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Musik

Singen verbindet Menschen und Kulturen

Rafael HerlichSingen im Interreligiösen Chor ist mehr als das reine Ablesen von Noten. Nun bringt ein knapp 50-minütiger Film, der in der Evangelischen Akademie Frankfurt vorgestellt wurde, die Arbeit und das gemeinsamen Studium der Texte Außenstehenden näher.

Frankfurt. Seit 2012 bereichert der Interreligiöse Chor Frankfurt mit zwei Konzerten im Jahr den Dialog der Religionen in Frankfurt. Der Filmemacher Dieter Reifarth hat den Chor begleitet und versucht, die Faszination dieses ungewöhnlichen Chores in einem filmischen Porträt einzufangen.

Singen verbindet. Ganz gleich, ob Jude, Muslima, Christ oder Atheistin – Singen stiftet eine Basis. Wie einen unsichtbarer Beobachter lässt das Filmteam die Zuschauer an der Probenarbeit des Interreligiösen Chores (IRCF) teilnehmen. Da wird konzentriert geübt – gesprochen, artikuliert, intoniert, gezählt – und dann: der Chor im Zusammenklang. Von den ersten Stimmproben bis zum Konzert im November 2017 haben der Regisseur Dieter Reifarth und seine Assistentin Anna Brinks die Entstehung des Programms zu Psalm 46 begleitet. Gesungen wird in Hebräisch, Arabisch, Jiddisch, Deutsch und vielen anderen Sprachen – Fremdes und Vertrautes stehen auf dem Programm.

Lauschen gehört zum Singen dazu

Wie Luthers »Eine feste Burg ist unser Gott« auf Schwedisch klingt, ist hier ebenso zu entdecken wie der Psalmentext auf Jiddisch mit Klezmerklängen oder die Koranrezitation einer jungen Chorsängerin. Lauschen gehört zum Singen dazu – Vertrautes und Fremdes nebeneinander öffnen Raum für immer wieder neue Anknüpfungspunkte. Das betonen die Sängerinnen und Sänger in ihren von Reifarth eingeholten Statements.

Differenzen dürfen bleiben

Trotz aller Verbundenheit: Differenzen dürfen bleiben. Gemeinsam Singen bedeutet nicht, die Eigenheiten und Unterschiede zu verwischen. Viel Arbeit ist zu leisten, bevor die erste Probe beginnt. Denn zunächst einmal muss herausgefunden werden, was zusammen gesungen werden kann, darf oder möchte. Im interreligiösen Dialog zuweilen keine einfache Sache. Bettina Strübel, Kantorin an der Lutherkirche in Offenbach, und Daniel Kempin, Kantor im Egalitären Minjan Frankfurt, die von Beginn an den Chor Seite an Seite leiten, berichten aus der gemeinsamen Vorbereitung – beiläufig gibt der Film kleine Einblicke in private Arbeitsatmosphären. Musik und Text müssen vorab studiert werden. Die christliche Doxologie etwa – Vater, Sohn und heiliger Geist – kann ein jüdischer Sänger selbstverständlich nicht singen, wo sie in musikalischen Bearbeitungen des Psalms auftaucht, muss darüber gesprochen und eine gemeinsame Lösung für alle gefunden werden.

Dokumentation zeigt beeindruckende Bilder

Ein Leitfaden durch die vergangenen Jahre ist die projektweise Arbeit an einzelnen Psalmen, den Tehillim. Das gibt dem interreligiösen Dialog ein gemeinsames und vielschichtiges Fundament und bietet Anknüpfungspunkte für intensive Gespräche über die Texte, aus denen für jedes Konzert ein umfangreiches Programmheft hervorgeht. Eine unerschöpfliche Quelle der chorischen Arbeit sind die vielzähligen Vertonungen aus christlicher und jüdischer Tradition.

Erfindungsreichtum wird benötigt

 Mehr Erfindungsreichtum erfordert die inhaltliche und musikalische Verbindung mit der dritten der abrahamitischen Religionen, dem Islam. Hier ist man dazu übergegangen, Koransuren den Psalmenversen vergleichend gegenüberzustellen und die musikalische Umsetzung durch Auftragskompositionen einzuholen. Für Psalm 46 vertonte der syrische Musiker und Komponist Samir Mansour einen Hadith – einen Spruch aus der Überlieferung Mohammeds. Das – so betont er im Film – sei keineswegs üblich. Offenkundig aber ist es auch kein unüberwindbares Hindernis: Wo es keine Verbindungslinien gibt, können sie geschaffen werden. Nach und nach den je eigenen Variantenreichtum der verschiedenen musikalischen Traditionen zu entdecken und sich in fremde Klang- und Gedankenwelten einzuleben – auch das verbindet.

Ein besonderes Zusammenspiel

Der Chor – das ist nicht nur gemeinsam singen – der Chor ist ein Lern- und Erfahrungsraum. Das gemeinsame Singen nährt sich – inhaltlich wie musikalisch – aus jahrhundertelangen Traditionen, es nimmt sie auf und bringt sie in Bewegung. Teil dieses Prozesses zu sein, an dem jeder einen Anteil hat, der jedoch jeden Einzelnen zugleich übersteigt – gerade dieses Zusammenspiel ist es wohl, das zuweilen auch überzeugten Atheisten eine Ahnung religiöser Gemeinschaft vermittelt, wie eine Sängerin vor der Kamera sagt. Ernsthaftigkeit, Intensität, Ausdauer – »ein liebevolles Dabeibleiben« – das zeichne den IRCF aus, so der Regisseur im Gespräch mit Martin Vorländer von der Evangelischen Sonntags-Zeitung bei der Filmpremiere. Nichts mache sich von selbst. Umso faszinierender war es mitzuerleben, wie nach und nach etwas Gestalt annehme. Die Chorarbeit – das sei gelebte Toleranz: Wahrnehmung und Wahrung der Belange des anderen. Wie ansteckend das für andere ist, sei beim Konzert im November zu erleben gewesen.Von Silke Kirch

Die DVD »Der ‧interreligiöse Chor Frankfurt am Main – Psalm 46« kann für 15 Euro plus Porto per E-Mail bestellt werden: info@ircf-frankfurt.de.

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