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Bewusst innehalten zum Gebet

Gettyimages/Alexey_RManche Menschen zünden sich eine Kerze an zum Gebet.

Angst und Zuversicht, Wut und Freude: Menschen dürfen mit allen Emotionen vor Gott treten

Wie geht beten? Formuliere ich selbst, bete ich das Vaterunser oder besorge ich mir erst einmal Literatur zum Gebet? Wo konzentriere ich mich auf Gott und wie lange dauert das? Viele Menschen sind im Beten nicht mehr geübt. Dorothea Hillingshäuser, Referentin für Geistliches Leben im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, weiß Rat.
Es gibt kein Richtig oder Falsch«, sagt Dorothea Hillingshäuser. Auch mit kleinen Bitten können sich Menschen an Gott wenden. Selbst das Stoßgebet »Gott, gib mir sofort einen Parkplatz!« hat sein Recht. Wichtig sei, »mit Gott in Beziehung zu treten«, egal ob jemand glücklich oder enttäuscht, wütend oder traurig ist. Kritisch findet die Referentin nur Situationen, in denen anderen »eins übergebügelt wird«, etwa, dass jemand nicht mehr so laut sein soll. »Das ist eine Bitte, die man besser an den Betreffenden richten sollte«, sagt sie.

Ich darf Gott Vorwürfe machen

Es ist auch möglich, mit Emotionen wie Hass, Rachegefühlen und Neid mit Gott in Kontakt zu treten. »Ich darf Gott Vorwürfe machen, ihm alles an den Kopf knallen und um Verwandlung bitten«, erklärt die Theologin. Man könne sich darauf verlassen, dass Gott einen besser kenne, als man es selber tue, und mit der ganzen Palette des eigenen Lebens vor ihn treten.
Naheliegend als christliches Gebet ist das Vaterunser, »ein wunderbar verbindendes Gebet, dass uns von Jesus Christus geschenkt wurde«. Die Worte sind elementar, sie enthalten die Bitte um stärkende Nahrung, wie etwa die Bitte um das tägliche Brot.
Als entlastend empfindet die Seelsorgerin die Worte im Römerbrief (Römer 8,26–27): Der Geist Gottes hilft »unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich‘s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will.« Wir können nicht immer aktiv beten, sagt Hillingshäuser. Es tue deshalb gut zu wissen, dass bereits das Seufzen ein Gebet ist.

Auch Schweigen bringt Verbindung zum Göttlichen

Ob jemand seine Sätze selbst formuliert oder auf einen vorhandenen Text zurückgreift, ist jedem selbst überlassen. Menschen, denen die freie Zwiesprache mit Gott schwerfällt, finden reichhaltige Gebetsliteratur. Sie können sich aber auch einer Gruppe anschließen und in deren Gebet hineinnehmen lassen. Das ist auch für Menschen attraktiv, die keine religiöse Erziehung genossen und das Beten nicht eingeübt haben.
Eine Möglichkeit ist auch das Herzensgebet, das aus der orthodoxen Kirche stammt: »Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.« »In der einfachen Wiederholung der Worte finde ich mich vor Gott ein und mache mir klar, dass Gott immer gegenwärtig ist«, sagt Hillingshäuser. Das spende Geborgenheit. Oft nutzten Menschen auch ihre eigenen »Herzensworte« wie etwa »Ich in Dir, Du in mir«, die sie wiederholt beten. Sie kenne zudem eine Frau, die immer beim Treppensteigen einen biblischen Vers betet.
Einfache Gesten oder das Schweigen bringen ebenfalls Menschen in Verbindung mit dem Göttlichen »Da sein vor Gott ist auch eine Form zu beten«, sagt die Pfarrerin.

Gott ist immer da

Individuell ist auch die Tageszeit für die Hinwendung zu Gott. Gott ist immer da. Hilfreich sei es aber, eine feste Zeit einzuplanen, damit es nicht im Alltag vergessen geht. Das Gebet am Morgen etwa könne mit der Bitte um Stärkung für den Tag einhergehen, um Gelassenheit für alles, was kommen mag. Auch eine Fürbitte ist gut zu integrieren. »Es reicht schon, einen Namen zu nennen. Gott weiß dann schon, was der Mensch braucht«, erläutert die Theologin. Der Abend wiederum eigne sich gut für einen Dank. Das gilt auch dann, wenn der zurückliegende Tag schwierig war. »Es gibt immer etwas, wofür man danken kann.«
Ein Ort für das Gebet kann der Frühstückstisch sein. »Vielen hilft es, dort eine Kerze anzuzünden und ein paar Minuten lang die Flammen zu beobachten.« Man könne auch die Kerze ans Fenster stellen und vor sich eine Karte, einen Stein oder eine Muschel legen, etwas, was man mit dem Ablauf des Kirchenjahres in Verbindung bringen kann, in der Passionszeit etwa einen Zweig, dessen Knospen noch geschlossen sind.
Andere gehen gerne zum Beten in die Kirche. Dort bringt schon der Raum sie mit einer anderen Dimension in Verbindung. Den einen hilft der Blick aufs Kreuz und das Vertrauen auf den mitleidenden Gott. Andere stören sich an der Gewalt, die mit dem Kreuz verbunden ist, und bevorzugen vielleicht einen Meditationsraum.

Ein Gebet kann kurz sein

Ein Gebet kann kurz sein. Ein Atemzug, ein Stoßseufzer, ein Amen. Das kann schon reichen. Wichtig ist das bewusste Innehalten. Das freilich kann sich im Extremfall auch über Stunden oder Tage hinziehen. »Wenn pilgern beten mit den Füßen ist, dann beginnt das Gebet, sobald ich den ersten Schritt mache«, sagt Dorothea Hillingshäuser. »Und es dauert dann auch so lange, wie ich gehe.« Von Renate Haller


Im Gebet verbunden

privatGen Kelsang Gogden (links), Avichai Apel (mitte) und Mohammed Naved Johari beten nach unterschiedlichen Ritualen.

Ob für einen selbst oder für andere, gemeinsam oder allein, gesprochen oder gesungen: In allen Religionen wird gebetet. Dabei gibt es Unterschiede, etwa ob zu Gott gebetet wird, oder zu anderen heiligen Wesen. Aber auch Gemeinsamkeiten: Beten hilft, gibt Kraft und es verbindet mit anderen. Wie sieht es aus bei Buddhisten, Juden und Muslimen?

Mohammed Naved Johari, Imam und Vorstand des Vereins Islamische Informations- und Serviceleistungen in Frankfurt:

Welche verschiedenen Gebetsformen gibt es im Islam und was kennzeichnet sie?

Der Islam kennt die Form des rituellen Gebets (As-Salaah) sowie das Bittgebet (Ad-Duaa’), also den direkten Ruf des Menschen zu ALLAH. Das rituelle Gebet gehört zu den »fünf Säulen des Islam« – der islamischen Lehre nach ist es die am stärksten betonte Pflicht. Muslime beten es fünfmal täglich. Zu jedem Gebet gehört dazu, dass wir die erste Sure des Korans rezitieren. Sie gilt auch als Zusammenfassung des Korans. Das ist für uns deswegen zentral, weil der Koran für uns das Wort Gottes darstellt.

Welche Rituale sind mit dem Gebet verbunden?

Zum rituellen Gebet gehört die Ausrichtung nach Mekka. Verbunden damit sind die Körperhaltungen des demütigen Stehens, Verbeugens und auf Knien Niederwerfens, welche die Gottergebenheit in diesem Sinne auch verkörpern. Das bedeutet, dass wir die uneingeschränkte Autorität Gottes anerkennen, die auch unsere Liebe zu ihm und das Vertrauen auf ihn umfasst. Ein reiner Gebetsplatz sowie reine Gebetskleidung sind ebenso Voraussetzung für das rituelle Gebet. Dem gegenüber ist das Bittgebet fast formlos. Bei ihm erheben wir beide Handflächen, um uns die eigene Bedürftigkeit zu vergegenwärtigen.

 Welche Bedeutung hat das Gebet im Islam?

Die rituelle Form des Gebets wie auch die Bittgebete begleiten Muslime alltäglich. Allah hat sich im Koran mehrere Namen gegeben, darunter »der Antwortende«, »der Hörende« und »der Beschenkende«. Durch beide Formen des Gebets hat der bedürftige Mensch in allen Lebenslagen die Möglichkeit, seine Bitten vor Gott zu bringen, beides in direkter Verbindung und ohne Vermittler zu Gott.
»Alles Lob gebührt ALLAH, Dem HERRN aller Geschöpfe,
Dem Allgnade Erweisenden, Dem Allgnädigen,
Dem Herrscher am Tage des Gerichts.
Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe!
Leite uns recht auf den geradlinigen Weg,
den Weg derer, denen DU Wohlergehen hast zuteil werden lassen, die weder vom Zorn geplagt werden noch abgeirrt sind!«
(Auszug aus der ersten Sure des Korans)

Gen Kelsang Gogden, Lehrerin am Kadampa-Meditationszentrum Frankfurt:

Welche verschiedenen Gebetsformen gibt es im Buddhismus und was kennzeichnet sie?

»Der Buddhismus kennt drei verschiedene Gebetsformen: Das persönliche, nicht formale Gebet, das formale Gebet, das spirituelle Meister verfasst haben, und die Pujas. Das sind Gebete, die in Meditationsräumen oder Tempeln gemeinsam gesungen werden. Buddhisten beten immer in Gegenwart der Buddhas, also vor einem Bild oder Altar. Wir glauben, dass Gebete, die vor diesen heiligen Wesen gesprochen werden, große Kraft haben, in Erfüllung zu gehen.«

Welche Rituale sind mit dem Gebet verbunden?

»Für das Gebet sind keine festen Zeiten vorgegeben. Allerdings wird empfohlen, sich mindestens alle vier Stunden mit Gebeten an die Buddhas zu wenden. Wenn es möglich ist vor einem Altar, beten kann man allerdings überall. Während des Gebets legen wir unsere Hände respektvoll vor dem Herzen zusammen. Das erinnert uns an unser Ziel, nämlich mit Hilfe von Buddha, seiner Lehre und der Gemeinschaft von Praktizierenden unser Potenzial zum Wohle aller Lebewesen zu verwirklichen. Dieses Potenzial befindet sich im Herzen jedes Lebewesens.«

Welche Bedeutung hat das Gebet im Buddhismus?

»Beim rituellen Beten greifen wir auf Gebete früherer verwirklichter Praktizierender zurück. Diese sind für uns eine Inspiration, die wir als kraftvoll und hilfreich betrachten. Sie enthalten qualifizierte Anleitungen, wie wir unseren Geist von einer negativen Einstellung hin zu einer positiven Einstellung verändern können. Und durch das Beten schaffen wir eine Verbindung zu den spirituellen Erfahrungen aller, die dieses Gebet in der gleichen Absicht gesprochen haben. Je mehr Menschen das Gebet gemeinsam sprechen, umso kraftvoller wird es. Das Gebet ist die Voraussetzung dafür, dass das Wirklichkeit werden kann, was wir uns wünschen.«
»Da niemand auch nur das kleinste Leiden wünscht
Oder jemals zufrieden ist mit dem eigenen Glück
Gibt es keinen Unterschied zwischen mir und anderen.
Dies erkennend, erbitte ich Deine Segnungen,
um voller Freude andere glücklich zu machen.«
Erster Panchen Lama (Tibet, 17. Jhr.)


Rabbiner Avichai Apel, ‧Jüdische Gemeinde Frankfurt:

Welche verschiedenen Gebetsformen gibt es im Judentum und was kennzeichnet sie?

Wir beten dreimal täglich, nämlich das Morgen-, Mittags- und Abendgebet. Am Sabbat kommt als viertes Gebet noch das Mussaf dazu, also das Hauptgebet im jüdischen Gottesdienst. Im Mittelpunkt der drei Tagesgebete steht das Amida, das »Achtzehnbittengebet«. Darin bitten wir unter anderem um Weisheit, Gesundheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Welche Rituale sind mit dem Gebet verbunden?

Wichtig ist, das Gebet an einer sauberen Stelle zu sprechen. Auch der Körper soll sauber und bedeckt sein. Die Kippa, die wir tragen, drückt die Ehrfurcht gegenüber Gott aus. Beim Morgengebet tragen wir einen Talit, also einen Gebetsschal, an dem die sogenannten Zizit hängen, also Fäden an jeder der vier Ecken. Sie bedecken uns nicht nur, sondern erinnern uns auch an die Gebote der Thora. Selbes tun auch die Tfilin, die Gebetsriemen. Unser Wunsch ist es, dass wir in unseren Taten und Gedanken Gottes Vorschriften folgen.

Welche Bedeutung hat das Gebet im Judentum?

Als wertvollste Form des Gebets gilt der Minjan, also das Gruppengebet mit mindestens zehn Personen, die 13 Jahre oder älter sind. Der Grund dafür ist, dass wir nicht nur für uns privat beten, sondern für alle Menschen und die gesamte Welt. Unser Wunsch ist es, mittels des Gebets die Welt zu einer besseren zu machen. Wir möchten Gott näher an die Welt und die Menschen näher an Gott bringen. Das Gebet ist außerdem eine moralische Unterstützung für die Betenden, die sie auf ihren Lebenswegen stärken soll.
»Du begnadest den Menschen mit Erkenntnis und lehrst den Menschen Einsicht, begnade uns von dir mit Erkenntnis, Einsicht und Verstand. Gelobt seist du, Ewiger, der du mit Erkenntnis begnadest!«
(Auszug aus dem Achtzehnbittengebet)


Dir kann ich alles sagen

Foto: GettyimagesDie meisten Kinder beten vor dem Schlafengehen.

Abend für Abend, wenn Simone ihren Sohn Konstantin ins Bett bringt, falten die beiden ihre Hände und beten zu Gott. »Mir hilft es, wenn ich mich im Gebet an Gott wenden kann. Und das möchte ich an meinen Sohn weitergeben«, sagt die 41-Jährige. Wie viele Eltern wie Simone mit ihrem Kind täglich beten, weiß niemand genau.

»Das Beten ist etwas, worüber man nicht so gern spricht«, weiß Natalie Ende, Referentin für Gottesdienste mit Kindern im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Ähnlich wie bei Simone und Konstantin sind in vielen Familien die Augenblicke vor dem Einschlafen von Ritualen geprägt. Dann ist Zeit, miteinander zu kuscheln, eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen oder ein Lied zu singen. In diese von Zweisamkeit geprägten Momente lassen sich Gebete integrieren.

Kindern ist eine Gottesbeziehung wichtig

Kinder haben viele Fragen. Sie wollen wissen, warum gibt es eine Welt, warum bin ich, warum sterben wir? »Und mit all diesen Fragen, beginnst du auch, nach Gott zu fragen«, schreibt Religionspädagoge Rainer Oberthür in seinem Buch »Das Vaterunser«. Darin führt er Kinder an das Beten heran. Natalie Ende ist überzeugt, dass Kindern eine Gottesbeziehung wichtig ist. Es kann sein, dass ein Kind sich mit all diesen Fragen an seine Eltern wendet. Genauso gut können Eltern aber auch spüren, dass ihr Kind etwas belastet, worüber es mit niemandem reden kann und dann dem Kind von Gott erzählen.

Wann dieser Zeitpunkt kommt, sei unterschiedlich. Bereits im Kindergartenalter verfügten Kinder zwar über eine Beziehung zu Gott, seien aber noch nicht fähig, diese in Worte zu fassen. Die Jungen und Mädchen empfänden Gott wie eine Quelle, die sie erfrischt oder wie eine Burg, die sie schützt. Über diese Metapher zu sprechen, gelinge Kindern im mittleren Grundschulalter gut. Und genau diese unterschiedlichen und mehrstimmigen Bilder von Gott sollten auch in Gebeten aufgenommen werden.

Wen Eltern unterschiedlich glauben

Doch was, wenn die Eltern unterschiedlich zum Glauben stehen, wie es bei Simone und ihrem Mann Martin der Fall ist? Dann rät die Expertin zum offenen Gespräch darüber, in dem jede Seite erklärt, was Glaube für ihn oder sie ist oder eben nicht. »Das Kind wird mit dieser Ambivalenz gut groß werden«, ist Ende überzeugt.

Von einem rät sie entschieden ab: Nur des Kindes wegen mit dem Beten anzufangen. Beten sei, in einer Beziehung zu Gott zu sein. Diese Beziehung könne das Kind dann bei seiner Mutter, seinem Vater oder der Oma spüren. »Wenn ich nur denke, für mein Kind könnte das Beten gut sein und deshalb machen wir das mal, bin ich in der falschen Spur«, so die Referentin. Stattdessen sollte das Beten einem selbst am Herzen liegen.

Keine Regel sagt, wie es richtig ist

Ihre Regel Nummer eins lautet: »Ich fange bei mir selbst an.« Wie ich bete, das weiß ich nur aus mir selbst heraus. Denn die Gebete zu Gott werden stark vom eigenen Gottesbild geprägt. Deshalb lehnt die Referentin auch vorformulierte Gebetstexte ab. »Es gibt keine Regel, keine Rahmenbedingung, die zeigt, so ist es richtig. Ich muss mit mir geklärt haben, welche Gottesbeziehung ich habe«, sagt die Theologin und fügt an: »Für uns Erwachsene geht es da ans Eingemachte.« Glaube ist nichts, was man wie Religion Kindern im Unterricht beibringen kann. Glauben muss man selbst spüren. Und Kinder spüren ihn bei ihren Eltern ab, spüren, dass es eine Kraft zum Leben sein kann, ist Natalie Ende gewiss. In den Worten des Gebetes breche man sein Gottesbild auf das Kind herunter.

Gott kennt deine Gefühle und Gedanken

Für die einen ist Gott ein Begleiter, an den sie sich jederzeit wenden, dem sie alles im Gebet erzählen können. »Dann kann man beispielsweise sagen: Heute war ein schöner Tag, aber wir machen uns ein bisschen Sorgen um die Oma, pass doch bitte auf«, so Ende. Rainer Oberthür erklärt es Kindern so: »Du kannst Gott alles sagen, was dir wichtig ist, was dich traurig macht, worüber du glücklich bist. Es gibt vor Gott keine falschen oder dummen Worte. Er kennt deine Gefühle und Gedanken, bevor du sie aussprichst. Es reicht schon, wenn du zu ihm sagst: Ich bin da! Denn Gott ist auch immer schon da.« Diese Botschaft

könne die Kinder ein ganzes Leben lang begleiten, in guten und in schweren Zeiten.
Ein anderes Bild von Gott, das Gebete präge, ist: Du Gott, starker Vater, kannst alles wieder heil machen. »Dann bitten wir Gott wissentlich um Hilfe, weil wir überzeugt sind, wenn wir beten, dann passiert uns oder unserer kranken Oma nichts«, so die Referentin und ruft zur Vorsicht auf: Denn schnell führe dieses Gottesbild Eltern in Erklärungsnot, nämlich, wenn dann doch etwas Schlimmes passiere, die Oma beispielsweise sterbe.

Wenn ein Kind gemobbt wird

Von einem rät Natalie Ende entschieden ab: »Verwenden Sie nicht die Formulierung ›Lieber Gott‹« Welcher Erwachsene glaubt schon, dass Gott immer lieb ist? »Warum sagen wir bei Kindern immer ›lieber Gott‹? Weil wir für sie eine heile Welt haben wollen. Aber hilft das? Ist der Glaube nicht gerade gut, weil er uns hilft, die nicht heile Welt auszuhalten?«, fragt Ende. »Das Schwere den Kindern zu nehmen, ist ein Verrat am Glauben«, warnt die Theologin.

Was, wenn das Kind in der Schule von seinen Mitschülern gemobbt wird und abends den »lieben Gott« bittet, ihm morgen zu helfen, aber am nächsten Tag wieder gequält wird, wieder alleine ist, nichts besser ist als am Vortag? Wenn Gott als allmächtiger Aufpasser vermittelt wird, kommt es früher oder später dazu, dass die reale Erfahrung des Kindes und sein Gottesverständnis weit auseinander klaffen. Es sieht, dass das Gerede, Gott könne alles heil machen, falsch und seine Macht viel eher begrenzt ist. Durch solche Ereignisse gelange das Kind früher oder später zur Überzeugung: »Das ist doch alles Käse« und verschließt sich für den Glauben.

Im Gebet steckt Kraft zur Veränderung

So sei es besser zu beten »Gott: In der Schule ist es total doof, immer nur bin ich der Außenseiter, was kann ich denn da nur machen? Und dann sage ich nicht, gib mir eine Eingebung, hilf, dass sie mich morgen in Ruhe lassen.« Aber dennoch ändere sich für den Betenden etwas. Ich bin nicht mehr alleine. Der mitbetende Erwachsene nehme die ausweglose Situation des Kindes wahr. »Und darin steckt Kraft zur Veränderung, auch Gotteskraft zur Veränderung.

Stefanie Bock

Rainer Oberthür/Barbara Nascimbeni: »Das Vaterunser«;
Gabriel Verlag 2013;
64 Seiten; 15 Euro.


Innehalten im Selfie-Universum

gettyimages/MixmikeDas Smartphone ist für junge Menschen ein ständiger Begleiter. Und wer ohnehin schon auf Instagram unterwegs ist: Warum nicht auch dort beten!?

FRANKFURT. Shoppen, Reise buchen, Essen bestellen oder seinen potenziellen Traum-Partner kennenlernen. All das können Menschen online erledigen. Glaube und Kirche findet ebenso zunehmend im digitalen Raum statt. Gerade in Zeiten von Corona. Auch Beten gehört dazu. Klingt toll, Grenzen gibt es trotzdem.

Kaum ist das »B« von »Beten« ins Suchfeld auf Instagram eingegeben, spuckt die App schon die ersten Vorschläge aus: #beautifuldestinations, #berlin, #bodybuilding oder #blogger gehören zu den ersten Ergebnissen. Man muss das Wort schon ausschreiben, um zum Ziel zu kommen. Immerhin: Es gibt ihn, den Hashtag »beten« – und das mit mehr als 50 000 Beiträgen. Unter »Gebet« tauchen sogar knapp 75 000 Bilder auf.
Zugegeben, die angezeigten Bilder oftmals mit Bibelversen wirken ein wenig befremdlich auf der sonst so glitzernden und glamourösen daherkommenden Plattform. Und doch scheint es inmitten von Beauty-Selfies und Schmink-Tutorials eine Community dafür zu geben.

Impulsgeber Sinnfluencer

Impulsgeber sind immer öfters sogenannte Sinnfluencer. Sie lassen sich als eine Art Gegenbewegung zu Beauty, Lifestyle und Fashion verstehen. Die jungen Frauen und Männer berichten auf ihren Profilen über Gesundheit, Nachhaltigkeit oder eben ein Leben im christlichen Glauben.
Auch Segen gibt es im Internet
»Für viele stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob Kirche im Netz präsent sein muss«, erklärt Anna-Katharina Lienau, Privatdozentin für Religionspädagogik an der Universität Münster. Junge Geistliche seien mit den sozialen Netzwerken aufgewachsen und dort selbstverständlich unterwegs. Unter dem Hashtag »waspfarrerinnensomachen« geben Theresa Brückner als »theresaliebt«, Nordkirche-Pastorin Josephine Teske als »seligkeitsdinge« oder Jörg Niesner alias »wasistdermensch« Einblicke in ihre Glaubenswelt. Niesner, Pfarrer aus Laubach im Landkreis Gießen, schreibt unter seinen Bildern etwa über seine Erfahrungen mit Tod und Trauer. In den Kommentaren wünschen ihm seine Follower »Viel Kraft und Segen«. Ein User schreibt: »Ich bete für dich du lieber.«

Predigen, Andachten, Beten und Segnen

»Die Menschen probieren sich aktuell einfach ein bisschen aus, was so alles möglich ist«, erklärt die evangelische Theologin Lienau, die sich bereits in ihrer Dissertation im Jahr 2007 mit Online-Gebeten beschäftigt hat. Aktuell forscht die 39-Jährige über Möglichkeiten der Kommunikation des Evangeliums in Social Media. Predigen, Andachten, Beten und auch Segnen ‧– das alles sei inzwischen problemlos auf Instagram und Co möglich, meint die in Osnabrück lebende Dozentin. Viele wüssten noch gar nicht, welche Möglichkeiten das Internet in Punkto Glaube bietet.

Dauergebet online

Das scheint sich gerade zu ändern. Während der Corona-Krise sind Gottesdienste mit Gemeinde nicht mehr erlaubt. Rundfunkgottesdienste erzielen aktuell Rekordreichweiten, aber auch im Internet ist die Kirche jetzt präsenter denn je. Fast jede Gemeinde bietet eine Predigt als Podcast oder einen Gottesdienst zum Streamen an. Die Plattform evangelisch.de etwa hat online ein Dauergebet gestartet. Freiwillige beten auf der Seite »coronagebet.de« jeweils 30 Minuten am Stück und nehmen Gebetsanliegen von Nutzern auf.
Angebote im Netz gab es natürlich auch schon vor Corona. Zum Beispiel die Seiten »credo-online« und »Amen.de«. Nach dem Motto »Gib deine Sorgen ab« können Nutzer dort für sich beten lassen. »Credo-online« ist ein Portal des Bistums Augsburg. Die moderne, bunte Webseite soll junge Menschen ansprechen. Die User können Artikel rund ums Beten lesen, Podcasts hören, Videos anschauen und natürlich selbst aktiv werden. Neben Gebeten kann die Netzgemeinde virtuelle Kerzen anzünden. In einer WhatsApp-Gruppe tauschen sich die Gläubigen aus.

Linie zwischen analoger und digitaler Welt kaum noch sichtbar

Solche Angebote seien für viele Nutzer eine Form der Gemeinschaft, betont Lienau. Gerade für junge Menschen sei die Linie zwischen analoger und digitaler Welt kaum noch trennbar. Eine große Chance sieht die Expertin zudem im pädagogischen Bereich. Social Media eigne sich hervorragend fürs Beten lernen, berichtet sie. Es gebe keine feste Form, die User könnten sich ausprobieren und auch sehen, wie andere Religionen beten. Denn auch muslimische Gebetsseiten auf Instagram sowie Bet-Apps vor allem zu den Gebetszeiten gibt es inzwischen unzählige. »Das eröffnet ganze neue Horizonte«, ist die Theologin überzeugt.

Datenschutz soll nicht zu kurz kommen

Ein Wermutstropfen vom Beten im Netz seien Hass-Kommentare, sagt Lienau. Hin und wieder komme es vor, dass Störenfriede ein Gebet unterbrechen. Auch auf den Datenschutz sollten die Online-Beter Acht geben, empfiehlt sie. Jeder müsse selbst aushandeln, wie viel er oder sie von sich preisgibt.
Häufig komme es bei Online-Gebeten zu einer sehr persönlichen und intensiven Kommunikation, weiß Johanna Jerzembeck. Die 45-Jährige gehört mittlerweile zum Kern der Twitter-Gemeinde. Die gebürtige Westfälin hat zumindest beruflich mit Kirche nichts zu tun. Die Liebes fürs Internet kam bereits während ihres Studiums. Seit einigen Jahren betreut sie die Webseiten ihrer Kirchengemeinde in Karlsruhe. Seit 2017 ist Jerzembeck Vorbetende bei der Twomplet. Bei dem 2014 gestarteten Format feiert eine Twittergemeinschaft jeden Abend um 21 Uhr Abendandacht. Einer betet vor, die anderen können Fürbitten einbringen.

Angebot eignet sich auch für Kirchenferne

»Beten online geht genauso gut wie bei einem Fernsehgottesdienst oder einer Morgenandacht im Radio«, findet Jerzembeck, die vermutlich viele eher unter ihrem Twitter-Namen »hanna_unterwegs« kennen. Ihre Mitbetende seien viel unterwegs oder hätten aus anderen Gründen keine feste Anbindung an eine entsprechende Gemeinschaft an ihrem Heimatort, berichtet die Digital-Expertin. Das Angebot eigne sich auch für Kirchenferne. Sie könnten jederzeit unverbindlich vorbeischauen. Auch Menschen mit Diskriminierungserfahrungen wie etwa queere Menschen biete die Twomplet einen Schutzraum, erklärt Jerzembeck. Schließlich müssten sie sich nicht zwingend mit echten Namen und Gesicht offenbaren.
Die Twitter-Gemeinde soll nicht in Konkurrenz zur Ortsgemeinde stehen. Eher als Ergänzung, meint die digitalaffine Frau: »Nicht zuletzt können die Angebote eine Brücke zur klassischen Gemeinde schlagen.« »Wir wissen inzwischen von mehreren Fällen, in denen die Twomplet der Erstkontakt war, der am Ende zu einem Kircheneintritt geführt hat«, erzählt sie weiter.

Grenzen gibt es im Bereich der Sakramente

Alles ist im Internet dann aber doch noch nicht möglich: »Grenzen gibt es sicherlich im Bereich der Sakramente. Eine Online-Taufe oder ein digitales Abendmahl kann ich persönlich mir nur sehr schwer vorstellen.« Auch jemanden in den Arm zu nehmen und zu trösten, das ginge im Netz auch nicht, sagt Jerzembeck. Trotzdem sieht die Bloggerin ein großes Potenzial für Kirche im Netz und auf Social Media: »Ich würde mir bei der Kirche noch mehr Mut wünschen, außerhalb der gewachsenen Strukturen zu denken.« Von Carina Dobra


Gott ist kein Erfüllungsgehilfe

dpaBeten kann der Mensch für sich alleine, mit anderen, für andere.

Ein Kreuzworträtsel. »Mit einem Gott reden« in fünf Buchstaben. Antwort: beten. So einfach ist das. Jedenfalls im Rätsel. Wie aber sieht es inhaltlich aus mit dem Beten? Was sagt die Bibel?

Es gibt einen Film aus dem Jahr 2014, der von der Kraft des Gebetes zeugt. Eine Unternehmensberaterin und zwei ihrer Kollegen touren durch die ganze Welt, sorgen skrupellos für Entlassungen und steigende Gewinne der Firmen. »Zeit der Kannibalen« heißt der Film. Die drei erfüllen gerade einen Auftrag in einem fiktiven Bürgerkriegsland. Rebellen überfallen das Hotel, in dem sie untergebracht sind. Ihnen droht der Tod. Sie versuchen alles Mögliche, um sich zu retten. Schließlich sagt der eine: »Jetzt hilft nur noch beten. Weiß jemand ein Gebet?« Schweigen. Niemand kennt eins.

Wohl dem, der ein Gebet sprechen kann

Kein Trost, nirgends. Wohl dem, der ein Gebet sprechen kann. Es hilft in Not und Leid. Und es schenkt Worte der Dankbarkeit, wenn man glücklich ist. Das Vaterunser, das Christen weltweit beten, ist ein gutes Beispiel dafür. Es stammt aus der Bergpredigt (Matthäus 6,9-13). Ein Jünger bittet Jesus: »Herr, lehre uns beten.« Jesus antwortet: »Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel…«

Verführt Gott die Menschen zum Bösen?

 Einer der Verse lautet: »Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.« Verführt Gott Menschen zum Bösen? Papst Franziskus stellt das in Frage. In Italien ändert die katholische Kirche darum ab November das Vaterunser. »Überlasse uns nicht der Versuchung« soll es künftig heißen. Doch das verschiebt das Problem lediglich. Gott ist zwar dann nicht mehr der aktive Verführer. Aber: Warum lässt Gott zu, dass Menschen dem Bösen verfallen?

Gutes wollen, aber Schlechtes tun

Martin Luther löste dieses Problem im Kleinen Katechismus anders. »Gott versucht niemand«, stellte er fest und fährt fort: »Wir bitten, dass der Teufel uns nicht verführe.« Der Teufel also als finstere Gegenmacht zu Gott? Auch das lässt Fragen offen. »Führe uns nicht in Versuchung!« Die Bitte drückt das Wissen aus: Ich kann Gutes wollen, aber Schlechtes tun. Gott behüte mich vor dem Bösen, helfe mir zum Guten.

Aufrichtige Haltung ist erforderlich

»Bittet, so wird euch gegeben«, sagt Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 7,7). Die Menschen wenden sich an Gott. Es ist ihm überlassen, ihre Anliegen aufzunehmen oder nicht. Gott ist kein Wunschautomat, kein Erfüllungsgehilfe. Entscheidend ist die aufrichtige Einstellung des Beters. Im Jakobusbrief heißt es weiter: »Ihr bittet und empfangt’s nicht, weil ihr in übler Absicht bittet.« Beten hilft, sich über sich selbst klar zu werden: Warum bitte ich um etwas? Was geht in mir vor und bewegt mich?

Keine Anweisungen für das richtige Beten

Das Gebet eines Christen ist freiwillig, niemals Pflicht. Es gibt keine Anweisungen, wann und wie oft ein Christ zu beten habe. Es kommt auch nicht auf korrekt formulierte Worte an. In der Bibel finden sich fertige Gebetstexte wie zum Beispiel die Psalmen. Gleichberechtigt und gleichwertig steht das freie Gebet. Jeder, der beten möchte, kann sich jederzeit und überall mit allen Anliegen an Gott wenden. Von Andrea Seeger


Gottesbilder in Gebeten

Gettyimages/RomoloTavaniBrot und Wein: ein starkes Gottesbild.

Gott als Hirte, Gott als Geldautomat: Gebete vermitteln stets auch ein bestimmtes Bild von Gott. Aber Gott hat uns auch ein Bild von sich vermittelt, sagt Pfarrer Ingo Schütz. Auch das kann in Gebeten klar werden.

Im bekannten Psalm 23 ist Gott der gute Hirte. Im Psalm 31 erscheint Gott als rettender Fels, als schützender Berg. Und im Psalm 27 als Licht und Heil. Ein ganz ähnliches Gottesbild dürfte der Rennfahrer Michael Schumacher im Sinn gehabt haben, als er in einem Interview bekannte: »Ich bete oft, wenn ich heil nach Hause komme.«

Gott als Geldautomat

Ein ganz anderes Gottesbild offenbart der Rapper Sido: »Ich bete für die Knete.« Gott als Geldautomat. In den Gebeten, die wir gen Himmel schicken, offenbart sich auch immer das Konzept, das wir von Gott haben. Ob als Beschützer oder Kümmerer: Gott ist jemand, der etwas bewirken kann.
Gebete tragen aber auch immer ein Bild von Gott in sich. Das kann mehr oder weniger treffend sein. Zuletzt wurde das deutlich, als Papst Franziskus die Worte des italienischen Vaterunser ändern ließ. Statt »Führe uns nicht in Versuchung« beten die Italiener nun »Lass uns nicht in die Versuchung eintreten«. Denn Gott, so ist die Begründung, sei niemand, der Menschen böswillig Fallen stelle.

Durch wen will Gott wirken?

Ingo Schütz, Pfarrer der Christuskirchengemeinde in Bad Vilbel, hat erlebt, wie wirkmächtig so ein Gottesbild in einem Gebet sein kann. »Als Berufsanfänger in meiner ersten Gemeinde im Untertaunus wollte ich damals Gas geben und die Gemeinde umkrempeln«, erzählt er. Da habe sein damaliges Gottesbild dahintergesteckt. Schütz war überzeugt, dass Gott durch ihn wirken wolle. »Das hat zu großen Konflikten zwischen mir und der Gemeinde geführt.« Die Leute seien mit ihrer Gemeinde nämlich ziemlich zufrieden gewesen und hätten nicht auf einen Neuling gewartet, der ihnen erklärt, wie alles zu laufen habe.
»In dieser Konfliktsituation bin ich in die Kirche gegangen und habe das Glaubensbekenntnis gebetet«, berichtet Schütz. »Nach den ersten Worten ›Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater‹ ist mir klar geworden, dass ich es war, der sich hier geirrt hatte.« Das Bild von Gott im Glaubensbekenntnis setzte er neben sein Selbstbild und erkannte: »Gott hat alles in der Hand. Es liegt nicht an mir, hier etwas zu reißen. Das Gebet hatte ihm gewissermaßen den Kopf zurechtgerückt.

Manche nehmen Gott nur zur Kenntnis

In den Mitgliedern seiner Gemeinde begegnen ihm viele unterschiedliche Konzepte von Gott. »Manche nehmen Gott eben zu Kenntnis«, sagt Schütz, »aber mehr ist da bei ihnen nicht. Andere reden intensiv mit ihm, oder sie finden ihn in der Natur. Sie erzählen dann gern, dass sie die ganze Zeit beten, wenn sie einen Sonnenaufgang sehen.« Häufig höre er die klassische Frage, warum Gott so viel Leid zulasse. »Interessanterweise hört man seltener die Frage, warum Gott so viel Gutes bewirkt«, sagt Schütz.
Gottesbilder sind nicht nur individuell verschieden, sondern haben sich auch im Lauf der Zeit verändert. In den Psalmen ist nicht nur die Rede von Gott als Hirte und Licht, sondern auch vom Zerschmetterer der Feinde. Im Wortsinn wäre das ein Konzept, das fremd und ungeheuer alt erscheint. Man könne das aber durchaus mit einem modernen Gottesbild unter einen Hut bringen, sagt Schütz: »Nämlich dann, wenn man die Feinde nicht als Menschen interpretiert. Sondern vielleicht als Streit in der Familie oder als Sorgen vor der Zukunft.«

Drei Stufen von Gottesbildern

Auch innerhalb eines Menschen verändern sich Gottesbilder im Laufe eines Lebens. Kinder durchliefen ein Stufenmodell religiöser Entwicklung, schreibt der Religionspädagoge Fritz Oser.

• Auf einer ersten Stufe verstünden sie Gott zunächst nicht als eine beeinflussbare Macht.
• »Auf einer zweiten Stufe – im Grundschulalter – erleben Kinder Gott als ein Gegenüber, mit dem man wechselseitig Handel treiben kann, ein Gottesverhältnis auf Gegenseitigkeit: Bin ich gut und lieb zu Gott, ist Gott auch gut und lieb zu mir«, schreibt Oser weiter.
• Die dritte Stufe beginne, wenn das Kind begreift, dass Menschen die Dinge in der Welt bewirken, nicht Gott – oder nicht direkt.

Dieses Stufenmodell bedeute jedoch nicht, dass am Ende ein bestimmtes, festgefügtes Bild von Gott stehen müsse, sagt der Seelsorger Schütz. Wenn ein alter Mensch zum Beispiel wie ein Kind zu Gott bete, könne das ein großes Geschenk sein.

Jesus als Bild Gottes

So ganz frei in seiner Auswahl sei der Mensch jedoch nicht. »Gott hat uns ja ein Bild von sich gegeben«, erklärt er. »Und das ist Jesus. Jesus ist sowohl Gott als auch Mensch, und wenn man dieses Bild nicht teilt, dann wird man ihm nicht gerecht.« Denn sehe man Jesus nur als Menschen, könne man als Mensch ja anstreben, so zu sein wie er – und sei zum Scheitern verurteilt.
Auch wenn in Gebeten Gott viel und oft gelobt wird, bedeute das nicht, dass Gott darauf stehe, angebetet zu werden, erläutert Schütz. Es tue vielmehr dem Menschen gut, Gott zu loben. »Loben zieht nach oben«, sagt der Pfarrer. »Wenn ich andere Menschen lobe, tue ich nicht nur ihnen etwas Gutes, sondern auch mir. Mit Gott ist es genauso.«

Ein Bild gibt Kraft

Ein Gottesbild, das er ungeheuer stark finde, sei jenes in Brot und Wein. »Gott sagt uns ja schon: ›Das bin ich‹«, sagt er. »Wir nehmen ihn in uns auf, und er gibt uns Kraft.« Von Nils Sandrisser


Corona als Gottesgeißel?

Detlef GüthenkeRolf Wischnath stand von 1995 bis 2004 als Generalsuperintendent an der Spitze des Sprengels Cottbus der heutigen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

In der jüdischen und christlichen Religionsgeschichte waren Seuchen Zeichen dafür, dass in der Lebensart des Volkes Gottes Unerträgliches geschieht. Gott vollziehe deswegen mit einer ansteckenden, todbringenden Krankheit ein Strafgericht über Sünder und Nicht-Sünder. Dafür gibt es ein schönes altes Wort.
Corona – eine Gottesgeißel? Wenn das stimmte, dann wären unaufhörliche, unvergleichlich schlimmere Seuchen auf der südlichen Hälfte der Welt besonders drastische Formen der Gottesgeißel. Die Deutsche Welthungerhilfe verschickte dieser Tage einen Brief mit einer Mitteilung, die viele Menschen wissen und alle wissen könnten: »Etwa alle zehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung. Über 60 Millionen Kinder in Indien leiden an Mangelernährung.« Und der Jemen? Syrien? Idlib? Die Grenze Türkei / Griechenland? Alles Gottesgeißeln?

Geschieht ein solches Unglück ohne den Willen Gottes?

Jesus sieht es anders. »Meint ihr, dass die achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Siloah stürzte und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen« (Lukas 13,4-5). Jesus knüpft an ein Unglück an. Am Teich Siloah in Jerusalem stürzt ein Turm ein und begräbt 18 Menschen unter sich. Nach dem damaligen Glauben und Verstehen kann das kein Zufall sein. Denn ein solches Unglück kann nicht ohne den Willen Gottes geschehen. Gott bestimmt ja die Todesstunde eines Menschen. Und der gerechte Gott lässt einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Irgendetwas Unverzeihliches müssen die Erschlagenen getan haben.

Gott in Christus quält und tötet nicht

»Meint ihr, dass die achtzehn Menschen schuldiger gewesen sind als alle anderen Bewohner Jerusalems?« Mit nur einer Frage entkräftet Jesus das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Es gibt keine Gottesgeißel. Gott in Christus quält und tötet nicht. Und nicht der Mensch soll Gott in Frage stellen. Vielmehr stellt Gott die Fragenden in Frage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.«
Jesus wagt es, die Unterschiede in der Schuldfrage aufzuheben und sündige Verantwortlichkeiten bei den Opfern des Siloha-Unglücks außerachtzulassen. Die quälende Frage, warum der Allmächtige Siloha und Corona und so viel andere Massenerkrankungen und –verletzungen zulässt, werden wir nicht lösen. Sie lässt sich nicht beantworten. Sie ist auch philosophisch und theologisch noch nie gelöst worden.

Rolf Wischnath stand von 1995 bis 2004 als Generalsuperintendent an der Spitze des Sprengels Cottbus der heutigen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. 13 Jahre lang war er auch EKD-Synodaler, gehörte dort nach eigenem Bekunden dem politisch linken Flügel und dem theologisch rechtgläubigen rechten Flügel an.


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