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Ethik in der Tierhaltung

Vorwürfe sind nicht angebracht

GIMBSHEIM. Der erste Segen Gottes galt den Tieren, steht in der Bibel. Christina Jammers fragt sich, was daraus und aus philosophischen Ansätzen für unsere Haltung von Nutztieren folgt. Eindeutige Antworten zu finden, ist hier gar nicht leicht.

Nils SandrisserChristina Jammers fragt sich, was eigentlich Haus- von Nutztieren unterscheidet. Fotos: esz/Scott Bauer, Nils Sandrisser

W er hat eigentlich bestimmt, dass wir Hunde liebhaben und Schweine essen? Die Frage macht ein bisschen ratlos. Erst recht im Falle der Kaninchen, wenn ein und dieselbe Spezies mal auf dem Schoß von Kindern und mal auf dem Teller landet. »Ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Haus- und einem Nutztier?«, sagt Christina Jammers. »Beide fühlen doch genauso.«

Jammers ist Gemeindepfarrerin im rheinhessischen Gimbsheim. Drei Monate lang, zwischen Mai und Juli, hat sie sich in einer Studienzeit mit diesem Thema beschäftigt. Hat, unterstützt von ihrer Mentorin Maren Heincke aus dem Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), theologische und philosophische Schriften zum Thema Tierethik gewälzt, mit dem örtlichen Metzger da rüber gespro chen, mit einem Hühnerhofbetreiber oder einem Bio-Bauern. »Zurück zum Sonntagsbraten? – Nutztierhaltung aus schöpfungstheologischer, philosophischer und gemeindepraktischer Perspektive und die daraus resultierenden Konsequenzen für individuelles Konsumenten/innen-Verhalten und kirchliches Handeln« heißt die Arbeit, die sie über ihre Erkenntnisse verfasst hat.

Nichts vorgeben, sondern zum Gespräch anregen

Wobei das mit den Erkenntnissen so eine Sache ist. In vielen Dingen, das gibt Jammers zu, sei sie sich ihrer Position selbst noch nicht so ganz sicher. Zwar ist sie Vegetarierin. »Ich nehme aber ja auch Medikamente, wenn ich krank bin«, sagt sie – selbstverständlich weiß sie dann, dass diese Arzneien in Tierversuchen getestet worden sind. Sie wolle sich ja auch nicht hinstellen und vorgeben, wie das jetzt mit der Tierhaltung bitteschön zu laufen habe, sondern einen Gesprächsprozess anregen, erklärt die Pfarrerin.

Der sei dringend notwendig, das hätten ihr auch ihre Gesprächspartner gesagt, berichtet Jammers. Metzger oder Landwirte machten vor allem drei problematische Entwicklungen in der Gesellschaft aus: Erstens sei ein Bezug dazu, woher Lebensmittel eigentlich kommen, bei vielen Menschen nicht mehr da. Zweitens gebe es die Erwartung, dass von allem stets eine Überfülle vorhanden sein müsse, die aber – drittens – möglichst wenig kosten solle.

Fürsorgepflicht des Menschen für die Tiere

»Die Bibel sagt deutlich, dass das Tier als Mitgeschöpf zu sehen sei«, stellt Jammers klar. Der erste Segen Gottes habe schließlich den Tieren gegolten. Wobei es ihr nicht darum gehe, das Tier auf eine Ebene oder gar über den Menschen zu stellen. »Aber der Mensch hat eine Fürsorgepflicht«, sagt die Theologin.

Kein leichtes Themenfeld. Hat man auf eine Frage eine Antwort gefunden, tut sich prompt das nächste Dilemma auf. Selbst wenn man für sich endlich mal raus hätte, wie Tiere Gottes Willen entsprechend zu behandeln seien, kollidiert man unweigerlich mit den Vorstellungen anderer Religionen. Beim Thema Schächten in Judentum und Islam, sagt Jammers, müsse sie ziemlich schlucken. Für sie gehöre es zur christlichen Verantwortung, das Thema im interreligiösen Dialog anzusprechen. Nicht dass sie glauben würde, dass Juden und Muslime fortan das Schächten sein lassen würden, dafür ist es für deren Religionen viel zu zentral. Aber ein bisschen »christlicher Optimismus« dürfe doch schon sein, sagt Jammers und lacht dabei.

Verbraucher sollen nicht allein verantwortlich sein

Nächstes Problem: Wer soll für tiergerechte Haltung bezahlen? Schließlich folgen Landwirte ja nicht einer Lust am Quälen, sondern müssen am Markt bestehen. Und viele Menschen kaufen Billigfleisch nicht aus Geiz, sondern weil sie jeden Euro umdrehen müssen. »Ich finde es falsch, dass man die Alleinverantwortung den Verbrauchern aufdrückt«, sagt Jammers dazu. Eine Umstellung der Subventionen für die Landwirtschaft – für Leistungen im Umwelt- und Tierschutz anstatt für die bewirtschaftete Fläche – könne hier vielleicht helfen, glaubt sie.

Besonders wichtig sei ihr, dass der Diskurs um Tierhaltung »nichtkonfrontativ« ist: »Es muss immer klar sein, dass die Haltung und der Wert des Gegenübers nicht dasselbe ist.« Vorwürfe an Bauern oder Metzger seien also unangebracht – genau wie es keinen persönlichen Angriff darstellt, wenn man keine Wurst isst. Denn, so habe sie beobachtet, das komme oft so an, als stelle man sich außerhalb der fleischessenden Gesellschaft.

Von Nils Sandrisser

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