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Jugenheimer Martinskirchengespräch

Steuervorteile für Freiwillige

Hilke WiegersRandolf Stich (von links), Uli Röhm und Claudia Pinl sprechen darüber, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen Ehrenamtliche benötigen.

JUGENHEIM. Zwischen bürgerlichem Engagement, ohne das es nicht geht, und der Ausnutzung von freiwilligen Helfern verläuft irgendwo eine Grenze. Die Frage ist, was man tun kann, um die Rahmenbedingungen für Ehrenamtliche zu verbessern.

Ja«, stellte die Jugenheimer Pfarrerin Sarah Kirchhoff zu Beginn gleich einmal klar, »wir sind auf das Ehrenamt angewiesen, gerade bei uns in der Kirche.« Anschließend stellte sie gleich die brisante Frage, die bei diesem Thema stets mitschwingt: »Werden Menschen im Ehrenamt nicht auch ausgenutzt?« Denn das war diesmal das Thema des Martinskirchengesprächs in Jugenheim: »Freiwillig zu Diensten? Ehrenamt – Lückenbüßer für den Staat?«

Nicht nur die evangelische, auch die katholische Kirche und die Gesellschaft insgesamt ist auf ehrenamtliches Engagement angewiesen. Aber zwischen dem Angewiesensein und dem Ausnutzen und Übertragen eigener Aufgaben verläuft irgendwo eine Grenze. Randolf Stich (SPD), Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Ministerium des Innern und für Sport, sowie die Publizistin und Politikwissenschaftlerin Claudia Pinl loteten aus, wo genau diese Grenze verlaufen könnte. Pinl hat vor fünf Jahren über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit ein Buch verfasst.

Ehrenamtliche fehlen oder sind oft nicht verfügbar

Moderator Uli Röhm fragte zunächst einige anwesende Ehrenamtliche, wie sie selbst ihre Situation einschätzten: den Feuerwehr-Zugführer Harald Luff, Hildegund Heucher von der Jugenheimer Flüchtlingsinitiative »Willkommen im Dorf« oder die Erste Vorsitzende des Jugenheimer Sportvereins, Claudia Simmet. Die Freiwillige Feuerwehr Jugenheims hat an Werktagen tagsüber Probleme, genug Einsatzkräfte zusammenzubringen, wenn ein Alarm eingeht. Denn zu diesen Zeiten arbeiten die ehrenamtlichen Feuerwehrleute, und sie arbeiten in der Regel nicht in Jugenheim, sondern in den Städten. Ein Problem, das viele Feuerwehren auf dem Land haben. Der Jugenheimer Sportverein wiederum hatte vor zwei Jahren Probleme, einen Vorstand zu finden. Es meldeten sich nicht genug Freiwillige. Eine Flugblattaktion schuf damals schließlich Abhilfe.

Mehr Chancen auf Stipendien für Ehrenamtliche?

Pinl kritisierte, der Staat instrumentalisiere Ehrenamtliche, um »Löcher im sozialen Netz zu stopfen«. Stich hingegen machte geltend, dass es nicht immer sinnvoll sei, Ehren- durch Hauptamtliche zu ersetzen.

Besucher der Podiumsdiskussion regten an, für Ehrenamtliche sollten die Kosten für Fortbildungen, die sie für ihr freiwilliges Engagement benötigten, steuerlich absetzbar sein. Sie führten das US-amerikanische System als gutes Beispiel an, um die jüngere Generation stärker für das Ehrenamt zu interessieren. In den USA nämlich können sich junge Freiwillige sogenannte »credit points« gutschreiben lassen, mit denen sie bessere Chancen auf ein Studienstipendium haben. Und – recht provokant – kam aus den Reihen der Besucher die Frage, ob Ehrenamt nicht nur etwas für Reiche sei, die ausreichend Zeit erübrigen könnten.

Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden

Staatssekretär Stich räumte ein, dass insgesamt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel längere Arbeitswege, für das Ehrenamt schwieriger geworden seien. Aber das sei keine Frage der gesellschaftlichen Stellung, sondern eine Frage von geänderten Arbeits- und Lebensbedingungen.

Gefragt, ob das Ehrenamt nicht den politischen Druck zur Veränderung entschärfe, stellte die Journalistin Pinl fest, dass seit etwa drei Jahrzehnten ein Umdenken stattfinde, wonach Ehrenamtliche den Staat in sehr vielen Bereichen entlasteten, zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe oder Bildung. »Das kann man nicht auf Ehrenamtliche abwälze«, kritisierte sie und appellierte: »Schaut euch an, was ihr für ein Ehrenamt macht, und wenn ihr feststellt, dass ihr soziale Lücken stopft, verknüpft das Ehrenamt mit politischen Forderungen.«

Von Hilke Wiegers

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