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Glaube und Zweifel


Erleuchtung inklusive

pixelio.de/Wolfgang DirscherlSonne über dem Osterfelderkopf im Wettersteingebirge.Sonne über dem Osterfelderkopf im Wettersteingebirge.

Foto: © Wolfgang Dirscherl / pixelio.de (www.pixelio.de)

Licht und Dunkel – die spirituelle Dimension ganz alltäglicher Erfahrungen • Von Martin Vorländer

Die Tage werden langsam wieder länger, aber die Sonne ist immer noch Spätaufsteherin. Sie geht erst nach acht Uhr auf. Dafür ist sie vor 17 Uhr bereits wieder ‧untergegangen. Dazwischen zeigt sich der Himmel im Januar oft Grau in Grau. Kein Wunder, dass viele sich nach Licht sehnen. Licht hat schon in der Bibel spirituelle Qualität.
»Gott ist Licht«, steht im Neuen Testament (1. Johannes 1,5). Ein steiler Satz. Wie kann man sagen, wie und wer Gott ist? Streng genommen gar nicht. Gott ist der völlig Andere, für uns nicht begreifbar. Wir Sterblichen sprechen über den Ewigen. Wir Endlichen machen Aussagen über den Unendlichen. Wir sprechen über das Unaussprechliche. Das können wir nur in Annäherungen, Bildern und Symbolen.
Licht ist eines der Symbole, mit denen die Bibel von Gott spricht. Licht beschreibt das Wirken Gottes. Von der ersten Seite der Bibel an. »Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht«, heißt es im ersten Schöpfungsbericht (1. Mose 1,3). Licht beschreibt nicht nur die Wirkweise Gottes, sondern auch Gott selbst. Christus sagt von sich: »Ich bin das Licht der Welt.« (Johannes 8,12)
Was ist Licht und was will die Bibel damit von Gott sagen? Licht ist das, was Leben hervorbringt. Jeden Frühling können wir das neu erleben. Gott ist der, der Leben schafft wie Sonnenstrahlen, die die Blüten einer Pflanze zur Entfaltung bringen.
Viele Kirchen beschreiben in ihrer Architektur diese Gotteserfahrung. Sie sind nach Osten ausgerichtet. Die Nacht liegt hinter den Menschen im Kirchenschiff. Sie schauen nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. Die Sonne ist da, ob der Himmel wolkenverhangen oder klar ist. In der Sprache des Glaubens ist es die Sonne der Auferstehung, der die Menschen in einer Kirche entgegensehen.

Der lichte Gott und seine dunkle Seite

Licht vertreibt Dunkelheit. Eine Kerze ist wie eine Trösterin in finsteren Zeiten oder wie eine Inspiration, eine Erleuchtung, wenn man sich einfallslos und leer fühlt. Der dreieinige Gott ist Licht.
Gott der Schöpfer, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten. Gott der Sohn, der Gottes Licht in die Welt gebracht hat. Gott der Heilige Geist, der einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben hat.
Martin Luther sprach von dem zugewandten, offenbaren Gott, der dem Menschen als Licht und Liebe begegnet. Er nannte ihn »deus revelatus«. Aber auch das gehört zur Glaubenserfahrung: Gott, der sich scheinbar abwendet und verbirgt. Luther spricht vom »deus absconditus«, vom verborgenen Gott. Gott erscheint dunkel, unverständlich, unerreichbar.
Luther kennt diese Seite Gottes. Er weiß um die Verzweiflung, wenn man sich fern von Gott fühlt, ohne Licht, ohne Mut zum Leben. In solchen Zeiten soll man sich an den offenbaren Gott halten, so Luthers seelsorgerlicher Rat. Sich selbst und Gott vorhalten und frei nach Luther beten: Gott, du bist Licht. Lass dein Licht jetzt für mich leuchten.
Einen Lichtstrahl kann man von oben nach unten einfallen sehen. Er zieht den Blick zugleich nach oben, schenkt Aufwärtsbewegung und erhebt die Seele. Gott ist Licht. Gott erhebt uns in die himmlischen Höhen, für die wir bestimmt sind. Wir sind unterwegs zum Licht trotz der Irrungen und Wirrungen, die wir erleiden oder selbst verursachen.
Der Mensch selbst trägt Gottes Licht in sich. Davon ist der Apostel Paulus überzeugt. »Ihr seid Kinder des Lichts«, schreibt er (1. Thessalonicher 5,5). Licht sein, so dass ein anderer neu auflebt, Klarheit gewinnt, Hoffnung schöpft. Franziskus von Assisi betet zu Gott: »(...) dass ich dein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert; dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.« 

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Alles Fügung?

Picture-Alliance/KPADer erste Kuss.Der erste Kuss. Zufall oder sind die beiden füreinander bestimmt? Der junge Mönch Arbo (Daniel Brühl) in dem Film »Vaya con Dios« (2002) hat noch nie eine Frau gesehen, geschweige denn berührt. Bis die schöne Chiara (Chiara Schoras) seinen Weg kreuzt und das Schicksal seinen Lauf nimmt. Zur Filmmusik gehört das Kirchenlied »Wer nur den lieben Gott lässt walten«. Gedichtet hat es Georg Neumark (1621-1681), als er mit 20 Jahren eine erste große Lebenskrise überstanden hatte.

»Wer nur den lieben Gott lässt walten«, dichtete Georg Neumark – ist das Gottvertrauen oder fatale Schicksalsergebenheit? • Von Martin Vorländer

Der Glaube, dass eine jenseitige Macht das Leben bestimmt, ist weit verbreitet. Es gibt ihn in den verschiedenen Religionen und Kulturen. Schicksal, Kismet, Karma, Fügung. Der Gedanke, dass es so etwas gibt, kann entlasten oder blockieren.
Ich habe nicht mehr an die Liebe geglaubt«, erzählt Anna. »Als meine letzte Beziehung in die Brüche ging, dachte ich: Okay, das war’s. Ich und die Männer, das soll nicht sein.« Die Anfang 30-Jährige hatte sich eingerichtet, ein glücklicher Single zu sein mit einer ganzen Handvoll Patenkindern, die sie nach Strich und Faden verwöhnen kann. »Und dann ist auf einmal Felix in mein Leben getreten«, strahlt sie. »Ich habe ihn nicht gesucht und doch gefunden. Ich bin sonst nicht so, aber da glaube ich: Es war Fügung. Es sollte so sein. Wir sind füreinander bestimmt. Klingt abgedroschen, aber so fühlt es sich an.«

Eine unsichtbare Hand im Spiel

Zum Valentinstag am 14. Februar wird es einige Paare geben, die sich gegenseitig ähnlich an die erste Begegnung erinnern. »Weißt du noch der Abend, als wir uns kennengelernt haben? Eigentlich hatte ich keine Lust auf Party. Wenn ich zu Hause geblieben wäre, wer weiß, ob wir uns jemals getroffen hätten. Dann bin ich doch hingegangen, und da warst du!« Irgendwie scheint eine unsichtbare Hand im Spiel gewesen zu sein, die die beiden zueinander brachte. Das Wort Zufall bekommt einen neuen Klang: »Es ist uns zugefallen.« Gut verständlich, wenn es um Liebe und Glück geht. Aber was ist, wenn es einem schlecht ergeht? Eine Krankheit, ein großer Verlust, eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Ist das auch vorherbestimmt? Und wenn ja, von wem?

Es wird sich finden und fügen, auch wenn Unglück hereinbricht

»Wer nur den lieben Gott lässt walten und auf ihn hoffet alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.« So dichtet Georg Neumark in einem beliebten Lied im evangelischen Gesangbuch (EG 369). Selbst wenn Unglück hereinbricht, scheint dieser Mensch gewiss zu sein, es wird sich finden und fügen. So unerschütterlich getrost war Neumark nicht immer. Er war 20 Jahre alt, als er das Lied im Winter 1641 schrieb, und hatte gerade die erste schwere Krise seines Lebens hinter sich. Aus seiner Heimat Thüringen war er zu seinem Studienort Königsberg in Ostpreußen aufgebrochen. Damals im 17. Jahrhundert war eine solche Reise lebensgefährlich. In Deutschland tobte der Dreißigjährige Krieg. Man konnte überall in ein Gefecht geraten oder überfallen werden. Auch Neumark kommt nicht weit. Nördlich von Magdeburg attackieren Plünderer seinen Reisetross und rauben ihn völlig aus. Kleidung, Reiseproviant, Geld – alles weg. Neumark schlägt sich durch das Bürgerkriegs-Deutschland und strandet in Kiel.

Flehen, Bitten, Beten – doch der liebe Gott hilft nicht

Der Kieler Stadtarzt nimmt den jungen Mann auf. Er verspricht, ihm eine Stelle als Hauslehrer zu besorgen. Solange wohnt Neumark mit im Haus des Mediziners. Eine Woche vergeht, die zweite, die dritte. Nichts tut sich. Neumark sitzt nur herum. Einzige Abwechslung sind die Mahlzeiten mit der Familie seines Helfers. Die »Tischgängerey«, wie er das nennt, macht ihm zu schaffen. Er kommt sich vor wie ein Schmarotzer und nennt sich einen »abgeschälten und ausgeplünderten Menschen«, ganz von der Hilfe anderer abhängig. Er sieht seinen »ziemlich ausgelehrten Beutel«, in dem er »eher die Naht als Müntze fühlete«.
Neumark hat vier Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod, seinen Kindern erzählt, wie es ihm damals ging: »(…) so wurde ich so melancholisch, dass oftmals ich des Nachts in meiner Kammer den lieben Gott mit heißen Thränen knieend um Hülfe anflehete.« Doch der liebe Gott hilft nicht. Neumark gerät in immer größere Verzweiflung. Hier in Kiel kommt er nicht weiter. Es herrscht hartes Winterwetter. An Weiterreisen ist deshalb nicht zu denken. Außerdem fehlt ihm dafür sowieso das Geld. Er kann nichts tun als warten.
Man kann einwenden und fragen, ob dies wirklich eine so große Lebenskrise darstellt. Schließlich ist der junge Mann am Leben und gesund. Er muss eben warten lernen. Doch wer Arbeitslosigkeit kennt, wird besser verstehen, warum Neumark darüber verzweifelt. Nichts tun können. Der Situation ausgeliefert sein. Die Zukunft wie hinter einem dunklen Vorhang. Das zermürbt.
Endlich, endlich naht die Erlösung. Nach einer Nacht, die er durchweint und gebetet hat, kommt den Morgen darauf sein Helfer zu ihm und sagt ihm, »ich solte getrost seyn, es wäre nun die Stelle, worauf sie bißhero gedacht, eröffnet. Welches schnell – und gleichsam vom Himmel gefallene Glück … !« Neumark setzt sich sofort hin, dichtet und komponiert : »Wer nur den lieben Gott lässt walten ...«
Für Georg Neumark hat sich sein Leben lang bewährt, was er als 20-Jähriger geschrieben hat. Nach drei Jahren als Hauslehrer in Kiel hat er genug Reisegeld verdient und kann zum Studium nach Königsberg gehen. Mit Anfang 30 kehrt er in seine Heimat Thüringen zurück. Er wird ein Berater und Vertrauter des Herzogs von Sachsen-Weimar. Porträtbilder zeigen ihn als einen gemachten Mann: schulterlanges Haar, volles Gesicht, verwegener Bart, fester Blick. Er stirbt mit 60 Jahren. Auf seinem Sterbebett lässt er seinen Sohn als Lebenserinnerung aufschreiben: »Wer nur den lieben Gott lässt walten (…) (ich) hatte gnug Ursache, der Göttlichen Barmhertzigkeit vor solche erwiesene unversehene Gnade so wol damals als noch itzo und biß an mein Ende hertzinniglich Dank zu sagen.«

Wird zur Marionette, wer nur den lieben Gott walten lässt?

Zu der Zeit Neumarks haben Menschen erzählt, dass sie in einer aussichtslosen Situation immer wieder »Wer nur den lieben Gott lässt walten« gesungen haben. Und tatsächlich, ihr Leid habe sich zum Guten gewendet. Objektiv überprüfen lassen sich solche Lebensberichte freilich nicht. Sie bleiben subjektive Deutung. Doch sich nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert zu sehen, sondern in der Hand eines freundlich waltenden Gottes zu wissen, kann helfen, mit Glück und schweren Zeiten getrost umzugehen.
Wer nur den lieben Gott lässt walten, wird der zur Marionette? Bei Neumark gehen der freie Wille des Menschen und Gottes Fügung Hand in Hand. Das Lied missversteht, wer meint, man solle die Hände in den Schoss legen und alles passiv über sich ergehen lassen. Die siebte Strophe ist tatkräftig: »Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.« Singen, beten, gehen, das Seine verrichten – all das kann der Mensch tun. Und dabei seine Zuversicht auf Gott setzen. Bei Neumark ist es ein Miteinander, was der Einzelne schaffen kann und was Gott in seinem Leben bewirkt.

»Alles ist für etwas gut«

Warum überhaupt ist die Frage so wichtig, warum etwas geschieht? Unser Gehirn versucht fortwährend, Sinnzusammenhänge zu finden. Und wenn es keinen Sinn gibt, dann konstruieren wir einen. »Alles ist für etwas gut« oder »In der Krise liegt die Chance«. Solche Sätze sollen Mut machen. Sie stimmen aber nicht immer. Manches ist für nichts gut. Eine Krise ist eine Krise. Man kann darin untergehen. Es gibt Schicksalsschläge, die lassen sich nicht erklären. Manchen hilft dann der Gedanke, den Neumark formuliert hat: Auch »in aller Not und Traurigkeit« wird Gott mich erhalten.
Die Bibel beginnt mit dem Glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und sie nicht sich selbst überlässt. Gott wirkt weiter darin und im Leben seiner Geschöpfe. »Alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war«, betet ein Mensch im Psalm 139. Gott ruft den Einzelnen ins Leben und kennt auch seine Todesstunde. Der Mensch kann entscheiden, was er tut und lässt, welchen Weg er einschlägt. Aber keiner seiner Tage geht verloren.

Gottvertrauen kann entlasten

»Dein Wille geschehe!« So lehrt Jesus seine Jünger, im Vaterunser zu beten. Ein solches Gottvertrauen kann entlasten. Man muss den Sinn seines Lebens nicht selbst herstellen. Es setzt Kräfte frei, die Zeit zu gestalten, die einem gegeben ist.
Schicksalsgläubigkeit kann aber auch fatal sein. Adolf Hitler pervertierte den Begriff und sprach von der »Vorsehung«, die ihn zum Führer bestimmt habe. Jahrtausendelang betrachtete der Mann die Frau als ihm untertänig. Das habe der Schöpfer so vorgesehen. »Der Mann ist das Haupt der Frau«, stehe schließlich in der Bibel (Epheser 5, 23). Die Männer übersahen mit Fleiß, dass Gott beide Geschlechter zu seinem Ebenbild schuf (1. Mose 1, 27).
»Kismet« heißt das Schicksal im Türkischen. Ein Wort dafür, wenn man sich ein Ereignis nicht rational erklären kann. »Warum hat es nicht geklappt? Ich habe doch alles dafür getan«, klagt einer über eine verpasste Chance. »Es war eben nicht dein Kismet«, kann sein Freund ihn trösten. Der Gedanke, dass es eben nicht sein sollte, kann gelassen machen und auf eine andere Gelegenheit hoffen lassen.
»Allah ist der Allmächtige und Allweise«, lehrt der Koran (Sure 57). »Allah macht lebendig und lässt sterben. Er hat zu allem die Macht.« Das gilt nach dem Koran für die ganze Schöpfung. Dem einzelnen Gläubigen verheißt er: »Allah ist mit euch, wo immer ihr auch seid. Und was ihr tut, sieht Allah wohl.« Nichts geschieht ohne Gottes Willen, so der Glaube im Islam.

»Binde dein Kamel an und vertraue auf Allah!«

»O Gesandter Allahs, soll ich mein Kamel anbinden oder vertrauen?«, fragt nach einer Überlieferung ein Mann den Propheten Mohammed. Der antwortet: »Binde es an und vertraue auf Allah!« Gottvertrauen ist gut. Aber es entbindet nicht von der eigenen Verantwortung.
Der Glaube an Gottes Fügung kann zum Aberglauben werden. Ob die Ampel auf Grün schaltet oder ich denselben Pullover trage, mit dem ich schon einmal eine Prüfung bestanden habe, solche willkürlichen Zeichen werden zum Wink des Schicksals erklärt. Die Lebensweisheit »Schuster, bleib bei deinen Leisten« kann helfen, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen. Oder sie blockiert und nimmt den Mut, etwas auszuprobieren, was man noch nicht gemacht hat. Dann fügt man sich in das, was man für seine Bestimmung hält, und läuft Gefahr, sie gerade dadurch zu verfehlen.

Schlechtes kann Gott zum Guten wenden

Die Bibel ist von dem Glauben getragen: Gott hat den Menschen mit Freiheit und Kreativität begabt. Die soll und darf der Mensch nutzen. Fehlschläge inbegriffen, so wie Adam und Eva mit einem falschen Griff und Biss das Paradies verspielen. Auch Schlechtes kann Gott zum Guten wenden. Mit menschlichen Makeln und Irrtümern wird Gott genauso fertig wie mit dem, was der Mensch gut macht. Es kann im Leben viel passieren, Gutes und Schlechtes. Doch dahinter stehen weder blindes Schicksal noch böser Plan, so die Überzeugung im Christentum. Sondern ein liebender Gott, der an der Seite jedes Menschen ist. 

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Gehalten in Gottes Hand

epd-bild/McKeeFotoportrait: Heinrich Bedford-StrohmHeinrich Bedford-Strohm.

Wunder, Auferstehung, ein Gott in drei Personen: Da kann man ins Zweifeln kommen – darf ein Christ das? Ein Gespräch mit Heinrich Bedford-Strohm

Was kann man tun, wenn der Glaube ins Wanken gerät? Fragen an Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Gespräch führte Helmut Frank.

? Warum zeigt sich Gott nicht?

Heinrich Bedford-Strohm: Gott ist nicht verfügbar für uns Menschen. Sonst wäre er nicht Gott. Schon die Psalmbeter haben mit Gott darum gerungen. »Verbirg dein Angesicht nicht vor mir«, heißt es in Psalm 27. Und dann am Ende steht: »Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.« Am Ende zeigt sich Gott eben doch!

? Wäre es für Gott und seine Welt nicht einfacher, wenn Gott in unserer Welt sichtbar präsent wäre?

Bedford-Strohm: Das Element der Unsichtbarkeit und Unverrechenbarkeit ist wesentlich für einen Gott, der wirklich Gott und nicht Götze ist. Es hat gute Gründe, dass wir kritisch gegenüber Götzen sind. Götzen sind der Versuch, Gott so sichtbar zu machen, dass wir seiner habhaft werden oder uns seiner bedienen können. Aber genauso klar ist, dass Gott in unserer Welt sehr wohl sichtbar präsent ist. Aber eben nicht immer so, wie wir es erwarten. Manchmal nicht als machtvolle Manifestation, sondern als »ein stilles, sanftes Sausen«, so wie der Prophet Elia das erfährt. (1. Könige 19) Jesus selbst gibt uns einen klaren Hinweis: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben« – und dann kommen noch einige weitere Beispiele dafür, wie Gott uns in Christus im Alltag begegnet.

? Wo wird Gott real erkennbar?

Bedford-Strohm: Theologisch ist die klare Auskunft: in Jesus Christus. Wie er uns im Alltag begegnet, kann man nur persönlich sagen. Das kann die Erfahrung einer Heilung sein. Das kann die Stimme des Gewissens sein, die etwas, was wir tun, infrage stellt. Das kann die Erfahrung der Zuwendung eines anderen Menschen sein, den wir als Engel erfahren, den Gott uns geschickt hat. In dem Satz »Du bist ein Engel« hat sich eine Ahnung davon erhalten.

? Woher haben Sie Ihre Glaubensgewissheit?

Bedford-Strohm: Das ist für mich ein langer Wachstumsprozess gewesen. Noch als ich mit dem Theologiestudium begonnen habe, war ich unsicher, ob das bisschen Glauben, das ich zu haben meinte, für ein solches Studium reicht. Das hat sich immer mehr gefestigt, je mehr ich in der Bibel gelesen und mich mit den darin zum Ausdruck kommenden Inhalten beschäftigt, auch kritisch auseinandergesetzt habe. Ich empfinde die Erfahrung, mich von Gott getragen zu fühlen, als ein großes Geschenk. Ich fühle mich reich gesegnet.

? Zweifeln Sie ab und zu?

Bedford-Strohm: Ich zweifle nicht daran, dass es Gott gibt und dass er sich mir in Christus zeigt. Obwohl ich mir bewusst bin, dass niemand gegen einen solchen Zweifel gefeit ist. Dass Gott in Situationen schlimmen Leids da ist, daran zweifle ich nicht. Gott hat ja in Christus selbst das Äußerste an Verzweiflung durchlitten. Die Frage, mit der ich ringe, ist: Warum müssen Menschen durch so viel Leid gehen? Warum erfahren wir von dem, was wir für das Ende der Zeiten erhoffen – dass Hass und Gewalt überwunden sind, dass alle Tränen abgewischt sind, dass »kein Schmerz, kein Leid noch Geschrei mehr sein wird« (Offenbarung 21) –, warum erfahren wir davon nicht mehr schon jetzt?

? Sie sind Wissenschaftler, können aber die Glaubenssätze nicht wissenschaftlich beweisen.

Bedford-Strohm: Ein solcher Versuch wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn der Mensch mit seinen begrenzten Kategorien Gott beweisen könnte, dann wäre es nicht Gott. Gott ist größer, als was Menschen erfassen können. Glaube heißt immer: radikales Vertrauen.

? Ist zweifeln für Christen erlaubt?

Bedford-Strohm: Schon die Frage zu stellen ist schief. Denn das hieße ja, man würde den Glauben anderer beurteilen. Wer zweifelt, fragt nicht danach, ob es erlaubt ist. Er sucht sich das ja nicht aus. Er macht einfach die Erfahrung des Zweifels. Und das kann sehr hart sein. Aber dass er dabei in guter biblischer Gesellschaft ist, zeigen so eindrucksvolle Gestalten wie der Prophet Jeremia oder Hiob, denen die Bibel jeweils ein ganzes Buch widmet.

? Zweifel nannte man früher Versuchung – also ein Geschäft des Teufels.

Bedford-Strohm: Zweifel kann als Teil des Weges erfahren werden, den Gott mit uns geht. Aber das können wir oft erst im Rückblick erkennen. Im Buch Hiob ist der Satan sogar von Gott in Dienst genommen. Die entscheidende Botschaft ist: Selbst im Zweifel, selbst in dem, was du als Versuchung erfährst, bleibst du gehalten in Gottes Hand.

? Ist Gott auch bei den Zweiflern?

Bedford-Strohm: Ja, ganz bestimmt. Es kann gar nicht anders sein, wenn der Sohn Gottes am Kreuz selbst einen Schrei der Gottverlassenheit ausstößt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Matthäus 27,46)

? Manche sagen, sie glauben nur, was sie sehen.

Bedford-Strohm: Das halte ich, offen gesagt, für Unsinn. Die Reduzierung der Wirklichkeit auf das empirisch Messbare ist ein Ausdruck der Verarmung. Das ist, als würde man sagen: Der Mensch ist nur ein Haufen Wasser, Eiweiße, Fette und Mineralstoffe. Jeder Mensch ist viel mehr als das. Das, was jeden von uns als Persönlichkeit ausmacht, lässt sich eben nicht nur auf das reduzieren, was man sehen kann. Mit Gott ist das ähnlich.

? Der christliche Glaube macht es einem nicht leicht. Gott wird Mensch, die Auferstehung von den Toten, eine jenseitige Welt. Muss man diese Dinge glauben, um Christ zu sein?

Bedford-Strohm: Es gibt keine Glaubensmessgeräte, und das ist auch gut so. Da muss jeder und jede einen eigenen Weg finden, und das kann auch ein Ringen mit bestimmten Inhalten bedeuten. Aber dass Christus mehr war als ein vorbildlicher Mensch, dass er gestorben und auferstanden ist und damit in einer manchmal so verloren erscheinenden Welt der Gewalt zur Quelle der Hoffnung geworden ist und auch dass wir alle darauf vertrauen dürfen, dass Gott in Christus die Grenze des Todes überwunden hat, das gehört für mich zu den Kernbestandteilen des christlichen Glaubens.

? Wenn es Gott nicht gäbe – was wäre dann mit dem christlichen Glauben?

Bedford-Strohm: Es gibt Gott. Dietrich Bonhoeffer hat einmal geschrieben, wir sollten so leben, als ob es Gott nicht gäbe. Er hat dafür plädiert, dass wir Gott nicht als Lückenbüßer-Gott missverstehen, sondern erwachsen glauben und Verantwortung übernehmen. Bonhoeffer hat das aus einer tiefen Gewissheit heraus gesagt, dass es Gott gibt.

? Warum lässt ein angeblich allmächtiger, barmherziger Gott Unglück, Leid und Not zu?

Bedford-Strohm: Gott hat uns zu seinem Bilde geschaffen. Deswegen sind wir keine Marionetten, die von Gott gesteuert werden. Sondern mit Freiheit begabt. Gott will, dass wir seine Gebote aus Freiheit befolgen. Wenn Menschen einander Gewalt antun, dann geht die Frage nach dem Warum nicht an Gott, sondern an uns Menschen.

? Was kann man tun, wenn der Glaube ins Wanken gerät?

Bedford-Strohm: Seine innere Bedrängnis mit anderen teilen, vielleicht die Klage darüber still im Gebet Gott sagen oder auch laut herausschreien. Und vor allem: Psalmen lesen. Sie geben unseren Gefühlen Sprache. Und immer wieder schenken sie die Erfahrung, dass wir beim Meditieren der Psalmen auf dem Weg der Bedrängnis in ein neues Vertrauen mit hineingenommen werden.

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Angesehen sein und wachsen dürfen

pixelio.de/Fabian VoswinkelEin Pfarrer segnet ein Kind und legt ihm die Hand auf den Kopf – biblisches Zeichen für die Nähe Gottes.Ein Pfarrer segnet ein Kind und legt ihm die Hand auf den Kopf – biblisches Zeichen für die Nähe Gottes.

Foto: © Fabian Voswinkel / pixelio.de (www.pixelio.de)

In der Bibel wird um Segen gebetet, gekämpft und betrogen: Was macht Segen so begehrt? • Von Martin Vorländer

»Sich regen bringt Segen, Geldsegen, darauf liegt Segen, viel Glück und viel Segen, absegnen, meinen Segen hast du!« Segen kommt in der Sprache viel vor. Aber was ist Segen – und was nicht?

Drei Freunde – 16, 17 Jahre alt – rüsten sich zu einer Fahrradtour. Die erste größere Fahrt ohne Eltern. Ihre Räder haben sie auf Vordermann gebracht und bepackt, Landkarten studiert, Strecken und Etappen eingezeichnet. Es kann losgehen. Da ruft die Mutter des einen alle noch einmal ins Haus. Sie versammelt die drei in der Stube. Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Die Mutter greift zu einem Gebetbuch und liest einen Reisesegen. 

Den Jungs ist das ein bisschen peinlich. Und doch ist die Stimmung andächtig. Nur ein paar Minuten, dann schwingen sie sich auf die Räder. Zehn Tage später sind sie wieder da. Sie waren zwischendurch am Rand der Erschöpfung, haben auf halber Strecke Geld verloren und kleine Reibereien untereinander gemeistert. Vor allem aber sind sie glücklich und wohlbehalten zurück. Wäre es ohne den Segen der Mutter anders gewesen? Was ist Segen und was bewirkt er? 

Segen heißt, von Gott angesehen werden

Mit dem Segen fängt alles an. Gott schafft Tag und Nacht, Himmel und Erde, Pflanzen, Sterne und schließlich die Tiere. Ihnen gilt sein erster Segen: »Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch!« (1. Mose 1,22). Die gleichen Segensworte gelten dann den Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild erschafft als Mann und Frau. Am Ende jeden Schöpfungstages heißt es: »Und Gott sah, dass es gut war.« Im Hebräischen bedeutet die Wortwurzel für »segnen« ursprünglich »ansehen«. Von Gott kommt alles Leben. Es ist lebensentscheidend, von Gott angesehen zu sein. 

 Gott sieht mich an mit allem, was zu mir gehört an Gutem und Bösem. Von Gottes Angesicht kommt Heil und Lebenskraft. So ist es im Aaronitischen Segen verdichtet, der am Ende vieler Gottesdienste gesprochen wird: »Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden« (4. Mose 6,24-26). Wer Gottes Segen empfängt, hält die Seele in die Sonne. Verbirgt Gott sein Angesicht, dann ist ein Mensch allen feindlichen Mächten schutzlos ausgesetzt, ja dem Tod preisgegeben. Dann ist er »denen gleich, die in die Grube fahren« (Psalm 143,7). 

Segen heißt wachsen dürfen

»Seid fruchtbar und mehret euch«, spricht Gott zu seinen Geschöpfen. Segen ist mit Fruchtbarkeit verbunden. Im Alten Testament meint das Nachkommenschaft, Land, Besitz, Frieden. So wird es Abraham verheißen: »Geh in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen (...) und du sollst ein Segen sein« (1. Mose 12,1-2). Im übertragenen Sinn kann Segen bedeuten: wachsen dürfen. Ein Mensch erfährt Lebenszuwachs. Auf seinem Tun liegt Segen. Es erweist sich als fruchtbar und trägt zur Fülle des Lebens bei. 

Segen ist in der Bibel nicht leicht zu haben. Er wird oft hart erkämpft. Ein Beispiel dafür ist Jakob. Er betrügt seinen älteren Zwillingsbruder Esau um das Erstgeburtsrecht und ergaunert sich den Segen des Vaters. Dafür muss er fliehen und verbringt Jahrzehnte in der Fremde. Begütert und mit großer Familie gesegnet kehrt er in die Heimat zurück. Vor der Begegnung mit seinem Bruder ist ihm angst und bang. Nicht ohne Grund, denn Esau zieht ihm mit 400 Mann entgegen. Jakob schickt reiche Geschenke zur Wiedergutmachung voraus. 

Er bringt seine Familie durch den Fluss Jabbok und bleibt allein zurück. Da ringt ein Unbekannter mit ihm die ganze Nacht bis zur Morgenröte. Im Kampf wird Jakob an der Hüfte verletzt. Er lässt nicht locker, als der andere gehen will: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn« (1. Mose 32,27). Da gibt der Fremde ihm einen neuen Namen »Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft« und segnet ihn. Jakob hinkt in den Morgen, der Versöhnung mit seinem Bruder entgegen. Gesegnet, aber auch gezeichnet. Den Ort des Kampfs nennt er Pnuël – Angesicht Gottes. 

Segensbedürftig sind wir vor allem an den Übergängen 

Segensbedürftig sind wir vor allem an den Übergängen des Lebens, so wie Jakob an der Furt. 1909 prägte Arnold van Gennep den Begriff der »rites de passage«, der Übergangsriten, die alle bedeutenden kritischen Schwellen des Lebens begleiten. Zu jedem Übergang im Leben gehören Trennung, Zwischenstadium und dann der Aufnahmeritus, wenn eine Veränderung erfolgreich vollzogen ist. 

Besonders wichtig ist das Zwischenstadium. Das Bisherige ist vorbei. Aber das Neue hat noch nicht angefangen. Wie es weitergeht, liegt wie bei Jakob am Jabbok jenseits der Morgenröte. Gerade in Zeiten der Unsicherheit ist Segen lebensnotwendig, und Jakob erkämpft ihn sich. Die Dramatik der Übergänge ist nicht immer so konzentriert wie in der biblischen Erzählung. Sie ist mal mehr, mal weniger spürbar in unseren Lebenspassagen: Ein Kind entwächst dem Kindsein, setzt sich ab von den Eltern und wird ein junger Mensch, der für sich selbst einsteht. Den Übergang begleitet der Segen zur Konfirmation. Zwei Menschen lieben sich. Der Schritt vor den Altar markiert eine Trennung: Sie gehören nicht mehr ausschließlich ihren Herkunftsfamilien. Sie begründen ihre eigene Geschichte und wollen dafür Gottes Segen. Ein geliebter Mensch ist gestorben. Mit dem Segen bei der Trauerfeier lassen die Trauernden ihn ziehen und erfahren Zuspruch für ihren Weg zurück ins Leben. 

Segen ist kein Glücksversprechen

Segen ist kein Glücksversprechen. Gesegnete in der Bibel bleiben von Unglück nicht verschont. Beispiel dafür gibt der Apostel Paulus: Auf seinen Missionsreisen muss er Misserfolge hinnehmen, wird angefeindet, ins Gefängnis geworfen, geschlagen, hungert und erleidet Schiffbruch. Und doch erfährt er sich als von Gott gesegnet, weil er Christus auf seiner Seite weiß. Seine Erfahrung von Segen: »Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten haben Macht über mich. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist« (Römer 8,38-39). 

Jahrhunderte vor Paulus hat das der Beter des Psalms 23 so ausgedrückt: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.« Worauf es ankommt, ist Gottes Nähe. »Viel Glück und viel Segen«, wird zum Geburtstag gesungen. Die beiden Worte bezeichnen nicht dasselbe. Segen gibt es auch ohne Glück. Segen ist unabhängig davon, ob das Leben gelingt. Gottes Segen bewährt sich, wenn ein Mensch scheitert, elend oder krank ist. Gerade dann braucht er den Zuspruch von Gottes Nähe. Die Bitte um Segen hat sich in spontane Reaktionen des Alltags gelegt: »Oje!« oder »Herrje!« Bedeuten ausgeschrieben »O Jesus!« Und »Herr Jesus!«. Sie rufen die Gegenwart Christi herbei, wenn eine bedrohliche Situation zu bestehen ist. 

Segen und Fluch sind ein Paar

Segen und Fluch liegen nahe beieinander. Oft werden sie im gleichen Atemzug genannt. Gott spricht zu Abraham: »Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen« (1. Mose 12,3). In der Bibel gilt als verflucht, wer Gottes Willen und damit die Grundlage allen Lebens missachtet. Mit dem Fluch sollen böse Kräfte zurückgeschlagen werden. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des deutschen Wortes »fluchen«: stoßen, schlagen. In einigen Psalmen verflucht der Beter seine Feinde erschreckend heftig. Fluch gibt es auch im Neuen Testament: Jesus sendet seine Jünger aus und trägt ihnen auf: »Wenn euch jemand nicht aufnehmen will, so geht aus diesem Haus und schüttelt den Staub von euren Füßen« (Matthäus 10,14). 

Segen heißt, Böses in Gutes zu wandeln

Allerdings zeigt schon das Alte Testament, wie Gott Fluch in Segen wandelt. Die Söhne Jakobs verkaufen ihren Bruder Josef aus Eifersucht als Sklaven nach Ägypten. Josef macht Karriere vom Sklaven zum Berater des Pharao. Nun fürchten die Brüder seine Rache. Doch Josef sagt zu ihnen: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.« (1. Mose 50,20). Ausdruck für Gottes Macht, Böses in Gutes zu wandeln, ist im Neuen Testament das Kreuz. Zwar gilt: »Verflucht ist, der am Kreuz hängt.« (Galater 3,13) Doch das Instrument des Fluchs macht Gott zum Heilszeichen. Jesus Christus, den Gekreuzigten erweckt Gott zu neuem Leben. 

Zeichen und Gesten des Segens

Das christliche Segenszeichen ist das Kreuz, ob als Geste oder Zeichen auf der Stirn, auf dem Schreibtisch oder als Anhänger an der Halskette. »Segnen« kommt vom Lateinischen »cruce signare«, mit dem Kreuz zeichnen. Gesegnete sind Gezeichnete. Ausgezeichnet mit der Kraft Gottes, die den Tod in Leben wandelt. 

Eine Segensgeste, die in der Bibel beschrieben wird, ist das Auflegen der Hände auf dem Kopf. So segnet Jesus die Kinder (Markus 10,16). Durch Handauflegung empfangen Getaufte den Heiligen Geist (Apostelgeschichte 8,17). Bis heute wird Täuflingen, Konfirmanden oder Braut‧paaren zum Segen die Hand aufgelegt. Solcher Segen ist spürbar vom Scheitel bis zur Sohle.

Im Sonntagsgottesdienst erhebt die Pfarrerin oder der Pfarrer die Hände und spricht der Gemeinde den Segen zu. So segnete Aaron, der Bruder des Mose, das Volk Gottes (3. Mose 9,22). Wir richten uns nach Gott aus – das drücken die erhobenen Hände aus. Mit dieser Segensgeste fährt der auferstandene Christus gen Himmel (Lukas 24,50). Im Alltag braucht Segen keine großen Worte oder Gesten. Einem anderen Menschen Gutes sagen. Das ist der Sinn des ‧lateinischen Wortes für Segnen: »bene dicere«. 

Du bist ein Segen

Für Martin Luther lag im Segen die »gantze Theology auff einen Hauffen«. Der Segen verbindet mit dem Heil, das Christus schenkt. Essen und Trinken, Kleider, Haus, Geld, Gut, eine gute Ehe, verlässliche Freunde, getreue Nachbarn – das alles wird für den zum Segen, der es als solchen erkennt und dankbar annimmt. Im Kleinen Katechismus in der Auslegung zum 8. Gebot, in dem Menschen gemahnt werden, kein falsches Zeugnis über einen anderen abzugeben, schreibt Luther, man solle stattdessen »Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren«. Ein Segen für den Nächsten und den Fernsten: Das ist ein Mensch, wenn er in Gottes Namen das Böse von ihm fernhält und ihm das Beste vergönnt. 

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