Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Widerspruchslösung umstritten

Kritiker sehen »Organabgabepflicht«

dpa/Christian OhdeRettungswagen im Spielzeugformat, ein Arztkoffer und ein Spenderausweis weisen auf die Organspende hin.Die Zahl derjenigen, die auf eine Organtransplantation warten, übersteigt die Zahl der Spender bei weitem.

BERLIN. Jens Spahn will jeden zum Organspender machen. Nur so könne die Zahl der Spenden wieder steigen. Doch die sogenannte Widerspruchslösung hat nicht nur Freunde.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat vorgeschlagen, die Voraussetzungen für eine Organentnahme zu lockern und damit eine kontroverse ethische Debatte entfacht. Künftig solle jeder automatisch ein Spender sein, solange er oder seine Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen, sagte Spahn. Nur mit der Widerspruchslösung könne die Organspende zum Normalfall werden. In Deutschland gilt bislang die sogenannte Entscheidungslösung, so dass eine Entnahme nur möglich ist, wenn eine Zustimmung vorliegt.

Alle Versuche erfolglos

Die Widerspruchslösung stelle zwar einen Eingriff des Staates in die Freiheit des Einzelnen dar, sagte Spahn der Bild-Zeitung. Doch seien alle bisherigen Versuche der Politik, die stark sinkende Zahl der Organspender wieder zu erhöhen, ohne Erfolg geblieben.

Pflicht contra Spende

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, lehnt die Widerspruchslösung ab. Mit einer solchen Regelung müsste man von »Organabgabepflicht« statt von »Organspende« sprechen, sagte der evangelische Sozialethiker dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das würde einen »fundamentalen Paradigmenwechsel« darstellen.

Ethische Bedenken

Die katholische Kirche äußerte sich ebenfalls ablehnend. Wie die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn mitteilte, hat sie erhebliche ethische Bedenken gegen die Widerspruchslösung. Außerdem zeige sich in anderen Ländern, dass allein die Umstellung auf die Widerspruchslösung nicht zu mehr Organtransplantationen führe.

Keine christliche Verpflichtung

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erklärte, die Kirchen wollten auch weiterhin die Bereitschaft zur Organspende wecken und stärken. Eine christliche Verpflichtung zur Organspende gebe es jedoch nicht. Auch die Ablehnung einer Spende sei deshalb auf jeden Fall zu respektieren.

Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Die Evangelischen Frauen in Deutschland lehnen die Widerspruchsregelung ab. Sie bedeute einen Wechsel von der Freiwilligkeit hin zur Verpflichtung. Die Frauenorganisation glaubt auch nicht, dass sich durch die Widerspruchsregelung die Organspende-Zahlen nennenswert erhöhen ließe. Es gehe vielmehr darum, verloren gegangenes Vertrauen der Bevölkerung in das Organspende-System zurückzugewinnen: »Dazu gibt es nur einen Weg. Nämlich eine umfassende, auch schwierige ethische Fragen wie die Diskussion um den Hirntod offen ansprechende Information derjenigen, die um ihre Spende gebeten werden.

Muslime begrüßen Vorstoß

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat den Vorstoß von Spahn hingegen begrüßt. In anderen europäischen Ländern funktioniere diese Lösung sehr gut, erklärte der Zentralrat auf Anfrage. Auf diese Weise müsse man weniger befürchten, dass Schwerstkranke sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ bekommen. »Wir appellieren an unsere Mitbürger, sich über einen Organspende-Ausweis zu informieren«, sagte Houaida Taraji, Ärztin und Vorstandsmitglied des Zentralrates.

Rechtlich schwierig umzusetzen

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, begrüßte den Vorstoß. Dies sei eine sehr gute Idee, sagte Montgomery der »Passauer Neuen Presse«. Doch auch wenn die Widerspruchslösung sinnvoll sei, halte er sie für rechtlich sehr schwierig umzusetzen. Die Debatte müsse vor allem in der Gesellschaft geführt werden, dazu gebe der Gesundheitsminister jetzt den Anstoß. epd

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top