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Arzt in Krisengebieten

Der Preis von Rüstungsexporten

esz/PrivatGünter Kittel (rechts) arbeitet seit vielen Jahren gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen als Chirurg in Krisengebieten.

Günter Kittel ist Unfallchirurg und stammt aus Österreich. Viele Jahre lang arbeitete er als medizinischer Direktor auf den Salomon-Inseln im Südpazifik und danach für die evangelische Einrichtung »Mission EineWelt« in Papua-Neuguinea. Zurzeit ist er als Chirurg für das Rote Kreuz in verschiedenen Konfliktgebieten dieser Welt unterwegs. Und macht erschreckende Beobachtungen.

Peschawar, Pakistan, Dezember 2011: Ein alter Mann steht verloren im Zelt unseres Feldspitals und trägt seinen siebenjährigen Enkelsohn in seinen Händen. Das Gesicht des Kindes ist völlig entstellt, Splitter haben seine Augen zerstört, um den Stumpf des rechten Unterarms ist blutiger Verband gewickelt, an der linken Hand sind gerade noch zwei Finger erkennbar.

Fraglicher Heilungserfolg

Natürlich versorgen wir – ich arbeite als Chirurg in einem Zeltspital des Roten Kreuzes – das Kind und geben ihm medizinische Hilfe, aber wir fragen uns, ob man von einem Heilerfolg sprechen kann, wenn die Wunden zwar Monate später geheilt sind, aber dieser junge Mensch ohne Augenlicht und ohne Hände durch das Leben gehen muss.

»Stiller« Krieg

Dieser Fall ist kein Einzelfall. Es gibt einen »stillen« Krieg, gezielte Tötungen, die nicht immer gezielt verlaufen, durchgeführt von technisch hoch entwickelten Drohnen, angeordnet von einem Präsidenten, der den Friedensnobelpreis erhalten hat.

Alle Frauen sind in Burka gehüllt

Einige Jahre danach arbeite ich in Afghanistan. Hier gibt es jährlich eine Steigerungsrate an zivilen Opfern: 2018 war ein neues Rekordjahr, ein beträchtlicher Teil auch verursacht durch die ach so treffgenauen Bombenangriffe. Was hat man mit Hilfe der ISAF (der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe unter Führung der NATO) unter Einsatz ungeheuerer Geldmittel, letzten Endes Steuergeldern, erreicht? Demokratie und Befreiung der Frauen? Als Student sah ich 1978 Frauen in kurzen Röcken in Kabul flanieren, 2017 habe ich keine, ich wiederhole, keine Frau außerhalb des Krankenhauses gesehen, die nicht in ihre Burka verhüllt war.

Konflikt hat »indirekte Opfer«

Wir vom Roten Kreuz versuchten, so gut es geht, medizinische Hilfe in einem der größten Krankenhäuser des Landes in Kandahar sicherzustellen. Ich arbeitete als Manager des Projekts gemeinsam mit dem afghanischen Direktor. Heute sehen wir vor allem die indirekten Opfer des Konflikts, unterernährte Kinder, den Ausbruch von vermeidbaren Infektionskrankheiten und, nicht zu vergessen, viel seelisches Leid.

Waffen im Überfluss

Ähnliche Verhältnisse finden wir in vielen Gebieten dieser »einen« Welt. Ich möchte noch ein anderes Beispiel vorbringen. Im Süden des Sudans herrschte über Jahrzehnte eine unerträgliche Situation die Menschenrechte betreffend. Freilich hörte man eher nebenbei vom Ölreichtum dieses Landes. 2011 wurde der Südsudan unabhängig und zum jüngsten anerkannten Staat der Erde. Und was geschah mit den »Menschenrechten«? Das einzige, was es im Überfluss gibt, sind Waffen.

Hunderttausende Opfer

Wie in vielen Ländern wurde der Reichtum an Bodenschätzen zum Fluch. Lebensmittel werden abgeworfen, die Menschen hungern dennoch, 400.000 Tote werden seit der erstrebten Unabhängigkeit gezählt. Ging es um Menschenrechte? Dieses Mal arbeitete ich als Chirurg und behandelte fast ausschließlich die Opfer der Gewalt – Schussverletzungen, Verletzungen durch Bomben, Verletzungen durch Minen ...

Verheerende Folgen des Krieges

Jetzt, 2019, schreibe ich aus dem Jemen. Ich sehe nicht nur verstümmelte Körper. In solchen Situationen vergessen wir allzu oft die Folgen der heutigen Konflikte. In den modernen Kriegen sind die Folgen verheerender als die unmittelbaren Auswirkungen. Eine halbe Million Kinder ist alleine in diesem Jahr im Jemen von Cholera betroffen, eine halbe Million! Die Weltgesundheitsorganisation spricht von zwei Millionen erfassten Verdachtsfällen und 4000 bestätigten Todesfällen. Und wir schreiben nicht das Jahr 1850, sondern 2019.

»Täglich amputieren wir Gliedmaßen«

Ich befinde mich in einem kleineren Provinzspital. Täglich sehen wir Verletzte, täglich amputieren wir Gliedmaßen. Es heißt, dass es schon über 70.000 Tote in diesem Konflikt gibt, ein Fünftel davon Kinder. Zahlen kann ich keine bestätigen, es genügen mir die Opfer, die ich im Spital zu sehen bekomme. Und ich erinnere mich sehr wohl an die stolzen Berichte über die »erfolgreichen« Waffendeals mit Saudi-Arabien, die Europäer sind nicht ausgenommen. Es erscheint fast als Hohn, dann mit einem Bruchteil der Profite humanitäre Arbeit zu finanzieren.
Die ARD berichtete am 22. November 2018: Goldgräberstimmung herrscht bei den Rüstungsschmieden. »Wer den Frieden will, bereite den Krieg vor«, und für die Schmieden gilt: »Auch wer den Krieg will …«

Zunehmende Rüstungsexporte

nd Vorschriften, dass man an Krieg führende Parteien kein Kriegsmaterial verkauft? An wen denn sonst? An friedliebende Staaten? Exportchancen vielleicht bei den Salomon-Inseln im Südpazifik? Wieso steigen die Rüstungsexporte laufend? Dass es immer Umwege gibt, ist auch dem Gutgläubigsten klar.

Wertegemeinschaft versagt

Keinesfalls will ich damit Terroristen, Politiker und korrupte Geschäftemacher der betroffenen Länder von Schuld freisprechen, die ihre eigenen Länder und die Bevölkerung skrupellos für ihre Machenschaften ausnutzen; aber wir sollten nicht mit erhobenem moralischen Zeigefinger stolz unsere ethische Überlegenheit zum Ausdruck bringen. Die Politik soll Schluss machen mit den Verschleierungen. Die Menschen, auch in Europa, sollen wahrnehmen können, welche Konsequenzen die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen haben. Zudem sollten sie auch dafür die Verantwortung übernehmen und nicht von Frieden sprechen, aber das Gegenteil tun. Der unerträglichen Heuchelei einer weithin versagenden Wertegemeinschaft sollte ein Spiegel vorgehalten werden.
 Günter Kittel

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