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Andacht

Geliebter Feind

Den Gegner Gutes wünschen fängt manchmal bei einem selbst an

Inkout/iStockSchwarz und weiß in einer Schachfigur. Der Gegenspieler in mir selbst.

privatChristiane Hoffmann ist Pfarrerin in Frankfurt-Oberrad.

Haben Sie Feinde?«, fragt die Kommissarin im Sonntagabend-Krimi den Mann, der nur knapp einem Mordanschlag entgangen ist. Was würde ich sagen: Habe ich Feinde? Gibt es in meinem Leben Menschen, die mir schaden wollen? Ich denke nach. Ich würde wahrscheinlich antworten wie der Mann im Krimi: »Eigentlich nicht. Na ja, vielleicht eine, die neidisch war, oder jemand von früher, den ich nicht kenne. Wer kann das schon wissen.« Keine Antwort, die bei der Aufklärung des Falls weiterhelfen würde. Selbst wenn ich systematisch mein Adressbuch oder das E-Mail-Verzeichnis durchgehen würde: Ich finde viele Namen. Aber Feinde und Feindinnen? Fehlanzeige. Ich atme auf und überlasse die Kommissarin ihren Ermittlungen.

Bei weiterem Nachdenken taucht dann eine neue Frage bei mir auf: Kann es sein, dass ich keine Feinde habe, weil ich keine Angriffspunkte biete? Gehe ich Konflikten lieber aus dem Weg und halte um des lieben Friedens willen mit meiner Meinung hinterm Berg? Weil ich nett sein will und meine Angst anzuecken mit Verständnis tarne? Darum streite ich mich lieber nicht. Kann es sein, dass meine Feindinnen in mir selbst wohnen? Bequemlichkeit, Unentschlossenheit, Müdigkeit, Feigheit. Ich kenne sogar ihre Namen. So wie im Sonntagabend-Krimi manchmal am Ende herauskommt, dass der Feind im eigenen Haus gelebt hat.

Jemand hat einmal zu mir gesagt: »Früher warst du netter.« Das war in einer Zeit des Umbruchs. Ich hatte viel zu lernen, zu verstehen und zu verdauen. Da habe ich nicht immer alles so hingenommen, wie es ist. Ich habe aufgemuckt, nachgefragt, nachgehakt. Ich war angriffslustig. Darunter hat meine Nettigkeit offenbar gelitten. Zumindest hat dieser Mensch das so empfunden. Mein Feind ist er deswegen nicht geworden. Aber ich bin auch nicht mit einem »Tut mir leid« zurückgerudert. Nur gemocht zu werden, wenn ich nett bin – das war mir zu wenig.

Die inneren Feinde als Dauergäste mischen sich mal mehr und mal weniger ein. Manchmal liegen sie sogar nicht falsch. Die Feigheit zum Beispiel kann auch Vorsicht heißen und mir sagen: »Überleg’ es dir noch mal. Ist das die Sache wert? Willst du wirklich so ein Risiko eingehen?« Aber ich erlebe auch, dass diese Stimme mich lähmen kann. Dann tue ich den Mund nicht zur richtigen Zeit auf, sondern schweige. Ich greife nicht ein, wo mein Einsatz notwendig wäre.

»Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen, segnet, die euch verfluchen«, hat Jesus gesagt (Lukas 6,27 f). Feinde zu lieben ist paradox. Es wäre nicht das erste Mal, dass Jesus etwas anregt, das im krassen Gegensatz zur sonstigen Erfahrung steht. Könnte ich meine Feinde segnen, meiner Gegnerin Gutes wünschen? Ob das auch mit diesen Feinden in mir selbst geht? Das könnte so aussehen, dass ich mich, so wie damals in der Umbruchsituation, wieder traue nachzufragen: Woher kommt sie, diese Angst anzuecken? Und warum ist sie mir nicht einfach egal?

Für den Krimi am Sonntagabend wäre das nichts, ich weiß. Aber ich probiere es mal aus, dieses Jesus-Wort. Paradoxerweise lieben und segnen.

Von Christiane Hoffmann

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