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Glaube praktisch – wie geht das?


Du bist, was du isst

pixelio.de/ro18gerEin Schweinebraten im Rohr. Dem einen läuft beim Anblick das Wasser im Mund zusammen.Ein Schweinebraten im Rohr. Dem einen läuft beim Anblick das Wasser im Mund zusammen.

Foto: © ro18ger / pixelio.de (www.pixelio.de)

Vegetarisch, vegan, Steinzeit-Diät, koscher, halal oder alles Wurst? Essen ist Kult. Das war schon zu biblischen Zeiten so • Von Martin Vorländer

Über das, was auf den Tisch kommt, können Glaubenskriege entbrennen. Welche Ernährung ist gesund? Welches Essen ist ethisch zu verantworten in Zeiten von Massentierhaltung und genetisch verändertem Gemüse? Die Frage verfolgt die Menschheit, seit Adam und Eva von den verbotenen Früchten gegessen haben.
Mittagessen in der Kantine. Neugierig schauen die Kollegen, wer welches Gericht gewählt hat. »Das ist ja ein richtig schönes großes Stück Fleisch«, kommentiert einer den Teller der Kollegin. Die grinst: »Ich mache Steinzeit-Diät. Viel Fleisch, Fisch, Eier, Nüsse, naturbelassenes Obst und Gemüse – so wie unsere Vorfahren. Alles andere ist tabu. Davon wird man eh nur krank!« Ihr Kollege mischt sich ein: »Mit Naturbelassenem werden Sie nicht weit kommen. Es wird doch überall mit Pestiziden und Konservierungsstoffen gearbeitet.« Die Vierte am Tisch meldet sich zu Wort: »Für mich jedenfalls musste kein Tier sterben.« Sie stößt die Gabel in ihren Salat. »Und was ist mit dem Ei in Ihrem Grünzeug?«, fragt die Anhängerin der Steinzeit-Diät. »Daraus hätte auch ein Küken werden können. Aus dem Kreislauf von Fressen und Gefressen-Werden kommen Sie nicht raus!« Einem Kollegen am Tisch reicht es. »Können wir bitte einfach essen?«, fragt er leicht genervt. »Guten Appetit!«

Hinter jedem Essen steckt eine Philosophie

Steinzeit-Diät, vegetarisch, vegan oder gar fruktarisch – also nur essen, was sowieso vom Baum fällt – alles Bio oder alles Wurst? Essen ist Kult. Und es ist kompliziert geworden. Es geht nicht allein ums Sattwerden. Hinter der Frage, wie ich mich ernähre, steckt eine Philosophie. Im einfachsten Gericht verbirgt sich eine ganze Welt, wenn man bedenkt, woher die Zutaten stammen, wie viel Wissen und Arbeit es braucht, um herzustellen, was am Ende auf den Tisch kommt. »Der Mensch ist, was er isst«, meint der Philosoph Ludwig Feuerbach. Soll heißen: Wir bestehen nicht nur aus Denken und Seele. Wir sind auch Körper – einschließlich des Magens, der gefüllt sein will.
Das ist schon in der Bibel so. Das Alte und Neue Testament verstehen Körper, Geist und Seele nicht getrennt, sondern als ein Ganzes. Nahrung ist darum keine Nebensache. Der Mensch braucht Brot und Wort, Nahrung und Sinn. Durch die ganze Bibel hindurch gibt es Gebote, welche Speisen erlaubt und welche verboten sind. Und auch in der Bibel streiten die Menschen darüber, was man essen darf und was nicht.
Die Heilige Schrift bewahrt das uralte Wissen: Essen verbindet. Es verbindet mit denen, die geben und herstellen, was ich auf dem Teller habe. Und es verbindet mit denen, die mit mir am Tisch sitzen. Es gibt in der Bibel von Anfang an Erlaubtes und Verbotenes. Im Paradies lebt das erste Menschenpaar vegetarisch. Adam und Eva dürfen von allen Bäumen im Garten Eden essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis – was sie dann doch tun.
Nach der Sintflut erlaubt Gott der Menschheit, Fleisch zu essen. »Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich's euch alles gegeben«, spricht Gott zu Noah und seinen Nachkommen. (1. Mose 9,3) Das Blut der Tiere allerdings bleibt tabu. Das Blut gilt im Alten Orient als Sitz des Lebens. Daher kommt das Schächten im Judentum und später im Islam. Erst soll alles Blut aus dem Tier geflossen sein, ehe man sein Fleisch verwendet. In der Thora, also in den fünf Büchern Mose, gibt es genaue Speisegebote, welche Tiere zu essen erlaubt und welche verboten sind. Es geht um ein reines Leben nach Gottes Gebot. Von Gott erlaubt, das heißt im Judentum »koscher«, im Islam »halal«.
Gelten die Speisegebote des Alten Testaments auch in der Kirche Jesu Christi? Die Apostel meinten: Ja. Die zwölf Jünger Jesu hatten sich mit Paulus in Jerusalem getroffen. Sie stritten darüber, wie weit die Freiheit eines Christenmenschen geht. Ein Ergebnis dieses Krisengipfels war, so heißt es in der Bibel: »Dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten.« (Apostelgeschichte 15, 29) Keine gute Nachricht für die hessische Schlachtplatte und die Pfälzer Blutwurst.
Das Apostelkonzil hat also einen eindeutigen Beschluss gefasst. Trotzdem ging es in den jungen christlichen Gemeinden in Korinth und Rom weiter um die Wurst. Stein des Anstoßes war das Götzenopferfleisch. Darf eine Christin und ein Christ an einem Essen teilnehmen, bei dem es geweihtes Fleisch aus dem heidnischen Tempel gibt? Beim Kult der griechisch-römischen Welt im ersten Jahrhundert nach Christus opferten die Priester den Göttern nur einen Teil des geschlachteten Tieres. Der Rest wurde gemeinsam verspeist, entweder im Tempel oder bei privaten Einladungen zu Hause. Man konnte das Fleisch der Opfertiere auch auf dem Markt kaufen. Für die Götter nur das Beste – das Kultopferfleisch hatte Top-Qualität. Außerdem gab es kostenlose Festessen im Tempelbezirk. Ärmere Menschen hatten sonst kaum Gelegenheit, mal etwas anderes als Brot und dünne Suppe zwischen die Zähne zu bekommen.
Für Christen war das ein Dilemma: Gehe ich zu der Einladung meines Geschäftspartners, der bestimmt das gute Götzenopferfleisch auftischt? Woher stammt die leckere Lammlende, die mein Händler auf dem Markt anbietet? Esse ich gar kein Fleisch mehr, weil ich es mir nicht leisten kann und mich nicht zu den Festessen im heidnischen Tempel traue?

Kann ich mir Fleisch ohne Bedenken schmecken lassen?

Unter den Christen in Korinth und Rom gab es dazu zwei Meinungen. Der Apostel Paulus nennt sie in seinen Briefen die Partei der Starken und die Partei der Schwachen. Die Starken strotzen vor christlichem Selbstbewusstsein. Ihre Position: Es gibt nur einen Gott, dessen Sohn Jesus Christus ist. Jupiter, Venus oder Mars – nichts als Götzen. Es gibt sie gar nicht. Darum können wir uns gefahrlos das Götzenopferfleisch schmecken lassen.
Demonstrativ Götzenopferfleisch essen – das macht den von Paulus sogenannten Schwachen in der Gemeinde Angst. Sie fürchten: Wer davon isst, nimmt die böse Macht der fremden Götter in sich auf. Götzenopferfleisch essen und Abendmahl feiern, das schließt sich aus.
Es wäre leicht, solche Angst als Aberglaube abzutun. Fleisch ist doch nur Fleisch. Aber auch wir heute machen uns Gedanken: Was esse ich eigentlich? Welche Kette hängt an dem Kotelett, das ich mir einverleibe? Wie wurde das Tier gezüchtet, gehalten, transportiert und geschlachtet, bis sein Fleisch in meiner Küche landet?
Wir gönnen uns beim Essen manche Schizophrenie. Susanne Dembsky berichtet in der »Zeit« von folgendem Dialog. Eine Kundin telefoniert mit einem Biobauern an der Nordseeküste: »Wann haben Sie wieder frisches Lammfleisch?« Der antwortet: »Wir schlachten am Montag. Am Dienstag könnten Sie die frische Lammkeule bekommen.« »Sie würden das Lamm extra schlachten?«, fragt die Kundin erschreckt nach. »Ja.« – »Dann kaufe ich mein Lammfleisch lieber in Hamburg.« Den Braten isst man gerne, will aber nicht daran erinnert werden, dass ein Tier dafür gestorben ist.
Wie entscheidet Paulus im Streit ums Götzenopferfleisch? Eigentlich muss er sich an den Beschluss halten, den er mühsam mit Petrus und den anderen Aposteln ausgehandelt hat. Demnach ist Götzenopferfleisch für Christen tabu. Doch Paulus begeht einen Rechtsbruch. Er beruft sich dabei auf Jesus. Der fragte wie so oft nach dem inneren Sinn der Gebote Gottes, auch der Speisegebote. Jesus sagte: »Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.« (Markus 7,15)

Seid nicht so verbissen beim Essen!

Paulus folgert: Keine Speise ist verboten, auch nicht das Götzenopferfleisch. Jetzt könnte die Partei der Starken in den Gemeinden triumphieren: Wir haben Recht! Ihr glaubensschwachen Bedenkenträger verletzt die christliche Freiheit. Doch Paulus verweist die Starken wie die Schwachen auf die Plätze. Der Glaube an Christus und seine Freiheit sind nicht dazu da, sie gegen andere einzusetzen. »Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken«, schreibt Paulus (Römer 14,17). Soll heißen: Seid nicht verbissen beim Essen! Das ‧Himmelreich besteht nicht aus Speisegeboten. Paulus warnt vor Fundamentalismus. Auch vor dem beim Essen. Ich werde dem anderen nicht gerecht, wenn ich ihm meine Wahrheit aufzwinge. Ich verletze seinen inneren Frieden, wenn ich rücksichtslos meine Freiheit auslebe. Konkret an die Christen damals in Rom geschrieben: Ihr Starken, belastet nicht das Gewissen der anderen, indem ihr demonstrativ Götzenopferfleisch esst. Auch wenn ihr deren Angst unbegründet findet, sie ist trotzdem da. Ihr Schwachen, fordert nicht, dass sich alle nach euch richten. Für beide gilt: Macht euch nicht zum Richter über den Glauben der anderen. Was ihr esst oder nicht, davon hängt nicht der Himmel ab.
Kein Mensch kann einen anderen nötigen, so und nicht anders zu glauben oder so und nicht anders zu handeln. Wenn das nicht einmal der Apostel Paulus tut, dann darf das erst recht kein Moralapostel unserer Tage, der ums vermeintlich einzig richtige Essen einen Kult veranstaltet. Keine Wahrheit, auch keine Glaubenswahrheit, ist dafür da, sie mit Gewalt gegen andere durchzusetzen. Christliche Glaubensstärke schließt Andersgläubige mit ein. Und auch Anders-Essende. Das macht frei, selbst zu entscheiden, was ich esse und was nicht

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Die Schönheit des Normalen

Universität Leipzig; S. MalikSchönheit blüht oft unbemerkt am Straßenrand.Schönheit blüht oft unbemerkt am Straßenrand.

Zwei Theologieprofessoren brechen eine Lanze für den Gottesdienst am Sonntagvormittag

Wird der Sonntagsgottesdienst zum Auslaufmodell? Die Theologieprofessoren Alexander Deeg (Leipzig) und Martin Nicol (Erlangen) sagen: »Es ist Zeit, den ›alten‹ Gottesdienst mit zögerndem Staunen neu zu feiern.« In ihm ließen sich »hinreißend schöne und verstörend fremde Signaturen des Gottesgeheimnisses entdecken«. Das Gespräch führte Wolfgang Lammel.

? Der sonntägliche Hauptgottesdienst gilt – nicht nur in der evangelischen Kirche – als ein Sorgenkind. Wo sehen Sie die Gründe für den geringen Kirchgang am Sonntagvormittag?

Deeg: So gering ist er – Gott sei Dank – nicht. Knapp eine Million Menschen besuchen in Deutschland an einem ganz normalen Sonntag den Gottesdienst! Aber es stimmt natürlich: Es sind dies nur ca. 3,7 Prozent der Evangelischen insgesamt. Es gibt konkurrierende Angebote und Möglichkeiten – ausschlafen, gemütlich frühstücken, wandern gehen, Fußball spielen. Und viele erwarten sich schlicht nichts von einem Gottesdienst.

Nicol: Die zunehmende Entkirchlichung der Gesellschaft macht uns zu schaffen. Aber auch die Kirche selbst ist sich nicht mehr hinreichend sicher, warum und wie am Sonntagmorgen Gottesdienst zu feiern sei.

? Die Kirchen haben ja durchaus fantasievoll reagiert, indem sie Gottesdienste für unterschiedlichste Zielgruppen und mit unterschiedlichsten Themen eingeführt haben. Was ist Ihre Kritik an diesem »zweiten Gottesdienstprogramm«?

Deeg: Es gibt keine grundlegende Kritik meinerseits – außer die, dass das Engagement für das »zweite Programm« die Lust am »ersten« mancherorts mindert. Und vielleicht noch dies: Gottesdienste des »zweiten Programms« haben teilweise das Problem, dass sie die Gemeinde zum Publikum und den Gottesdienst zu einer unterhaltenden oder interessanten Show machen. Wunderbar am »ganz normalen Gottesdienst« ist, dass die Gemeinde nicht Zuschauer ist, sondern Subjekt der Feier. Auch deshalb lohnt dieser jede Wertschätzung.

Nicol: Ich bin froh, dass es in der evangelischen Kirche ein buntes Programm von anderen Gottesdiensten gibt. Im Übrigen haben auch die Gottesdienste in Hörfunk und Fernsehen eine enorme Reichweite. Aber das erste Programm ist nicht nur »normal«, sondern es sollte in gewisser Weise auch »normativ« sein: Am Sonntagmorgen stellt sich die Kirche mit ihrem Kernvollzug, dem Gottesdienst, öffentlich dar. Wenn das Standbein stünde, könnte das Spielbein munter spielen.

? Nun brechen Sie eine Lanze für den »ganz normalen Sonntagsgottesdienst«. Was hat er, das die anderen nicht haben?

Nicol: Der ganz normale Gottesdienst am Sonntag wird nicht gemacht, sondern liegt bereit; man lässt sich auf einen vorgegebenen Weg ein. Im Übrigen kann das »ganz Normale« auch exzeptionell schön sein. Nicht zuletzt durch seine Verbindung mit der Kirchenmusik hat sich der evangelische Gottesdienst in 500 Jahren Reformation ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben. Warum hält man vielerorts die Marke Eigenbau für so viel attraktiver als das bestens eingeführte Markenzeichen unserer Kirche?

Deeg: Luther meinte, im Gottesdienst könne es geschehen, dass »Gott mit uns redet und wir wiederum mit ihm«. Das klingt bescheiden, ist aber gewaltig. Der lebendige Gott redet uns an, ruft uns heraus aus den Sorgen des Alltags, stellt unsere Füße auf weiten Raum – und wir klagen ihm unsere Sorgen, loben und bitten ihn leidenschaftlich für uns und diese Welt. Das alles geschieht Sonntag für Sonntag auf dem bescheidenen und doch reichen Weg, den Generationen vor uns schon gegangen sind und viele Christenmenschen aus der Ökumene mit uns gehen. Es geht um Gott und seine Wirklichkeit inmitten dieser Welt – und so ist der ganz normale Gottesdienst einer der wenigen Orte in unserer durchrationalisierten und ökonomisierten Welt, in dem es nicht um Effektivität und Effizienz geht, sondern um Feier und Spiel, Freiheit und Fest.

? Wie kann man ganz praktisch die Menschen wieder an einem Sonntagmorgen in die Kirche locken? Und wie kann man sie motivieren, immer wiederzukommen?

Nicol: Indem man den »ganz normalen« Gottesdienst kompetent, staunend, solide, wagemutig und selbstverständlich feiert – nicht um Menschen zu locken, sondern um in den Klängen und Farben des Kirchenjahrs Gottes Zeit in der Weltzeit kenntlich zu machen.

Deeg: Es gilt, den Gottesdienst in der selbstverständlichen Erwartung zu feiern, dass Gott selbst uns begegnet – in seinem Wort, in Brot und Wein, in Tönen und Worten. So ›bietet‹ der Gottesdienst etwas, was keine andere Veranstaltung bieten kann! Und wenn dann auch die Musik anspricht, die Predigt engagiert ist, die Lesungen gut vorbereitet und die Feier stimmig, dann motiviert das hoffentlich zum Wiederkommen in der neuerlichen Erwartung, Gott mitten in dieser Welt und im eigenen Leben zu begegnen. 

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Die Macht des Lobens

iStock.com/SondraPDas biblische Lob schlechthin: Halleluja! Zu Deutsch: »Preist Gott!« Hier das Halleluja mit Musiknoten aus dem »Messias« von Georg Friedrich Händel.Das biblische Lob schlechthin: Halleluja! Zu Deutsch: »Preist Gott!« Hier das Halleluja mit Musiknoten aus dem »Messias« von Georg Friedrich Händel.

Wer jubelt und Hymnen singt, erlebt ein Stück Himmel – aber auch Gott braucht Lob als Energiezufuhr • Von Erhard S. Gerstenberger

Was geschieht, wenn Menschen Gott loben? Ein Nanoteilchen verbeugt sich vor dem Universum. Eine Demutsgeste oder schwingen sich Winzlinge zu Gottes Größe auf?
Der Ursprung von Religion, so sagen die einen, liege im Gefühl der Bewunderung großer Weltkräfte. Ehrfurcht sei die Grundlage jedes Glaubens. Andere meinen: Der Mensch habe in Lebensgefahr höhere Gewalten zu Hilfe gerufen. Die Grundstimmung der Glaubenden sei also Angst und Hilflosigkeit. Es ist müßig zu streiten, was zuerst war: das Lob Gottes oder der Ruf um seine Hilfe. Im alttestamentlichen Psalter gibt es beides: Klage- und Bittgebete sowie zahlreiche Hymnen. Die Klage- und Bittgebete sind sogar in der Überzahl. Warum haben jüdische Theologen den Psalter dann »Buch der Lobgesänge« genannt?

Singend im Verbrennungsofen?

Der Lobpreis Gottes spielte in der biblischen Antike eine besondere Rolle. Wir finden neben gängigen Versen (»Lobe den Herrn, meine Seele«) auch Aussagen, die eher fremd erscheinen: In 2. Chronik 20,14–22 wird eine feindliche Armee durch Hymnengesang besiegt. Das erinnert an die Geschichte von Jericho: Bundeslade und Posaunen bringen die Mauern zum Einsturz (Josua 6). In Psalm 22,4 thront Gott offenbar auf den Lobgesängen Israels. In Daniel 3 singen jüdische Widerständler im Verbrennungsofen ein Preislied. Das war später eine Glaubensstütze für Juden auf dem Weg in die Gaskammern.
Die Geschichte des Hymnensingens reicht weit über die Bibel hinaus. Tafeln in Keilschrift aus Mesopotamien, hunderttausendfach in Ruinenhügeln gefunden, gewähren Einblicke in fast alle Lebensbereiche. Aus dem 3. Jahrtausend vor Christus stammen diese Lieder und Gebete. Bei Hof angestellte Dichter haben die Lobgesänge auf Gottheiten, Tempel, Könige komponiert. Schreiber in ihren Werkstätten haben sie aufgezeichnet. Tempelsänger trugen sie kultisch vor.
König Schulgi (ca. 2094–2047 vor Christus) aus Ur, der Stadt Abrahams, erklärt wortreich, wie wichtig ihm die Hymnen sind: Sie preisen seine Erfolge, unglaublichen Fähigkeiten und Kenntnisse. Sie sollen auch nach seinem Tod weiter im Gottesdienst gesungen werden. Auch die großen sumerischen Gottheiten Enki, Enlil, Inana, Utu, Nanna und viele kleinere brauchen die ständige Würdigung im Kult. Opfer dienten der leiblichen Versorgung der Gottheiten. Doch ein Gott lebt nicht nur vom Opferfleisch allein. Er will mit Musik und Gesang gepriesen und angebetet werden. Die Tempel Mesopotamiens hallten Tag für Tag von Jubelgesängen wider. Warum war das Loben so wichtig im antiken Gottesdienst? Was bewirkte der Preis? Von Klage und Bitte wissen wir aus eigener Erfahrung: Sie wollen Gott bewegen, in eine verfahrene Situation helfend einzugreifen. Gott soll Retter sein.

Gute Mächte können schwächeln

Was aber bringt der Lobgesang? Soll er die Menge der Gläubigen in gute Stimmung versetzen? Dem amtierenden Liturgen zujubeln? Die Gottheit ist unendlich groß, ich bin unendlich klein – soll diese Einsicht den Lobliedsänger demütig machen? Oder bekommt er etwas von der überragenden Macht der Gottheit ab, wenn er sie lobt?
Die Hymnen der mesopotamischen Überlieferung und die Psalmen in der Bibel zeigen ein anderes Bild. Da schwelgt man in den Großtaten der guten Gottheiten, die die Welt und Kultur möglich gemacht haben. Die Gottheit hat die Feinde der Sumerer besiegt, Regen geschickt, mit Fruchtbarkeit gesegnet, Wohlstand und Rettung gebracht.
Manche Gottheiten kümmerten sich um spezielle Anliegen ihrer Verehrer. Die Göttin Nungal war für ihre Barmherzigkeit berühmt, der Sonnengott Utu für seine unbestechliche Gerechtigkeit. Inana empfing Hymnen wegen ihrer Kräfte für die Liebe und den Krieg. Kämpfen und küssen gehörten anscheinend zusammen. Enlil war der preiswürdige Schutzherr der Stadt Nippur, aber auch des ganzen Landes Sumer, Enki der weise Altvater im Süßwassermeer unter der Stadt Eridu. Den Göttinnen Gula und Ninisina schrieb man besondere Heilungskünste zu.
Kurz: Die aus zwei Jahrtausenden erhaltenen sumerischen Hymnen spiegeln ein reiches, vielfarbiges Bild von Lebenssituationen, für die den alten Mesopotamiern das Lob guter Mächte angebracht erschien. Diese Mächte waren teils persönlich als Gottheiten, teils unpersönlich als göttliche Kräfte gedacht.
Das Israel der Bibel hat neben anderen Motiven auch die Kunst des Lobens aus seiner Umwelt übernommen und auf Jahwe, seinen Gott übertragen. Das Hallelu-ja, zu Deutsch »Preist Jahwe«, enthält alles. Es ist der machtgeladene Ruf im Gottesdienst, der bis heute in der jüdisch-christlichen Tradition weiterlebt.
Der Antrieb zum Loben war das Bewusstsein: Die guten Mächte können schwächeln und brauchen die Energiezufuhr der Lobgesänge. Typisch dafür sind zwei Stellen im Prophetenbuch Jesaja: Niemand hilft Jahwe! Er muss allein kämpfen. Aber Gerechtigkeit und Rache stehen ihm bei (Jesaja 59,16; 63,5).
Die Gemeinde im Gottesdienst reiht sich ein in die Chöre, die dem Höchsten zusingen. »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes!« (Psalm 19,2) »Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich!« (Psalm 98,8) In den Psalmen 29 und 96 sollen die Gottesfürchtigen »Ehre und Macht« für den Höchsten – offenbar durch Lobarbeit – »heranschaffen«.

Wie Fußballfans, die ihrer Mannschaft Kraft zuführen

Gotteslob bewegt und erhält die Welt. Es geht nicht um die physikalische Größe der Lobgemeinde. Es geht um ihre Teilnahme an der Weltgestaltung. Gotteslob ist im Alten Orient und in der Bibel nicht auf ein narzisstisches Glücksgefühl reduziert. Der Lobpreis baut Gott auf. So wie Fußballfans mit ihren Gesängen ihrer Mannschaft Kraft zuführen: »So ein Tag, so wunderschön wie heute ... « Oder wie die Sängerin Nubya den Geliebten stärkt: »Du weißt gar nicht, wie schön du bist.«

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Das oberste Gebot: Du sollst nicht langweilen

iStock.com/ianbarnardAbgekanzelt: Die Bibel wie ein Wurfgeschoss erhoben, den moralischen Zeigefinger auf die Gemeinde gerichtet. Karikatur eines Predigers. Von oben herab funktioniert nicht mehr, sagt Kathrin Oxen.Abgekanzelt: Die Bibel wie ein Wurfgeschoss erhoben, den moralischen Zeigefinger auf die Gemeinde gerichtet. Karikatur eines Predigers. Von oben herab funktioniert nicht mehr, sagt Kathrin Oxen.

»Schön war's, Herr Pfarrer!«, sagen Gottesdienstbesucher beim Abschied an der Kirchentür – was sie schön fanden, erfährt der Prediger selten • Von Amet Bick

Was macht eine gute Predigt aus? Die Journalistin Amet Bick sprach mit Kathrin Oxen, Pfarrerin und Leiterin des evangelischen Zentrums für Predigtkultur in Wittenberg, über die Mündigkeit der Predigthörenden, brutales Feedback bei einem Predigt-Slam und alte Muster, die schwer zu durchbrechen sind.

? Den Protestanten wird oft vorgeworfen, dass sie zu wortlastig sind. Sehen Sie das auch so?

Kathrin Oxen: Wir sollten offensiv mit dem Vorwurf der Wortlastigkeit umgehen: Es ist ein Teil unserer Identität, dass die Rede, die Predigt eine besondere Stellung hat. Man muss den Kopf nicht abschalten, wenn man in den Gottesdienst geht. Wir können unsere Orientierung auf den Verstand hin auch positiv sehen. Aber es zeichnet sich ein Wandel ab. Prediger und Predigerinnen wollen keine Vorlesung light mehr halten.

? Die Predigt sollte emotionaler werden?

Oxen: Das nun auch nicht unbedingt. Wir können auf die Kraft der Worte setzen, das muss nicht langweilig sein. Allerdings werden Fehler gemacht. Prediger und Predigerinnen verstecken sich oft hinter allgemeinen Formulierungen, sie trauen sich zu selten, von sich selbst zu sprechen. Aber das ist das Einzige, das die Leute interessiert: die persönliche Erfahrung – auch mit den biblischen Texten. Der Modus der Behauptung, wenn einem gesagt wird, was wie zu interpretieren und zu bewerten sei, kommt nicht mehr gut an.

?  Es geht also um ein verändertes Selbstverständnis des Predigers?

Oxen: Die Top-down-Kommunikation funktioniert nicht mehr, also dass jemand von oben herab nach unten erklärt. Die Mündigkeit der Predigthörenden war in der praktischen Theologie die am tiefsten einschneidende Erkenntnis der vergangenen 30 Jahre. Die Leute sind ja nicht blöd, nur weil sie vielleicht nicht Theologie studierten, sondern haben durchaus ihre Meinung und ihre eigenen Erfahrungen. Predigende und Hörende sind gleichberechtigt, und das muss man in der Predigt spüren.

? Sie haben gerade zum vierten Mal den Wittenberger Predigt-Slam veranstaltet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Oxen: Das ist Teil einer Fortbildung für Pfarrer und Pfarrerinnen. Sie bereiten drei- bis fünfminütige Texte zu einem Bibelvers oder einem biblischen Thema vor und performen den dann vor Publikum auf einer Theater-Bühne. Dafür bekommen sie eine Benotung zwischen eins und zehn. Das ist ein brutales Feedback, aber es bringt sie weiter, weil Neues entsteht. Die Predigt ist eine erstaunlich feste Form, die oft in bestimmten Mustern abläuft, was Sprachmelodie, sprachliche Versatzstücke, Betonung, Gestik angeht. Die Prediger sind dankbar, wenn sie einmal klar hören, wie sie bei den Leuten ankommen. Denn auch der Nachwuchs übernimmt viele Stereotypen.

?  Warum ist das so?

Oxen: Das wissen wir nicht. Es gibt ein hohes Maß an Tradition, und das ist schwierig aufzubrechen. Ich verzichte zum Beispiel am Anfang einer Predigt seit vielen Jahren auf die Einleitungsformel »Liebe Gemeinde«. Das irritiert viele Gottesdienstbesucher. Sie sagen mir am Ende: »Das war aber keine richtige Predigt.«

? Für Jugendliche ist eine Predigt in der traditionellen Form nicht mehr auszuhalten, oder? Dass ‧jemand zehn Minuten lang monologisiert, verstößt gegen die oberste Regel der medialen Unterhaltung: »Es darf nicht langweilen.«

Oxen: Wir veranstalten jährlich einen Jugendpredigtwettbewerb und sind immer erschrocken, wie konventionell die Beiträge sind. Jugendliche haben offenbar feste Erwartungen an eine Predigt. Ich glaube, dass auch Jugendliche zuhören können, vielleicht nicht zehn, aber drei oder vier Minuten. Aber wir müssen natürlich über neue Formen, die sie mehr ansprechen, nachdenken.

? Was macht Ihrer Ansicht nach eine gute Predigt aus?

Oxen: Wenn über eigene Erfahrungen gesprochen wird in einer bildlichen Sprache, ohne Bandwurmsätze. Wenn der Kontakt zu den Hörenden gesucht wird. Eine Predigt wirkt durch die gesamte Performance. Mir ist wichtig zu spüren, dass sich der Prediger mit dem biblischen Text auseinandergesetzt hat. Er muss mir sagen, was das heute mit meinem Leben zu tun hat. Ein guter Prediger kennt Techniken, mit denen er Spannung erzeugt und den roten Faden erkennbar macht. Wir haben lange gedacht, der Heilige Geist wird es schon richten, und vergessen, dass die Predigt eine Rede ist, die – wenn sie Aufmerksamkeit erlangen will – den Regeln der Rhetorik unterliegt. 

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Das Recht, ein anderer zu werden

iStock.com/damedeesoEngelchen und Teufelchen in einer Person. Buße heißt, sich mit den eigenen dunklen Seiten auseinanderzusetzen.Engelchen und Teufelchen in einer Person. Buße heißt, sich mit den eigenen dunklen Seiten auseinanderzusetzen.

Wer Buße tut, verhält sich revolutionär, denn er glaubt: Ich kann mich zum Besseren ändern • Von Martin Vorländer

Am Anfang kommt der Schreck: »So bin ich. Aber so will ich doch gar nicht sein!« Man kann diese Selbsterkenntnis schnell unter den Teppich kehren. Oder sich der Wahrheit stellen und dabei viel gewinnen.
Eine Frau ist schon lange mit ihrem Freund zusammen. Aus beruflichen Gründen führen die beiden seit einem Jahr eine Fernbeziehung. Sie liebt ihren Partner und möchte ihn auf keinen Fall verlieren. Und doch hat sie ihn in den vergangenen Monaten mehrmals betrogen. Er ist ja weit weg und bekommt es nicht mit. Da fühlt sich der Seitensprung nicht so schlimm an. Eines Abends fragt sie ihr Partner: »Bist du mir treu?« Was soll sie tun: Lügen? Die Wahrheit sagen? »Da war mal was«, fängt sie an. In diesem Moment sieht sie, wie etwas im Gesicht des anderen stirbt. Erst jetzt spürt sie den Verrat an ihrer Liebe, den sie begangen hat.
Über sich selbst erschrecken. Das kommt in der Bibel noch vor jeder Schuld. Man erkennt, was man getan hat, und schämt sich. Nicht nur mit einem flüchtigen Erröten. Die Scham geht durch Mark und Bein. »Wie stehe ich jetzt vor dem anderen da? Auf einmal sehe ich – und der andere auch –, wie ich bin und nicht sein will.«

Scham: Das heißt, nackt und bloß vor Gott stehen

»Scham«, schreibt der Theologe Kristian Fechtner, »bezieht sich nicht (...) auf etwas, was jemand getan oder unterlassen hat, sie gilt vielmehr der ganzen Person«. Am liebsten würde man sich verstecken wie einst Adam und Eva, nachdem sie erkannt haben, dass sie nackt und bloß vor Gott stehen. »Das bin doch nicht ich, das entspricht mir gar nicht – und trotzdem habe ich es getan. Ich kann es nicht ungeschehen machen.«
Man hat den anderen verletzt. Das ist nicht einfach mit einem »Entschuldigung« aus der Welt zu schaffen. Es ist ein Bruch entstanden. Die Erkenntnis geht tief und berührt nicht nur das Verhältnis zu dem anderen. »Wie sieht mich jetzt Gott mit diesem Abgrund, der sich in mir aufgetan hat?«
Buße ist »das Recht, ein anderer zu werden«, meint die Theologin Dorothee Sölle. Sie bewegt sich damit in dem Horizont der Hoffnung, den die Bibel beschreibt. Kein Mensch ist festgenagelt auf das, wie er ist und was er getan hat. Das deutsche Wort Buße kommt von Besserung. »Die ändert sich nicht mehr, der war schon immer so« – das sind keine biblischen Sätze über einen Menschen.
»Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!« (Matthäus 4,17) So fängt Jesus an zu predigen. Er verheißt: Menschen dürfen an die Möglichkeit glauben, dass sie sich ändern, mehr noch bessern können. Buße im Hebräischen des Alten Testaments bedeutet »umkehren«. Das griechische Wort für Buße im Neuen Testament heißt »umdenken«. Buße hat eine Außen- und eine Innenseite. Es beschreibt eine körperliche Bewegung und einen inneren Prozess. In der klassischen Lehre der Kirche geht das in einem Dreischritt.
Buße beginnt mit der »contritio cordis«, mit der Reue aus tiefem Herzen. Wer aufrichtig bereut, kehrt nicht schnell unter den Teppich, was sie oder er angerichtet hat. Schuldbewusstsein ist ein Zeichen für Menschenwürde. Ich weiß mich für mein Handeln verantwortlich. Ich belüge nicht länger mich und die anderen. Kein Beschönigen und Wegverweisen der Schuld nach dem Motto »Das machen doch alle so«. Es geht nicht um die anderen. Ich stelle mich der Wahrheit über mich selbst. Dazu gehört Mut.
Der zweite Schritt der Buße ist die »confessio oris«, das Bekenntnis der Schuld vor den Ohren eines anderen. Zunächst im geschützten Raum vor mir selbst und vor Gott. Wo nötig, auch vor anderen, denen ich Erklärung schuldig bin.
Es kann ein unglaublicher Kraftakt sein, einem anderen gegenüber Wort für Wort laut auszusprechen, was man auf dem Kerbholz hat, was einen plagt und umtreibt oder »betrübt und ängstigt«, wie Luther sagt. Aber was zunächst gewaltig zehrt oder einem schier unsagbar peinlich ist, das kann – endlich, endlich ausgesprochen – dann wieder ungeheure Lebenskraft freisetzen.
Schließlich der dritte Schritt, die »absolutio«, das Freisprechen von der Schuld und der Zuspruch, dass Gott mir über meine Brüche und Abgründe hinweg gnädig ist. Martin Luther schreibt: »Ein christlicher Prediger kann nimmer das Maul auftun, er muss die Absolution zusprechen.« Und: »Die Pforte der Absolution (...) soll dem armen Sünder niemals verschlossen sein; er falle so tief er immer wolle.«
Was wir aufzuarbeiten haben an Defiziten in der eigenen Lebensgeschichte, womit immer wir in der Gegenwart zu kämpfen haben – die Gewissheit, Lasten abladen und von Neuem beginnen zu dürfen, ist eine Basis, auf der zuversichtliches Leben möglich ist. Manches lässt sich ausräumen und bessern. Es gibt aber auch Schuld, die nicht ungeschehen oder wiedergutzumachen ist. Mit dem Mut zur Buße gibt ein Mensch in jedem Fall der Wahrheit die Ehre. Und kann sich wieder im Spiegel anschauen.

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Beten bewirkt nichts – und genau deshalb alles

pixelio.de/R. RudolphIn Frankreich nennt man Gebetskerzen auch »veilleuse« - Wächterin. Sie wacht, auch wenn der Beter die Kirche schon verlassen hat.In Frankreich nennt man Gebetskerzen auch »veilleuse« - Wächterin. Sie wacht, auch wenn der Beter die Kirche schon verlassen hat.

Foto: © R. Rudolph / pixelio.de (www.pixelio.de)

Was tun wir eigentlich, wenn wir beten – und ändert das was? • Von Cornelia Richter

»Bitte, lieber Gott, mach, dass...!« Doch was ist, wenn es anders kommt? Ein Kind erkrankt schwer, ein geliebter Mensch stirbt, die Welt wird nicht heil. Dann stellen sich Zweifel ein, ob Beten etwas nützt. Trotzdem: Beten bewirkt unendlich viel. 

Beim Beten wenden wir uns an Gott. Es ist erst einmal zweitrangig, ob wir uns Gott besonders vertraut fühlen oder uns eher selten an ein Gebet wagen. Es kommt auch nicht darauf an, welches Bild wir von Gott haben. Wir erzählen einfach, weil das Herz davon überfließt. In einem klagenden Gebet tragen wir vor, was uns bedrückt, Angst macht und nicht schlafen lässt. Wir bitten Gott um Hilfe, oft mit Vorschlägen, wie die aussehen könnte: »Lass dieses oder jenes geschehen!« Ebenso im Dankgebet, wenn die Freude übersprudelt: »Danke, danke, danke, das ist so schön!« Manchmal formulieren wir gar nicht, was so schön ist. Gott wird schon wissen, was gemeint ist. 

Übergroße Gefühle – und wenn Worte fehlen

Wenn Gefühle übergroß sind, beten wir oft nicht mit Worten, sondern mit Gesten oder nur noch im Inneren. Eine stille Form des Gebets. Zuweilen versagt auch dieser Ausdruck: in Situationen, in denen wir selbst noch nicht wissen, was ist. Dann erzählen wir Gott von unserer Ratlosigkeit. Wir beten, damit wir verstehen, was los ist. Ein unruhiges Beten mit Sätzen, die nicht fertig werden und es auch nicht müssen. Man denkt dem nach, was ist. Oder man greift auf vertraute Gebete zurück: das Vaterunser, Liedtexte, Psalmen. Wer Bezug zur katholischen Tradition hat, betet vielleicht die Litanei des Rosenkranzes. Dessen beruhigtes Gleichmaß kann dem inneren Chaos Struktur geben. 

Ruhe und Struktur im Chaos sind das Eine. Aber unser Beten will doch mehr: Verändert es die Wirklichkeit? Tut Gott was? Damit ist die Frage nach dem Handeln Gottes aufgerufen. Geht alles wie erbeten, sind wir schnell mit Lob und Dank dabei. Bestimmt hat Gott, der Schöpfer der Welt auch diesen Freudenmoment bewirkt. Der Haken an der Sache: Das Gegenteil lässt sich schwer ertragen. Nachrichten und Alltag geben genug Grund, um am Handeln Gottes zu verzweifeln. Das ist nicht erst unser Problem heute. Frühere Generationen hatten es nicht leichter mit dem Glauben. Die bange Frage, ob Gott mit seinem Wirken wirklich bei uns ist, wurde selten mit einem Katalog von Gottes Leistungen beantwortet: »Ja, hat er: Erbeten – geliefert.« Stattdessen kennen wir in Bibel und Tradition eine Vielzahl inniger Texte, in denen Gebet, Zuversicht und Dank auf eine vorsichtige und doch hoffnungsvolle Weise ineinander verwoben sind. 

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren«

Ein berühmtes Beispiel ist Psalm 103. Joachim Neander hat ihn 1680 zum Kirchenlied verdichtet: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.« Ein scheinbar ausschließlich fröhliches Loblied. Wer genauer hinsieht, entdeckt: Es geht darin um höchst prekäre Lebenssituationen: »Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt.« 

So weit, so gut. Aber die Strophe endet mit einer Frage: »Hast du nicht dieses verspüret?« Verspüre ich, dass ich sicher geführet bin? Ist die Welt herrlich regieret? In Nigeria und im Sudan, in der Ukraine und der Türkei, auf Madagaskar und dem Balkan? Die Nachrichten sprechen eine andere Sprache. Ist das Leben anderer und mein eigenes Leben so erhalten, wie es mir gefällt? 

Zerreißproben vor Augen

Was, wenn ein Kind schwer erkrankt? Wenn Jugendliche vor lauter Fragen an das Leben keinen geraden Weg mehr sehen? Wenn man sich zwischen Familie und Beruf zerreißt? Wenn eine Beziehung zerbricht? Wenn ein geliebter Mensch stirbt? Wenn die Stille der Einsamkeit in den Ohren dröhnt? Neander, der Dichter des Lobpreises hat solche Zerreißproben vor Augen. Er hat das Lied gedichtet in eben dem Jahr, in dem er nach einer schweren Erkrankung verstirbt. »Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.« Auch diese Strophe endet nicht im Jubel. Sie lässt die Spannung zwischen Text und Leben bestehen: »In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!« Es ist ein bitterer, ein lebenserfahrener Satz. Zugleich akzeptiert er: Ja, die Not war groß oder ist es noch immer. Und doch hat der gnädige Gott genau darüber seine Flügel gebreitet. Neander fordert mit dem Psalm dazu auf, in Seele und Herz hinein zu hören. Wenn das Leben zusammenzubrechen droht, ist es wichtig, sich der Nähe Gottes zu erinnern. 

Wir legen unsere Sache Gott vor

Es ist nicht die Erinnerung an eine Geschichte, die zwangsläufig die eigene sein muss. Es ist die Erinnerung an eine verheißene Geschichte. In den Psalmen wird Gott an seine Verheißung erinnert und die Sehnsucht ausgesprochen: Gott möge sein Versprechen auf Nähe und Begleitung halten. Bedingungen zu stellen, würde zu kurz greifen, denn Gottes Handeln ist für uns ungreifbar. Die Bitte lässt uns Betende der Verheißung innewerden und bringt Gott in uns zum Sprechen: »Hast du nicht dieses verspüret?« Eine Frage, die auf Erinnerung zielt und vergewissert: So ist es doch? Wenn wir beten, passiert dies: Wir legen unsere Sache Gott vor. Dabei sind wir nicht nur bei uns. Im Gegenteil: Wir wenden uns Gott zu und werfen unsere Sorge auf ihn. Ich spreche aus, was mich umtreibt. Ich versuche, es in Worte zu fassen. Ich bin mir bewusst: Ich kann es nicht alleine richten – oder im Lobgebet: Ich verdanke das alles nicht mir selbst. Ich wende mich zu Gott und mein Ich wird dabei neu komponiert. Not und Sorge sind dadurch (noch) nicht weg. Aber es lässt mich aushalten, aufrecht bleiben und weitergehen. Ich stimme ein in den Chor der vielen, die sich seit Davids Zeiten an Psalm 103 festhalten. 

Am Ende des Liedes »Lobe den Herren« steht nicht selbstgewisser Triumph, sondern die Zusage: »Er ist dein Licht«. Ja, aber weil das Leben noch immer nicht heil ist, fügt Neander mit Psalm 103 hinzu: »Seele, vergiss es ja nicht.« Schau in dein Innerstes. Vergewissere dich und dann »schließe mit Amen!«. Amen heißt übersetzt: »So sei es!« So sei es – als Bitte, Vergewisserung, Zusage, die Gott selbst in uns zum Sprechen bringt. Ist das nichts? Das ist unendlich viel.

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Beichte – Gottes vergessenes Angebot

iStock.com/George MuresanAn wen sich wenden, wenn man sich die Hände schmutzig gemacht hat und die Weste nicht mehr weiß ist? »Wasche mich rein von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde« ist eine uralte, urmenschliche Bitte aus Psalm 51.An wen sich wenden, wenn man sich die Hände schmutzig gemacht hat und die Weste nicht mehr weiß ist? »Wasche mich rein von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde« ist eine uralte, urmenschliche Bitte aus Psalm 51.

Beim Therapeuten, in Talkshows, im Internet: Überall wird gebeichtet. Nur nicht in der Kirche. Plädoyer für eine Wiederentdeckung • Von Peter Zimmerling

 

Beichtstuhlstreit. Sie entzündete sich an Martin Luthers Kritik am mittelalterlichen Beichtverständnis. Danach war die Beichte nur wirksam, wenn man alle Sünden beichtete, genügend Reue zeigte und bereit war, Wiedergutmachung zu leisten. Bedingungen, die schwer zu erfüllen waren. Luther hielt diese Form der Beichte für eine Gängelung des Gewissens, mit dem Evangelium unvereinbar. Daher reformierte er sie.
Beichte konzentrierte Luther auf das Wesentliche: das Bekenntnis der Schuld und die Zusage der Vergebung. Aus einem Zwangsinstrument der Kirche wurde ein befreiendes Angebot Gottes. Luther selbst hielt Zeit seines Lebens an der regelmäßigen Beichtpraxis fest. So wichtig war ihm die Beichte, dass er sie anfangs sogar als drittes Sakrament nach Taufe und Abendmahl verstand. Trotzdem hat sich Luthers Erneuerung unter Evangelischen nicht durchgesetzt. Diese verstanden die Freiheit zur Beichte bald als Freiheit von der Beichte. Mehr und mehr ist die Beichte aus dem Bewusstsein von Protestanten verschwunden. 

Luther hat die Beichte erleichtert

Menschen neigen dazu, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Luther hat die Beichte enorm erleichtert. Doch Versagen und Schuld musste man weiterhin bekennen. Die Beichte blieb ein Stachel gegenüber Selbstüberschätzung. Menschen können offensichtlich ohne Ersatz für die Beichte nur schwer leben. Viele Therapien lassen sich als säkulare Beichtformen verstehen. Zeitgenossen meinen, dass die Therapie den Vorteil besitze, sich ohne Angst vor moralischer Verurteilung aussprechen zu können. Überdies kenne sich ein Therapeut mit den Reaktionen der Seele besser aus als ein Theologe. 
Die Beichte erfolgt vor dem menschlichen Stellvertreter eines persönlich verstandenen Gottes. Dieser Stellvertreter muss nicht Pfarrerin oder Pfarrer sein. Er oder sie spricht die Vergebung im Namen Gottes zu. In der Beichte kann auch Schuld vergeben werden, die nicht wieder gutzumachen ist. Das ist gegenüber jeder Form von Therapie ein großer Vorteil. Die Beichte ist als Freispruch Gottes, als Befreiung von seelischen Altlasten gültig, unabhängig vom nachfolgenden Tun des Beichtenden. Das war Luthers Anliegen: Beichte und Zuspruch der Vergebung hängen nicht von menschlichen Leistungen ab. Wenn Beichte allerdings nachhaltig wirken soll, bedarf es einer neuen Lebensausrichtung. 

Starke Sehnsucht nach Aussprache und Annahme

 

Mit Individualisierung und Pluralisierung nimmt die Gefahr des Scheiterns zu. Zur Kehrseite größerer Freiheitsräume gehört, dass das Risiko steigt, schuldig zu werden. In der Risikogesellschaft, in der wir uns vorfinden, scheint die Zahl derjenigen zu steigen, die Therapie in Anspruch nehmen. Die Möglichkeit zur Beichte ist noch nicht in das Bewusstsein der meisten Evangelischen zurückgekehrt. Was starken Zulauf hat, sind kirchliche Beratungsangebote. Daran merkt man, dass in einer komplizierter werdenden Gesellschaft der Bedarf an Lebenshilfe und Aussprache größer wird. 

Die Beichte umfasst unterschiedliche Aspekte

 

Beratung statt Beichte? Die Beichte umfasst unterschiedliche Aspekte. Probleme aussprechen ist nur eine Dimension. Der Sinn der Beichte: Schuld und Versagen vor Gott bekennen in Gegenwart eines menschlichen Zeugen. Auch die stille Bitte um Vergebung im Herzen stellt eine vollgültige Form der Beichte dar. Im Vaterunser heißt es direkt nach der Bitte um das tägliche Brot: »und vergib uns unsere Schuld«. Beichte und Vergebung sind täglich so lebenswichtig wie Brot. 
Wie stark die Sehnsucht nach Aussprache und Annahme ist, zeigt sich an den vielen Talkshows. Sie stellen in meinen Augen Lückenbüßer für die Beichte dar. Wenn es zum Menschsein gehört, immer wieder zu versagen und schuldig zu werden, bedarf es Strategien der Entlastung. Besonders wenn die traditionelle Beichte nicht mehr vertraut ist. Talkshows sind reißerisch, vermarkten Schicksale, rücken Menschen oft in ein schlechtes Licht. Talkshow-Beichten dienen der Unterhaltung. Schuldbekenntnisse werden vor Millionen inszeniert. Die Intimsphäre wird nicht geschützt. Überdies lenkt die Beschäftigung mit den Problemen anderer von den eigenen ab. 

Beichte bietet die Chance, zu eigener Schuld zu stehen

Der Mensch ist ein Verdrängungskünstler und gut darin, sich zu rechtfertigen, um Schuld nicht eingestehen zu müssen. Schon am Anfang der Bibel findet sich ein klassisches Beispiel dafür: Nach dem Sündenfall stellt Gott Adam zur Rede, wieso er vom Baum der Erkenntnis aß. Adam schiebt es auf Eva, die ihm den Apfel gab. Die beschuldigt die Schlange, von Gott geschaffen, die sie verführte. Letztlich ist Gott selbst schuld. Eine Grundbefindlichkeit des Menschen besteht darin, Entlastungsmechanismen zu suchen, die eigene Verantwortung auf andere abzuwälzen. Die Beichte bietet angesichts dieser Situation die große Chance, zu eigener Schuld zu stehen, sie zu bekennen, von ihr frei zu werden und so wieder den aufrechten Gang zu lernen.
Bisher wird die Einzelbeichte im Raum des Protestantismus nur an wenigen Stellen regelmäßig praktiziert: bei Kirchentagen und in evangelischen Kommunitäten wie Taizé. Die heutige Gesellschaft braucht jedoch die Beichte. Die Sehnsucht nach echter Aussprache, gerade im Schutzraum der Beichte, ist heute sogar stärker als früher, weil die sozialen Netze brüchiger geworden sind.

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Heiliger Klang

Morguefile.com/BeglibErst »fest gemauert in der Erden«, dann »hoch auf des Turmes Glockenstube«. So bedichtete Friedrich Schiller die Glocke, der mit dem Sohn eines Glockengießers zur Schule ging.Erst »fest gemauert in der Erden«, dann »hoch auf des Turmes Glockenstube«. So bedichtete Friedrich Schiller die Glocke, der mit dem Sohn eines Glockengießers zur Schule ging.

Advent und Weihnachten ohne Glocken? Undenkbar! • Von Martin Vorländer

Großes Stadtgeläut in Frankfurt am Samstag vor dem Ersten Advent. Auf Weihnachtsmärkten und Adventsfeiern, in Geschäften und Häusern tönt »Kling, Glöckchen« und »Jingle bells«. Der silberne Ton aus dem bis dahin verschlossenen Weihnachtszimmer, der den Kindern verheißt: Bescherung! Glocken gehören zur Advents- und Weihnachtszeit. Warum eigentlich?

Unten an seinem Saum sollst du Granatäpfel machen und zwischen sie goldene Schellen ringsherum, dass eine goldene Schelle sei, danach ein Granatapfel und wieder eine goldene Schelle.« Das liest sich wie eine Anleitung für Christbaumschmuck, beschreibt aber das Priestergewand von Aaron (2. Mose 28, 33). Bei jedem feierlichen Schritt klingelten die Glöckchen am Rocksaum und verkündeten: Achtung, der Priester kommt! 

Glocken wurden zu einem christlichen Markenzeichen

Glocken gibt es schon im Alten Testament. Sie wurden zu einem christlichen Markenzeichen. So zerstritten die Christenheit sonst ist, Glocken gibt es in allen Kirchen. Bei den Kopten in Ägypten. Bei syrisch-orthodoxen Christen in Syrien und in der Türkei. In der katholischen Kathedrale St. Patrick auf der Fifth Avenue in Manhattan-New York ebenso wie im höchsten Kirchturm der Welt, dem evangelischen Ulmer Münster bis hin zu den viel besungenen Glocken von Rom. »Glocken mit heiligem Klang, klinget die Erde entlang!« Dazu muss man die Glocken nicht erst auffordern. 

Nach Europa kam die Glocke auf mondänen Umwegen

Glocken sind älter als Christentum und Judentum. Sie blicken auf eine fünftausendjährige Geschichte zurück. Ihr Ursprung dürfte in Asien liegen, der Heimat des Erzgusses. Man meinte, Erz und sein Klang vertreibe Dämonen und besänftige die Götter. Wo Glocken läuten, muss das Böse weichen. Darum hängte man im alten Mesopotamien Glocken um den Hals der Leitpferde, der Elefanten und Kamele. Mag sein, dass das im fröhlichen Gebimmel heutiger Kuhherden seinen Nachklang hat. 

Das frühe Christentum stand der Glocke zunächst ablehnend gegenüber. Die Glocke machte mondäne Umwege, um sich ihren Platz in den Kirchen zu erobern. Koptische Mönche verwendeten Glocken, um zum Gebet zu rufen. Sie standen in Verbindung zu dem Kloster auf der Insel Lérin an der südfranzösischen Küste vor Cannes. Damit hatte die Glocke den Sprung vom Osten in den Westen geschafft. Das Läuten zum Gebet wurde zum Bestandteil vieler Ordensregeln. Mönche nahmen die Glocke mit nach Irland und Schottland. Iroschottische Missionare wiederum brachten sie von den Inseln aufs europäische Festland. Karl der Große führte sie als Gebetszeichen allgemein ein. Nun läutete es im ganzen karolingischen Reich. Seit dem 13. Jahrhundert ruft das Glockengeläut insbesondere zum Friedensgebet. Die reformatorischen Kirchen behielten die bisherigen Läuteordnungen weitgehend bei. Sie betonten: Glocken sollen »führnehmlich zum Gottesdienst« läuten (Kirchenordnung Leipzig 1580). 

Lebende rufen, Tote beklagen, Blitze brechen

Zeiten, in denen Glocken lange schweigen, sind schlechte Zeiten. Im Ersten Weltkrieg wurden in Deutschland 65 000 Glocken zu Kanonen umgegossen. Viele Kirchengemeinden betrachteten das »Glockenopfer« als einen patriotischen Akt. Im Zweiten Weltkrieg ging es den Nationalsozialisten nicht nur um das Material. Das Schweigen der Glocken damals ging einher mit dem Schweigen der Menschen angesichts unfassbarer Gräueltaten. Menschlichkeit lebt auf, wenn Glocken zur Besinnung rufen, zur Unterbrechung des Alltags, zum Friedensgebet. 

Was macht Glocken so attraktiv? Ihr Klang ist weithin zu hören. Auch wo Menschen verstreut wohnen, sorgt das Läuten für einen gemeinsamen Lebensrhythmus. Glocken können jahrhundertealt werden. In ihrem Läuten schwingt Ewigkeit. Der Glockenschlag macht hörbar, wie eine Stunde nach der anderen vergeht. Wem die Stunde schlägt. Das erinnert: Die eigene Lebenszeit ist endlich. Glocken haben meist einen Namen, eine eigene Inschrift und Verzierung. Das lässt sie wie eigenständige Persönlichkeiten erscheinen. »Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango«, überschrieb Friedrich Schiller sein »Lied von der Glocke«. Als spräche die Glocke selbst: »Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.« 

Früher schrieb man den Glocken magische Kräfte zu

Früher schrieb man den Glocken magische Kräfte zu, die sogar das Wetter beeinflussen können. Sie sollten Gewitterwolken zerstreuen. Abgefeilte Späne von Glocken halfen angeblich gegen Fieber. Bei Ohrenschmerzen und Heiserkeit empfahl man, seinen Namen mit blauer Kreide auf die größte Glocke zu schreiben. Aberglaube. Aber Glocken sind eben starke Symbole. Sie verweisen auf Gott, dem man alles anvertrauen darf. Vom kleinsten Weh‧wehchen bis zum allergrößten Leid. 

Besondere Bedeutung haben die Glocken in der Karwoche und an Ostern. Sie schweigen ab Gründonnerstag, bis in der Osternacht das Gloria wieder gesungen wird. »Deo Gloria« – das ist die Botschaft der Glocken: »Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.« Das singt die Menge der himmlischen Heerscharen, nachdem der Engel des Herrn den Hirten auf dem Felde die frohe Botschaft überbracht hat: »Euch ist heute der Heiland geboren.« (Lukas 2, 11)

Im Evangelischen Gesangbuch gibt es nur ein Lied, in dem Glocken vorkommen (EG 407, 3) und das ist kein Weihnachtslied. Doch in vielen traditionellen Liedern zum Christfest hört man die Glocken klingen. »Glocken in der Advents- und Weihnachtszeit sind ein Stück Volksfrömmigkeit«, meint Thomas Wilhelm, der Orgel- und Glockensachverständige der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Vielleicht schwingt bei den adventlichen Glöckchen, Schellen und Zimbeln mit, dass die Glocken in der katholischen Kirche bis heute insbesondere zum »Angelusgebet« geläutet werden. Das Gebet nimmt die Worte des Engels Gabriel auf, der Maria verkündet: Sie wird Jesus gebären, den Sohn des Höchsten. Gott wird Mensch. Diese Engelsbotschaft läuten die Glocken in die Welt hinaus. 

Süßer die Glocken nie klingen – das findet nicht jeder

»Süßer die Glocken nie klingen.« Das findet nicht jeder. In Darmstadt-Eberstadt leidet ein Anwohner unter den Glocken der evangelischen Dreifaltigkeitskirche. Das Läuten sei ohrenbetäubend. Der Kirchenvorstand hat das Geläut messen lassen und festgestellt: Die gesetzlichen Richtwerte werden eingehalten. 

In Udenheim in Rheinhessen hatte sich eine Bürgerin über den nächtlichen Glockenschlag und über das »polizeiliche Geläut«, das dort traditionell den Arbeitstag strukturiert, beschwert. Die Kreisverwaltung in Alzey und das Landesamt für Umwelt in Mainz gaben ihr recht: Die zumutbaren Spitzenwerte würden überschritten. Die Glocken schweigen nun nachts und wurden tagsüber gedämpft. Doch in dem 1 300-Seelen-Dorf erhob sich Protest: »Wir woll'n die Glocken hör'n«, kämpften Einwohner um ihr Geläut. 

Läuteordnungen sind Sache der Kirchengemeinde

Für solche Konfliktfälle gebe es keine generelle Lösung, sagt Thomas Wilhelm. Es müsse jeweils vor Ort im Gespräch mit den Betroffenen ein Weg gefunden werden. Läuteordnungen sind Sache der Kirchengemeinde. Meist sind sie jahrhundertealt. »Es geht nicht darum, dass eine Kirchengemeinde ihr Recht auf Läuten durchsetzt«, so Wilhelm. »Glocken sind Klang gewordene Geschichte eines Ortes. Wir müssen besser vermitteln, welchen Schatz wir mit den Glocken haben.« Bei der Dreifaltigkeitskirche in Darmstadt-Eberstadt beispielsweise hat er herausgefunden, dass die Glocken einschließlich der 500 Jahre alten St. Anna-Glocke besser aufeinander abgestimmt werden können. Dann klängen sie noch schöner. »Glocken sollen den Menschen nicht reglementieren, sondern ihm gut tun.«

Paulus schreibt: »Hätte ich die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.« (1. Korinther 13, 1) Eine Glocke ohne Liebe und Wärme in ihrer Stimme, ohne christliche Botschaft in ihrem Ruf, verkommt zu Klingeling oder hohl tönendem Erz. 

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