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100 Jahre Frauenwahlrecht

Und jetzt wird gefeiert oder nicht?

picture alliance / Archiv

Frankfurt. In diesem Jahr feiern Frauen in Deutschland »100 Jahre Frauenwahlrecht«. Doch nach wie vor sind Frauen in der Politik unterrepräsentiert.

Dass Frauen endlich 1918 an der Wahlurne mitentscheiden durften, ist doch Grund genug, guter Stimmung zu sein und das Erkämpfte zu feiern. Oder etwa nicht? Bei Bloggerin Antje Schrupp mag nicht so recht Feierlaune aufkommen. Die Redakteurin des »Evangelischen Frankfurt« ist skeptisch, weil das Feiern davon ablenke, dass es den Frauen, der Frauenbewegung und dem Feminismus um mehr gegangen sei als nur das Frauenwahlrecht. Immer wieder bekämen westliche Frauen gesagt, seid dankbar für all das was ihr habt im Vergleich zu all den anderen Frauen in der Welt. Immer wieder bekämen Frauen vermittelt, zeigt euch erkenntlich, ihr dürft doch mitmachen. Dabei stünden wichtige Fragen im Raum über die geredet werden müsse. »Wieso hatte die ›Demokratie‹ eigentlich so lange kein Problem damit, die Hälfte der Bevölkerung vom Wahlrecht auszuschließen?« Statt rückwärtsgewandt zu feiern, rät Schrupp dringend dazu, die Fehler im System zu suchen und darüber zu diskutieren, wie sie gelöst werden können.

Die Demokratie neu denken

»Die ursprüngliche Idee war ja, alle Frauen auszuschließen. Dann wurde die politische Struktur ein wenig repariert und damit ist das Problem gelöst«, sagt Schrupp ironisch und fügt an: »Doch so einfach ist das nicht mit einem System, das so lange vergessen hat Frauen und damit die Hälfte der Bevölkerung einzubinden.« Es führe kein anderer Weg daran vorbei, die Demokratie neu zu denken.

Der weiße Durchschnittsmann

Wie mehr Frauen an der Politik beteiligt werden können, darüber wird diskutiert. Schrupp ist sich sicher, dass die Demokratie nicht mit Differenzen umgehen kann, also mit all jenen, die nicht dem Bild des weißen Durchschnittsmannes entsprechen. Von einer Frauenquote hält sie wenig. »Wir müssen überlegen, wie können wir Frauen, ins System bringen, die was anders machen wollen, die gut vernetzt sind«, sagt sie. Und da seien manchmal zwei Frauen mit Veränderungswillen besser als 50 Frauen, die sich nur anpassen. Nord-Nassaus Pröpstin Annegret Puttkammer betont, sie ermuntere Frauen sich in Kirche und Politik in Leitungsfunktionen einzubringen: »Ich sage ihnen immer wieder, wenn ihr nicht für Eure Rechte einsteht, tut es keiner.« Nicht nur in der Politik, auch in der Kirche, speziell in der Mittleren Ebene seien Frauen unterrepräsentiert. So gebe es bundesweit kaum Bewerbungen auf Dekanestellen. »Frauen sind zu oft in Sorge, den Anforderungen nicht gerecht zu werden«, sagt Puttkammer. Deshalb sei es wichtig, Frauen zu stärken. Und ganz praktisch, beispielsweise Podien bei Veranstaltungen mit Frauen wie Männern gleichermaßen zu besetzen.

Erkämpftes wird wieder eingefangen

Für Puttkammer ist das Jubiläum ein Grund zu feiern, aber gleichzeitig richtet sie ihren Blick nach vorn. »Denn immer noch müssen Frauen ihre Rechte weiter und weiter erstreiten. Wir erleben ja gerade, wie schnell es geht, dass bereits Erkämpftes wieder eingefangen wird«, so die Pröpstin. Sie frage sich, wie geht eine Gesellschaft mit Minderheiten um, wenn in ihr schon die Hälfte der Bevölkerung, nicht das bekommt, was ihr zustehe?

Die Männer, denken dieses Thema betrifft sie nicht

Deutliche Kritik an der fehlenden Chancengleichheit von Frauen in der Politik übt auch seit Jahren Silke Ruth Laskowski. Schuld daran sei vor allem das Parteiensystem. »Es ist bekannt, dass die Parteien fest in männlicher Hand sind, vor allem die alten Parteien. Da werden dann auch nur die aufgestellt (bei Wahlen, Anmerkung der Redaktion), die die besten Kontakte haben. Und das sind meist Männerbündeleien«, so die Kasseler Professorin für Wirtschaftsrecht. Gerade einmal 30 Prozent der Abgeordneten im Deutschen Bundestag sind Frauen. Von 692 beamteten Staatssekretären seit 1949 sind drei Prozent Frauen. Gerade mal jedes zehnte Rathaus hat eine Frau im Chefinnensessel sitzen.

Besonders auf kommunaler Ebene seien die Strukturen stark männlich dominiert. Ein Beispiel: Die meisten Sitzungen finden abends statt, wenn die Kinderbetreuung anstehe. »Diese Strukturen ändern sich, je mehr Frauen sich in politischen Gremien bewegen«, so Laskowski. Doch dies sei anstrengend, erfordere Zeit und viel Engagement. Deshalb fordert sie eine paritätische Regelung: Die Kandidatenlisten aller Parteien sollen zur Hälfte mit Männern und zur Hälfte mit Frauen besetzt werden.

Männer, feiert mit!

Gleich welche Maßnahme dazu führt, dass mehr Frauen Politik machen zuallererst wünscht sich nicht nur Antje Schrupp eins: Nämlich, dass nicht nur Frauen sich an die Errungenschaften der Frauenbewegung erinnern und das Jubiläum »100 Jahre Frauenwahlrecht« feiern: »Die Männer, denken dieses Thema betrifft sie nicht. Doch das ist falsch.«

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