Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Menschen ohne Krankenversicherung

»Was heißt Herzinfarkt auf Rumänisch?«

Foto: epd/Heike LydingEine junge Frau im weißen Kittel untersucht einen Patienten.In der »Studentischen Poliklinik« erhalten Menschen medizinische Versorgung, die sonst unerreichbar für sie wäre.

FRANKFURT. In der »Studentischen Poliklinik« in Frankfurt können angehende Ärzte praktische Erfahrungen sammeln und Menschen ohne Krankenversicherung erhalten medizinische Beratung. Die meisten sind dankbar, es gibt aber auch Probleme.

Ist die Creme gut?», fragt Petra Tiarks-Jungk den Patienten und hält ihren Daumen nach oben. »Si, si«, antwortet der junge Mann und macht eine beschwichtigende Handbewegung. Er spricht Italienisch, kann kein Deutsch. «Das mit der Sprache ist schon schwierig», sagt die Medizinerin, die seit dem Start der »StuPoli« im Sommer 2014 dabei ist.
Erste Station für kranke Menschen
»StuPoli« steht für »Studentische Poliklinik«: Jeden Dienstag und Mittwoch können Menschen ohne Krankenversicherung in die kostenlose Sprechstunde von Medizinstudenten in die Räume des Gesundheitsamtes in Frankfurt kommen. Sie soll nur eine erste Station für die Erkrankten sein, das Team vermittelt sie weiter an Fachärzte. Im Schnitt nutzen pro Sprechstunde zwischen drei und sechs Patienten das Angebot der Goethe-Universität. Ein vergleichbares Projekt gibt es bisher nur in Ulm.
Hohe Dunkelziffer von Menschen ohne Krankenversicherung
Laut Statistischem Bundesamt sind zurzeit mehr als 137.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. »Am Anfang gab es nur dienstags eine Sprechstunde, das hat nicht gereicht«, erzählt Kelly Hoffmann, die heute als »Clinical Manager« für die Organisation der Sprechstunde zuständig ist. Die 22-Jährige studiert im siebten Semester Medizin und ist seit drei Jahren freiwillig bei der »StuPoli« dabei. Das Projekt gilt als Lehrveranstaltung, die Studenten können sich die Stunden als Punkte anrechnen lassen. Das war bei Kelly aber nicht die Hauptmotivation. »Ich wollte praktische Erfahrungen sammeln, meinen Horizont erweitern«, erzählt sie.
Frankfurter Gesundheitsamt hilft weiter
In den meisten Fällen kommen die Patienten mit Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erkältung oder Bluthochdruck. Auch viele Schwangere suchen die »StuPoli« auf. Meistens seien es rumänische Frauen, darunter auch Minderjährige, sagt Kelly. In diesen Fällen verweisen die Studenten in der Regel auf ein Programm des Frankfurter Gesundheitsamtes, das Schwangeren eine Geburt für 600 Euro ermöglicht, weniger als die Hälfte des üblichen Preises.
Uni und Spenden finanzieren das Projekt
Die »StuPoli« arbeitet mit fünf Hausärzten, einer Gynäkologin und verschiedenen Krankenhäusern aus der Umgebung zusammen. Finanziert wird das Projekt durch Spenden und von der Uni. Im Frühjahr 2017 hat die »StuPoli« den mit 60.000 Euro dotierten Hessischen Hochschulpreis erhalten. Dieses Geld fließe ebenfalls in das Projekt, erklärt Lukas Seifert, Leiter der »StuPoli«.
Alte Medikamentenpackungen in der Plastiktüte
»Wir sind heute spärlich besetzt«, sagt Kelly mit Blick auf ihre zwei Kommilitonen, als der nächste Patient das Anmelde-Zimmer betritt. Normalerweise sind die Studenten zu viert oder fünft. In einer zerknüllten Plastiktüte hat der Mann aus Rumänien alte Packungen seiner Medikamente mitgebracht, unter anderem Beta-Blocker. »Was heißt Herzinfarkt auf Rumänisch?«, fragt Kelly die Sozialarbeiterin Ramona Brinkmann, die seit Juni im Team ist und fließend Rumänisch spricht. Oft bräuchten die Patienten auch seelische Unterstützung, erklärt Brinkmann.
Manche Patienten sind umgänglich, andere nicht
Der Mittfünfziger hatte einen Herzinfarkt, nun braucht er neue Tabletten. Als EU-Bürger hat er zwar ein Aufenthaltsrecht im Land, ist aber ohne festes Einkommen nicht versichert. Der Mann faltet seine Hände und sagt etwas in seiner Muttersprache. »Er meint, er möchte keine Umstände machen«, übersetzt Brinkmann.
So umgänglich sind nicht alle Patienten, erzählt Tiarks-Jungk. »Einige kommen hier rein, setzen sich hin und sagen: Rumänisch? Bulgarisch? Die verlangen das einfach.« Die Sprache sei aber nicht die einzige Herausforderung für das »StuPoli«-Team. Die Verständigung funktioniere meistens mit Händen und Füßen.

Carina Dobra/epd

Diese Seite:Download PDFDrucken

Ihre Ansprechpartnerin

Renate Haller (rh)
Chefin vom Dienst

Tel.: 069 / 92107-444
E-Mail

to top