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Andacht

Sei nicht zu gerecht!

Unfair?

Foto: picture alliance/Westend61Kinder haben ein tiefes Verständnis für das, was sie als gerecht empfinden.

Foto: privat/Christa DaumRaimund Wirth ist Pfarrer in der Paulusgemeinde in Darmstadt.

»Das ist ungerecht! Immer kriegt sie das größere Eis!« Wer mit Kindern zu tun hat, kennt solche Sätze. Kinder haben ein starkes Gerechtigkeitsgefühl. Da werden die Gummibärchen genau gezählt, Eisportionen sorgfältig begutachtet. Wehe, jemand wird bevorzugt! Der Gerechtigkeitssinn bildet sich früh heraus. Schon kleine Kinder finden, dass alle gleich viel bekommen sollen. Das zeigen Experimente über Kulturgrenzen hinweg. Wütend werden sie, wenn sie weniger bekommen als andere. Lieber für alle gar nichts, als selbst benachteiligt zu sein. Unfair behandelt zu werden, verletzt den Stolz.

Das ist auch bei Erwachsenen so. Im Ultimatum-Spiel darf jemand 100 Euro zwischen sich und einem Spielpartner beliebig aufteilen. Akzeptiert der Partner die Aufteilung, bekommen beide den vorgesehenen Betrag. Akzeptiert er nicht, gehen beide leer aus. Mit 50-50 ist man auf der sicheren Seite, dass der Partner annimmt. Wird dem Partner dagegen ein unverschämt geringer Betrag zugewiesen, zehn Euro beispielsweise, ruft das empörte Ablehnung hervor. Der Stolz ist stärker als die marktwirtschaftliche Logik, nach der man man lieber mit zehn Euro nach Hause gehen würde als mit gar nichts.

Gerechtigkeit ist ein emotionales Thema. Das zeigt auch das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das Jesus erzählt. In diesem Gleichnis werden Tagelöhner ungerecht bezahlt. Einige arbeiten zwölf Stunden, andere sechs. Einige werden erst am Abend angeheuert und arbeiten nur eine Stunde. Alle bekommen den gleichen Lohn. Diejenigen, die den ganzen Tag geschuftet haben, fühlen sich benachteiligt. Ihr Stolz ist verletzt. Doch ihr wütender Protest läuft ins Leere. Der Weinbergbesitzer antwortet dem Beschwerdeführer: »Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin?« (Matthäus 20,15)

Das Gleichnis lässt offen, worin genau die Güte solch empörender Ungleichbehandlung liegen mag. Ich stelle mir vor, dass die erst abends Angeheuerten körperlich angeschlagen waren und übrig blieben. Niemand wollte sie beschäftigen. Der Weinbergbesitzer hatte Mitleid mit ihnen. Er war gütig. Das Gleichnis will sagen: Gerechtigkeit kann ohne Güte nicht sein. Güte sieht die Person des Gegenübers und versetzt sich in dessen Bedürfnisse hinein. »Güte ist die Stütze der Gerechtigkeit« – so drückt es ein russisches Sprichwort aus. Die wichtige Fähigkeit, Gerechtigkeit mit Güte zu verbinden, muss mühsam trainiert werden, manchmal gegen den eigenen Stolz.

Viele Konflikte rühren daher, dass Menschen zu wenig voneinander wissen und zu wenig fühlen von dem, was der andere braucht. Wer sich selbst für vollkommen gerecht hält in seinem Handeln, hat nicht verstanden, wie schwierig es sein kann, die Bedürfnisse des anderen zu verstehen. Und rechnet wohl auch für sich selbst nicht damit, gesehen zu werden, sondern eher, sich durchboxen zu müssen. »Sei nicht allzu gerecht und allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest«, rät der Prediger Salomo (Prediger 7,16). Ein weiser Rat, wenn wir ihn als Rat zu Güte und Empathie lesen.

Raimund Wirth

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