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Auschwitz

Aus der Hölle in den Tod marschiert

epd/akg-images GmbHHäftlinge nach der Befreiung im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Januar 1945. Von Gewalt, Hunger und Zwangsarbeit gezeichnet, starben noch viele von ihnen trotz sofortiger medizinischer Hilfe.

Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Kurz zuvor trieb die SS Zehntausende KZ-Häftlinge in Todesmärsche, die meisten der ausgemergelten Menschen starben. Die Todesmärsche waren der letzte Massenmord des versinkenden NS-Staates.

Es ist der 17. Januar 1945, minus 20 Grad. SS-Wachleute beginnen die Endphase der »Evakuierung« des riesigen Vernichtungslagers Auschwitz, das 50 Kilometer westlich von Krakau liegt. Bis zum 21. Januar treiben die Bewacher knapp 60 000 Häftlinge durch die umliegenden Dörfer. Eine Tortur. Ziel der zerlumpten Männer und Frauen sind mehrere Bahnhöfe. Wer nicht mithält, wird erschossen oder erschlagen oder liegengelassen und erfriert. Oft fehlen auch Quartiere für die eisigen Nächte.

So quälen sich die ausgemergelten Menschen etwa auf der Nordroute in vier langen Tagesetappen über Nikolai, Gleiwitz und Schierakowitz zum KZ Blechhammer. Bis zu 15.000 Menschen überleben diesen Gewaltmarsch nicht.

Die Schuhe zu heben, war nahezu unmöglich

»Wer morgens beim Kommando ›Antreten‹ nicht mehr hochkam, wurde erschossen«, erinnerte sich Kurt Julius Goldstein, einst Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, am 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers 2005. Er sei in einer Kolonne gelaufen, die beim Abmarsch von Jawischowitz rund 3000 Mann stark war. »Als wir am 22. Januar in Buchenwald registriert wurden, waren wir nicht ganz 500, und die mehr tot als lebendig.«

»Ich hatte bloß Holzschuhe an. Der Schnee klebte an den Sohlen und wurde zu Eisklumpen, die Schuhe bleischwer. Sie zu heben, war nahezu unmöglich«, erzählte der Überlebende Zwi Steinitz aus Posen 2015 einer Reporterin. »Zwei andere Häftlinge stützten mich schließlich, so schaffte ich es bis nach Gleiwitz.« Später kam er im KZ Buchenwald in eine Baracke, »die voll besetzt war mit lebendigen Skeletten«.

Rettung erst im Mai

Erst im Mai wurde Steinitz nach einem weiteren Gewaltmarsch von US-Soldaten gerettet. »In einigen Ortschaften standen aufgehetzte Kinder an der Straße, beschimpften und bewarfen uns mit Steinen: In ihren Augen waren wir anscheinend immer noch jüdische Todfeinde des deutschen Volkes.«

Sigmund Kalinski wurde am 20. Januar aus Auschwitz-Monowitz in Richtung Gleiwitz getrieben. Dort angekommen, wurden die Häftlinge bei minus 20 Grad in offene Kohlenwaggons gepfercht. Schon am ersten Tag gab es mehrere Tote, berichtet der 2015 gestorbene Zeitzeuge in einem Video der Gedenkstätte Yad Vashem. Der Transport ging Richtung Linz in Österreich ins KZ Mauthausen, doch das war bereits restlos überfüllt. Kalinski: »Wir mussten weiter nach Berlin, was noch einmal sieben Tage dauerte. Waren wir anfangs im Waggon noch rund 40 Häftlinge, so lebten bei der Ankunft im KZ Oranienburg nur noch 16.«

Leichen türmten sich meterhoch

Als die sowjetischen Einheiten am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, stießen sie überall auf die Reste der soeben angehaltenen Vernichtungsmaschinerie. Die Leichen Verhungerter und Erschossener türmten sich meterhoch. Zurückgelassen hatte die SS rund 8000 Häftlinge, darunter etwa 600 Kinder. Das Sterben fand auch nach der Befreiung zunächst kein Ende. Von Gewalt, Hunger und Zwangsarbeit gezeichnet, starben viele der Häftlinge trotz sofortiger medizinischer Hilfe.

Mindestens 1,1 Millionen Menschen vergast

Der Komplex Auschwitz-Birkenau war das größte nationalsozialistische Vernichtungslager. Bei Kriegsende zählte er 47 Nebenlager. Das Stammlager (Auschwitz I) war im Juni 1940 auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler auf dem Gebiet einer ehemaligen Artilleriekaserne der österreichisch-ungarischen Monarchie in der Stadt Oswiecim im besetzten Polen errichtet worden. Hier wurden mindestens 1,1 Millionen Menschen vergast, zu Tode geprügelt, erschossen oder starben an Krankheiten, Hunger oder Entkräftung.

Zeugen sollten nicht überleben

Forschern zufolge gab es während der NS-Herrschaft insgesamt fast 1000 KZ. Rückten die Fronten näher, dann wurden die Lager von der SS geräumt. Die Häftlinge sollten weiter als Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie ausgebeutet werden. Zudem sollten keine Zeugen überleben. Es galt, die Spuren des Lagerterrors möglichst zu beseitigen und den Alliierten die Ermittlung von Tätern zu erschweren.

Unzählige Menschen-Kolonnen wurden meist unter Zeitdruck aus den Lagern wie Vieh durch die Provinz getrieben. Die Organisation »Marsch des Lebens« hat insgesamt 117 Todesmärsche in Deutschland und Österreich dokumentiert und auf einer Karte festgehalten. Nach Schätzungen kamen dabei bis zu 375.000 Menschen um.

Häftlings-Kolonnen wurden als Bedrohung wahrgenommen

»Die Todesmärsche hinterließen Spuren«, schreibt der Historiker und Buchautor Martin C. Winter. Wurden die Toten anfangs auf lokalen Friedhöfen bestattet, so verscharrte man sie kurz vor Eintreffen der Alliierten oft nur noch am Wegrand, im Wald oder auf dem Acker, um Spuren zu verwischen. Winter: »Sie waren eine schwere Hypothek für die Nachkriegsgesellschaft.« Die Zahl der für Mord und Totschlag »zur Verantwortung gezogenen Täter, Beihelfer und Unterstützer war ausgesprochen überschaubar und stand in keinem Verhältnis zu den Dimensionen der begangenen Gräueltaten«.

Winter beschreibt eine erstarrte Bevölkerung: »Man war nicht bemüht, Hilfe vor Ort zu organisieren, sondern wollte, dass die Kolonnen weitermarschierten und die Waggons wieder abfuhren.« Fast überall seien die Kolonnen als Bedrohung wahrgenommen worden. Die Verbrechen der Todesmärsche würden in der allgemeinen Wahrnehmung noch immer allein der SS zugeordnet, die Bevölkerung werde in der Opfer- oder Helferrolle gesehen, kritisiert Winter: »Die Verbrechensgemeinschaft gerät nicht ins Blickfeld.«

Erzwungene Teilnahme an Exhumierungen

Die Alliierten konfrontierten nach ihrem Sieg die deutsche Bevölkerung mit den Gräueltaten vor ihrer Haustüre. Sie zwangen sie zur Teilnahme an Exhumierungen und anschließenden Bestattungen in zumeist neu errichteten Friedhöfen und Gedenkstätten – Beginn einer neuen Erinnerungskultur.

Max Stern, Jude aus Bratislava, überlebte den Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen und kam am 7. Mai 1945 in Freiheit. Der 2016 in Melbourne gestorbene Stern, der oft in Schulen über die NS-Gräuel berichtet hatte, sagte 2003: »Ich wurde oft gebeten, meine Gefühle an diesem Tag zu beschreiben, und ich gab immer dieselbe Antwort: ›Hunger!‹ Alle anderen Gefühle waren uns schon seit langer Zeit abhandengekommen.«Dirk Baas/epd

Martin Clemens Winter: »Gewalt und Erinnerung im öffentlichen Raum. Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche«; Metropol-Verlag 2018; 531 Seiten; 29,90 Euro.

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