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Trauer und Tod - was tröstet


Schlusspfiff

pixelio.de/Sabine SchmidtGeht es ewig weiter oder was kommt nach dem Ende? Wendeltreppe im Schloss Hartenfels in Torgau.Geht es ewig weiter oder was kommt nach dem Ende? Wendeltreppe im Schloss Hartenfels in Torgau.

Foto: © Sabine Schmidt / pixelio.de (www.pixelio.de)

Ist nach dem Leben vor dem Leben oder wie kann man sich Ewigkeit vorstellen? • Von Christina Costanza

Für immer leben. Das ist nicht unbedingt erstrebenswert. Denn dann ginge auch endlos weiter, was das Leben schwer macht. Und doch kennt jeder Augen‧blicke, in denen man sich ‧Unendlichkeit wünscht.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!« Das weiß nicht nur, wer sich für Fußball begeistert. Kaum eine Woche, in der kein wichtiges Fußballspiel ausgetragen wird. Der Ball läuft immer weiter – eine schier endlose Reihe von fußballerischen Begegnungen. »Das Leben geht weiter!« So hören Menschen, die um einen verstorbenen Angehörigen oder Freund trauern. Dieser Satz ist zugleich richtig und falsch. Das Leben geht weiter, weil die Lebenden ihr Leben zwischen Schlafen und Aufstehen, Arbeiten und Einkaufen, Fußballschauen und Spazierengehen fortsetzen.
Doch das Leben geht nicht weiter mit dem einen Menschen, der gestorben ist und der nun fehlt. Dessen Leben ist an ein Ende gekommen. Denen, die um ihn trauern, wird häufig die Endlichkeit ihres eigenen Lebens bewusst. Irgendwann wird auch für sie zu Ende gehen, was im Alltag als unendliche Folge von Erlebnissen scheint, an deren Anfang man sich ebenso wenig zu erinnern vermag, wie man sich einen Schluss vorstellen kann. Sicher ist dennoch: Auch das eigene Leben wird zu Ende gehen.

Nach dem Tod geht es nicht einfach weiter wie bisher

Die Traditionen und Symbole des christlichen Glaubens wissen um die Endlichkeit allen menschlichen Lebens. Eine christliche Beerdigung ist ein wirklicher Abschied, wie die Worte »Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub« ausdrücken. »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel« gilt für die christliche Anschauung von Leben und Sterben nicht. Denn das Leben ist nicht unendlich. Nach dem Tod geht es nicht einfach weiter wie bisher.
Und doch ist mit dem endgültigen Schlusspfiff nicht alles aus. Wer am letzten Sonntag des Kirchenjahres in einen Gottesdienst geht, begegnet Texten und Liedern, die vom ewigen Leben reden. »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein«, steht im 21. Kapitel der Offenbarung. Der Name des Sonntags ist wie eine Überschrift zum Brauch, Kerzen für die Verstorbenen anzuzünden: Ewigkeitssonntag. Zur Trauer um die Toten kommt die Hoffnung, dass sie »ewiges Leben haben«, wie es im Johannesevangelium heißt.
Das ewige Leben, von dem die Bibel redet, ist dabei nicht einfach die Fortsetzung des bisherigen Lebens, das auf wundersame Weise über den Tod hinaus verlängert wird. An ein ewiges Leben glauben heißt nicht einfach, auf ein endloses Weiterleben hoffen. Viele hochbetagte Menschen spüren, dass dies auch gar nicht erstrebenswert wäre – nicht nur, weil Alterserscheinungen und Krankheiten ihnen zusetzen.
Sie haben das Gefühl, ihr Leben gelebt zu haben, mit seinen Höhen und Tiefen. Sie sehnen sich nach einer Ruhe und einem Frieden, den sie im Nachtschlaf nicht mehr finden. Die Vorstellung, unendlich lang zu leben, mag in jugendlichem Alter verlockend erscheinen. Doch viele Menschen wollen das nicht. Denn auch »Tränen, Leid, Geschrei und Schmerz«, wie es in der Offenbarung heißt, also all das, was das Leben schwer macht, würden dann unendlich weitergehen.
Das Wort »ewig« beschreibt nicht die endlose Ausdehnung des Zeitstrahls über den Tod hinaus. Es weist vielmehr auf eine besondere Eigenschaft, eine besondere Qualität des »ewigen Lebens« hin, die Hoffnung macht. »Ewigkeit ist der ganze und vollkommene Besitz unbegrenzbaren Lebens.« So schreibt Boethius, ein Philosoph und Theologe, am Anfang des sechsten Jahrhunderts. Ein Leben in Ewigkeit findet keine Grenze mehr durch den Tod. Es wird aber auch nicht begrenzt durch Leiden und Schmerzen. Es ist erfülltes Leben, voller Sinn und Glück.
»Vollkommen«. In der auf Latein verfassten Schrift des Boethius steht dafür »perfecta«. »Perfekt!«, das sagt man, wenn etwas schlicht unübertrefflich ist. Die perfekte Welle für den Surfer, der perfekte Geschmack des Essens, der perfekte Klang des Orchesters. In manchen Augenblicken stimmt einfach alles. Sie sind perfekt, weil sich alles, was gerade ist, richtig und gut anfühlt.
Solche Glücksmomente haben es an sich, dass sie vorbeigehen. Manche erleben sehr wenige solcher Momente. Das ist eine Ungerechtigkeit, die »Tränen, Leid, Geschrei und Schmerz« hervorruft. Andere erleben einen einzigen perfekten Moment und zehren davon ihr ganzes Leben lang.
Wer an ein ewiges Leben glaubt, hofft auf den perfekten Augenblick, ausgedehnt über alle Grenzen hinweg. Hinweg über die Grenzen der Zeit, des Todes, der ungerechten Verteilung von Glück. In der Ewigkeit, die nach dem Tod kommt, findet das Glück keine Grenze mehr.
Die Schrift, in der Boethius den Begriff Ewigkeit beschreibt, heißt »De consolatione philosophiae« – auf Deutsch: »Über den Trost der Philosophie«. Die Philosophie erscheint Boethius hier in Gestalt einer Frau, die ihm im Gespräch über seine Verzweiflung hinweg- hilft. Er schreibt dieses Buches im Gefängnis, während er auf seine Hinrichtung wartet. Ein billiger Trost, eine bloße Vertröstung ist das nicht, was ihm das Gespräch mit der Philosophie gibt. Sondern ein Trost, der zu leben und zu sterben hilft.

Wie übe ich mich in die Ewigkeit ein?

Einen solchen Trost birgt auch der christliche Glaube an ein ewiges Leben in sich. Er vertröstet nicht einfach auf das Jenseits, im Gegenteil, er birgt einen Trost, der dem Leben hier und jetzt dient. Der Glaube an die Ewigkeit hilft, das Leben mit allen Höhen und Tiefen voll auszukosten. Denn wer auf ein Leben in Ewigkeit hofft, kann die Endlichkeit des Lebens annehmen – die eigene Hinfälligkeit und Unvollkommenheit ebenso wie die des anderen. Er kann leben mit eigenem Scheitern und mit dem Abschied von geliebten Menschen.
Die Endlichkeit des Lebens annehmen, das ist wie sich einüben in die Ewigkeit. Denn erst nach dem Ende wird es richtig gut. »Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.« Kurz und knapp sagt Oscar Wilde, was es mit der christlichen Hoffnung auf ein ewiges Leben auf sich hat. Der Tod ist ein Endpunkt, ein echter Schlusspfiff, nach dem es nicht weitergeht wie bisher. Es geht vielmehr so unbeschreiblich gut weiter, dass alle Worte und Bilder eines Lebens nach dem Tod nur tastende Versuche sein können, dieses unbeschreiblich Gute erahnen zu lassen.

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Heilger Geist, du Tröster mein

Picture-Alliance/G. HerbertSo kann Trost sein: Viele Hände, die den Rücken stärken.So kann Trost sein: Viele Hände, die den Rücken stärken.

Trostgeschichten aus der Bibel und dem Leben • Von Martin Vorländer

Die Jünger brauchten Trost. Mit dem gekreuzigten Jesus war alles gestorben, woran sie geglaubt hatten. Mit dem auferstandenen Christus begann ein Leben, das jede Vorstellung übersteigt. Dann fährt Christus vor ihren Augen in den Himmel auf. Die Jünger starren ihm nach. Wie soll es weitergehen? Doch Jesus hat versprochen: Gott sendet euch seinen Heiligen Geist, den Tröster. Das wurde wahr an Pfingsten. 

Vertrösten ist einfach, Trösten schwer. Wie kann man jemanden trösten, der den liebsten Menschen verloren hat? Was kann man Eltern sagen, die ihr totes Kind zu Grabe tragen? »Das Leben geht weiter. Kopf hoch!« Solche Worte ersticken in der Kehle. »Ich habe das schon oft gehört. Ihr seid allzumal leidige Tröster! Wollen die leeren Worte kein Ende haben?«, schleudert Hiob seinen Freunden entgegen, die auf ihn einreden (Hiob 16, 2). Eine Hiobsbotschaft nach der anderen hat ihn ereilt: Hab und Gut zerstört. Seine Kinder tot. Er selbst von Geschwüren überzogen. Drei Freunde versuchen, ihm beizustehen. Sie sitzen sieben Tage bei ihm – ohne ein Wort zu sagen, denn sie sehen, dass sein Schmerz groß ist (Hiob 2, 13). Dann suchen sie nach Gründen für sein Unglück: Was lief falsch? Welche Sünde hat Hiob begangen, dass er so bestraft wird? Hiob wird wütend: Nichts hat er falsch gemacht. Gott allein ist schuld am Leid. 

Letztlich erweisen sich die Freunde doch als Tröster: Sie rufen Hiobs Widerspruch und seine Lebensgeister wach. Zum Trost gehört der Trotz: der Widerspruch gegen das Leid. Trost deckt nicht zu. Er deckt die wahre Ursache auf. Christus sagt zu seinen Jüngern: »Wenn der Tröster kommt, wird er der Welt die Augen auftun« (Johannes 16, 8). Trost scheut die Wahrheit nicht. 

Das Pfingstwunder: Trost in der Sprache anderer

Hiob sucht die Wahrheit in der Auseinandersetzung mit Gott: Bist du, Gott, treu, wenn ich all das erleiden muss? Seine Freunde wollen Gott entschuldigen – und setzen sich damit an die Stelle Gottes. Was Hiob aber braucht, ist die Klage direkt an Gott gerichtet. 

Wie kann man trösten, wenn Worte fehlen? Pfingsten ist ein Sprachwunder: Die Jünger Jesu finden Worte in fremden Sprachen, um aller Welt von Jesus Christus zu erzählen. »Der Tröster, der Heilige Geist wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe«, hat Jesus zu seinen Erdenzeiten versprochen (Johannes 14, 26). Welche Sprache lehrt der Tröster?

Trost kommt wie gerufen

Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments heißt der Gottes Tröster-Geist »Paraklet«: der Herbeigerufene. Trost kommt wie gerufen. Er übersteigt beide: den, der Trost braucht, und den, der tröstet. Wer tröstet, muss den Grund für Trost nicht selber schaffen. Wenn eigene Worte fehlen, können wie an Pfingsten die Worte fremder Sprache helfen. Eine Frau Mitte 70 erzählt: »Unser Rentnerdasein hatten wir uns so vorgestellt: Die neugewonnene Freiheit gemeinsam genießen. Dann kam plötzlich die Diagnose bei meinem Mann: Alzheimer. Ich habe gegen Gott und Welt rebelliert. Manchmal konnte ich nur noch die Klagepsalmen schreien: ›Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‹« 

Später hat ihr ein anderer Psalm geholfen: »Als mein Mann nicht mehr sprechen konnte, habe ich jeden Tag seinen Konfirmationsspruch aus Psalm 73 mit ihm gebetet: ›Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende in Ehren an.‹«Der Tröster, der »Paraklet«, wie Jesus den Heiligen Geist nennt, hat eine weitere Bedeutung: der, der mahnt und ermuntert. Dem Trostlosen nur zuzustimmen, verstärkt die Trostlosigkeit. Es braucht das Aufbegehren gegen die Situation, den inneren Aufbruch, um wieder zurück ins Leben zu finden. So wirkt der Heilige Geist: Er verbindet mit Jesus Christus. Mit seinem Tod. Und mit seinem Auferstehen zu neuem Leben. Tröster, »Paraklet« heißt auch: Fürbitter, Beistand. »Ich habe Trost als besonders schön empfunden, wenn ich gespürt habe: viele Menschen, eine Gemeinschaft ist für mich da«, sagt ein Jugendlicher. Das Wunder von Pfingsten: Über Unterschiede hinweg erfahren Menschen Gemeinschaft untereinander und mit Gott. 

Himmlischer Beistand. Damit fängt Trösten an: Den anderen spüren lassen, dass ich da bin. Ich höre zu. Zuhören ist heilsam. Gott spricht: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet« (Jesaja 66, 13). So trösten Eltern: Sie nehmen ihr weinendes Kind in die Arme und halten es. Eine Erfahrung des Heiligen Geistes: Ich bin gehalten. 

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Gemeinsames Grab mit Bello

epd-bild/Urs MörgeliHier ruhen Hündin »Melba« und ihre Besitzerin »Traudl«, die zwei Jahre später, 2010, neben ihrer Vierbeinerin bestattet wurde, auf dem Tierfriedhof am Wisenberg in Läufelfingen (Schweiz).Hier ruhen Hündin »Melba« und ihre Besitzerin »Traudl«, die zwei Jahre später, 2010, neben ihrer Vierbeinerin bestattet wurde, auf dem Tierfriedhof am Wisenberg in Läufelfingen (Schweiz).

Wenn Menschen auf einem Tierfriedhof bestattet werden • Von Norbert Demuth

Auf dem Tierfriedhof von Läufelfingen in der Schweiz können Menschen neben ihrem geliebten Haustier die letzte Ruhe finden. Auch in Deutschland gibt es erste Pläne. 

Ein Tierfriedhof, auf dem auch Menschen bestattet sind? Was zunächst ziemlich schräg klingt, ist für den Schweizer Urs Mörgeli (67) eine völlig logische gesellschaftliche Entwicklung: »Meist sind es einsame, alleinstehende Menschen, deren letzte Lebensbegleiter eben der Hund oder die Katze waren.« Der promovierte Chemiker hatte schon im Jahr 2001 den Tierfriedhof in Läufelfingen in der Region Basel gegründet. Heute ist das 15 000 Quadratmeter große, parkähnliche Areal der erste Tierfriedhof der Schweiz, auf dem auch Menschen ihre letzte Ruhe finden. 

Dabei hatte Mörgeli zunächst nur an eine würdige Bestattung von Haustieren gedacht: »Als mein Yorkshire-Terrier alt und krank war, habe ich überlegt: Was passiert eigentlich mit dem Tier, wenn es tot ist?« Der Gedanke, seinen Hund zur Tierkörperbeseitigung zu bringen, war für Mörgeli »abscheulich«. Auf dem Friedhof sind etwa 2000 Tiere bestattet, meist Hunde und Katzen, aber auch ein Pony, ein Fohlen, eine Wasserschildkröte und ein Papagei. 

In Deutschland bislang nicht erlaubt

Zusätzlich aber wird seit mehreren Monaten legal etwas praktiziert, was in Deutschland nicht erlaubt ist: Auf dem Tierfriedhof seien inzwischen zehn Menschen neben ihren Haustieren bestattet worden, sagte Mörgeli dem Evangelischen Pressedienst (epd). »Allerdings nur deren Asche«, betont er. Denn auch in der liberalen Schweiz dürfe ein Mensch auf einem Tierfriedhof nicht erdbestattet werden. Etwa ein Dutzend Personen habe zudem einen entsprechenden Vertrag zur späteren Bestattung ihrer Urne auf dem Tierfriedhof unterschrieben, sagt Mörgeli. Ein Grabplatz für Mensch und Tier koste 49Wenn Menschen auf einem Tierfriedhof bestattet werden • Von Norbert Demuth00 Franken (4030 Euro) bei einer Mietdauer des Grabes von 50 Jahren. In einem Fall hatte ein älteres Ehepaar zunächst seinen Hund bestatten lassen, wobei die Frau wünschte, nach ihrem Tod im Grab neben ihrem Vierbeiner ruhen zu dürfen. Kurz darauf starb sie an Alzheimer. Heute sei ihre Urne direkt neben dem Hund begraben.

Genehmigungsverfahren läuft schon seit ein paar Jahren

 In Deutschland gibt es keine Bestattungen von Tieren und Menschen auf einem gemeinsamen Friedhof. Ginge es nach den Plänen von Ralf Hendrichs könnte sich das ändern. Hendrichs, Geschäftsführer des rund 10 000 Quadratmeter großen Tierfriedhofs »Tierhimmel« im brandenburgischen Teltow, sagte dem epd: »Wir haben ein Stück Gelände zusätzlich, etwa 2500 Quadratmeter, auf dem wir die Mensch-Tier-Bestattungen vorhaben.« 

Allerdings »nur als Aschebestattung«, schränkt er ein. Das Genehmigungsverfahren, bei dem die Stadt Teltow zustimmen müsste, läuft aber schon ein paar Jahre. Hendrichs argumentiert, dass trotz des Verbots in Deutschland auf Menschenfriedhöfen seit längerem auch Tiere mitbestattet würden, »allerdings heimlich«. »Wenn man auf jedem Grab, in dem stillschweigend ein Tier beigesetzt worden ist, eine Kerze anzünden würde, hätte man einen hellen Friedhof«, sagt Hendrichs, der auch Zweiter Vorsitzender des Bundesverbands der Tierbestatter ist. 

Auch Urs Mörgeli sieht in einer Mensch-Tier-Bestattung kein Verschwimmen ethischer Grenzen. Die kirchliche Ansicht, wonach sich der Mensch grundlegend vom Tier unterscheidet, lässt Mörgeli beim Thema Bestattung nicht gelten. »Vor Gott sind Mensch und Tiere doch gleichberechtigte Wesen«, sagt er. Und gerade Haustiere seien »mittlerweile zu einem Familienmitglied geworden«, meint der Tierfriedhofs-Betreiber. 

Tierbestattungen werden verstärkt nachgefragt

Einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel beobachten auch die Bestatter. Oliver Wirthmann, Diplom-Theologe und Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur, sieht eine »zunehmende emotionale und familiäre Bedeutung von Tieren im häuslichen Umfeld der Menschen«. Bestatter nähmen verstärkt wahr, dass Angehörige sich nach Tierbestattungen erkundigten oder bei Vorsorgegesprächen nach dem letzten Verbleib des geliebten Haustieres fragten. 

Urs Mörgeli will mit seinem Tierfriedhof, auf dem auch Menschen bestattet sind, den herkömmlichen Friedhöfen »keine Konkurrenz machen«, wie er sagt. Auf den Grabsteinen des Tierfriedhofs stehe neben dem Namen des Tieres nur der Vorname des Menschen. Warum nicht auch der Nachname? Mörgeli: »Weil wir nicht unbedingt darauf aufmerksam machen wollen, dass hier ein Mensch liegt.« epd 

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Vom Wandel der Trauer

Evangeliscne Sonntags-Zeitung/privat»Die Trauer ist da. Aber sie bestimmt nicht mehr alles«, sagt Christiane Hoffmann. Die Skulptur hat sie gemacht. In Eisen gegossen steht sie auf dem Grab ihres Sohnes.»Die Trauer ist da. Aber sie bestimmt nicht mehr alles«, sagt Christiane Hoffmann. Die Skulptur hat sie gemacht. In Eisen gegossen steht sie auf dem Grab ihres Sohnes.

David war zehn, als er sich das Leben nahm. Seit sieben Jahren leben seine Eltern mit dem Verlust • Von Martin Vorländer

Viertel nach sechs an einem Dezemberabend. Eine Meinungsverschiedenheit zwischen Mutter und Sohn. Der Zehnjährige will seine Fußballbilder auf dem Familien-Laptop installieren. Die Mutter möchte die Fotos aus dem Herbsturlaub als Bildschirmschoner verwenden. Der Disput ist vorbei. An ihrem Schreibtisch denkt die Mutter: »Dann machen wir eben 14 Tage Davids Fußballbilder und dann meine Ferienfotos.« Da kommt von unten der Schrei. Der Vater hat David gefunden. Erhängt an seinem Hochbett. Nach vier Tagen auf der Intensivstation stirbt David. 

Wie viele Jungen in seinem Alter spielte David im Fußballverein. Er war gerade aufs Gymnasium gekommen, hatte keine besonderen Probleme in der Schule. Er war beliebt. Zu Hause gab es die Querelen, die es zwischen Eltern und Kindern immer gibt. »Ich weiß nicht, was in seinem Kinderherz und Kopf in diesem Moment zusammengeschossen ist«, sagt Christiane Hoffmann, seine Mutter. Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum gibt es nicht. 

Warum geht das Leben weiter?

Am Anfang erging es ihr wie vielen Trauernden: Alles scheint unwirklich, als wäre es nicht das eigene Leben, sondern ein Film. Dazu das Gefühl: Warum geht das Leben weiter? Es war ein rein körperliches Funktionieren, abgetrennt von Seele und Gefühlen. »Am Anfang wollte ich die nächste Stunde überstehen. Den nächsten Tag. Die nächste Woche. Irgendwann wurden diese Zeiträume länger.« Davids Beerdigung ist kurz vor Weihnachten. Seine Eltern legen die Trauerfeier so, dass danach noch ein Schultag ist. Die Kinder sollen nicht unmittelbar von der Trauerfeier in die Ferien gehen müssen. Bis heute schreiben Davids Klassenkameraden ihnen jedes Jahr einen Brief. Die Kinder von damals sind junge Erwachsene geworden. Sie stehen vor dem Abitur und schreiben nach wie vor jedes Jahr. »Davor habe ich großen Respekt«, sagt Christiane Hoffmann. 

Inseln im Meer der Trauer von Woche zu Woche

Einfache Gesten haben sie in ihrer Trauer am Leben gehalten. In der ersten Zeit steht ein Warmhaltetopf mit Essen vor der Tür, als Christiane Hoffmann und ihr Mann nach Hause kommen. Die Nachbarin sagt: »Ich habe gesehen, dass ihr da seid. Hier ist Essen.« Ein befreundetes Paar lädt die beiden zu sich ein. Jede Woche einmal. »Das waren Inseln von Woche zu Woche«, so hat es Christiane Hoffmann empfunden. »Wir haben gegessen und zusammen einen Film angeschaut. Es war in Ordnung zu weinen, zu lachen. Ja, wir haben gelacht, wenn der Film danach war. Am Ende des Abends haben wir uns verabredet: Wann treffen wir uns nächste Woche?« Dass andere im Kontakt mit ihnen geblieben sind, hat ihr geholfen. Es ist leichter, von außen zu klopfen als von innen. 

Einen Monat nach Davids Tod suchen Christiane Hoffmann und ihr Mann über einen Verein verwaister Eltern einen Trauerbegleiter. Ein Jahr lang sind sie zu Paargesprächen fast jede Woche dort. Sie nehmen auch an anderen Angeboten des Vereins teil: Gedenkgottesdienst, Wandertag, Seminare. Ein fester Ort. Feste Termine, bei denen die Trauer ganz da sein darf. Der Kontakt zu anderen verwaisten Eltern lässt Zusammenhalt in der Trauer spüren. »Ich bin nicht allein. Ich werde verstanden, weil die anderen Ähnliches durchleben.« 

Jede und jeder trauert anders

Viele Ehen und Familien zerbrechen nach dem Tod eines Kindes. Christiane Hoffmann und ihr Mann erleben, dass sie sich gegenseitig stützen können. Auch sie müssen erst lernen zu akzeptieren: Jede und jeder trauert anders. Es ist nicht zur gleichen Zeit gleich schwer. Wenn der eine an einem Tiefpunkt ist, ist das die andere gerade nicht. Das kann auch eine Hilfe sein: Einer kann dem anderen Halt geben. 

Christiane Hoffmann ist Pfarrerin, ihr Mann katholisch. Im ersten Trauerjahr gehen sie viel in die katholische Kirche, in der ihr Mann einen Chor leitet. Hier waren sie oft mit David. In Gottesdiensten erlebt sie: »Wenn ich nicht beten kann, betet ein anderer für mich. Wenn ich nicht singen kann, singt es trotzdem um mich herum.« Manchmal hat sie andere Liedzeilen gesungen. »Ein Kind ist uns genommen« statt »Ein Kind ist uns geboren«. 

Die Toten haben einen Ort in uns

Sie spricht die Worte beim Glaubensbekenntnis mit: »Auferstehung der Toten«. In diesem Moment glaubt sie daran. »Aber das gibt mir jetzt mein Kind nicht zurück.« Doch, es gibt die Hoffnung, dass die Toten nicht einfach weg sind. »Sie haben einen Ort in uns. Sie haben einen Ort in Gott. Aber Spekulationen darüber hinaus geben mir keine Kraft.« 

Der Umgang mit Trauernden ist schwierig. Mal schmerzt es, dass ein anderer nichts sagt. Dann wieder reißt es nach unten, wenn jemand nachfragt. So oder so in Kontakt sein, das tröstet, ist Christiane Hoffmanns Erfahrung. »Wenn dem anderen die Worte fehlen, kann er das sagen.« Auch das ist ein Zeichen von Anteilnahme. Es gibt aber Sätze, die wehtun. »Ich an deiner Stelle würde« oder »meinst du nicht, du solltest mal«. Das Schlimmste ist das Verschweigen, sagt Christiane Hoffmann. Wenn der Name des Toten nicht mehr genannt wird. 

Jede Trauer ist anders. Den Tod eines Kindes zu betrauern ist anders schwer als den Tod des Großvaters, der im hohen Alter verstorben ist. Aber immer ist es ein Verlust, der betrauert werden muss. 

Sich vergeben? Dem Toten vergeben? Gott vergeben?

»Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Die fünfte Bitte des Vaterunsers. Spielt Vergebung beim Trauern eine Rolle? Sich selbst vergeben können? Dem Toten vergeben können? »Ich war keine perfekte Mutter. Ich habe Fehler gemacht«, sagt Christiane Hoffmann. »Ich hatte jedoch nie das Gefühl, dass wir nach einem Konflikt nicht wieder zueinander finden.« Manchmal ist der Gedanke da: Warum hat ihr Sohn das gemacht? Er hätte das Zimmer zertrümmern oder sie anschreien können. Aber was er getan hat, war ein Fehler. Gott vergeben können? Für Christiane Hoffmann ist es schwer erträglich, wenn der Tod Jesu als Gottes Wille gedeutet wird. Gott habe sich das alles überlegt, dass sein Sohn stirbt. Trost gibt ihr »ein Gott, der nicht wegschaut, der das Elend sieht und sich anrühren lässt. Jesus, der bis ins Tiefste mitgeht.«

Gegen das Versteinern arbeiten

Eine Freundin hat ihr die Abbildung eines Kunstwerks geschenkt. Das Motiv aus dem 13. Jahrhundert heißt »Not Gottes«. Es zeigt Gott, den Vater, der sein totes Kind in den Armen hält. Der Heilige Geist ist gemalt als ein winziger Vogel, der sich in die Halskuhle des Sohnes schmiegt. Gott schaut den Betrachter aus dem Bild heraus an, als würde er sagen: »Ich habe nicht anders gekonnt.« Ohnmacht steht in seinem Gesicht. »Dieser Gott ist mir ganz nah«, sagt Christiane Hoffmann. »Den allmächtigen Gott kann ich anschreien: Warum hast du nichts gemacht? Der ohnmächtige Gott sagt mir – oder ich sage ihm: Ich bin auch da.« 

Ein Freund sagt später einmal zu ihr: »Danke, dass ihr nicht versteinert seid.« Gegen das Versteinern arbeiten. Viele Trauernde beginnen zu malen, zu schreiben, zu fotografieren. Christiane Hoffmann hat die Bildhauerei entdeckt. »Trauer ist mindestens so hart wie Stein. Aber es wird etwas daraus.« An der Stelle, an der alles zu Ende scheint, entsteht gestalterische Kraft. 

»Wir werden alle verwandelt werden«, schreibt Paulus. Trauer lässt sich nicht abarbeiten wie eine Akte. Trauer bleibt. Aber sie kann sich wandeln. »Die Trauer ist da. Aber sie führt nicht mehr die Regie in meinem Leben«, sagt Christiane Hoffmann. Sie fügt eine Zeile des Dichters Jan Skácel hinzu: »Alles schmerzt sich einmal durch bis auf den eignen Grund.«.

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