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Corona als Gottesgeißel?

Detlef GüthenkeRolf Wischnath stand von 1995 bis 2004 als Generalsuperintendent an der Spitze des Sprengels Cottbus der heutigen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

In der jüdischen und christlichen Religionsgeschichte waren Seuchen Zeichen dafür, dass in der Lebensart des Volkes Gottes Unerträgliches geschieht. Gott vollziehe deswegen mit einer ansteckenden, todbringenden Krankheit ein Strafgericht über Sünder und Nicht-Sünder. Dafür gibt es ein schönes altes Wort.
Corona – eine Gottesgeißel? Wenn das stimmte, dann wären unaufhörliche, unvergleichlich schlimmere Seuchen auf der südlichen Hälfte der Welt besonders drastische Formen der Gottesgeißel. Die Deutsche Welthungerhilfe verschickte dieser Tage einen Brief mit einer Mitteilung, die viele Menschen wissen und alle wissen könnten: »Etwa alle zehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Über 60 Millionen Kinder in Indien leiden an Mangelernährung.« Und der Jemen? Syrien? Idlib? Die Grenze Türkei / Griechenland? Alles Gottesgeißeln?

Geschieht ein solches Unglück ohne den Willen Gottes?

Jesus sieht es anders. »Meint ihr, dass die achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Siloah stürzte und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen« (Lukas 13,4-5). Jesus knüpft an ein Unglück an. Am Teich Siloah in Jerusalem stürzt ein Turm ein und begräbt 18 Menschen unter sich. Nach dem damaligen Glauben und Verstehen kann das kein Zufall sein. Denn ein solches Unglück kann nicht ohne den Willen Gottes geschehen. Gott bestimmt ja die Todesstunde eines Menschen. Und der gerechte Gott lässt einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Irgendetwas Unverzeihliches müssen die Erschlagenen getan haben.

Gott in Christus quält und tötet nicht

»Meint ihr, dass die achtzehn Menschen schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems?« Mit nur einer Frage entkräftet Jesus das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Es gibt keine Gottesgeißel. Gott in Christus quält und tötet nicht. Und nicht der Mensch soll Gott in Frage stellen. Vielmehr stellt Gott die Fragenden in Frage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.«
Jesus wagt es, die Unterschiede in der Schuldfrage aufzuheben und sündige Verantwortlichkeiten bei den Opfern des Siloha-Unglücks außerachtzulassen. Die quälende Frage, warum der Allmächtige Siloha und Corona und so viel andere Massenerkrankungen und –verletzungen zulässt, werden wir nicht lösen. Sie lässt sich nicht beantworten. Sie ist auch philosophisch und theologisch noch nie gelöst worden.

Rolf Wischnath stand von 1995 bis 2004 als Generalsuperintendent an der Spitze des Sprengels Cottbus der heutigen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. 13 Jahre lang war er auch EKD-Synodaler, gehörte dort nach eigenem Bekunden dem politisch linken Flügel und dem theologisch rechtgläubigen rechten Flügel an.

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