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Historiker Nolte zum Osten

»Nationalistischer Rückschlag«

epd/Jürgen BlumeDer Osten könnte selbstbewusster sein, etwa mit Blick auf Gleichberechtigung und Berufstätigkeit von Frauen, sagt der Historiker Paul Nolte.

Vor gut 30 Jahren erreichte die friedliche Revolution in der DDR ihren Höhepunkt, die zur deutschen Einheit führte. Der Historiker Paul Nolte sprach mit Corinna Buschow über Aufarbeitung und die heutige Situation im Osten der Republik.

Herr Nolte, der Mauerfall jährt sich im November zum 30. Mal. Die Unzufriedenheit der Ostdeutschen im vereinten Deutschland scheint so groß wie nie, blickt man auf die Wahlergebnisse. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Paul Nolte: Die Diagnose teile ich nicht. Ich glaube nicht, dass die Unzufriedenheit so hoch ist wie nie zuvor. Wir sehen eher verschiedene Wellen. In einer Post‧euphorie Anfang der 1990er Jahre fragten die Menschen bereits, wo die versprochenen blühenden Landschaften sind. Es gab gewaltsame Ausschreitungen gegen Ausländer in Rostock-Lichtenhagen und anderswo. Auch das waren schon Phänomene von Verwundungen und Enttäuschungen. Zudem will ich nicht von »dem« Osten sprechen. Auch 25 Prozent AfD-Wähler sind nicht »der« Osten. Darin spiegeln sich letztlich Unzufriedenheit und Entwicklungen, die wir auch anderswo in postkommunistischen Transformationsgesellschaften sehen, beispielsweise in Polen und Ungarn, aber auch im Westen, wo die AfD zehn bis zwölf Prozent erreicht. Bei der großen Mehrheit der Ostdeutschen ist die Normalität der Ankunft im Westen und in der Demokratie in meinen Augen so groß wie nie zuvor.

Der Ostbeauftragte Christian Hirte sagte, der Osten erlebe vielleicht gerade das, was die Bundesrepublik 1968 erlebt hat. Ist da was dran?

Nolte: Ja und nein. Es lohnt sich auf jeden Fall, in diesen Zeiträumen zu denken und zu schauen, was sich 25 bis 30 Jahre nach solchen Zäsuren tut. Durch die nächste Generation kommt oft ein Backlash. Im Moment sehen wir in Polen, Ungarn und auch anderen früheren kommunistischen Staaten – auch der früheren DDR – einen solchen nationalistischen Rückschlag. Das historisch eindrücklichste Beispiel dafür ist die Situation der USA nach dem Bürgerkrieg. 30 Jahre danach, Mitte der 1890er Jahre, kam in den Südstaaten der Widerstand gegen die Überformung aus dem Norden, gegen die liberalen Zumutungen auf und auch der Rassismus erreichte einen neuen Höhepunkt. Etwas Ähnliches sehen wir in Deutschland seit 1989: mit der asymmetrischen Situation der Regelsetzung durch den »Sieger der Geschichte«, den mentalen Wunden und der illiberalen Gegenreaktion. Der Vergleich mit 1968 hinkt eher, weil das ein liberaler, progressiver Aufbruch war. Aber richtig ist: Teile der Bevölkerung tun sich noch immer schwer mit einer bunteren Gesellschaft – das freilich nicht nur im Osten.

 Gibt es ein Rezept gegen den Backlash?

Nolte: Dafür muss man noch genauer hinschauen. Bei der Wahlgeografie in Brandenburg und Sachsen ist auffällig, dass es eine West-Ost-Differenz in den Ländern selbst gibt. Die Zahl der AfD-Wähler ist im Osten, weiter weg von den Städten und den Verkehrsachsen nach Westen, höher. Wir sollten den Blick auf diese Ebene richten und nicht von »dem« Osten sprechen. Denn auch in den »neuen Ländern« gibt es viele prosperierende Gebiete. Dazu zählen große Städte oder die Ostsee-Küste, wo der Tourismus enorm wichtig ist. Die östliche Peripherie ist politisch und kulturell in besonderer Weise vernachlässigt worden, und ökonomisch benachteiligt. Dort fühlen sich die Menschen abgehängt. Das ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern ein europäisches, immerhin ist das die Nahtstelle zu Polen. Da braucht es eine deutsch-polnische, eine europäische Initiative, um zu schauen, was man in dem Grenzsaum auch infrastrukturell auf die Beine stellen kann.

 Bundespräsident Steinmeier beklagte jüngst, dass die Erfahrungen Ostdeutscher nicht in das gesamtdeutsche »Wir« eingeflossen sind. Woran liegt das?

Nolte: Es gibt eine dominierende westdeutsche Erzählung, die ein Stück weit dem Verlauf der Dinge geschuldet ist. Die Asymmetrie ist unvermeidlich, denn der Kommunismus hatte abgewirtschaftet und nicht die Ordnung des Grundgesetzes. Aber die Frage nach Siegern und Verlierern ist nicht die einzige und tritt sogar zunehmend in den Hintergrund. Wir müssen aus der normativen Falle herauskommen: Lebensgeschichten der DDR zu erzählen und plausibel zu machen, heißt ja nicht, das Honecker-Regime zu rechtfertigen.

Trotzdem geht es bei der Erinnerung immer wieder um die Schrecken der SED-Diktatur. Ist es erlaubt und nötig, auch an Positives aus der DDR zu erinnern?

Nolte: Es ist erlaubt, man darf dabei nur die gesellschaftlichen Zwangsmechanismen nicht wegblenden. An mancher Stelle könnte das der Osten sogar selbstbewusster von sich sagen, etwa bei der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Berufstätigkeit von Frauen oder der Kinderbetreuung. Da haben wir in den vergangenen 30 Jahren in ganz Deutschland vom Osten gelernt.

Sie sind Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin. Wie bewerten Sie die Rolle der Kirchen bei der friedlichen Revolution?

Nolte: Sie hatten eine starke Rolle in den ganzen sozialen Bewegungen der 1980er Jahre in Ost und West. Mich ärgert sogar, wenn man die Formel hört, die DDR-Opposition habe sich »unter dem Dach der Kirche« versammelt. Das klingt, als ginge es da nur um die Gebäude. Das unterschätzt für mich die inhaltliche Dimension, die religiöse Motivation vieler Akteure und die persönlichen Netzwerke in den Kirchen, die das damals möglich gemacht haben.epd

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