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Umstrittene Konferenz

Heißes Eisen Kopftuch

Carina DobraViel Diskussionsbedarf: Frauenrechtlerin Alice Schwarzer (Mitte) beklagt ein Sprechverbot für Menschen, die sich gegen einen politisierten Islam wenden. Zudem fordert sie ein Kopftuch-Verbot für Kinder.

FRANKFURT. Das islamische Kopftuch – viele Menschen regen sich darüber auf. Spätestens seit der Ausstellung »Contemporary Muslim Fashions« steht das Stück Stoff im Mittelpunkt von Diskussionen. Eine Tagung bringt verschiedene Positionen zusammen.

Polizisten bewachen das Gebäude auf dem Uni-Campus Westend in Frankfurt. Nur, wer einen Platz für die Kopftuch-Konferenz am Zentrum Globaler Islam ergattert hat, kommt rein. Im Saal ist Platz für 150 Besucher. 700 Interessierte hatten sich angemeldet. Das liegt wohl nicht zuletzt an dem großem Medienecho der vergangenen Wochen. Auslöser war der Shit-Storm gegen die Islam-Expertin Susanne Schröter, die die Tagung organisiert hat.

Vorwurf des Rassismus

Unter dem Hashtag »Schröter_raus« forderten einige Studierende eine Absage der Veranstaltung sowie ihren Rücktritt als Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. Sie werfen der Professorin anti-muslimischen Rassismus vor. Für einige ist der Schleier ein Symbol der Würde, für andere eins der Unterdrückung. Schröter hatte die Tagung als Reaktion auf die Schau »Contemporary Muslim Fashions« im Museum Angewandte Kunst organisiert. Die Schau steht in der Kritik, das Kopftuch zu verharmlosen.

Alice Schwarzer spricht von »falscher Toleranz«

Alice Schwarzer, Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift »Emma«, beklagte in ihrem Vortrag ein »Sprechverbot« für kritische Stimmen gegen den politisierten Islam. Jeder, der das Kopftuch kritisiere, werde angefeindet, sagte die Publizistin. Das spiele Rechtspopulisten in die Karten. In Deutschland habe sich eine »falsche Toleranz« und eine »verordnete Fremdenliebe« entwickelt. Der sogenannte Dialog mit Islamisten und Verbänden verrate die Mehrheit der Muslime.

Feministin trotz Kopftuch

»Wir reden nicht über die kopftuchtragende Frau, sondern über ein System«, sagte zuvor Gastgeberin Schröter. Vor allem aus salafistischen Kreisen gebe es zum Beispiel Kinderkopftuch-Kampagnen. In einigen Schulen würden Mädchen gemobbt, die kein Kopftuch tragen. Gleichzeitig sagte die Professorin: »Niemand hat das Recht, eine Frau mit Kopftuch zu beleidigen.« Es gebe viele individuelle Gründe, ein Kopftuch zu tragen. »Man kann Feministin sein und auch ein Kopftuch tragen«, sagte Schröter.

Der Schleier als »Ausdruck des Glaubens«

Die Ethnologin hatte Referentinnen und Referenten mit unterschiedlichen Positionen eingeladen. So tritt am späten Nachmittag die Publizistin Khola Maryam Hübsch vom konservativen Ahmadiyya-Verein auf das Podium. Sie forderte mehr Toleranz im Umgang mit kopftuchtragenden Frauen. Der Schleier sei »Ausdruck ihres Glaubens«. So wie man keine Frau zwingen sollte, sich zu verhüllen, so solle man ihr auch nicht befehlen können, ihre Haare flattern zu lassen.
Das Kopftuch sei keine religiöse Pflicht, betonte Necla Kelek, Vorstandsfrau von Terre des Femmes. Es sei nicht mit dem christlichen Kreuz gleichzusetzen. Gleichzeitig zeigte die in der Türkei geborene Soziologin Verständnis für Frauen, die etwa beim Beten oder bei Beerdigungen freiwillig ein Kopftuch tragen.

Viel Diskussionsbedarf, wenig Zeit

Für eine theologische Annäherung an das komplexe Thema sorgten Dina El-Omari, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, sowie der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Die Wissenschaftler fordern mehr Aufklärung über das Kopftuch in Kindergärten, Schulen sowie muslimischen Gemeinden und Familien. Ein Kopftuch-Verbot etwa für Grundschulkinder halten beide für wenig sinnvoll. Es löse das eigentliche Problem nicht, sagte El-Omari. Ein Verbot könne zu einer Trotz-Haltung führen. Obwohl nach allen Vorträgen Zeit für Diskussionen mit dem Publikum eingeplant war, blieben viele Fragen offen. Die Zeit war zu knapp für die emotionale Sprengkraft des Themas.

Video von Alice Schwarzer sorgt im Netz für Unmut

Der große Protest am Tag der Konferenz blieb dann aus. Nur einige wenige junge Frauen hatten sich mit Plakaten vor dem Gebäude versammelt. Im Nachhinein tauchte auf Twitter ein Video auf, indem die eingeladene Frauenrechtlerin Alice Schwarzer eine Frau mit Kopftuch - offensichtlich ohne ihr Einverständnis – am Arm anfasst. Als sich die Frau darüber empört, entgegnet Schwarzer: »Ich dachte, nur ein Mann darf dich nicht anfassen.« Das Video wurde mehrfach geteilt, unter anderem von ZDF-Satiriker Jan Böhmermann, der Schwarzer als »alte weiße Frau« bezeichnete.
Von Carina Dobra

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