterer/epd

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