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Entwicklung

#MeToo-Debatte zeigt Wirkung

Gettyimages/Anna ZosiwowaImmer mehr Frauen trauen sich, sexuelle Übergriffe öffentlich zu machen.

Frankfurt. Vor zwei Jahren war die #MeToo-Debatte ein großes Thema. Viele Frauen fanden oft erst nach Jahren des Schweigens den Mut, über sexuelle Übergriffe zu sprechen. Verbesserungen wurden angemahnt.

Die evangelische Kirche hat sich lange hinter den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche versteckt. Ein Drittel aller Fälle im kirchlichen Kontext ereigneten sich nach Angaben der früheren Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, in der evangelischen Kirche, zwei Drittel in der katholischen Kirche.

Betroffene stehen im Mittelpunkt

Im November 2018 hat die Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) reagiert: mit einem Elf-Punkte-Handlungsplan zur systematischen Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Die Betroffenen stehen dabei im Mittelpunkt. Gleich im ersten Punkt heißt es: »Betroffene sind zu beteiligen. Ihre Erfahrung wird gebraucht, bei allem, was im Bereich Aufarbeitung und Prävention neu auf den Weg gebracht wird.« Sehr stärkend ist auch folgende Formulierung: »Betroffene sind keine Bittsteller, deren Anliegen von einer Behörde möglichst administrativ-effektiv bearbeitet werden. Sie haben ein Recht auf Empathie, Würde, Anerkennung und Respekt.«

Unterstützung und Schutz sind wichtig

Diese Haltung versuchen viele Frauen- beziehungsweise Gleichstellungsbeauftragte in Unternehmen zu leben. Zum Beispiel Ulrike Jakob, die das Gleichstellungsbüro der Stadt Frankfurt leitet. Wenn etwa eine junge Auszubildende zu ihr komme und erzähle, dass ein Kollege, dessen Abteilung sie gerade durchläuft, immer heftiger anzüglich wird. Ulrike Jakob macht in solch einem Fall Mut, genau zu erzählen, was vorgefallen ist und hört erst einmal zu. »Unterstützung und Schutz der Betroffenen stehen an erster Stelle«, sagte sie bei einer Podiumsdiskussion über »Sexuelle Gewalt in Institutionen« in der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Frauen erfahren nach wie vor fehlende Empathie

Aber wie es dann weitergeht, will gut überlegt sein. »Es besteht ja auch die Gefahr, dass es zum Spießrutenlauf für die Betroffene wird, wenn die Sache weitere Kreise zieht«, sagte Jakob. »Viele Kollegen und Kolleginnen denken immer noch so etwas wie: ›Ach, der arme Mann ist verheiratet und hat zwei Kinder. Lasst ihn doch in Ruhe.‹«

Debatte bringt Offenheit für das Thema

Obwohl solche Grundeinstellungen und oft leider auch fehlende Empathie es Frauen nach wie vor nicht einfach machen, sexuelle Übergriffe anzuzeigen, hat die 2017 angestoßene #MeToo-Debatte mehr Offenheit in Unternehmen und Institutionen bewirkt. Auch beim ZDF trauten sich in den vergangenen zwei Jahren mehr Frauen in die Beschwerdestelle, berichtet Leiterin Frauke Liebscher-Kuhn, Juristin und Personalfachfrau.
Vertrauenspersonen machen vieles leichter
Manche Berufsgruppen sind sexualisierten Angriffen besonders ausgesetzt, etwa Flugbegleiterinnen. Die Lufthansa hat 2017 bereits reagiert. Sie hat zwei externe Vertrauenspersonen eingestellt, bei denen sich Betroffene melden können, ohne dass automatisch das Unternehmen eingeschaltet wird. »Das macht es Betroffenen viel leichter, zum Telefon zu greifen«, sagt Juliane Grauer, die Gleichstellungsbeauftragte der Fluggesellschaft. »Erst wenn sie wirklich wollen, können wir dann im zweiten Schritt tätig werden.«

Rückgang bei schweren Übergriffen

Die #MeToo-Debatte zeigt also durchaus Wirkung. Eine US-Umfrage der University of Colorado zu den Auswirkungen am Arbeitsplatz zeigt einen Rückgang bei schweren Übergriffen und größere Bereitschaft von Frauen, sexuelle Gewalt anzusprechen. Die Forschenden vermuten, dass mögliche Täter und Täterinnen aus Angst vor Enthüllungen und negativen Auswirkungen abgeschreckt werden.

Keine falsche Rücksicht nehmen

Gleichzeitig bleibt es wichtig, dass Thema in Unternehmen und Öffentlichkeit virulent zu halten und Skandale ohne falsche Rücksichten aufzuklären, wie viele Zahlen belegen. Noch immer halten 45 Prozent der Deutschen die #MeToo-Debatte für übertrieben, wie eine Allensbach-Umfrage von 2018 ergab. In der Schweiz gibt jede achte Frau im Mai 2019 an, einmal Sex gehabt zu haben, ohne, dass sie es wollte. Die Hamburger Elbphilharmonie hat das geplante Konzert mit Star-Tenor Plácido Domingo nicht abgesagt, obwohl 19 Frauen ihm sexuelle Übergriffe vorwerfen. Sicher auch deshalb, weil der finanzielle Verlust zu groß gewesen wäre. Eine Karte in der ersten Reihe kostete bei seiner Vorstellung 426 Euro. Solange wirtschaftliche Erwägungen wichtiger sind als die Solidarität mit betroffenen Frauen, bleibt noch viel zu tun.
Von Stephanie von Selchow

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