Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Woher kommt Geisteshaltung?

Autoritär durch Erziehung

GettyImages/NickSDie Bezeichnung von Flüchtlingen als Sozialschmarotzer oder das Wüten im Internet gegen Andersdenkende sind die späte Wiederkehr solcher Tränen, sagt Herbert Renz-Polster.

Zuwanderung, fehlende soziale Sicherheit oder immer deutlicher formulierte Gleichberechtigungsforderungen von Minderheiten seien Gründe für die rechtsautoritäre Welle, die derzeit durch die Welt rollt. Für den Kinderarzt und Pädagogen Herbert Renz-Polster fehlt bei diesen Erklärungen aber etwas sehr Wichtiges.

esz/Kösel VerlagHerbert Renz-Polster

So ziemlich jeder Mensch dürfte aus seiner eigenen Kindheit die Sandkasten-Tyrannen kennen, mit denen man beim Spielen vorsichtig umgehen musste. »Heute können wir keinen Bogen mehr um diese Kinder machen. Immer öfter greifen sie nach der Macht«, schreibt Herbert Renz-Polster. US-Präsident Donald Trump habe sich in seinem Wahlkampf nie anders gegeben als »niederträchtig, mitleidlos, gemein«. Seine Anhänger haben ihn nicht trotzdem, sondern deswegen gewählt. »Was musste schiefgehen, damit nun ausgerechnet das schlimmste Mobber-Kind auf dem Spielplatz über Krieg und Frieden auf dieser Welt entscheiden darf?«, fragt der Kinderarzt und Pädagoge Renz-Polster.


Er ist bei weitem nicht der erste, der das Verhalten Trumps als kindisch beschreibt. In seinem Buch »Erziehung prägt Gesinnung« fragt er aber weiter. Renz-Polster sieht in dem Gebaren Trumps und anderer Figuren des autoritären Spektrums nicht nur ein Muster, sondern auch eine Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Kindheit prägt die Gesinnung

Wobei er auch nicht der erste ist, der versucht, diese Frage zu beantworten. Im Gegenteil, Erklärungen für den Erfolg der Autoritären in Russland, den USA oder auch hier in Deutschland gibt es genug. Der Verlust sozialer Sicherheit, die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich, verstärkte Zuwanderung oder die Veränderung der Gesellschaft durch Frauen, Homo- oder Transsexuelle, die mehr Gleichberechtigung fordern, sind häufig gehörte Gründe. Aber für Renz-Polster gehen all diese Gründe nicht tief genug. Für ihn erklären sich Verhalten und Erfolg der Autoritären – der rechten wie der linken oder der dschihadistischen – aus deren Erlebnissen in der Kindheit.

Gefühl des Ausgeliefertseins


Hinweise darauf, dass die tiefere Ursache auf psychologischer Ebene liegen könnte, findet Renz-Polster zuhauf. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die Wählerschaft der Radikalen eben nicht nur aus Abgehängten und Armen besteht, sondern sich zu einem Gutteil aus Gutsituierten rekrutiert. Populisten propagieren gerne den schlanken Staat, aber wenn es um Militär, Polizei und Justiz geht – also um die Projektion von Macht und Härte –, kann er gar nicht stark genug sein. »Man trägt ein Bild der Stärke vor sich her, trägt aber in sich ein Gefühl des Ausgeliefertseins an fremde Mächte«, schreibt er.

Immer wieder Härte, Strenge, Strafe

Erhellend ist für Renz-Polster auch der Blick auf die Themen der Autoritären. Die menschengemachte Erderwärmung leugnen sie gerne mal rundweg, über soziale Ungleichheit, Fachkräftmangel in der Pflege oder die Risiken des Finanzkapitalismus reden sie kaum, aber sie betonen Themen wie Kriminalität oder die Beschränkung von Migration – also Themen, die sich mit Strenge und Strafe bearbeiten lassen. Themen hingegen, an die man mit Kooperation oder Beziehungsgeflechten herangehen muss, bleiben ausgeblendet.

Drang nach Abwertung anderer

Hier werden für Renz-Polster die Kinder sichtbar, die in autoritären Familien aufgewachsen sind. Sie bilden als Erwachsene einen Drang nach Überlegenheit, Macht und Abwertung anderer, einen Zug nach Kontrolle und Ordnung aus, um ihr geringes Selbstwertgefühl auszugleichen. »Den Kindern fehlen die Ressourcen, anders zu handeln«, sagt der Autor. »Und so fallen sie immer wieder in autoritäre Muster zurück.« Anerkennung, Sicherheit, Zugehörigkeit – das sei das immer gleiche »Kleeblatt«, wie er es nennt: »Und das sind ja auch die grundlegenden Entwicklungsthemen der Kindheit: Wer bin ich, passen die Großen auf mich auf, und wo gehöre ich hin?« In den Forderungen der Populisten äußerten sich also letztlich »Kinder, die in ihren Entwicklungsansprüchen zu kurz gekommen sind«.

Kindheitserfahrungen können beeinflusst werden

Natürlich kennt Renz-Polster das Argument der Sozialwissenschaftler, dass man die psychologische Mikroebene nicht einfach auf die soziologische Makroebene übertragen könne. Einen Zusammenhang sieht er dennoch: »Die Makroebene besteht ja aus der Ansammlung der Mikroebenen.« Und er argumentiert auch nicht monokausal. Erstens, sagt er, legten Kindheitserfahrungen ja nicht den weiteren Weg eines Menschen unwiderruflich fest. Es gebe bei manchen Menschen eine natürliche Resilienz, außerdem könnten Beziehungen zu anderen Verwandten oder Freunden den Einfluss der Eltern ausgleichen. Studien zeigten, dass nur etwa 80 Prozent der Kinder aus autoritären Elternhäusern selbst autoritär würden. Zweitens »widerspreche ich nicht den sozialen und politischen Erklärungen für den aktuellen Rechtsruck«, sagt Renz-Polster. »Für sich allein sind sie nur nicht ausreichend.«

"Autoritärer Kettenhund"

Natürlich, erklärt er, seien die Leute nicht plötzlich massenhaft autoritär geworden: »Das war schon immer da.« Das Bedrohungsgefühl sei der entscheidende Faktor, der den »autoritären Kettenhund« geweckt habe. Ein Bedrohungsgefühl, das sich unter anderem aus der Angst speise, dass der eigene Arbeitsplatz bedroht ist, dass man die Miete nicht mehr bezahlen kann oder dass der Staat die Auswüchse des Finanzkapitalismus nicht bändigen könne. Hier habe die Politik viele Einflussmöglichkeiten.

Wissen um Rolle der Kindheit zu wenig beachtet

Renz-Polsters Thesen sind nicht revolutionär neu. Sie sind nur das konsequent angewandte Wissen, das die Entwicklungspsychologie schon seit langem hat: Dass nämlich das Verhalten erwachsener Menschen in vielen Fällen stark davon geprägt ist, wie sie aufgewachsen sind. Eigentlich unbegreiflich, dass dieses Wissen in der politischen Debatte um den Umgang mit Radikalen bislang so wenig Beachtung findet.
Nils Sandrisser

Herbert Renz-Polster: »Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können«; Kösel Verlag 2019; 320 Seiten; 20 Euro.

Radio-Interview mit Hebert Renz-Polster auf WDR 5: bit.ly/31eELzm.

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top