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»Beratung« am Gehsteig

Üble Ideologie hinter Anti-Abtreibungsmahnwachen

Foto: epd/Christian Ditsch Selbsternannte Lebensschützer demonstrieren für ein totales Abtreibungsverbot regelmäßig vor Praxen und Kliniken in ganz Deutschland.

GIESSEN. Immer wieder halten selbst ernannte Lebensschützer Mahnwachen vor Schwangeren-Beratungsstellen, Kliniken und Ärzten ab, die Abbrüche vornehmen. Nicht alle sind harmlos, berichtete der Journalist Danijel Majic. Er hat Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen gefunden.

Sie halten Mahnwachen vor Schwangerschaftsberatungsstellen und Abtreibungskliniken ab. Doch sind diese Aktionen sogenannter Lebensschützer nach Recherchen des Journalisten Danijel Majic nicht immer »harmlose Demonstrationen«. Teilweise gebe es Verbindungen in die rechtsextremistische Szene, sagte Majic auf einer Veranstaltung des Dekanats Gießen. Die »Pro Life«-Bewegung sei allerdings eine »vielfältige Bewegung«.

Seit 2016 belagerten Abtreibungsgegner der Bewegung »40 Tage für das Leben« zwei Mal im Jahr Beratungsstellen in Frankfurt, München, teilweise in Wiesbaden und Pforzheim, berichtete Majic, der bis Juni für die »Frankfurter Rundschau« arbeitete und seitdem als freier Journalist unter anderem für den Hessischen Rundfunk tätig ist. Die Demonstranten hielten ihre Mahnwachen ab, »sie singen, beten und halten Plakate hoch«. »40 Days for Life« sei 2004 in Texas entstanden.

Über Kroatien nach Deutschland

Im Jahr 2014 bildete sich Majic zufolge ein Ableger in Kroatien, den die katholische Kirche offen unterstützte. Über Kroatien gelangte die Organisation nach Deutschland. Als deutscher Mitgründer trat laut Majic ein aus Kroatien stammender Hooligan auf, der Mitglied und Funktionär einer rechtsextremistischen Partei war. 2017 habe »40 Tage für das Leben« erstmals eine Mahnwache in Frankfurt abgehalten. Mitgründer des Frankfurter Ablegers sei ein umtriebiger Rechtsanwalt aus Frankfurt. Die Organisation zeige mittlerweile auch in den sozialen Netzwerken starke Präsenz.

Europaweit existiere außerdem unter dem Namen »Agenda Europe« ein »klandestines Netzwerk« mit 150 Einzelpersonen und 50 Organisationen aus dem ultrakonservativen Lager. Dessen Gegner seien Feministinnen, Befürworter von Sterbehilfe, Atheisten und Homosexuelle. Die Ziele unter anderem: »weitestgehende Abtreibungsverbote« sowie die Abschaffung von Gesetzen, die etwa Scheidungen oder den Verkauf von Verhütungsmitteln erlauben.

Die Zahl der militanten Aktionen hat zugenommen

»Für das Leben einzutreten ist ein großartiges Ziel«, sagte Pfarrerin Angelika Maschke vom Vorstand des Dekanatsfrauenausschusses im Dekanat Gießen, der zu der Veranstaltung eingeladen hatte. Aber die »Pro Life«-Bewegung stehe dafür, dass Frauen nicht abtreiben dürften. Weltweit gebe es jährlich 55,7 Millionen Schwangerschaftsabbrüche, bei denen 47 000 Frauen sterben. Die Bewegung habe an verschiedenen Stellen Kontakt zu evangelikalen, aber auch rechtsextremistischen Kreisen. Zurzeit arbeite sie daran, »sich ein humanes Gesicht zu geben«.

Entstanden seien die »Pro Life«-Bewegung in den 1960er Jahren in den USA, berichtete die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz, die von 2004 bis 2010 Bundesvorsitzende von pro familia war. Später kam die »Army of God« hinzu; in den 1990er Jahren militarisierte sich die Bewegung, ermordete Abtreibungsärzte und verübte Anschläge auf Abtreibungskliniken. In Deutschland gibt es Notz zufolge 60 Lebensschutz-Vereine. Sie unterhielten eigene Beratungsstellen. Außerdem existierten Vereinigungen wie »Ärzte für das Leben« oder »Christdemokraten für das Leben«.

In den vergangenen Jahren hätten die militanten Aktionen an Zahl zugenommen. Gefordert werde etwa ein Verbot von Abtreibungen nach Vergewaltigungen. Abbruch werde als »Mord im Mutterleib« deklariert, Kliniken als »Tötungszentren« bezeichnet. Vor Arztpraxen tauchten »Gehsteig-Berater« auf, was Notz »Psychoterror« nannte. Die Abtreibungsgegner beriefen sich dabei auf das biblische Gebot: »Du sollst nicht töten.« Ihr Einfluss reiche »weit in die Amtskirchen hinein«. »Die Lebensschützer haben durch die AfD ein weiteres Sprachrohr in den Parlamenten«, sagte Notz.

Stefanie Walter

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