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Reformation


Eine Gans braten

Holzstich von Wilhelm CamphausenVor der Stadt Konstanz lassen die Konzilsväter Jan Hus verbrennen – hier auf einem Holzstich von 1856 von Wilhelm Camphausen dargestellt.Vor der Stadt Konstanz lassen die Konzilsväter Jan Hus verbrennen – hier auf einem Holzstich von 1856 von Wilhelm Camphausen dargestellt.

Vor 600 Jahren starb der Kirchenreformer Jan Hus auf dem Scheiterhaufen • Von Nils Sandrisser

Mit gewaltigen Worten und in der Landessprache predigte der Theologe Jan Hus in Prag gegen die verderbte Kirche des späten Mittelalters. Die geistlichen Herren drohten mit Konsequenzen, falls Hus nicht widerrufen wolle. Er wollte nicht.
Der Schneider ahnt das Unheil. »Gott sei mit dir«, sagt er zu Jan Hus, als er ihm im Herbst 1414 in Prag ein Reisegewand näht. »Mir scheint, du wirst nicht zurückkehren.«
Tatsächlich ist die Reise für den tschechischen Reformer Hus risikoreich. Seit vier Jahren ist ihm das Predigen verboten, seit zwei Jahren steht er unter dem Bann der Kirche. Doch der deutsche König und spätere römische Kaiser Sigismund persönlich hat ihn zum Konzil nach Konstanz eingeladen und ihm freies Geleit zugesichert. Das Konzil, ein Mega-Ereignis der damaligen Zeit, soll gleich mehrere drängende Probleme der abendländischen Christenheit bereinigen. Hus ist nur eines davon. Aber ein ziemlich großes.
Seit 1402 wettert er als Prediger in der Prager Bethlehemskapelle gegen die verbreiteten Missstände in der Kirche. Damals ist es völlig normal, dass Pfarrer im Konkubinat leben, dass Bischöfe ihre Bistümer jahrzehntelang nicht betreten. Sie streichen nur die mit ihren Sprengeln verbundenen Einkünfte ein und verwenden sie für ihre eigenen Zwecke. Viele Geistliche kennen sich in der Bibel nicht aus. Kein Wunder, denn ihre Ämter haben sie sich nicht durch Studium erworben, sondern einfach gekauft. Zudem streiten sich gleich drei Päpste um den Heiligen Stuhl.
Hus fordert, mit alldem Schluss zu machen. Er unterscheidet zwischen einer sichtbaren und einer unsichtbaren Kirche – die sichtbare hortet irdische Reichtümer, während die unsichtbare arm und machtlos ist, dafür aber in der Gemeinschaft mit Christus lebt.
Diese Gedanken finden sich auch bei dem englischen Kirchenkritiker John Wyclif (um 1330-1384). Hus liest dessen Schriften begeistert. Wyclif spricht dem Papst jeden weltlichen Herrschaftsanspruch ab. Er findet sogar, dass die Kirche ohne Papst, ohne Bischöfe, Domkapitulare und die ganze restliche Hierarchie besser dran wäre.
Nicht nur für die Kirche sind die Gedanken Wyclifs und die Predigten des Jan Hus gefährlich, sondern auch für die Politik. Hus spricht auf der Kanzel nicht Latein, sondern Tschechisch. Er ist das Symbol für ein erwachendes tschechisches Bewusstsein. Denn im Königreich Böhmen hat die deutsche Oberschicht das Sagen. Hus fliegen nicht nur die Herzen des böhmischen Volks zu, er trifft auch auf Zustimmung beim tschechischen Adel. Das liegt natürlich vor allem an seiner Forderung nach einer armen Kirche. Denn Wohlstand ist im späten Mittelalter weitgehend gleichbedeutend mit Landbesitz. Müsste die Kirche ihren Reichtum – also Land – abgeben, wären die Adligen die Nutznießer gewesen.
1412 eskaliert der Streit zwischen Hus und der Kirche. Johannes XXIII., einer der drei Päpste, ruft zu einem Kreuzzug gegen Neapel auf, ein christliches Königreich. Um an Geld für den Krieg zu kommen, lässt der Papst Ablässe verkaufen. Hus dagegen predigt, man könne Gottes Gnade nicht kaufen – schon gar nicht für Geld, mit dem anschließend Christenblut vergossen werde. 1413 verfasst Hus seine Schrift »De ecclesia« (»Von der Kirche«), in der er verkündet, dass Christen unrechtmäßigen Befehlen der Kirche nicht folgen dürften. Wenn der Papst in Widerspruch zu Christus lebe, schreibt Hus, »dann ist er ein Dieb, ein Räuber, ein Heuchler«. Hus wird exkommuniziert und fällt unter den Kirchenbann.

Martin Luther ist nicht der theologische Abkömmling von Jan Hus

Der Streit um den Ablass erinnert an jenen Martin Luthers mit der Kirche ein volles Jahrhundert danach. Aber diese Ähnlichkeit ist nach den Worten Ksenija Auksutats, der Sprecherin des Konfessionskundlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland in Bensheim, nur scheinbar. Es gebe keine direkte Linie von Hus zu Luther, betont sie: »Die Theologie von Jan Hus ist Luther zunächst gar nicht so bekannt gewesen.« Luther habe eigenständig die Heilige Schrift studiert – und sei dann zu ähnlichen Ergebnissen wie Hus gekommen. Die Wissenschaft bezeichne Hus oder Wyclif daher nicht als Vor-, sondern als Frühreformatoren.
Auksutat hält Hus auch nicht für den Tugendfanatiker, als der er gelegentlich dargestellt werde. Er habe keinen Gottesstaat geplant. »Dieses Wort halte ich für unangemessen«, sagt sie. In den folgenden Jahren allerdings hätten sich viele Anhänger der Lehren des Jan Hus radikalisiert, vor allem um die Stadt Tábor herum. »Den Taboriten ging es schon sehr um eine ethische Erneuerung«, berichtet sie, »da kann man von einem Fanatismus sprechen«.
Am 3. November 1414 trifft Hus in Konstanz ein und kommt im Haus einer alten Witwe unter. Das Konzil hat noch nicht begonnen, König Sigismund ist noch nicht in der Stadt. Papst Johannes XXIII. selbst empfängt Hus und wiederholt das königliche Versprechen, dass ihm nichts geschehen solle. Er hebt sogar den Bann und die Exkommunikation auf.
Aber dann setzen sich doch die Gegner des tschechischen Theologen durch. Sie lassen ihn am 28. November verhaften. Als Sigismund während seiner Anreise davon erfährt, soll er zornig gesagt haben, er werde mit eigenen Händen die Tür zum Kerker aufbrechen, um Hus zu befreien. Aber als der Monarch an Heiligabend in Konstanz eintrifft, erkennt er sofort, wie die Aktien stehen. Er kann sich nicht erlauben, die Vertreter der kirchlichen Hierarchie zu verärgern – und die wollen unbedingt, dass Hus seine Lehren widerruft. Sigismund stimmt einem Prozess zu. »Ich will keinen Häretiker verteidigen«, sagt er. »Im Gegenteil, einen hartnäckigen Ketzer würde ich selbst anzünden.«
Aber ums Verbrennen geht es den Konzilsherren zunächst gar nicht. Sie wollen keinen Märtyrer schaffen. Immer wieder bieten sie Hus Gnade an, falls er widerrufe. Hus aber verlangt, dass er aus der Heiligen Schrift widerlegt werde. Zumal er sowieso nur das zurücknehmen könne, was tatsächlich von ihm stamme, wie er betont. Das Konzil hält Hus außer dessen eigenen Zitaten auch solche von Wyclif vor oder Sätze, die Zeugen angeblich von Hus gehört haben wollten.»Ich will nicht lügen im Angesicht Gottes«, ruft er am 6. Juli vor der Konzilsversammlung aus.
Das besiegelt sein Schicksal. Noch am selben Tag wird er zum Richtplatz vor der Stadt geführt. Auf seinem Kopf sitzt eine Papiermütze: »Dieser ist ein Ketzerführer«, steht darauf.

Nichts soll von Hus übrig bleiben, die Kirche will keinen Märtyrerkult

»Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen«, sagt Hus angeblich auf dem Scheiterhaufen. »Hus« ist das tschechische Wort für Gans, während der Schwan das Symbol Luthers ist. Wahrscheinlich ist diese Geschichte aber erfunden. Die Chroniken beschreiben das Ende des Predigers unterschiedlich: Die einen berichten, er habe fromme Lieder gesungen, während die Flammen ihn einhüllten, die anderen, er habe vor Schmerzen aus Leibeskräften gebrüllt.
Die verkohlten Knochen lässt man zerstampfen und mit der Asche in den Rhein werfen. Nichts soll von ihm übrig bleiben, das einen Märtyrerkult befeuern könnte. Aber dafür ist es bereits zu spät, Hus hat seine Ideen schon zu tief im Volk verwurzelt. Bald darauf erschüttern die Hussitenkriege Böhmen. Die Konzilsväter verdammen die Lehren Wyclifs gleich mit. Da der Engländer aber schon lange tot ist, werden seine Gebeine später ausgegraben und verbrannt.
Bis zum heutigen Tag hat sich der Rauch des Scheiterhaufens, auf dem Hus starb, nicht verzogen. Denn danach gilt die Kirche in Böhmen als ein Herrschaftsinstrument fremder Mächte. Das liegt natürlich nicht nur an dem Feuertod ihres Predigers, auch die habsburgische Herrschaft und ihre religiöse Legitimation trägt zur Entfremdung von Tschechen und Kirche bei. Dies macht sogar noch im 20. Jahrhundert den Kommunisten die Arbeit leicht. Ihre Repressionspolitik gegen die Kirche hat nirgendwo im Ostblock so viel Erfolg wie dort. Bis heute ist fast die Hälfte der Tschechen konfessionslos.

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»Reformation war immer und wird immer sein«

epd-bild/Rolf ZöllnerDas Jan-Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring in Prag.Das Jan-Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring in Prag.

Arnd Brummer nennt Jan Hus einen Vorkämpfer für individuelle Freiheit und die Macht des Gewissens • Von Uwe Birnstein

»Ich bin ein deutscher Hussit«, sagt der Publizist Arnd Brummer. Vor 600 Jahren wurde der böhmische Kirchenreformer Jan Hus hingerichtet. Arnd Brummer hat das Leben seines Vorbildes in einem Buch nachgezeichnet. Mit Uwe Birnstein sprach er über die Faszination des Jan Hus, die Bedeutung des Konzils von Konstanz und warum er selbst zum evange‧lischen Glauben übergetreten ist.

? Herr Brummer, Sie sind in Konstanz aufgewachsen, in der Stadt, in der Jan Hus vor 600 Jahren als Ketzer verbrannt wurde. Spielt dieses Ereignis eine Rolle in der Erinnerungskultur der Menschen?

Arnd Brummer: Am Rande. Die historische und religiöse Bedeutung der Stadt wirkt hintergründig. Die Menschen – Einheimische wie Gäste – freuen sich an der historischen Bausubstanz, an See und Wein. Nur alle fünfzig Jahre gerät die Geschichte in den Fokus der Öffentlichkeit, dann nämlich, wenn wieder ein sogenanntes Konzilsjubiläum ansteht. Als Junge erlebte ich die Feiern anlässlich des 550-jährigen Jubiläums des Konzils mit, das zwischen 1414 und 1418 weitreichende historische Veränderungen bewirkte.

? In diesem Jahr erleben Sie also Ihr zweites Konzilsjubiläum.

Brummer: Ja, wobei ich die Rückschau auf den nun 600 Jahre zurückliegenden Kirchenkongress am See persönlich anders erfahre als die verantwortlichen Historiker und Theologen. Für die Experten steht im Mittelpunkt, dass hier einst das sogenannte Schisma beseitigt wurde, das Nebeneinander-Regieren dreier Päpste. Dass dort mit Jan Hus und Hieronymus von Prag zwei sogenannte Ketzer ermordet wurden, halten vor allem römisch-katholische Historiker wie Kardinal Walter Brandmüller noch heute für »nebensächlich«.

? Wann sind Sie denn zum ersten Mal auf Hus gestoßen?

Brummer: Ich entstamme einer katholischen Familie. Also ging das fromme Büblein Arnd zur Frühkommunion und wurde Messdiener. Im Sommer 1967 aber ereignete sich etwas Einschneidendes. Unsere Religionslehrerin machte mit uns Viertklässlern eine Art konzilsgeschichtlichen Rundgang durch Konstanz. Eis lutschend schlenderten wir durch die Altstadt. Mitten zwischen Wohnhäusern kamen wir zu einem großen Stein. Der trug eine kleine Tafel, auf der stand: Johannes Hus, 6. Juli 1415. Die Lehrerin erklärte: »Hier ist der Hus verbrannt worden. Das Konzil hat ihn zum Tode verurteilt und der weltlichen Macht übergeben, die ihn hinrichtete.« Ich unterbrach sie: »Und warum ist der Hus verbrannt worden?« Sie: »Weil er ein Ketzer gewesen ist.« Ich: »Was ist das, ein Ketzer?« Die Religionslehrerin: »Einer, der dem Papst und der Kirche nicht gehorsam sein kann!« Es traf mich wie der sprichwörtliche Blitz: Wegen Ungehorsams wird einer verbrannt?! Beim Abendessen erzählte ich es meinen Eltern. Mein Vater erklärte: »Hus war nicht der Einzige, der im Feuer starb, weil er Häresien verkündete, von der Lehre der Kirche abweichende Auffassungen.« Und dann zog er einen Band des Lexikons aus dem Schrank, erzählte von Martin Luther und Galileo Galilei, die Glück gehabt hätten, von Jan Hus und von dessen Freund Hieronymus von Prag.

? Und seitdem hat er Sie nicht wieder losgelassen?

Brummer: Ich beschaffte mir alles, was ich über diesen erstaunlichen Menschen zu lesen bekam. Ich war fasziniert von diesem Priester aus Husinec, von seiner Standhaftigkeit vor dem Ketzergericht. Ketzer und Häretiker wurden fortan immer mehr mein Thema. Ich las über die Inquisition, deren Urteilen selbst Ordensleute zum Opfer fielen. Und ich wollte wissen, warum man den Priester Jan Hus auf den Scheiterhaufen schickte. Dabei stieß ich auch auf den englischen Kirchenreformer John Wyclif. Den hatte man im Konstanzer Hus-Prozess dreißig Jahre nach seinem Tode ebenfalls zum Ketzer erklärt, seine Schriften verdammt und seine Verbrennung beschlossen. 1428 grub man seine Gebeine aus und übergab sie dem Feuer. Mit roten Ohren lag ich auf dem Bett und nahm auf, dass Wyclif den Priestern absprach, Hostien und Wein tatsächlich in Leib und Blut Christi verwandeln zu können. Ich war sehr froh darüber, zu erfahren, dass die Evangelischen die Worte Jesu »Das ist mein Leib / mein Blut« nicht wortwörtlich nahmen. Und noch mehr begeisterte mich, dass bei den Protestanten Leute gemeinsam zum Abendmahl gingen, die durchaus unterschiedliche Vorstellungen von der Bedeutung des Mahles hatten. Die einen nahmen Brot und Wein zum Gedächtnis an Christi Erlösungstat, die anderen nahmen die verwandelte Substanz Christi in sich auf.

? Konsequenterweise konvertierten Sie zum evangelischen Glauben.

Brummer: Ja, mir wurde klar, dass der Reformator Martin Luther in diesen beiden Männern Vorgänger hatte. Und ich begann, mich auf den Weg meiner persönlichen Reformation zu machen.

? Warum darf Jan Hus nicht vergessen werden?

Brummer: Am Tag seiner Verbrennung, heißt es, habe Hus vorausgesagt: »Heute bratet Ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen.« Ob er diesen Satz nun selbst sagte oder ob er ihm später in den Mund gelegt wurde – es ist etwas Wahres dran. Jan Hus, der volkstümliche Intellektuelle ohne politisches Ziel, der rein auf die christliche Lehre konzentrierte Prediger– er trat eine Entwicklung los, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Er war ein Vorkämpfer für individuelle Freiheit und die Macht des Gewissens. Und wer sich mit ihm beschäftigt, ruft sich ins Bewusstsein, dass die sichtbare Kirche eine permanente Reformation braucht, wenn sie der unsichtbaren Kirche Jesu Christi geistlich nahekommen will. Reformation war immer – wie der Galater-Brief des Paulus und der dort geschilderte Streit mit Petrus und Jakobus belegen – und wird immer sein!

? Sie sagen, Luther nannte sich selbst einen Hussiten. Würden Sie das von sich auch behaupten?

Brummer: Ja, ich würde sagen, die Beschäftigung mit Jan Hus hat mich zu einem deutschen Hussiten gemacht.

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