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Andacht

Einer trage der anderen Last

Auf dem mühsamen Weg nach oben wird der Rucksack immer schwerer

esz/privatLukas Hille ist Pfarrvikar an der Stiftskirche in Diez an der Lahn.

Lukas? Kannst du meinen Rucksack nehmen?«, fragt der kleine Matthias leise. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich wusste, dass dieser Satz kommt. Er kommt immer. Er bildet den Abschluss einer Inszenierung, die ich auswendig kenne. Sie beginnt mit schlurfenden Schritten, tiefe Seufzer und verzweifelte Blicke nach vorn begleiten sie. Dort entfernt sich gerade langsam der Rest der Gruppe.

Die Frage kommt noch in Sichtweite unseres Zeltplatzes. Wenn mich meine Erfahrung nicht trügt, dann haben wir erst ein Fünftel unseres Weges hinter uns. Wir sind, wie in jedem Sommer, mit unserer Gemeinde im Zeltlager. Wir machen, wie in jedem Sommer, einen Tagesausflug zu Fuß.

Und, wie in jedem Sommer, bilde ich das Schlusslicht des Wandertrupps. Ganz hinten. Da, wo die Rucksäcke besonders schnell schwer werden. Und wo die Überzeugung groß ist, dass der vor uns liegende Weg sowieso eine nicht zu bewältigende Aufgabe ist.

Zugegeben: Für die Kinder, die eher selten wandern, sind die Touren recht anspruchsvoll. Zugegeben: Es ist warm. Es geht den Berg hinauf. Und es ist verdammt anstrengend. Und, zugegeben: Ich habe überhaupt keine Lust, noch einen Rucksack zu tragen.

»Klar, mache ich. Nimmst du dann auch meinen Rucksack?«, frage ich. Ich spiele auf Zeit. Matthias ätzt spöttisch: »Haha. Der ist ja viel schwerer als meiner.« Er schmollt.

»Einer trage der anderen Last«, heißt es in der Bibel. Der Vers spielt mir in die Karten. Und gerecht ist er auch. Natürlich hat der Junge viel zu viel eingepackt. Neben dem obligatorischen Wasser noch eine Flasche Cola, eine ganze Auswahl an Snacks und Spiele für eine ganze Woche. Selbst schuld, könnte ich sagen.
Ich blicke zur Seite. Mutig stemmt Matthias seine Beine in den Boden. Aus dem Schmollen ist Trotz geworden. Der hält nur einige Minuten. Dann wieder ein leidender Blick. »Bitte Lukas … Nimmst du meinen Rucksack?« Ich sehe ihn an. Dann erbarme ich mich. »Okay, pass auf. Ich nehme deine Colaflasche. Und die Kiste mit den Karten. Den Rest trägst du selbst weiter, in Ordnung?«

Matthias strahlt. Er wuchtet die riesige Cola-Flasche, die etwa so groß ist wie sein Oberschenkel, zusammen mit den Karten in meinen Wanderrucksack. Er lächelt mich dankbar an, als sei ich Atlas, der die ganze Welt gut festhält. Dann sprintet er los. Nach einigen Sekunden hat er zur Gruppe aufgeschlossen, als sei er nie müde gewesen. »Dieser kleine Schauspieler …«, denke ich.

Ich lächle. Dann schließe ich auf. »Renn nicht so, Matthias! Sonst bist du gleich wieder platt!«, mahne ich. »Du bist ja da«, sagt er ruhig. Dann gesellt er sich zu ein paar anderen Kindern.

Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Ein drittes Mal muss ich lächeln, diesmal ausgiebig. Meine Beine spüre ich nicht mehr. Ich trage Matthias‘ Colaflasche. Sein Vertrauen trägt mich. Wir tragen einander. Aber das musste ich erst lernen.

Lukas Hille

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Losung und Lehrtext für Samstag, 04. Juli 2020
/Der HERR spricht:/ Ich will mich zu euch wenden und will euch fruchtbar machen und euch mehren und will meinen Bund mit euch halten. 3. Mose 26,9
Auf alle Gottesverheißungen ist in Jesus Christus das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. 2. Korinther 1,20
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