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Flughafen

Die Kirchen stehen Menschen bei, die abgeschoben werden sollen

Getty Images/CAHRTDie Abschiebebeobachtung am Frankfurter Flughafen ist wichtig, sagen die Kirchenvertreter.

Frankfurt. Es kommt nicht häufig vor, aber doch immer wieder: Menschen werden in Schlafanzügen mitten in der Nacht zum Flughafen gebracht. Dass sie abgeschoben werden sollen, hat ihnen niemand gesagt.

Vor etwas mehr als 20 Jahren kam ein Asylbewerber am Frankfurter Flughafen ums Leben. Weil er sich gegen seine Abschiebung wehrte, hatten ihn Bundesgrenzschutzbeamte an Händen und Füßen gefesselt, seinen Kopf in einen Motorradhelm gesteckt und nach unten gedrückt. Daraufhin ist er erstickt.
Der Vorfall schlug hohe Wellen und rief auch die Kirchen auf den Plan. 2001 richteten sie in Kooperation mit der Landesregierung und dem Bundesgrenzschutz an den Flughäfen Köln und Bonn die erste Abschiebungsbeobachtung ein. 2006 wurde sie vom Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach und dem Caritasverband für die Diözese Limburg in der Mainmetropole verankert.
Um Einblick in die Handlungsspielräume dieses Arbeitsfeldes zu gewähren, lud der »Frankfurter Domkreis Kirche und Wissenschaft« Beteiligte zu einem auch online übertragenen Gespräch ins Haus am Dom. Für Diakonie-Mitarbeiterin Melisa Ergül-Puopolo beschreibt der Begriff Abschiebungsbeobachterin bereits weitgehend ihre Tätigkeit. »Ich beobachte und dokumentiere.«
Hierfür hört sich die Rechtsanwältin in den Räumen der Bundespolizei die Geschichten der von der Abschiebung betroffenen Personen an und bringt sie zum Flugzeug. Völlig Mittellosen händige sie »simple Dinge wie Hygieneartikel und ein Handgeld von bis zu 50 Euro« aus. Damit könnten sie im Zielland zu ihren Familien fahren oder sich etwas zu Essen kaufen.

Abschiebebeobachtung steht jeden Tag vor anderen Herausforderungen

Zum Bedauern von Melisa Ergül-Puopolo bleiben ihr »für jede Person nur maximal zwei Stunden«. Doch selbst mit diesem äußerst knappen Zeitfenster hätten sie und ihr Kollege von der Caritas im vergangenen Jahr nur 1700 Menschen betreuen können. Das sei etwas mehr als ein Fünftel der rund 7800 Geflüchteten, die 2019 über den Frankfurter Flughafen Deutschland verlassen mussten.
Aus diesem Grund bespreche sie zunächst stets mit der Polizei, welche Menschen am dringendsten Beistand brauchen. Den Vorzug hätten Kranke, Frauen und Familien mit Kindern. »Ich weiß morgens nicht, wen ich treffen werde. Weil jeder Tag anders ist, muss ich sehr flexibel sein und brauche viel Intuition«, fasste Melisa Ergül-Puopolo die Anforderungen zusammen.
Sie habe auch »schon erlebt, dass Leute nicht wussten, dass sie abgeschoben werden und dann mit Schlappen und im Schlafanzug im Flughafen standen«. »Ich hake dann nach, warum die Menschen nicht mal ihre Sachen packen durften.« Solche Vorfälle halte sie natürlich in ihren Berichten fest.

Schicksale von Flüchtlingen gehen nahe

Wenngleich ihr manche Schicksale sehr nahe gehen und es mitunter zu kleineren Reibereien mit den Beamten kommt, ist die Juristin froh, dass sie »noch nie eklatante Verstöße« dokumentieren musste. Auch ihr Mitstreiter Raphael Schulte-Kellinghaus kann bestätigen: »Es gibt keinen Fall bei dem ich sagen müsste, hier wurde die Verhältnismäßigkeit verletzt.«
Der Referent für Abschiebungsbeobachtung des Caritasverbands für die Diözese Limburg nimmt allerdings »immer wieder strukturelle Problem im Vorfeld« wahr. Etwa wenn Menschen aus dem Krankenhaus oder der Psychiatrie heraus abgeschoben werden. Er würde es daher begrüßen, wenn er und seine Diakoniekollegin »schon früher einsteigen« könnten. Bislang sei die Abschiebebeobachtung auf den Flughafen beschränkt. Von Doris Stickler

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