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Anne-Frank-Kastanie

Freiheit der Gedanken

epd/Heike Lyding; Gettyimages/MelanieMayaLothar Kehl und Monika Peuser von der Anne-Frank-Schule mit den beiden frischen Stämmchen der Kastanie, die Freiheit symbolisiert. Im Bild rechts Samuel Salzborn.

FRANKFURT. Eine Kastanie spendete Anne Frank in ihrem Versteck Trost. Ein Tochterbaum stand in Frankfurt am Main – bis unbekannte Täter ihn absägten. Aber das Symbol des vor 75 Jahren gestorbenen jüdischen Mädchens haben sie nicht zerstören können.

Fast jeden Morgen gehe ich auf den Dachboden hinauf, um die stickige Luft aus meinen Lungen zu pusten«, schrieb Anne Frank in ihr berühmtes Tagebuch. »Vom meinem Lieblingsplatz aus auf dem Boden sehe ich hinauf in den blauen Himmel und in den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen wie Silber glitzern. So lange wie dies existiert, so dachte ich, werde ich leben mögen, um dies zu sehen, diesen Sonnenschein, diesen wolkenlosen Himmel.«

Ableger des Baums stehen überall auf der Welt

Diese Kastanie im Hinterhof eines Nachbarhauses war Anne Franks einzige Verbindung zur Natur in ihrem Versteck in Amsterdam. Ableger jenes Baums, der ihr Trost spendete, stehen überall auf der Welt, auch vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Und seit 2008 vor der Anne-Frank-Schule im Frankfurter Stadtteil Dornbusch. Bis eines Nachts im Dezember 2013 Unbekannte kamen, das gut zwei Meter hohe Bäumchen absägten und mitnahmen.

Der Fall ist nach wie vor ungeklärt

»Die Schüler haben mit offenem Mund dagestanden«, erinnert sich die stellvertretende Schulleiterin Monika Peuser. »Sie haben gefragt: Wer macht so was?« Die Polizei hat nie Hinweise auf die Täter finden können. »Der Fall ist nach wie vor ungeklärt«, sagt der Frankfurter Polizeisprecher Manfred Füllhardt.

Mögliche Täter gibt es nicht nur im rechtsextremen Lager. Schüler oder Nachbarn, die Angst hatten, dass der Baum ihnen das Licht nehmen würde, sind zumindest denkbar. Nichts davon hat sich jedoch bestätigt. »Es liegt schon nahe, dass das Ganze einen antisemitischen Hintergrund hatte«, sagt Peuser. Der Baum war durchaus bekannt – bei seiner Pflanzung hatten Medien darüber berichtet.

Baum mit hoher Symbolkraft

Denn der Baum habe für ihre Schüler hohe Symbolkraft, ergänzt die Schulleiterin Nicola Gudat: »Ein Symbol für Freiheit, auch für gedankliche Freiheit. In unserer Wahrnehmung war das schon ein Angriff.« Anne Frank, deren Gesicht in der Schule von vielen Wänden blickt, sei eine Identifikationsfigur für die Schüler. »Identität und Herkunft waren große Themen für Anne Frank, und das sind sie auch für unsere Schüler«, sagt Gudat. Rund 80 Prozent ihrer Realschüler haben mindestens ein Elternteil, das nicht in Deutschland geboren ist.

Vom Mutterbaum ist nur noch ein Stumpf übrig

Zunächst schien es, als sei der Verlust unersetzlich. Denn vom Mutterbaum im Amsterdamer Hinterhof ist nur noch ein Stumpf übrig. Während eines Sturms brach die durch einen Pilz vorgeschädigte Weiße Rosskastanie am 23. August 2010 ab.

Wenn es wirklich die Absicht der Täter in Frankfurt war, ein Symbol des Gedenkens an Anne Frank zu zerstören, haben sie ihr Ziel verfehlt. Wie die Nazis zwar Anne Frank, aber nicht ihr Werk vernichten konnten, so hat das Symbol das rabiate Absägen überstanden. Das Bäumchen hat überlebt und wieder ausgetrieben.

»Es war gar nicht sicher, dass es wieder austreibt«, sagt Lothar Kehl, damals Schulhausverwalter. Aber das Grünflächenamt habe sich um die Kastanie bemüht. Mittlerweile hat sie sogar zwei kleine Stämmchen, rund drei Meter hoch.

Ein Gitter schützt mittlerweile die Kastanie

In diesem Jahr kehrt der Todestag Anne Franks zum 75. Mal wieder. Das genaue Datum ist nicht bekannt, die 15-Jährige und ihre Schwester Margot starben im Februar oder März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Neuere Untersuchungen des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam datieren den Tod Anne Franks auf spätestens Mitte Februar. Ihr Vater Otto Frank gab später Anne Franks Tagebuch heraus, das zu den meistgelesenen Büchern der Welt zählt.

Ein Gitter schützt mittlerweile die Kastanie der Anne-Frank-Schule dagegen, dass noch einmal jemand mit einer Säge vorbeikäme – allerdings nur bis zu einer gewissen Höhe. »Eine 100-prozentige Sicherheit dagegen wird es nie geben«, sagt die stellvertretende Schulleiterin Peuser. Denn nicht nur der Anne-Frank-Baum in Frankfurt besteht weiter. Sondern auch der Hass auf das, wofür er steht. Von Nils Sandrisser

Der Gießener Politologe Samuel Salzborn über die Virulenz des Antisemitismus heute

Warum bleibt der Anteil der Menschen mit judenfeindlicher Einstellung an der Bevölkerung seit Jahrzehnten nahezu gleich, trotz aller politischen Bildung?

SAMUEL SALZBORN: Das hat damit zu tun, dass wir eine Tradierung von Antisemitismus in den Familien haben. Die allermeisten Deutschen haben nicht das geringste Wissen darüber, was ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern im Nationalsozialismus konkret getan haben. Einerseits identifiziert man sich positiv mit seiner Familie, andererseits ahnt man aber durch die öffentliche Auseinandersetzung, dass diese Täterinnen und Täter ja irgendwer gewesen sein müssen. Aber die Fragen, was der Opa vielleicht gemacht hat, ob er nur Zustimmung zum Regime geäußert hat oder ob er handgreiflicher Täter war, werden dennoch vermieden. Man möchte den Familienfrieden nicht antasten und übernimmt dann die antisemitische Schuldabwehr. In der gesamten Geschichte der deutschen Öffentlichkeit hat nie jemand ernsthaft gefordert, dass diese Fragen in den Familien diskutiert werden. Das sind Wege, die sicherlich schmerzhaft sind. Aber ich glaube, wenn wir die nicht gehen, dann werden wir die Grundlagen von Antisemitismus nicht angreifen können.

Ist Rassismus und Antisemitismus dasselbe?

SALZBORN: Historisch sind beide eng verbunden, aber es gibt Unterschiede. Der Antisemitismus ist dadurch entstanden, dass sich der christliche Antijudaismus mit völkischen Gedanken verbunden hat. Man darf nicht vergessen: Der Glaube an Rassen ist hochgradig irrational. Wissenschaftlich ist klar, dass es keine Menschenrassen gibt. Aber wenn man daran glaubt, dann hängt es davon ab, wer die Macht hat, zu definieren, wer zu einer bestimmten Rasse gehöre. Und genau das haben Antisemiten immer für sich in Anspruch genommen. Im Unterschied zum Rassismus, der auf punktuellen Vorurteilen aufbaut, ist Antisemitismus aber ein umfassendes Weltbild. Das heißt, dass Antisemiten alles, was sie an der modernen Welt nicht verstehen oder ablehnen, antisemitisch deuten. Im Unterschied zu anderen Diskriminierungsformen erscheinen Juden im Antisemitismus zudem immer als schwach und mächtig zugleich.

Häufig hört man die Unterstellung, man dürfe Israel nicht kritisieren, ohne als Antisemit zu gelten. Wie lässt sich denn Judenfeindlichkeit erkennen und von legitimer Kritik abgrenzen?

SALZBORN: Diese Unterstellung ist frei erfunden. Das Interesse an Israel in den Medien ist gigantisch groß, und das allermeiste, was – auch kritisch – über Israel berichtet wird, bezeichnet niemand als antisemitisch. Wenn jemand behauptet, dass Kritik generell als antisemitisch gelte, dann schickt er das oft vorweg, um sich anschließend tatsächlich antisemitisch zu äußern. Man baut da einen argumentativen Pappkameraden auf. Die Kriterien, die legitime Kritik von Antisemitismus unterscheiden, sind klar und leicht nachzuvollziehen. Es sind die drei D: Delegitimierung, Dämonisierung, Doppelstandards. Delegitimierung heißt, dass Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, Dämonisierung meint beispielsweise Vergleiche von Israels Politik mit dem Nationalsozialismus und bei Doppelstandards schaut man auf Israels Politik anders als auf die anderer Akteure. Das findet sich gerade im linken Antisemitismus immer wieder, der traditionell propalästinensisch ist und kaum Probleme mit dem Terrorismus der palästinensischen Bewegung hat.

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