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DDR-Pastor

Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz

epd-Bild/Karl-Adolf ZechPfarrer Oskar Brüsewitz (undatiertes Archivfoto) lehnt sich bis zu seinem Tod gegen die Staatsmacht der DDR auf.

Für seine Familie, Freunde und Kollegen war es ein Schock, er sah für sich keine andere Möglichkeit mehr: Pfarrer Oskar Brüsewitz verbrannte sich selbst und demonstrierte bis zu seinem Tod gegen die Staatsmacht in der DDR.

Am 18. August 1976 spielt sich in der Fußgängerzone des DDR-Städtchens Zeitz (Sachsen-Anhalt) eine gespenstische Szene ab: Ein hagerer Mann im Pfarrertalar steigt aus seinem Kleinwagen, baut auf dem Dachgepäckträger Transparente auf. Passanten bleiben stehen, aus den Geschäften kommen die Verkäuferinnen, ein Volkspolizist nähert sich.

Brennender Mensch läuft über die Straße

Da holt der merkwürdige Demonstrant eine 20-Liter-Milchkanne aus dem Auto, übergießt sich mit dem Inhalt – es ist Benzin –, reißt ein Streichholz an. Sofort schlagen drei Meter hohe Flammen an ihm hoch, schreiend läuft er über die Straße, der Volkspolizist setzt ihm nach, versucht ihm den brennenden Talar vom Körper zu reißen.

Pfarrer stirbt nach vier Tagen im Krankenhaus

Schnell sind auch andere Helfer zur Stelle. Ein Soldat der Nationalen Volksarmee springt von seinem Motorrad, stellt dem lichterloh brennenden Mann ein Bein, ein Busfahrer rennt mit einer Decke herbei, die beiden wälzen den halb Bewusstlosen auf dem Boden, um die Flammen zu ersticken, doch auch die Decke fängt Feuer. Als es endlich gelingt, den Brand zu löschen, hat Pfarrer Oskar Brüsewitz, 47 Jahre alt, schlimmste Verletzungen erlitten. Vier Tage später, am 22. August, stirbt er im Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau.

Schuldig der staatsfeindlichen Hetze

Die Anzeige des Volkspolizei-Kreisamts hat sich damit erledigt: »Durch Aufbau von Transparenten [...] und anschließendes Übergießen mit Benzin und Anbrennen seiner Person« habe sich Brüsewitz der »staatsfeindlichen Hetze« schuldig gemacht.

Er wusste, was er seinen Mitmenschen antat

Seine Witwe Christa Brüsewitz sieht es anders: »Mein Mann hat nur das Evangelium gepredigt.« Ein Zeichen habe er setzen wollen. Amtsbrüder erinnern an die Selbstverbrennung des 20-jährigen tschechischen Studenten Jan Palach im Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz, wo russische Panzer den Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Gesicht niedergewalzt hatten. Seinen Kollegen im Pfarrkonvent hat Brüsewitz einen Abschiedsbrief hinterlassen, aus dem hervorgeht, dass er wusste, was er den Mitchristen zumutete, aber auf seinem Weg nicht mehr zurückkonnte.

»Habe es nicht verdient, zu den Auserwählten zu gehören«

»Es ist mir sehr schmerzlich, Euch allen die Schande zuzumuten. Ich habe mich zu dieser Tat langsam durchgerungen. Nach meinem Leben habe ich es nicht verdient, zu den Auserwählten zu gehören. Meine Vergangenheit ist des Ruhmes nicht wert. Um so mehr freue ich mich, dass mein Herr und König und General mich zu den geliebten Zeugen berufen hat. (…) In wenigen Stunden will ich erfahren, soll ich erfahren, dass mein Erlöser lebt.«

Leuchtendes Kreuz aus Neonröhren

Die Staatsmacht mit Fantasie, Mut und Humor zu provozieren, dafür hatte der auf verschlungenen Wegen zu seinem Pfarramt gekommene Oskar Brüsewitz (geboren am 30. Mai 1929 in Willkischken im Memelland, heute Litauen) immer schon ein besonderes Talent bewiesen. Der gelernte Schuhmacher richtete sich seine Werkstatt in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon ein; in der anderen Wagenhälfte führte er seelsorgliche Gespräche. Er gestaltete Kindergottesdienste, stellte unübersehbar ein Schild »Evangelischer Jugendspielplatz« auf, brachte – als er mit 40 Jahren endlich Pfarrer auf Probe geworden war – am Kirchturm seiner Gemeinde Rippicha in 20 Meter Höhe ein weithin leuchtendes Kreuz aus Neonröhren an.

»Solange der Sowjetstern leuchtet, bleibt mein Kreuz«

Der Kreisrat verlangte auf Intervention von SED und Staatssicherheit, das Kreuz sofort zu entfernen; es lenke die Autofahrer ab und verschwende Energie. Worauf Brüsewitz seelenruhig erklärte, er habe zum Ausgleich Glühbirnen im Pfarramt herausgeschraubt. Im übrigen: »Solange der Sowjetstern überall leuchtet, bleibt auch mein Kreuz!«

»Ohne Gott geht ganze Welt bankrott«

1975 lockte die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) mit dem Slogan »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein« zur Ernteschlacht. Brüsewitz rüstete daraufhin ein Pferdefuhrwerk mit dem Transparent aus »Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott« und fuhr damit in die Kreisstadt.

Protest gegen Benachteiligung von Christen

Sein Widerstand richtete sich nicht nur gegen den staatlich verordneten Atheismus, sondern gegen die massiven Benachteiligungen bekennender Christen in Schule und Berufsausbildung. Seine älteste Tochter erreichte den besten Schulabschluss im Kreis Zeitz, durfte aber nicht in die Erweiterte Oberschule übertreten, sondern bekam von der Partei eine Lehre als Gleisbauarbeiterin angeboten.

Kirche lässt ihn im Stich

Auf die Unterstützung seiner Kirchenoberen konnte der rebellische Pfarrer nicht zählen; von geschmeidiger Anpassung versprachen sie sich mehr als vom offenen Konflikt. Kurz vor dem Fanal vor der Michaeliskirche hatte man dem Pastor nahegelegt, sich versetzen zu lassen. »Wir können der Tat unseres Bruders nicht zustimmen«, ließ die Kirchenleitung in Magdeburg erklären, als Brüsewitz noch mit dem Tod rang und die Partei verbreiten ließ, es handle sich um einen »krankhaft veranlagten« Menschen mit »Wahnvorstellungen«.

Posaunen sollten unliebsame Redner übertönen

Zur Beerdigung in Rippicha kamen dennoch Hunderte Christen, darunter viele Pfarrer, aus der ganzen DDR – und Dutzende von Stasi-Spitzeln und Volkspolizisten mit Fotoapparaten. Im Einsatzplan der Staatssicherheit war angeblich sogar ein Posaunenchor vorgesehen, um mögliche Sympathiekundgebungen für den lästigen Toten zu übertönen.

Langstielige Rosen für die Familie zum Abschied

Als sich Oskar Brüsewitz am Morgen jenes 18. August 1976 vorbereitete, mit seinen Transparenten und der benzingefüllten Milchkanne nach Zeitz zu fahren, hatte er seiner Familie noch einmal liebevoll den Frühstückstisch gedeckt. Er schmückte ihn mit frisch geschnittenen langstieligen Rosen aus dem Garten. Seine Tochter Esther bat er, ihm auf dem Klavier sein Lieblingslied vorzuspielen: »So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt; wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.«
Christian Feldmann

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