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Äthiopisch-Orthodoxe

Heilige Wasserschlacht

Carina DobraNein, das ist keine herkömmliche Wasserschlacht unter Kindern. So feiern die Äthiopisch-Orthodoxen jedes Jahr die Taufe Jesu im Jordan.

FRANKFURT. Frauen und Männer in weißen, bodenlangen Gewändern, stundenlange Gebete und enthusiastischer Gesang. Wenn die Äthiopisch-Orthodoxen jährlich zusammenkommen, um Timkat – die Taufe Jesu – zu feiern, herrscht Ausnahmezustand. Viele der Gläubigen sind für das Fest mehr als 24 Stunden auf den Beinen.

Klitschnass, aber überglücklich stehen die Frauen und Männer vor dem quietschgrünen Planschbecken vor dem türkischen Festsaal »Saray Turkuaz Salonu« in Frankfurt-Griesheim. Immer noch drängeln sich Gläubige in die erste Reihe, um eine Ladung eiskaltes Wasser abzupassen. Das tun sie freiwillig. Sonntagsvormittags, bei knapp null Grad.

Provisorisches Taufbecken

»Das ist für uns heiliges Wasser«, erklärt Selam. »Wir denken heute an die Taufe von Jesus«, weiß die Zwölfjährige bestens Bescheid. Fast entschuldigend erklärt sie, dass das Planschbecken nur provisorisch sei. Meistens gebe es ein richtiges Taufbecken, etwa in Kreuzform. Weil in diesem Jahr aber erstmals vier Gemeinden zusammen feiern, mussten sie improvisieren. Sie kichert – gemeinsam mit ihren Freundinnen. Sie halten sich die Hände schützend vors Gesicht und kommen doch immer wieder ans Becken geschlichen. Ihre Haare sind mit einem hellen Kopftuch bedeckt, über ihrer Alltagskleidung tragen sie weiße Gewänder mit bunten Stickereien.

Timkat ist höchstes religiöses Fest der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde

»An Timkat sollen alle wie Engel aussehen«, erklärt Tibebu Hailu Giorgis, der sich für ein paar Minuten aus dem Saal geschoben hat, der in Weihrauch getränkt ist. Timkat heißt das christlich-orthodoxe Tauffest, das äthiopisch-orthodoxe Gemeinden als höchstes religiöses Fest feiern. Besonders spektakulär zelebrieren es die Menschen in der alten Kaiserstadt Gondar. Natürlich wollen auch die Gläubigen in Deutschland das Fest begehen. Jedes Jahr am 19., in Schaltjahren am 20. Januar feiern die äthiopisch-orthodoxen Menschen Timkat.

Einige feiern die ganze Nacht

»Es ist ein Friedensfest, an dem alle zusammenkommen«, erklärt Giorgis weiter. Der 51-Jährige ist Mitglied in der Frankfurter Sankt- Gabriel-Gemeinde und dort als Kassenwart tätig. Hauptberuflich arbeitet er in der Chemiebranche. Dafür, dass er die Nacht durchgemacht hat, sieht er ziemlich frisch und munter aus. Noch. Wenige Stunden später beim Predigtmarathon fallen dem Gläubigen aus Mörfelden-Walldorf immer wieder kurz die Augen zu.

 Zum Auftakt gibt es eine Prozession

Das Tauffest dauert zwei Tage, der Gottesdienst gliedert sich in verschiedene Teile. Los geht es am Samstag mit einer Prozession. Bis in die Nacht hinein beten und singen sie in der Gottesdienstsprache Ge‘ez. Sonntagmorgens geht es mit einem Wechsel aus Predigten, Gesängen, den Kollekten und zum krönenden Abschluss mit der Taufe weiter. Viele der Gläubigen kommen aus dem Frankfurter Umland und haben in Schlafsäcken in Nebenräumen des Saals übernachtet.

Minutenlanger Trommelwirbel

Dem Tauffest kommt in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zu, erklärt Dawit Selemon. Er reibt sich den Schlaf aus den Augen. Der junge Mann kommt auch aus der Sankt-Gabriel-Gemeinde. Plötzlich unterbricht er das Gespräch, schnallt sich hastig eine der großen Trommeln um und eilt nach vorne. Gerade hat einer der Priester auf dem Podest ein neues Lied angestimmt. Nach der minutenlangen Trommeleinlage fährt er fort und berichtet von der Wiedervereinigung seiner Kirche.

Ministerpräsident hilft bei Überwindung des Schismas

Die knapp drei Jahrzehnte währende Spaltung in der äthiopisch-orthodoxen Kirche ging im Sommer vergangenen Jahres zu Ende. Nach dem politischen Machtwechsel in Äthiopien 1991 war der damalige Patriarch Abuna Merkurios abgesetzt worden. Er ging mit anderen Bischöfen in die USA und baute einen »Heiligen Synod der äthiopisch-orthodoxen Kirche im Exil« auf. In der Heimat übernahm zunächst Abuna Paulos das Amt, nach dessen Tod folgte Abuna Mathias. Die Patriarchen und die Synoden erkannten einander wechselseitig nicht an. Jetzt ist es mit Hilfe des neuen äthiopischen Ministerpräsidenten Ahmed Abiy gelungen, das Schisma zu beenden, erzählt der junge Mann voller Begeisterung.

Gläubige liegen sich in den Armen

Daran erinnert auch der Bischof am Ende der Messe. Er fordert alle auf, sich gegenseitig um Verzeihung zu bitten. So liegen sich die Gläubigen in den Armen, küssen sich sanft auf die Wangen. Der richtige Zeitpunkt, um die Kollekte zu sammeln. Denn die Veranstaltung hat ihren Preis. 8000 Euro hat die Miete für den Saal gekostet, erklärt Selemon. Er wirft ein paar rote Scheine in einen aufgespannten umgedrehten Regenschirm.

Frauen und Männer sitzen getrennt voneinander

Auf der linken Seite des Saals werfen die Frauen Geld in den provisorischen Geldbeutel, auf der rechten Seite die Männer. Sie sitzen getrennt voneinander. »In dem Gewusel vermischt es sich aber«, erklärt Giorgis. Sobald sie im Saal singen, tanzen und trommeln, scheint die Geschlechterordnung tatsächlich über Bord geworfen.

Heiliges Wasser in Plastikflaschen

Inzwischen ist draußen rund um das Taufbecken keiner mehr trocken. Immerhin scheint die Sonne, die Wassertropfen trocknen schnell. »Einige füllen sich auch Plastikflaschen ab, damit sie lange etwas von dem heiligen Wasser haben«, erklärt die Schülerin Elsabeth, eine Freundin von Selam. Noch Stunden nach den eigentlichen Festlichkeiten sitzen die Gemeindemitglieder zusammen, essen, trinken und lachen miteinander.
Von Carina Dobra

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