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Schnell auf Betriebstemperatur

Billertshausen/Zell glänzt mit Nachhaltigkeit

eöa/Traudi SchlittGemeinsam tüfteln sie am Erfolg ihres Projekts: Die Frauen und Männer des Repariercafés.

ALSFELD/ROMROD. Weltladen, ein Anteil an einem Windrad und ein Repair Café machen die Kirchengemeinde Billertshausen/Zell zur »Fairen Gemeinde«. Im Repair Café haben es die Tüftler schon mal mit skurrilen Geräten zu tun.

Die meisten Menschen dürften nicht einmal wissen, dass es so etwas wie ein Sperma-Auftaugerät gibt. Gibt es aber, Veterinäre benutzen so etwas häufiger. Sie brauchen es, um Bullensperma schnell auf Betriebstemperatur zu bringen. Sonst müssten sie ja stundenlang warten, bis es aufgetaut ist. In der konventionellen Tierhaltung kommt man heutzutage ja ohne die künstliche Befruchtung der Kühe nicht mehr aus. Und die Helfer im Repair Café der Kirchengemeinde Billertshausen/Zell wissen nicht nur, dass es solche Geräte gibt, sondern können sie sogar reparieren.

Denn das skurrilste Teil, das jemand ins Repair Café gebracht habe, sei ein solches Sperma-Auftaugerät gewesen, erinnern sich die Reparateure. Sie tüftelten ein wenig und erkannten dann, dass gar nicht so viel kaputt war: eine Feder der Abschaltautomatik. Kleinigkeit für die Tüftler.

In vielen Belangen Vorreiterin

Die Kirchengemeinde Billertshausen/Zell ist in vielen Belangen Vorreiterin: Im Rahmen einer Dorfwoche vor mehr als 20 Jahren erwarb sie Anteile an einem der ersten Windräder der Region und führte damit nicht nur die erneuerbare Energie in der Region ein, sondern auch die Bürgerbeteiligung. Diese Beteiligung, ein Weltladen, den es seit mehr als drei Jahrzehnten im Billertshäuser Pfarrhaus gibt, und das Repair Café – das einzige im Dekanat Vogelsberg – waren die Faktoren, die Billertshausen/Zell zur »Fairen Gemeinde« gemacht haben.

Das Zentrum Oekumene in Kooperation mit den Evangelischen Landeskirchen von Kurhessen-Waldeck und Hessen und Nassau verleiht das Zertifikat »Faire Gemeinde«, zunächst für zwei Jahre, dann wird wieder nachgefragt, ob die rührige Gemeinde ihre Selbstverpflichtungserklärung noch einhält. Im Falle Billertshausen/Zell ging das sogar ohne Zertifizierungsverfahren. Die Menschen hier sind eine faire Gemeinde, weil sie schon so lange fair und nachhaltig arbeiten.

Repariert mit stinknormalem Haushaltsgummi

Im Repair Café im Pfarrhof oder im Jugendraum in Billertshausen treffen sich Helfer und Besucher an jedem letzten Samstag im Monat zum Tüfteln, Beraten und Ausbessern. »Wir haben ein Team aus Reparateuren und ein Team für das leibliche Wohl«, erzählt Ursula Bernbeck. Sie hält die organisatorischen Fäden in der Hand und führt handschriftlich ein kleines Büchlein, in dem für jedes Treffen vermerkt ist, wer zum Reparieren gekommen ist, wer welchen Kuchen mitgebracht hat, wie viele Besucher mit und ohne Reparaturen da waren.

Neben einer bunten Auswahl der Billertshäuser Backkunst und einer durchaus stattlichen Zahl an durchgeführten Reparaturen verzeichnet Bernbecks Büchlein allerlei Kuriositäten. Zum Beispiel das Sperma-Auftaugerät. Auch ein Uhrenaufziehgerät fand mit seinem Besitzer den Weg nach Billertshausen, mit diesem Teil waren die Tüftler – in der Regel ruheständige Handwerker und Techniker – mehr als zwei Stunden lang beschäftigt, bis sie herausfanden, dass ein Riemen fehlte, den sie mit einem stinknormalen Haushaltsgummi ersetzen konnten.

Geplante Obsoleszenz stößt den Helfern sauer auf

Dinge, die vom Hersteller oft schon auf eine verkürzte Lebensdauer hin entwickelt wurden, stoßen den Helfern im Repair Café ziemlich sauer auf. Dieser sogenannten geplanten Obsoleszenz und den natürlichen Ausfallerscheinungen von Geräten und Gegenständen aller Art wird man auch in Zukunft in Billertshausen zu Leibe rücken. Dafür wünschen sich die Verantwortlichen gerne noch ein paar junge Leute, die frisches Wissen mitbringen. »Toll wäre es, wenn wir jemanden hätten, der Handy-Bildschirme reparieren könnte«, macht Eleonore Hansel vom Team des Repair Cafés ein wenig Werbung für ihre Einrichtung.

»Wir hoffen, dass wir bald dahin kommen, dass elektrische Geräte und andere Gegenstände wieder einfacher zu reparieren sind«, äußert Ursula Bernbeck eine Hoffnung, mit der sie längst nicht mehr allein dasteht: Im Herbst vergangenen Jahres nahm die Ärztin an einem Vernetzungstreffen von Reparatur-Initiativen teil und brachte von dort viele Impulse mit in den Vogelsberg.

Wer dabei sein will, muss nichts kaputt machen

Eine neue Rubrik hat sich seit Bestehen des Cafés schon von selbst entwickelt: Eine kleine Gruppe Frauen widmet sich dem Upcycling und macht aus alten Dosen schöne Blumenübertöpfe oder filigrane Dekoration aus alten Büchern. Gern gesehen sind im Repariercafé Menschen, die ein wenig Gesellschaft suchen. »Man muss nicht unbedingt etwas kaputt machen, damit man sich zu uns gesellen kann«, sagt Karin Born lachend, die sich federführend im Café-Betrieb engagiert.

Von Traudi Schlitt

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