Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Zahlen-Mysterien

Die Elf überschreitet die zehn Gebote

Günter SchenkDie Elf ist in Mainz die Zahl der Narren und sie ist Symbol für die Endlichkeit.

Viele haben es versucht, doch gelungen scheint es keinem: die Entschlüsselung der Narrenzahl Elf. Zahllos sind die Theorien zu ihrer Herkunft. Manche ganz einleuchtend, andere eher abwegig.

Wer nach der Bedeutung der Zahl Elf fragt, findet Hundertprozentig gesichert eigentlich nur, dass es sich bei der Elf um eine natürliche Zahl handelt, eine ungerade und noch dazu eine Primzahl. Zusammen mit der Zahl 13, die gemeinhin als Unglückszahl gilt, bildet sie einen sogenannten Primzahlzwilling.

Das Kommen des Antichristen

Sprachlich hat sich die Elf aus dem althochdeutschen Wort »einlif« entwickelt. »Eins darüber« hieß das, eins über zehn also. Noch im 19. Jahrhundert sprach man so von eilf, nicht wie heute von elf. Damit aber beginnen die Spekulationen. Ist es ihr Rang im Zahlenspiel, das die Elf zur Narrenzahl gemacht hat? Zwischen der Zehn, die an die zehn Gebote mahnte, und der Zwölf, die an die zwölf Apostel erinnerte, verwies die Elf im christlichen Verständnis auf das Kommen des Antichristen, auf Weltuntergang und Jüngstes Gericht. Als sicher gilt auch, dass die Elf im Mittelalter oft einen negativen Beigeschmack hatte.

Eine Armee von 1.111 Legionen

Den verdankte sie nicht nur dem französischen Würfelspiel, wo die Doppel-Eins einen Verlustwurf markierte, sondern auch Kartenlegen und Aberglauben. Johann Weyer, Leibarzt des Herzogs von Jülich-Kleve-Berg und auch in Köln und Düsseldorf als medizinischer Helfer immer gern gefragt, bezifferte etwa die Zahl der Teufel in der Hölle auf genau 7 405 926 – nachzulesen in seinem 1563 erschienenen Buch »De praestigiis daemonum« (»Von den Blendwerken der Dämonen«), wo er die Zahl »ohne eine Möglichkeit des Irrtums« auf der Grundlage einer »Armee von 1.111 Legionen, jede bestehend aus 6.666 Teufeln« errechnet hatte.

Die Zahl der Sünde schlechthin

Das Spiel mit Elferzahlen, die in einem negativen Umfeld standen, war schon in frühster Neuzeit weithin bekannt. Davon zeugt unter anderem der italienische Universalgelehrte Pietro Bongo, der sich besonders mit der Zahlensymbolik beschäftigte. »Die Zahl Elf, die als Erste die Zehnerzahl überschreitet bezeichnet jene, die die Zehn Gebote übertreten«, schrieb er 1585 in seinem Buch »Mysticae numerorum significationes liber in duas divisus partes«. Auch der Benediktiner Hieronymus Lauretus, der im Barock für seine allegorische Ausdeutung der Bibel bekannt wurde, deutete 1570 die Elf in seinem Werk »Silva Allegoriarum totius Sacrae Scripturae«, das 1681 in Köln nachgedruckt wurde: »Die Zahl Elf kann, weil sie die Zehnerzahl überschreitet, die Übertretung des Gesetzes und darüber hinaus die Sünde selbst bezeichnen«. So wusste jeder Besucher eines Fastnachtsspiels, wovon die Rede war, wenn dort die Sprache auf den elften Finger kam. Mit göttlichen Dingen hatte diese Zahl absolut nichts zu tun, eher mit dem teuflischen Narren des Mittelalters.

Die letzte Stunde vor der Endzeit

Die Elf aber war so auch Symbol der Endlichkeit. Besonders deutlich zeigen das Pieter Breughels 1558 in Kupfer gestochene Illustrationen der sieben Todsünden, deren Schlussblatt das Jüngste Gericht darstellt. Im die Trägheit illustrierenden Bild findet sich im linken oberen Teil eine riesige Uhr, deren als menschlicher Arm dargestellter Zeiger auf die Elf zeigt – und damit auf die letzte Stunde vor der Endzeit, in der nach christlicher Auffassung der Antichrist erscheint.
Diese Bedeutung der Elf war auch den Bildungsbürgern Anfang des 19. Jahrhunderts noch bekannt. So markierte Friedrich von Schiller in seinem Drama um den Feldherrn Wallenstein »Die Piccolimini« die Elf als eine »böse Zahl«. »Eilf ist die Sünde. Eilfe überschreitet die zehn Gebote«, verkündete dort der Astrologe Seni bei seinem Auftritt im zweiten Akt.

Magischer Zauber der Elf

Negativ aber wollten die rheinischen Karnevalsreformer, die 1823 in Köln den ersten Rosenmontagszug auf die Beine stellten, die Elf nicht sehen. Sie faszinierte mehr das Zahlenspiel: der magische Zauber der Elf, der man auch positive Seiten abgewinnen konnte. So setzte das Ordenskapitel der Dülkener Narrenakademie anno 1827 als Preise für die beste Lösung närrischer Fragen symbolisch 11 000 arabische Hengste und 11 111 Mondschillinge aus. Als die Mainzer ihre Fastnacht reformierten, war die Narrenzahl Elf jedenfalls längst etabliert. So bezeichnete sich die erste närrische Garde dort als das »elfte Ranzenbataillon der Narrheit«. Und in einer Anzeige lud der neue Carnevalverein um »11 vor 11« zur Posse ins Theater. 1844 sprachen die »Mainzer Unterhaltungsblätter« in einem Rückblick auf die Fastnachtskampagne gar von der »heiligen Narrenzahl Elf«.

Ihre Rechte spricht wie die Linke

Auch die Kölner Jecken hatten sich mächtig angestrengt, die Elf endgültig von ihrem Negativimage zu befreien. Wichtigster Wegbereiter wurde ihr närrischer Poet Edmund Stoll, der 1840 unter dem Pseudonym Magister Loci schrieb: »Die Nummer Elf bezeichnet dem Kölner die lustige Narrheit; denn dem tiefer Schauenden ruft sie zu: »Ey, lustig, fröhlich!« weßhalb man auch häufig Eilf schreibt. Sie ist das Zeichen der Eintracht, denn ihre Rechte spricht wie die Linke; der Beständigkeit, denn sie endigt, wie sie anfängt; der Schönheit, denn sie zeigt Einheit in der Mannigfaltigkeit und Mannigfaltigkeit in der Einheit ...«
Mit dem Begriffs-Trio »Ey, lustig, fröhlich« verwies Stoll auf ein mittelalterliches Urkundensiegel der sogenannten Geckengesellschaft zu Kleve, das diesen Spruch geziert haben soll. Das alles aber sind Spekulationen – ebenso konstruiert wie die einst weit verbreitete Meinung, die ELF sei eine Anspielung auf die französische Revolutionsparole Egalité-Fraternité-Liberté, was gut ins Denkmuster politisch engagierter und frankophiler Narren, die es im Vormärz gab, passte. Leider macht diese Herleitung keinen Sinn, weil die originale Reihung der Revolutionsparolen, nämlich Liberté-Egalité-Fraternité, sie nicht hergibt.

Närrische Gleichheit und Einheit

Sicher am einleuchtendsten ist die Deutung der Elf als Zeichen närrischer Gleichheit und Einheit, wie sie die Eins neben der Eins für jeden sichtbar symbolisiert. Und ins positive Bild närrischer Gemeinschaft passt auch, dass sich die Elf nicht teilen lässt – allenfalls durch sich selbst oder die Eins.
Zum positiven Image der Zahl hat in den Nachkriegszeiten sicher auch die »Deutsche Elf« mit spektakulären Erfolgen und Titeln beigetragen, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.
Buchtitel mit 111 angeblich nützlichen Tipps haben das Image der Zahl zudem ebenso befördert wie durch elf teilbare Schnäppchenpreise. So hilft eine Hose zu 77,99 Euro dem Geizhals, dem 80 Euro für ein Beinkleid zu teuer sind. Magie und Mythos der Elf entfalten so ihren närrischen Zauber in ganz neuem Umfeld. Von Günter Schenk

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top