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Gründonnerstag

Der Abschied, der zum Anfang wird

dpa/Liszt CollectionEin letztes gemeinsames Mahl. Später werden die Jünger fliehen und Jesus alleinlassen. Doch noch teilen sie Brot und Wein.

Gründonnerstag, das ist Verrat und Verleugnung, Verzweiflung und Verhaftung. Und Gründonnerstag steht für Liebe, die das alles aushält.

Was macht diese Nacht anders als alle anderen Nächte? So fragt in der Ordnung zum Passafest ein Kind am Tisch. Und die Erwachsenen erklären und erzählen: »In dieser Nacht wird an die großen Taten Gottes erinnert, daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat.«

Nicht mit den bibelfesten Kindern gerechnet

So wollte ich als junger Pfarrer in der Probezeit einen Gottesdienst am Abend des Gründonnerstags beginnen. Ich kam nicht weit. Ich habe nicht mit den bibelfesten Kindergottesdienst-Kindern in der ersten Kirchenbank gerechnet. Auf die Frage »Was macht diese Nacht anders als alle anderen Nächte?«, antwortete sofort ein Mädchen: »Heute hat Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert.« Ein Junge legte nach: »Und er wurde verraten, und Soldaten haben ihn verhaftet.« Ein drittes Kind: »Ein Hahn hat gekräht, da hat Petrus Jesus verleugnet.«

Gleich zur Feier übergehen

Ich stand verblüfft da und sagte: »Liebe Gemeinde, damit ist alles gesagt. Bleibt nur noch, dass wir das jetzt feiern.« Meine damalige Chefin war ebenfalls in der Kirche. »Tja, Martin«, meinte sie hinterher. »Man sollte nie eine Frage stellen, wenn man nicht auch eine Antwort darauf erwartet.«

Möglicherweise kommt der Name von der Farbe

Letztes Abendmahl, Verrat, Verhaftung, Verleugnung. Das alles ist der Gründonnerstag. Woher der Name kommt, ist nicht ganz klar. Nach einer Erklärung leitet er sich ab vom mittelhochdeutschen »gronan« für weinen. Am Gründonnerstag wurden die Büßer (= Weinende) wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen. Es lässt sich aber auch nicht ausschließen, dass der Name tatsächlich mit der Farbe Grün zu tun hat. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es den Brauch, an diesem Tag grüne Heilkräuter und grünes Gemüse zu essen. Außerdem meinte »grün« in der Kirchensprache des Mittelalters »frisch, erneuert, sündlos«.

Das ist mein Leib, das ist mein Blut

Das rührt an das Herzstück des Gründonnerstags: das Abendmahl. Jesus hält mit seinen Freunden das Passamahl. Dafür ist er nach Jerusalem gekommen. Beim Passamahl gibt es ein Segenswort über dem Brot und über dem Weinkelch. Jesus spricht dabei besondere Worte. »Das ist mein Leib. Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.« (Markus 14,22-24) Abschiedsworte. Leib und Blut, das meint die ganze Person, den ganzen Menschen. Jesus gibt und schenkt sich selbst. Er, von dem seine Jünger sagen, »Du bist Gottes Sohn«, zeigt, wie Gott ist. Gott ist pure Hingabe: ich für euch. Damit bekommt die Welt ein neues Gesicht. Das »Für dich« wird ihr Kennzeichen.

Einer wird Jesus verraten

Jesus gibt Brot und Kelch in die Runde, an die zwölf, die später Apostel heißen. Sie alle werden noch fliehen in dieser Nacht und Jesus alleinlassen. Einer von den zwölfen, Judas, wird Jesus an seine Feinde verraten. Und ausgerechnet Petrus, der immer Jesu größter Freund sein wollte, wird in dieser Nacht dreimal beteuern: »Ich kenne diesen Menschen nicht.« Keiner von den zwölf verhält sich wie ein Held oder ein Heiliger. Aber sie gehören an den Tisch mit Jesus. Christen glauben: Das Abendmahl hebt jede Trennung auf. Beim Abendmahl sind Gott und Mensch an einem Tisch vereint. Das Abendmahl ist ein Fest. Darum ist die liturgische Farbe in der ansonsten schwarzen Karwoche das festliche Weiß, die Christus-Farbe.

Die Freunde schlafen ein

Die Evangelien in der Bibel erzählen weiter von diesem Abend, der heute Gründonnerstag heißt. Nach dem Passamahl gehen Jesus und seine Jünger in den Garten Gethsemane am Fuß des Ölbergs, gegenüber der Jerusalemer Altstadt. Jesus bittet seine Freunde: »Bleibt hier und wachet mit mir!« (Matthäus 26,38) Aber seine Freunde schlafen ein.

Niemand weiß zuvor, wann der Abschied kommt

Der verpasste, verschlafene Abschied. Ein Mensch geht, und man merkt erst hinterher: Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Das war das letzte Mal, dass ich mit ihr telefoniert habe. Ich habe mich gar nicht richtig verabschiedet.

Jesus zittert am ganzen Körper

Während die Jünger die letzte gemeinsame Stunde verschlafen, ist Jesus hellwach. Er zittert am ganzen Körper. Er, der so vielen Menschen geholfen hat, liegt am Boden und fleht zu Gott: »Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!« (Markus 14,36)

Beten ist ein Sich-Anvertrauen

Dein Wille geschehe. Diese Bitte gehört auch zu dem Gebet, das Jesus gelehrt hat, zum Vaterunser. Dein Wille geschehe. Das drückt aus: Menschen können viel tun, bewirken. Aber es gibt eine Grenze allen Machen-Könnens. Dein Wille geschehe. Das ist kein falsch verstandenes Sich-Ergeben ins Schicksal, kein Einfach-alles-Hinnehmen. Beten ist ein Sich-Anvertrauen. Jemand legt das eigene Leben in die Hände dessen, der das Leben selbst ist. Verzweifeltes, vertrauensvolles Beten, auch das ist der Gründonnerstag.

Die Stunde ist gekommen

Jesus kehrt vom Beten unter den Olivenbäumen des Gartens Gethsemanes zu seinen Jüngern zurück. »Ach, wollt ihr weiter- schlafen?«, fragt er sie und sagt dann: »Es ist genug; die Stunde ist gekommen.« (Markus 14,41) Die Stunde ist gekommen. Die Schar kommt mit Schwertern und Stangen in den Garten. Judas hat ihnen gesagt: »Welchen ich küssen werde, der ist’s.« (Markus 14,44)

Auch ohne den Kuss hätten Soldaten ihn erkennen können

Wofür hat es diesen Kuss gebraucht? Jesus war die Tage vorher ständig in der Stadt zu sehen und hat ordentlich für Tumult gesorgt. Er hat in aller Öffentlichkeit ein Streitgespräch nach dem anderen geführt. Er hat die Tische der Händler im Tempel umgeworfen. Viele dürften gewusst haben, wer dieser Mensch aus Galiläa ist und wo er sich aufhält. Die Soldaten hätten ihn leicht auch ohne Verräter-Kuss abpassen und verhaften können.

Im Kuss liegt die Liebe

Im Kuss liegt beides: die Zuneigung dieses Jüngers zu Jesus und seine Enttäuschung. Im Kuss liegt die Liebe, die Jesus verkörpert hat, die sich von keinem Verrat, keiner Verleugnung, keiner Verletzung erschüttern lässt. Die Liebe hört niemals auf, wird später Paulus schreiben (1. Korinther 13,8) Auch das ist der Gründonnerstag. Martin Vorländer

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