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Wiederaufbau Goetheturm

Turmbau mit Zaungästen

epd / Thomas Rohnke

Hunderte von Frankfurtern zieht es in diesen Wochen hinaus in den Süden - zum Wiederaufbau des Goetheturms. Das hölzerne Wahrzeichen liegt zwar abseits von Touristenpfaden - für viele Einheimische ist er aber Mittelpunkt ihrer Erinnerungen.

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Frankfurt a.M. "Der Turm war einfach immer da. Ein Fixpunkt für Frankfurt." Damit bringt Adriana Styk auf den Punkt, was der 1931 errichtete hölzerne Goetheturm für die Frankfurter bedeutete: Ein Ort, der einfach dazugehört, voller Erinnerungen an Ausflüge mit den Eltern, Sommernachmittage auf dem benachbarten Waldspielplatz, jugendliche Treffen am Abend, Grillen im Familienkreis, Weihnachtsmarkt, Apfelwein in der Gartenwirtschaft - und natürlich das kostenlose Erklimmen der rund 200 Stufen, das mit einer wunderbaren Aussicht über Frankfurt und Umgebung belohnt wurde.

Wiederaufbau hat endlich begonnen

Die 53-Jährige steht an diesem sonnigen Julinachmittag an einem Drahtzaun auf dem Sachsenhäuser Berg im Süden der Stadt und schaut zu, wie der Nachfolger des abgebrannten Frankfurter Wahrzeichens aufgebaut wird. Und ist damit nicht allein: Viele Kinder, Frauen und Männer beobachten die Zimmerleute, sie fotografieren, staunen, diskutieren, fachsimpeln.

In Windeseile hat sich in der Stadt herumgesprochen, dass der Aufbau endlich begonnen hat. Vor fast drei Jahren, in der Nacht zum 12. Oktober  2017, brannte der 43 Meter hohe Holzturm ab. "Wie eine Fackel", heißt es, die Feuerwehr konnte ihn nicht retten. Ein Aufschrei ging durch die Stadt. "Ein Stich in die Frankfurter Seele", wie es Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ausdrückte.

Ganze Familien haben geweint

"Die ganze Familie hat geweint", sagt Ingeborg Starke (87), die mit ihrer Tochter gekommen ist. Es sei ja auch "so mutwillig" gewesen. Denn kein Blitz, sondern Brandstiftung vernichtete den Turm nach 86 Jahren. Wer es war, weiß man bis heute nicht.

Sofort war klar, dass der Turm wieder aufgebaut werden soll. Spenden wurden gesammelt, Tassen und Mousepads mit Turm-Emblem verkauft, Kunstwerke aus den Resten hergestellt. Und schnell wurde deutlich: Der neue Goetheturm soll aussehen wie der alte. 43 Meter hoch, eine Holzkonstruktion mit den charakteristischen Rundstützen sowie diagonalen und horizontalen Querstreben, eine überdachte Aussichtsplattform, die über einen Treppenaufgang mit rund 200 Stufen zu erreichen ist.

Ab Oktober wieder zugänglich

Daran arbeiten derzeit die Zimmerleute der Holzbaufirma Amann aus dem baden-württembergischen Weilheim, sie fügen die teilweise vormontierten Bauteile aus Edelkastanie, Eichenholz und Stahl zu vier mächtigen Elementen zusammen. 2,4 Millionen Euro koste das Vorhaben, teilt die Stadt mit: Rund 2,1 Millionen für den Turm trage die Versicherung, rund 200.000 Euro Spenden würden für das Umfeld verwendet. Dazu gehöre auch ein Zaun rund um den Turm, der ab Oktober wieder - weiterhin kostenlos - zugänglich sein soll.

Der erste Teil steht bereits auf dem Betonfundament, die anderen wollen die Fachleute zum Abschluss mit einem Autokran übereinanderstapeln. Das alles unter den Augen der neugierigen Zaungäste. Man fühle sich schon "ziemlich beobachtet", ein solches Interesse seien sie von anderen Baustellen nicht gewohnt, sagt Projektleiter Benedikt Max.

Teeröl wirkte wie ein Brandbeschleuniger

Einen Unterschied gibt es. Der neue Turm wird hell sein, mit der Verwitterung grau werden. Doch die Frankfurter kennen ihren Goetheturm dunkelbraun: 1931 war er mit Teeröl imprägniert worden, das 2017 wie ein Brandbeschleuniger wirkte.

Zu verdanken hat die Stadt ihren Turm dem Kaufmann Gustav Gerst. 28.000 Reichsmark hatte der Kommerzienrat, damals anonym, gespendet. Gerst, Leiter des Kaufhausunternehmens H. & C. Tietz und dessen Frankfurter Filiale, hatte nicht viel von dem Turm: Als Jude wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und seines Vermögens beraubt. Mitte der 1930er Jahre floh er mit seiner Familie in die USA und starb dort Ende der 1940er Jahre.

Schon 1867 wurde ein Turm an gleicher Stelle errichtet

Errichtet wurde der Goetheturm rechtzeitig vor dem 100. Todestag des Frankfurter Dichters im Jahr 1932. Lange hatten sich Frankfurter Bürger einen neuen Turm gewünscht. Denn schon 1867 war an der "Goetheruh", wo der Dichter gerastet haben soll, ein 22 Meter hoher Holzturm gebaut worden, der aber wegen Baufälligkeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg abgerissen wurde, heißt es in einer alten Broschüre des Forstamtes.

Der neue Goetheturm hingegen überdauerte mit einigen Reparaturen und einer mehrjährigen, 530.000 teuren Sanierung die Jahrzehnte. "Früher sind wir nicht nach Mallorca, sondern hierher gefahren", sagt Siegfried Erwerth (61), der extra mit seinem 44 Jahre alten Moped gekommen ist. Eine 32-Jährige blickt mit Vater und Neffe durch den Drahtzaun. Die Freude über den neuen, alten Turm setzt Kräfte frei: Sie habe sich fest vorgenommen, ihn zu erklimmen - trotz ihrer Höhenangst. Von Wiebke Rannenberg (epd)

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