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Religion und Gewalt


Gewalt ist auch ein Thema in der Bibel

Evangeliscne Sonntags-Zeitung/Bibelhaus FrankfurtDie Jesajarolle aus dem Jahr 125 vor Christus.Die Jesajarolle aus dem Jahr 125 vor Christus, wie sie 1946 am Toten Meer bei Qumran gefunden wurde. Das Bibelhaus in Frankfurt zeigt sie als Faksimile auf Leder in voller Länge von 7,34 Meter. Jesus hat seine erste Predigt aus einer solchen Schriftrolle des Jesaja gehalten.

Jede Religion muss sich kritisch mit ihren Quellen auseinandersetzen, bekräftigen Theologen bei einem Studientag in Frankfurt • Von Martin Vorländer

Es sollte um das Alte Testament gehen und seine Bedeutung für den christlichen Glauben. Doch nach den Attentaten in Paris stand ein Studientag der Evangelischen Akademie Frankfurt unter dem Eindruck des Terrors im Namen von Religion.
Gewalt und Krieg sind nach Ansicht von evangelischen Theologen auch ein problematisches Thema in der Bibel. »Im Gegenüber zum Islam müssen wir viel deutlicher machen, dass Gewalt auch in der Bibel ein Thema ist«, sagte Jan Christian Gertz, Professor für Alttestamentliche Theologie in Heidelberg, bei einem Studientag der Evangelischen Akademie Frankfurt am Main. Die Tagung zum Alten Testament und seiner Bedeutung für den christlichen Glauben stand unter dem Eindruck der Pariser Terroranschläge. Im Alten Testament nähmen die Israeliten kriegerisch das Gelobte Land ein, sagte Gertz. Im Neuen Testament sei von »Heulen und Zähneklappern« die Rede. »Das ist auch nicht friedfertig«, sagte der Theologe. Man müsse sich mit den Quellen der eigenen Religion auseinandersetzen. Die historisch-kritische Wissenschaft erforsche, wann und mit welcher theologischen Absicht ein religiöser Text entstanden sei.
Das Buch Josua beispielsweise schildert, dass die Israeliten Krieg im Namen Gottes geführt und das Gelobte Land mit Gewalt erobert hätten. Im Gegensatz dazu legen die Ergebnisse der historisch-kritischen Wissenschaft und der Archäologie nahe: Es hat keine kriegerische Landnahme gegeben. Die Stämme Israels wurden in einem friedlichen Prozess über einen längeren Zeitraum hinweg im Land sesshaft.

»Hier beginnt die Geschichte der leisen Stimme Gottes«

Warum erzählt das Buch Josua es anders? Als es im Nachhinein geschrieben wurde, war das biblische Israel Spielball der damaligen Großmächte. Man träumte von militärischer Stärke in einer siegreichen Vergangenheit. Es bleibt der Stein des Anstoßes, dass Gewalt hier theologisch verherrlicht wird. Die historisch-kritische Wissenschaft entbinde die Angehörigen gleich welcher Religion nicht davon, selbst Position zu beziehen, sagte der Alttestamentler Gertz. Er forderte, die Grundlagen des eigenen Glaubens müssten für die Gegenwart ausgelegt werden, und sei es, die Texte »als Mahnmal« zu verstehen, wohin Gewalt führe.
Frank Crüsemann, emeritierter Alttestamentler aus Bielefeld, beschrieb, wie in der Bibel Gewalt im Namen Gottes problematisiert wird. Im 1. Buch Könige erschlage der Prophet Elia alle Priester des fremden Gottes Baal. »Nirgendwo steht geschrieben, dass Gott diesen Massenmord befohlen hätte«, sagte Crüsemann. Elia gerate darüber in eine innere Krise. Daraufhin lasse Gott einen Sturm an seinem Propheten vorbeiziehen. Dann komme ein Erdbeben, schließlich ein Feuer. Doch Gott sei in keiner dieser Naturgewalten. Er zeige sich in einem »stillen sanften Sausen«, heißt es in der Bibel. Damit werde die Geschichte der »leisen Stimme Gottes« begonnen, sagte Crüsemann.

Rachegott und gnädiger Gott

Das Christentum habe lange das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament als einen Gegensatz von Rachegott und gnädigem Gott verstanden. »Solche Gegensatzpaare sind nach wie vor wirksam«, warnte Crüsemann. In diesem Jahr ist der Streit um den hebräischen Teil der Bibel neu entbrannt. Der Berliner Theologe Notger Slenczka stellte infrage, dass das Alte Testament zum christlichen Kanon gehöre. »Man kann das Neue Testament nicht ohne das Alte verstehen«, hält Crüsemann dagegen. Das Alte Testament nur von Jesus Christus her zu begreifen, sei allerdings eine Engführung. Die biblischen Bücher seien vielstimmig. Das habe theologische Bedeutung: »Gott ist einer – in Vielfalt.«
Der Umgang mit Vielfalt sei nicht einfach, machte Melanie Köhlmoos, Professorin für Altes Testament in Frankfurt, mit Blick auf die Kanonisierung deutlich. Die verschiedenen biblischen Bücher seien in einem Jahrhunderte langen Prozess zu der einen Bibel geworden. Wie die fünf Bücher Mose, die Geschichtsbücher, die weisheitliche Literatur und die Propheten angeordnet seien, unterscheide sich zwischen hebräischer und christlicher Bibel. Die Reihenfolge sei nicht bloß ein technisches Problem des Buchbinders. »Es ändert die Perspektive, wie man die biblischen Schriften nacheinander liest«, erklärte die Theologin.
Die hebräische Bibel beweise Mut zum Widerspruch, sagte der Münchner Alttestamentler Friedhelm Hartenstein. Die messianischen Verheißungen der hebräischen Bibel hätten die ersten Christen auf Jesus bezogen. Die neutestamentlichen Schriften seien ohne die alttestamentlichen nicht denkbar, so Hartenstein.

Die jüdische Signatur des christlichen Glaubens

Christian Wiese, Professor auf dem Martin-Buber-Lehrstuhl in Frankfurt, beschrieb, wie die jüdischen Denker Franz Rosenzweig und Martin Buber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der protestantischen Bibelkritik beeindruckt waren. Sie hätten sich davon eine Besinnung der christlichen Theologie auf ihre jüdischen Wurzeln erhofft. Jedoch erwies sich die alttestamentliche Wissenschaft nicht als Gegengift gegen den erstarkenden Antijudaismus.
»Schauderhaft ergebnislos« nannte Rosenzweig 1922 die Ergebnisse der evangelischen historisch-kritischen Methode. Sie frage lediglich nach dem Woher eines biblischen Textes, nicht nach seiner Wirkungsgeschichte. Mit ihrer »Verdeutschung« der Heiligen Schrift wollten Rosenzweig und Buber Gottes Wort hinter der »verpfafften« Lutherbibel wieder zum Sprechen bringen. Die Begegnung mit der hebräischen Bibel, so Wiese, fordere die christliche Theologie heraus, die jüdische Signatur ihres Glaubens zu erkennen. 

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Die Gewalt des einen Gottes?

Picture-Alliance/akgDer ägyptische Sonnengott Atum in seiner Barke auf seiner Tages- und Nachtreise. Wandmalerei in Theben aus dem 12. / 11. Jahrhundert vor Christus.Der ägyptische Sonnengott Atum in seiner Barke auf seiner Tages- und Nachtreise. Wandmalerei in Theben aus dem 12. / 11. Jahrhundert vor Christus.

Wissenschaftler streiten über Jan Assmanns Studie zum Monotheismus • Von Silke Kehl

Der Ägyptologe Jan Assmann veröffentlichte 1998 das Buch »Moses der Ägypter«. Seine Thesen lösten eine Kontroverse zwischen Theologen, Philosophen und Historikern aus, die bis heute anhält. Assmanns Studie beleuchtet die Rolle Ägyptens als Feindbild des biblischen Monotheismus. Er weist auf eine spezifische Form der Gewalt hin, die den Offenbarungsreligionen innewohnt. 

? Wie können wir uns die Götterwelt im Alten Ägypten vorstellen? 

Jan Assmann: Ein wichtiges Merkmal der altägyptischen Religion ist, dass das Pantheon der Götter auf einen Ursprung zurückgeht: auf Atum, den Sonnengott. Atum bedeutet zugleich »alles« und »nichts«. In der Schöpfungsgeschichte bringt Atum zwei Gottheiten hervor: Schu, die Luft, und Tefnut, das Feuer. Diese erzeugen das Götterpaar Nut (Himmel) und Geb (Erde), aus denen die Götter Isis, Osiris, Seth und Nephthys entstehen.

?  Ähnelt die Religion im Alten Ägyp‧ten der griechischen Mythologie?

Assmann: In der altgriechischen Welt gibt es viele unterschiedliche Mythen. Dagegen ist das Alte Ägypten von der Vorstellung beherrscht: Alles ist aus dem Sonnengott hervorgegangen. Die Sonne umkreist die Erde Tag für Tag in einer Barke. Nachts steigt sie in die Unterwelt hinab. So einen zentralen Mythos gibt es in Griechenland nicht. Spezifisch für Ägypten ist außerdem der Zusammenhang zwischen Kosmos und Königtum. Jeder Pharao verkörpert den Gott Horus. Ein derart extremes Modell des Sakralkönigtums gibt es nur in Ägypten.

? Den Begriff des Polytheismus lehnen Sie mittlerweile ab und ersetzten ihn durch Kosmotheismus. Warum? 

Assmann: Polytheismus hat einen polemischen Beigeschmack. Keine Religion definiert sich selbst über die Vielheit des Göttlichen. Daher halte ich den Begriff Kosmotheismus für prägnanter. Er besagt, dass das Göttliche und die Schöpfung zusammengehören. Die altägyptische Preisung des einen Sonnengottes Atum, auf den alle anderen Götter zurückgehen, lässt sich durch das Etikett polytheistisch kaum treffend charakterisieren. Genaugenommen han‧delt es sich um einen kosmogonischen Monotheismus, der sich in ähnlicher Form auch in Indien findet. 

? Wo liegt dann der Unterschied zwischen den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam und der altägyptischen Religion? 

Assmann: Entscheidend ist nicht die Frage, ob es einen Gott gibt oder viele Götter. Der fundamentale Unterschied ist der zwischen Immanenz und Transzendenz des Göttlichen. Im Kosmotheismus sind die Götter immanent, in der Welt. Sie konstituieren und verkörpern die Wirklichkeit. Dagegen ist der biblische Gott außerweltlich, transzendent: Als Schöpfer steht er der Welt gegenüber. Ein weiteres, neues und wesentliches Merkmal des biblischen Monotheismus ist der Aspekt der Offenbarung. Zwar tun auch in kosmotheistischen Religionen die Götter ihren Willen kund. Aber dass Gott sich Mose auf dem Berg Sinai oder dem Propheten Mohammed in einer Höhle offenbart und dass diese Offenbarung ein für alle Mal gültig ist, das ist das Besondere. 

? Was meint Ihre umstrittene Formulierung von der »mosaischen Unterscheidung«? 

Assmann: Jene Unterscheidung von wahrer und falscher Religion, die kosmotheistische Systeme so nicht kennen. Sich als Jude von den Gojim oder als Christ von den Heiden abzugrenzen, das ist die Schattenseite der Offenbarungsreligionen. Ihren ersten Ausdruck findet die mosaische Unterscheidung im Buch Exodus. Ich halte die Exodus-Geschichte nicht für eine historische, sondern eine symbolische Erzählung mit der Funktion, sich von Ägypten abzugrenzen. Ägypten steht für Unterdrückung und das Alte, von dem man sich lösen muss. Israel dagegen steht für das Neue und den Bund mit Gott. Die zehn Plagen, die der Gott des Volkes Israel dem Pharao sendet, können als Abstrafung des Sakralkönigtums gelesen werden: Das Göttliche soll allein Gott vorbehalten sein. Im Dekalog spiegelt sich die ägyptische Glaubenspraxis als negatives Gegenmodell: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir« und »Du sollst dir kein Bildnis machen«. Beides richtet sich gegen den ägyptischen Kult der Bilderverehrung. 

? Warum liegt in der mosaischen Unterscheidung eine besondere Form der Gewalt? 

Assmann: Gewalt hat es immer gegeben, auch in kosmotheistisch geprägten Kulturen. Meine These ist, dass die mosaische Unterscheidung eine spezielle Form der Gewalt begründet: eine, die im Namen der wahren Religion vollzogen wird. Gewalt wird zur heiligen Verpflichtung. Die Bibel ist voller Belege dafür. Die Geschichte vom Goldenen Kalb zeigt, wie hart der Götzendienst geahndet wird. Zur Strafe lässt Mose 3000 Mann töten. Der Anti-Kanaanismus im 2. und 5. Buch Mose ist von Gewalt geprägt. Dies hängt zusammen mit dem Gedanken der Bündnistreue mit Gott. Im Christentum hat diese gedankliche Verbindung zu Gewaltexzessen geführt. Nehmen Sie die Kreuzzüge oder die Ermordung von Indigenen in Südamerika. Karl V. hat sich 5. Mose 20 vorlesen lassen, um sein Gewissen zu beruhigen. Die Ausschreitungen richteten sich nicht nur gegen Heiden, sondern auch gegen die sogenannten Ketzer. Die Kirche hat während der Inquisition Albigenser und Hussiten gefoltert und zerfleischt. Diese Form von Gewalt ist nur denkbar im Rahmen der Unterscheidung von wahrer und falscher Religion. 

? Man wirft Ihnen vor, den Monotheismus zu kritisieren und die kosmotheistischen Religionen zu idealisieren.

Assmann: Ich habe den Religionstypus des Monotheismus als Gegenreligion bezeichnet, die sich definiert über Verbote (»keine anderen Götter!«) und Abgrenzung (»kein Verkehr mit den Kanaanäern!«). Als Kulturwissenschaftler und Ägyptologe interessiert mich, was es mit diesem »gegen« auf sich hat. Das bedeutet nicht, dass ich mich gegen den Monotheismus wende oder ein kosmotheistisches Modell propagiere. Mir geht es um die Frage: Wie hat die Exodus-Erzählung unser kulturelles Gedächtnis geformt? Meine Kritiker haben mir einen wichtigen Aspekt vor Augen geführt: Mose selbst geht es nicht um die Kategorie Wahrheit, sondern um Treue und Verrat. Erst in späteren Schriften manifestiert sich die Unterscheidung in wahr und falsch. Aber sie ist im Buch Exodus angelegt: in der Abgrenzung von Ägypten. Wie diese Unterscheidung weiter wirkt in unserem Denken und Handeln, das wollte ich beleuchten. 

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