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Theologe Gerd Theißen über Apostel Paulus

Religion kann gefährlich sein

Armin ThomasIn Theißens Roman geht es darum, ob der Glaube Menschen davon abhält, ihre Überzeugungen zu hinterfragen.

MAINZ. Der emeritierte Professor Gerd Theißen hat einen Roman über das Leben und Wirken des Apostels Paulus geschrieben. In der Altmünsterkirche ging er der Frage nach, ob aus dem Fanatiker Saulus wirklich der Versöhner Paulus wurde.

Gerd Theißen ist dafür bekannt, dass er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gerne auf gut verständliche Weise vermittelt. Das war in seinem vor allem in Studentenkreisen hochgeschätzten Werk »Vom Schatten des Galiläers« der Fall und hat nun in seinem Roman »Der Anwalt des Paulus« eine Fortsetzung gefunden. Auf Einladung der Evangelischen Erwachsenenbildung und der Altmünstergemeinde erläuterte Theißen in der Mainzer Altmünsterkirche »ein paar Gedanken zu Paulus«.

»Wenn man heutzutage über Religionen spricht, ist oft von Fanatismus und Gewalt die Rede«, begann der 75-jährige Heidelberger Theologe. Allerdings: »Die Fanatiker – das sind immer die anderen.« In Theißens Paulus-Roman geht es auch darum, ob der Glaube die Menschen davon abhalte, ihre Überzeugungen zur Disposition zu stellen.

Paulus hat Streit mit so ziemlich jedem

Paulus vertritt innerhalb des Judentums eine neue Richtung – und er hat Streit mit allen: den jüdischen Glaubensbrüdern, den Eliten Roms und bald auch mit seinem Anwalt. Denn dieser will keinen Mann verteidigen, den er für einen Fanatiker hält.

»Die Geschichte des Paulus spricht bis heute existenziell an«, ist Theißen überzeugt. Damit auch Menschen einen Zugang dazu finden, die keine wissenschaftlichen Abhandlungen lesen, hat er den Roman geschrieben. Und sorgt damit keineswegs für Konfusionen: Denn der Leser findet Fußnoten mit Hinweisen auf die tatsächlichen Quellen.

Für den Verfassungsschutz wäre Paulus ein Gefährder

»Paulus hatte immer den Ehrgeiz, die Nummer Eins zu sein«, versuchte Theißen die Frage zu beantworten, ob die Bekehrung zum Christentum den Apostel vom Fanatismus geheilt habe. »Und er war nicht harmlos. Er hat gegen Juden und gegen Christen polemisiert.« Heute würde ihn der Verfassungsschutz vermutlich als Gefährder einstufen.

Dennoch führt er eine Reihe von Paulus-Zitaten an, die zeigen würden, dass Paulus gelernt habe, das Gewissen der anderen zu akzeptieren. »Er übernimmt das große Ziel, jüdisches und christliches Leben zu vereinen.« Für Paulus gelte das Wort »Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat« gleichermaßen wie die Nächstenliebe. Und darin enthalten sei der kleine, aber wichtige Zusatz, »dass wir Gott mit ganzem Verstand lieben sollen«. Vernunft ohne Glaube neige zum Zynismus, Glaube ohne Vernunft zum Fanatismus. Das Leben des Paulus zeige: »Religion ist gefährlich, aber eine Umkehr kann gelingen.«

Von Armin Thomas

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