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Von Advent bis Ewigkeitssonntag


Der verschlafene Abschied

pixelio.de/Dieter SchützJesus betet im Garten Gethsemane, während seine Jünger schlafen. Ein Gemälde in Hofgeismar.Jesus betet im Garten Gethsemane, während seine Jünger schlafen. Ein Gemälde in Hofgeismar.

Foto: © Dieter Schütz / pixelio.de (www.pixelio.de)

Die Jünger erleben im Garten Gethsemane das böse Erwachen, dass sie die letzte gemeinsame Stunde mit Jesus verpasst haben • Von Martin Vorländer

Es gibt Abschiede, die nimmt man ganz bewusst. Manchmal aber merkt man mit Schrecken erst im Nachhinein: Das war das letzte Mal. Davon erzählt das Evangelium am Gründonnerstag.
Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Bleibt hier und wachet!«, bittet Jesus seine Jünger im Garten Gethsemane (Markus 14,34). Aber sie schlafen ein. Sie verschlafen den Abschied. Ein Mensch geht, und man merkt erst hinterher: Das war das letzte Mal, dass ich ihn oder sie gesehen habe. Der Abschied war nicht spektakulär, sondern alltäglich, scheinbar ohne Bedeutung. Ein Kind macht sich auf den Schulweg. Man fährt mal kurz bei den Großeltern vorbei. Ein Gespräch am Telefon zwischendurch, man hatte im Alltagsgetriebe gar nicht richtig ein Ohr für den anderen.
Eine Freundin macht eine Reise, von der sie nicht zurückkommt. Ein Mann lässt einen Eingriff im Krankenhaus vornehmen. Routinesache, heißt es. Auf einmal war es das letzte Mal, dass man sich gesehen oder gehört hat. »Ich habe mich gar nicht richtig verabschiedet.« Der verschlafene, unbemerkte Abschied ist schmerzlich.

Widerstand und Ergebung

Während die Jünger die letzte gemeinsame Stunde verschlafen, ist Jesus hellwach. Er zittert am ganzen Körper. Der Erlöser liegt am Boden und fleht zu Gott: »Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!«
Dein Wille geschehe. So sprechen wir es im Gebet des Herrn, dem Vaterunser. Dein Wille geschehe – das drückt auch die Gebetshaltung des Händefaltens aus. Wir können mit unseren Händen viel tun: kreativ sein. Gutes schaffen für uns selbst und anderen Gutes tun. Helfen und segnen. Berühren und zärtlich sein. Wenn wir die Hände falten, sagt die Geste: Wir wissen um unsere Verantwortung, um das, was wir selbst tun können. Und wir wissen um die Grenzen unseres Machenkönnens.

Noch könnte er fliehen, und alles ginge anders aus

In Momenten höchster Seligkeit spürt man: Das kann ich nicht selbst herstellen – das bekomme ich geschenkt. Und in Zeiten höchster Not gibt es den Punkt, an dem mein ganzer Aktionismus nichts mehr hilft. Ich falte die Hände. Ich verschränke meinen Willen mit Gottes Willen. Das ist kein falsch verstandenes sich Ergeben in Leiden. Kein einfach alles Hinnehmen. Wer betet, resigniert nicht. Er vertraut sich Gott an und legt das eigene Leben in die Hände dessen, der das Leben selbst ist.
Jesus betet im Garten Gethsemane. Ein letzter Augenblick, bevor die Soldaten kommen und ihn holen. Noch könnte er fliehen. Noch könnte alles anders ausgehen. Doch Jesus beendet sein Gebet, erhebt sich vom Boden und sagt zu seinen Jüngern: »Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.« (Markus 14,41–42)
Beten gibt die Kraft, um sich dem Abschied und dem, was kommt, zu stellen.

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Auferstehung – Mitten im Leben

epd-bild/Ralf SchickChristus als aufgehende Sonne: Die Auferstehung im rechten Außenflügel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald im Unterlindenmuseum im elsässischen Colmar.Christus als aufgehende Sonne: Die Auferstehung im rechten Außenflügel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald im Unterlindenmuseum im elsässischen Colmar.

Mit dem Glauben den Tod überwinden • Von Paul Metzger

Auferstehung ist die zentrale Hoffnung des christlichen Glaubens. Für den Isenheimer Altar hat sie der Maler Matthias Grünewald ins Bild gesetzt.
Wenn ein kranker Mensch bei den Antonitern in Isenheim Hilfe suchte, wurde er vor den Altar geführt, der in der Kapelle des Ordens stand. Das stellte den Beginn der Behandlung dar. Allein das Betrachten des Altars sollte zur Heilung beitragen. Die Kranken werden also – je nach Ablauf des Kirchenjahres – mit der qualvollen Kreuzigung Christi konfrontiert und können sich in seinem Leid selbst erkennen. Sobald die Flügel des Altars aber aufgeklappt werden, sehen sie das Ziel ihrer Hoffnung. Der Altar erreicht dann seine größte und äußerst beeindruckende Weite. Auf der Mitteltafel sind in dem Fall das »Engelskonzert« und die »Menschwerdung« Christi zu sehen. Auf der vom Betrachter aus gesehen linken Seite sieht man die Verkündigung des Engels an Maria und auf der rechten Seite die Auferstehung. Die Auferstehung ist der Zielpunkt der Blickrichtung. Der Kontrast zwischen Tod und Leben Christi wird vor Augen geführt.
Die Hoffnung der Kranken ist damit auf die Auferstehung Christi gerichtet. Mitten im Leben sind sie zwar vom Tod umfangen, aber die Auferstehung Christi zeigt ihnen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die Frage der Kranken nach ihrem eigenen Schicksal wird auf diese Weise durch den Altar beantwortet. Aufgeklappt offenbart der Altar die hoffnungsvolle Zukunft: das Leben, das den Kranken durch den Glauben eröffnet wird.
Das Bild der Auferstehung Jesu ist die Hoffnung der Kranken. Es zeigt den Moment der Auferstehung, der in keinem der neutestamentlichen Evangelien erzählt wird, und gleichzeitig die Himmelfahrt Jesu. Die Grabplatte ist weggeschoben und nach hinten gekippt. Trotzdem sind die Wächter, die das Grab nach Matthäus 27, 66 bewachen, noch schlaftrunken. Sie wenden sich von dem Licht Christi ab, zeigen aber keine Verwunderung und kein Erschrecken. Sie haben die Auferstehung Jesu noch nicht wahrgenommen. Diese scheint nur demjenigen einsichtig, der Christus bereits gesehen hat, der von ihm die Augen geöffnet bekam.
So geht es dem Betrachter. Er wird von dem auferstandenen Christus direkt angeblickt. Christi Arme sind zum Segen erhoben. Er zeigt seine Wundmale, die ihn als den gekreuzigten Jesus von Nazareth ausweisen. Sein Kopf bildet den Mittelpunkt eines Lichtkranzes, der die Göttlichkeit Jesu anzeigt. Von ihm gehen warme Farben aus, die dem Betrachter Hoffnung und Ruhe signalisieren. Fast geht Jesu Gesicht in den Farben des ihn umgebenden Lichts auf. Der fließende Übergang deutet das vollkommene Eingehen Christi in die Herrlichkeit Gottes an. Er schwebt ohne sichtbare Anstrengung nach oben und zieht sein Leichentuch mit sich. Zwar ist der Himmel noch dunkel, aber er wird von Christus her erleuchtet.
Die Lichtsymbolik zeigt Christus als aufgehende Sonne. Keine irdische Macht kann ihn mehr halten, keine Wächter, kein Stein, der auf dem Grab ruht, nicht der ‧Felsen im Hintergrund, nicht einmal der Tod selbst. Das Leben setzt sich durch und wird für den Betrachter ansichtig. In dieses Licht können alle Menschen eingehen und sich wie der Auferstandene selbst hineinziehen lassen. Damit spricht der Isen‧heimer Altar in die Gegenwart des Betrachters. Mitten im Tod, aber auch mitten im Leben, ereignet sich Auferstehung und führt über beide hinaus in das Licht Gottes. Das Leben bricht sich Bahn – jetzt und auch im Tod.
Matthias Grünewald (circa 1480 bis 1528), der Maler des Altars, setzt damit die zentrale Hoffnung des christlichen Glaubens ins Bild. Mit den Mitteln einer Erzählung versucht dies auf seine Weise auch der Autor des Johannesevangeliums. In der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus kommen die entsprechenden Dimensionen des Auferstehungsglaubens zusammen. Gegenwart und Zukunft fallen im Glauben und der Auferstehungshoffnung zusammen.

Unterlassene Hilfeleistung bringt Glauben nicht ins Wanken

In Johannes 11 wird Lazarus aus Bethanien vorgestellt, der Bruder von Maria und Marta. Er ist schwer krank, und seine Schwestern lassen deshalb Jesus rufen. Doch Jesus kommt nicht. Er hat andere Pläne und weiß von Anfang an, dass diese Krankheit nicht zum Tode führt. Deshalb überrascht es den Leser, dass Lazarus doch stirbt.
Diese Irritation zeigt dabei schon die Ironie der Erzählung an. Hier geht es nicht um eine historische Begebenheit, sondern um eine theologische Lehr-Erzählung. Wäre es anders, zeigte diese Geschichte einen äußerst hartherzigen und grausamen Jesus. Denn obwohl Jesus weiß, dass Lazarus seine Hilfe braucht, geht er nicht zu ihm, sondern wartet ab, bis er gestorben ist. Jesus freut sich sogar darüber, um an Lazarus ein Beispiel statuieren zu können, mit dessen Hilfe die Jünger zum Glauben kommen sollen. Endlich bricht Jesus zu den Schwestern auf, die um ihren Bruder trauern. Vier Tage liegt Lazarus nun schon im Grab. Damit ist nach antiker Vorstellung der Tod endgültig, und die Seele hat den Verstorbenen verlassen.
Als Marta hört, dass Jesus nun doch noch kommt, geht sie ihm entgegen und redet ihn an: »Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen!« Darin liegt keine Enttäuschung, sondern ein unzerstörbares Vertrauen. Sie fährt fort: »Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, das wird er dir geben.« Der Tod ihres Bruders und die unterlassene Hilfeleistung Jesu bringen ihren Glauben nicht ins Wanken. Deshalb sagt ihr Jesus auch zu, dass ihr Bruder auferstehen wird. Das versteht Marta nicht. Sie antwortet: »Ich weiß, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung der Toten am letzten Tag!«

»Wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben«

Sie versteht nicht, dass die Auferstehung in Person bereits vor ihr steht. Jesus weist sie deshalb ausdrücklich darauf hin: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben.« Diese Antwort Jesu erscheint paradox. Schließen sich Tod und Leben nicht aus? Wie kann man leben, auch wenn man stirbt?
Obwohl Marta dies nicht versteht, hält sie an Jesus fest. Der Leser hat aber einen anderen Standpunkt, er versteht, dass der Tod des Lazarus der Erzählabsicht des Autors dient. Die Frage Jesu an Marta (»Glaubst du das?«) richtet sich demnach eigentlich an den Leser. Kann er glauben, dass mitten im Leben sich bereits die eigentliche Form der Auferstehung ereignen kann? Dann versteht er auch, dass kein ‧Gegensatz zwischen dem irdischen Sterben, das jeder Mensch erleiden muss, und dem eigentlichen (wenn auch irdisch verborgenen) Leben besteht. Wenn er das glauben kann, dann bekommt das Bekenntnis, das Marta stellvertretend für den Leser spricht, seine eigentliche Tiefe: »Ja, Herr, ich glaube fest: Du bist der Christus, der Sohn Gottes.«
Als Jesus zum Grab ihres Bruders gehen will, zeigt sich, dass Marta nicht verstanden hat. Beide Schwestern wollen Jesus davon abhalten, das Grab zu öffnen: »Herr, er stinkt schon. Es ist doch schon der vierte Tag.« Trotz des Vertrauens, das die Schwestern in Jesus setzen, sind sie doch in ihren menschlichen Vorstellungen gefangen. Deshalb demonstriert Jesus seine besondere Beziehung zu Gott. Er befiehlt, dass Lazarus aus dem Grab herauskommen soll.
Nur »wegen der Leute«, die anwesend sind, und nur »damit sie glauben«, dass Jesus von Gott gesandt wurde, nur deshalb erweckt er Lazarus wieder zum Leben. Deshalb diente dessen Krankheit von Anfang an der Verherrlichung Gottes. Deshalb musste er zunächst sterben, damit er wieder zum Leben erweckt werden kann. Das Wunder dient also als Demonstration und Illustration des göttlichen Wesens Jesu. Lazarus selbst spielt keine Rolle. Er ist nur ein Demonstrationsobjekt, ein Gegenbild zur wahren Auferstehung, zur Auferstehung Jesu. Sein Leichnam ist noch mit Binden umwickelt, sein Gesicht ist mit einem Tuch verhüllt.
Ganz anders der auferstandene Christus, der, wie Grünewald zeigt, seine Tücher problemlos mit sich zieht und mit einem neuen hoheitlichen Gewand gekleidet ist. Lazarus wird wieder sterben, aber Christus nicht. Er geht in eine neue Existenzform über. Der Auferstandene hat zwar noch die Wundmale Jesu, hat aber den Tod für sich und für alle, die an ihn glauben, endgültig überwunden. Die Auferstehung Jesu darf also nicht mit der Wiederbelebung eines Leichnams verwechselt werden – so wie bei Lazarus. Es handelt sich vielmehr um eine neue Schöpfung, um das Leben in der Existenzform, wie es von Gott geschenkt wird. Im Gegensatz zu Lazarus stirbt jeder, der an Christus glaubt, nicht mehr den gleichen Tod wie Lazarus. So löst sich die doppelte Redeweise bei Johannes auf. Der biologische Tod des Menschen vernichtet nicht die Essenz des glaubenden Menschen. Diese wird vielmehr bei Gott bewahrt. Seine Identität, das, was ihn im Innern ausmacht, kann nun nicht mehr sterben. Auferstehung ist also ein Prozess, der sich im Leben wie im Tod vollzieht. Johannes lässt in der Lazarusgeschichte offen, wie er sich die Auferstehung am Ende der Zeit vorstellt. Sie interessiert ihn nicht primär, und er überlässt sie dem Geheimnis Gottes. Was er aber festhält, ist die Auferstehung zum Leben in der Gegenwart des Glaubens.

Lazarus wird auferweckt, damit die Menschen glauben

Die fiktiven Figuren Maria und Marta haben dabei einen Vorsprung vor dem jeweiligen Leser des Evangeliums: Sie sehen die Demonstration des Wunders. Der Glaube kann sich aber gegenwärtig darauf nicht mehr beziehen. Er kann sich nur auf die Evidenz des Erlebens stützen. Das Erleben von Momenten der Auferstehung im Leben ist seine Grundlage. Momente der Auferstehung sind Erlebnisse von Glück, von Vergebung, von Barmherzigkeit. Momente, in denen die Ewigkeit durch die Gegenwart scheint. Diese Momente des Gefühls bilden den Grund des Glaubens.
Lazarus wird auferweckt, damit die Menschen glauben. Aber selig ist nach Johannes eigentlich der, der nicht sieht und doch glaubt (Johannes 20, 29). Johannes erzählt diese Geschichte also deshalb, damit seine Leser in ihrem Glauben gestärkt werden, auch wenn sie die Auferweckung des Lazarus nicht miterlebt haben. Der auferstandene Christus – wie er uns in dem Bild von Grünewald vor Augen steht – und der erzählte Christus – wie er uns im Johannesevangelium vorgestellt wird – zeigen also auf ihre Art, warum Ostern das höchste Fest der Christenheit ist und warum wir es heute immer noch feiern dürfen: Weil die Auferstehung Jesu unser eigenes Leben betrifft, uns mit Zuversicht und Vertrauen erfüllt und uns dadurch besser leben lässt. Wir werden mitten im Leben und mitten im Tod zum Leben befreit.

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Stern fürs neue Jahr

iStock.com»Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten«, sagen die Weisen.»Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten«, sagen die Weisen.

Die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland und was sie uns heute bringt • Von Martin Vorländer

Hochkonjunktur. Auch im Kirchenjahr ist jetzt die Zeit für Sterndeuter. Der 6. Januar ist ihr Tag. Die Weisen aus dem Morgenland folgen einem Stern und gehen erst einmal in die Irre. Doch am Ende finden sie mehr, als sie erwartet haben.
Die Tradition hat aus ihnen drei Könige gemacht. Die Bibel verrät nicht, wie viele sie waren. Der Evangelist Matthäus nennt sie »Magier«, Weise aus dem Morgenland. Menschen, die die Geheimnisse des Universums erforschen und die Konstellation der Sterne deuten. Jeder Mensch hat seinen Stern, so eine Vorstellung damals. Wenn man geboren wird, erscheint er am Himmel. Er erlischt, wenn dieser Mensch stirbt. Was hat es zu bedeuten, wenn ein Stern auftaucht so hell, wie die Sterndeuter ihn noch nie gesehen haben? Was für ein Mensch ist da geboren? Dieser Stern bewegte die Weisen.

Ein böser König und ein kleines Kind

Die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland in Matthäus 2, 1-12 klingt wie eine Legende. Ein Stern, der wandert und den Weg zeigt. Ein böser König und ein kleines Kind. Weise, denen Gott im Traum erscheint. Historisch lässt sich nicht beweisen, ob es damals bei Jesu Geburt so gewesen ist. Eine Theorie sagt, dass es um das Jahr 7 vor Christus tatsächlich eine besondere Sternenkonstellation gab. Jupiter, der Königsstern, und Saturn, der Stern des Sabbats, der auf das Volk Israel verweist, sollen sich in ihren Laufbahnen so überschnitten haben, dass sie von der Erde aus wie ein großer Stern aussahen. Ob das der Stern von Bethlehem gewesen ist? Wir wissen es nicht.

Auch Weise aus dem Morgenland können irren

Darum geht es dem Evangelisten Matthäus auch nicht. Er schreibt kein historisches Geschichtsbuch. Er will von Jesus Christus erzählen und zeigen: In diesem Menschen Jesus ist Gott selbst erschienen. Jeder kann das von Anfang an sehen, wenn er Augen dafür hat. Es stand sogar in den Sternen, so dass sich Heiden aus großer Ferne bis nach Bethlehem aufgemacht haben, um den neu geborenen König zu sehen.
Die Weisen aus dem Morgenland geraten erst einmal an den Falschen. Sie suchen den neugeborenen König in Jerusalem. Wo könnte ein neuer Herrscher zur Welt kommen? Erste Adresse: in der Hauptstadt. Von ihrer Suche hört König Herodes. Auch wenn man wie die Weisen einen Stern vor Augen hat, ist man vor Irrwegen nicht gefeit. Oft sucht man das Richtige am falschen Ort, steuert das vermeintlich Große an. Dabei findet sich Erfüllung ganz woanders, als man denkt.

Aber auch falsche Leute können einen richtigen Rat geben. Herodes ist ein doppelt falscher König. Nicht der, den die Weisen suchen. Zudem spielt er ein falsches Spiel. Er gibt ihnen den Hinweis auf Bethlehem und macht sie zu unfreiwilligen Informanten. Sie sollen ihm berichten, wo er den neugeborenen König finden kann. Sein Plan: das Kind ermorden, ehe es seinem Thron gefährlich wird. Die Bibel beschreibt die Wirklichkeit so grausam, wie sie sein kann.

Die Liebe Gottes ist zur Welt gekommen

Herodes denkt. Doch Gott lenkt die Geschichte. Sobald die Magier Jerusalem verlassen haben, leuchtet der Stern wieder auf und geht ihnen voran nach Bethlehem. Sie finden keinen Palast und keinen Prinzen. Sie sehen ein Kind in einem Futtertrog. Die weit gereisten Anatolier (so heißt Morgenland auf Griechisch) könnten sich vom Himmel hochgenommen fühlen: Das soll der neugeborene König sein? So viel Aufwand im Universum für diese bescheidene Szene?
Doch kein Gedanke davon bei den Weisen, vielmehr umwerfende Freude über das, was sie gefunden haben. Die finsteren Mächte auf ihrem Weg konnten ihnen nichts anhaben. Im Kind in der Krippe entdecken sie, wer wirklich mächtig ist: die Liebe Gottes, die allen Herodessen dieser Erde zum Trotz zur Welt gekommen ist. Sie fallen nieder und bringen dem Kind kostbare Geschenke: Gold, Weihrauch, Myrrhe.
Der Kirchenvater Thomas von Aquin hat die Geschenke praktisch gefunden: Gold für die Armut der Eltern, Myrrhe für die Gesundheit des Kindes und Weihrauch, um den tierischen Gestank im Stall zu vertreiben. Martin Luther deutete die Gaben als Glaube, Hoffnung, Liebe. Bei diesen dreien kommt es nicht darauf an, wie reich oder arm jemand ist. Die Gaben der Weisen symbolisieren, was der erwachsene Jesus lehren wird: Einen Menschen selbst unter den Hüllen von Staub und Erbärmlichkeit goldig zu finden, ihn oder sie als wahres Goldstück zu entdecken.
Die Weisen kehren zurück ins Morgenland. Sie tauchen im Evangelium nicht mehr auf. Das hat Raum gelassen für Legenden. Aus den Magiern wurden Könige wegen ihrer teuren Geschenke. Aus der Zahl der Gaben hat man geschlossen, dass es drei Personen waren. Um sie entwickelte sich ein Kult. Im Jahr 1164 sollen ihre vermeintlichen Reliquien von Mailand nach Köln entführt worden sein. Seitdem spielen die drei Könige in Deutschland eine besondere Rolle.

C – M – B. Eine Kurznachricht älter als jede SMS

Die Sternsinger sind rund um den 6. Januar unterwegs. C – M – B. Die drei Buchstaben werden mit Kreide auf Wohnungstüren und auf die Querbalken über Eingänge geschrieben. Man kann dahinter die Anfangsbuchstaben für die Namen der Weisen vermuten. Ab dem 6. Jahrhundert werden sie Caspar, Melchior und Balthasar genannt. Ursprünglich ist die Abkürzung ein lateinischer Segenswunsch: »Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus.«
Man identifizierte die Weisen mit den Erdteilen Asien, Europa und Afrika. Die ganze damals bekannte Welt ist zur Krippe gekommen. Caspar, dessen Name Schatzmeister bedeutet, hat man sich als einen Jüngling mit dunkler Hautfarbe vorgestellt. Melchior, der »König des Lichts«, ist nach einer Tradition ein Mann in der Mitte des Lebens. Balthasar bedeutet: Gott schütze den König. Er wird meist als Greis dargestellt. Drei Menschen verschiedener Herkunft, unterschiedlich alt, folgen gemeinsam Gottes Stern. Das machte sie zu Patronen der Reisenden und gab Gasthäusern wie »Dreikönig« oder »Zum Stern« ihren Namen.
Das Evangelium von den Weisen aus dem Morgenland erzählt, welche Schatten auf der Welt liegen: die Brutalität eines Königs Herodes, die Armseligkeit einer Krippe. In dieses Dunkel hinein leuchtet Gottes Licht. Auch durch die schwärzeste Nacht leitet Gottes Stern. Die Weisen stehen für die Sehnsucht, irgendwann wie sie anzukommen bei dem Wunder, das Gott schenkt.

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Im Knast ist jeden Tag Karfreitag

iStock.com/martin_33Der Himmel, wie ihn Häftlinge sehen. Von Kameras überwacht. Durch Stacheldraht.Der Himmel, wie ihn Häftlinge sehen. Von Kameras überwacht. Durch Stacheldraht.

Jesus – als Verbrecher verurteilt – und die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt • Von Martin Vorländer

»Und vergib uns unsere Schuld«, heißt es im Vaterunser. Wie betet das ein Drogendealer, einer, der im Verdacht steht, vergewaltigt oder gemordet zu haben? Ein Besuch bei Pfarrerin Lotte Jung, Seelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt I.
Sie nennen es »Kopf-Fick«. Nachts, wenn die Gedanken hämmern. Wenn es kein Entkommen gibt vor den Bildern: Was sie getan oder nicht getan haben. Was das Gefängnis mit ihnen macht. Was die draußen machen. Frau, Kinder, Familie. Dann versuchen sie sich wegzuschalten. Die einen laufen auf und ab, betäuben sich mit Sport. Andere dröhnen sich zu mit Fernsehen. Lebensgefährlich wird es, wenn einer sich ganz ausklinkt: keine Frischluft, kein Licht, kein sozialer Kontakt bis in die Depression hinein.
Seit sechs Jahren arbeitet Pfarrerin Lotte Jung in der Gefängnisseelsorge. Sie kommt aus einer Gastwirtfamilie und hat von Kindheit an gelernt, wie man auf freundliche Art deutlich werden kann. Das kann sie in ihrem Beruf gut gebrauchen. Sie hat es mit harten Jungs zu tun. Ihre Gemeinde sind die Menschen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Frankfurt I. Ein Untersuchungsgefängnis mit 564 Haftplätzen, die meisten in Einzelzellen, verteilt auf drei Blocks. Alle Gefangenen hier sind Männer, über die Hälfte von ihnen zwischen 24 und 40 Jahre jung. Das Gefängnis ist ein Vielvölkerstaat. In den Gängen, auf dem Gefängnishof hört man Deutsch, Russisch, Rumänisch, Türkisch und viele Sprachen mehr. Für alle gilt die »Unschuldsvermutung«, wie es rechtlich heißt. Sie sind in Untersuchungshaft. Ihre Schuld oder Unschuld muss noch bewiesen werden. Alle haben die Prozedur durchlaufen, mit der der Rechtsstaat aus einem freien Menschen einen Gefangenen macht. Die Festnahme – bei manchen erfolgte sie mit Gegenwehr und Gewalt. Ein Haftrichter hat über sie entschieden. Sie wurden an einen Ort gebracht, an dem sie nicht sein wollen. Ins Gefängnis.

»Alle halten mich für ein Monster. Wer bin ich noch?«

Wer hier eingeliefert wird, für den heißt es: alles ausziehen. Der ganze Körper wird kontrolliert, auch die Körperöffnungen. Gefängniskleidung anziehen. Jeder Gefangene bekommt eine Kiste mit der Grundausstattung: Decke, Bettzeug, Zahnbürste. »Ob man persönliche Sachen behalten darf, das Foto der Frau oder Familie, darüber entscheidet man nicht selbst, sondern andere«, beschreibt Lotte Jung den Übergang von Freiheit in Gefangenschaft.
Im Knast ist alles fremdbestimmt. Aufstehen, Aufschließen der Zelle, Arbeiten, Essenszeiten, Rundgang im Hof, Einschließen in die Zelle. Alles ist eingeschränkt. 60 Minuten Telefonzeit pro Monat. 60 Minuten Besuchszeit pro Monat. Da zählt jede Minute, jedes Wort. Ob es um Ehestreit, Schulprobleme der Kinder oder eine Liebeserklärung geht, immer hört jemand mit. Das macht die Seelsorge im Gefängnis zu einem Privileg. Sie steht unter dem Seelsorgegeheimnis. Das Büro von Pfarrerin Jung ist »eine Anders-Welt in der Anders-Welt Gefängnis«. Kein kahler Beton, sondern Teppich, Sessel mit Stoffbezügen, an den Wänden Bilder, die Gefangene gemalt haben. Jeder bekommt erst mal eine Tasse Tee oder Kaffee. Hier ist man nicht Häftling, sondern Gast.
Bei der Seelsorge werden die Gefangenen »nur gepampert«, sagen manche JVA-Bedienstete. Doch in den Gesprächen geht es zur Sache. »Das muss ich Ihnen mal sagen« und »Sie haben ja Schweigepflicht«. So beginnen viele Häftlinge. Den einen quält: »Alle sagen, ich bin ein Monster.« Er fragt: »Wer bin ich denn noch?« »Ein Mensch«, antwortet die Pfarrerin.
Ein Mann, Familienvater, hat im Alkoholrausch jemanden erschlagen. Die Anklage lautet auf Mord. »Ich habe ein Ebenbild Gottes zerstört«, sagt er verzweifelt. Er ist fromm. Die Seelsorgerin erinnert ihn an Kain, den ersten Mörder in der Bibel. Dem macht Gott das Kainsmal auf die Stirn, ein Schuld- und ein Schutzzeichen. »Das weiß ich alles«, winkt der Mann ab. »Aber es hilft nicht.« Er schämt sich. Besonders vor seinen Kindern. Er wird sie in Freiheit erst wiedersehen, wenn sie erwachsen sind. Er weiß schon jetzt: Er hat sie zu Kindern eines Mörders gemacht. »Was ist mein Leben noch wert? Besser, ich mache Schluss.« »Dann zerstören sie Gottes Ebenbild ein zweites Mal«, sagt die Pfarrerin. Sie spricht ihn auf seine Kinder an. Nur wenn er weiterlebt, kann er ihnen später Rede und Antwort stehen. »Und vergib uns unsere Schuld.« Die Bitte aus dem Vaterunser. Wie kann das einer beten und glauben, der schwerste Schuld auf sich geladen hat? Pfarrerin Jung verwendet Worte und Gesten. Sie geht mit dem Häftling in die Gefängniskapelle. Beide stehen sich gegenüber. Die Seelsorgerin nimmt die nach oben offenen Hände des Mannes und hält sie von unten mit ihren Händen. Das wirkt wie eine Entlastung. Sie spricht jahrhundertealte Segensworte. Von Gott, der ihn geschaffen hat. Von Christus, der bis in die Hölle gegangen ist, damit wir wissen: Es gibt keine Dunkelheit, in der Gott nicht ist. Vom Heiligen Geist, der ihn neu macht. Dann legt sie die Hände des Mannes wieder zusammen und lässt sie los. Er hat sein Leben in der Hand. Auf seine Stirn zeichnet sie ein Kreuz.

In der Kirche soll jeder sein dürfen, egal was er getan hat

In eine Gruppe der Gefängnisseelsorge kommt ein Neuer. Die Anklage lautet: Kindesmissbrauch. Die anderen sind entsetzt. »Mit dem wollen wir nicht in einer Gruppe sein.« Einer mit einer langen Drogenkarriere sagt: »Ich bin kein Christ und werd' auch keiner. Aber Kirche ist für mich der Ort, an dem jeder sein darf, egal was er getan hat.« Er schaut den Mann direkt an: »Ich werde nicht mit dir sprechen. Aber du sollst hier sein können.«
Karfreitag steht bevor. »Lange hatte ich Scheu, einen Karfreitagsgottesdienst anzubieten«, erzählt Lotte Jung. Ein Kollege hatte ihr gesagt: »Im Knast ist jeden Tag Karfreitag. Daran muss man die Häftlinge nicht erinnern.« Seit einigen Jahren begeht Lotte Jung trotzdem Karfreitag in der Gefängniskapelle. Es kommen mehr als sonst. Über Hundert. Und es kommen zum Teil andere als sonst. An das Standkreuz in der Gefängniskapelle hängt Lotte Jung einen Dornenkranz und ein rotes Tuch. Sie erzählt: Jesus wurde von bewaffneten Soldaten verhaftet, verhört, als Verbrecher rechtskräftig verurteilt. Das hören die Gefangenen und haben es selbst erlebt.
Sie feiern an Karfreitag Abendmahl. Die Pfarrerin beginnt: »Einer, der weiß: ›Mir steht die Verhaftung bevor, ich komme da nicht mehr raus.‹ Der isst nochmal mit seinen Freunden. Und sein Verräter sitzt mit am Tisch.« Auf den Bildern, die Gefangene vom Abendmahl gemalt haben, fehlt Judas. »Judas war 'ne Ratte«, sagen sie. Aber Jesus lässt Judas mit am Tisch sitzen. Es braucht keinen Freispruch, um bei Jesu Abendmahl dabei zu sein. »An diesem Tisch sitzt ihr, sitzen wir«, sagt Lotte Jung.
Der Gottesdienst an Karfreitag endet still. Viele Gefangene gehen danach an das große Fenster der Gefängniskapelle. Das einzige in der ganzen Anstalt, das nicht vergittert ist. Wer sonst nur Wände und Gitter sieht, für den ist ein freier Blick auf die Welt wertvoll. Über die 17 Meter hohen Gefängnismauern hinweg sieht man Wohnhäuser, den Fernsehturm der Stadt. Es gibt noch etwas jenseits des Gefängnisses. 

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Der zweifache Schrei

Gemälde: Brigitte Strauß / Foto: Rolf WischnathDer Vorhang im Tempel zerreißt, das Licht der Auferstehung erstrahlt in hellem Glanze. Gemälde: Brigitte StraußDer Vorhang im Tempel zerreißt, das Licht der Auferstehung erstrahlt in hellem Glanze.

Eine andere Sicht auf die Matthäuspassion • Von Rolf Wischnath

Die Matthäuspassion (Mt 27, 45-46, 50-54) wird in offiziellen Predigtreihen nur einmal erwähnt, kaum ausgelegt und gepredigt. Das steht im Gegensatz zu ihrer Bedeutung.
In der Leidensgeschichte Jesu, nach Matthäus, ist ein zweifacher Schrei zu hören. Es ist zunächst der Schrei, mit dem Jesus am Kreuz aufschreit und dann Psalm 22 betet, in dem es zu Beginn heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« So wird in der Regel übersetzt. Es kann aber auch heißen »Auf was hin?« Oder: »Woraufhin hast Du mich verlassen?« Sowohl nach dem »Grund« als auch nach dem »Ziel« schreit Jesus (V. 46). Dieser Gebetschrei wird oft verstanden als Ausdruck letzter Verzweiflung, in der der Gekreuzigte auch seinen Glauben an Gott verloren hätte. Es ist wohl anders. So wie wir sagen: »Der betet das Vaterunser« und wissen, dass er nicht nur die erste Zeile, sondern das ganze Vaterunser spricht, so meint Jesus hier mit dem Beginn des Psalms 22 den ganzen Psalm.
Ein Psalm aus tiefster Tiefe: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen« (V. 1);     »ich aber bin ein Wurm und kein Mensch« (V. 7). »Sei nicht ferne von mir, denn die Not ist nahe, keiner ist da, der hilft« (V. 12).     »Mein Gott, mein Gott warum bist du fern meiner Rettung, den Worten meiner Klage?«

Tiefste Erniedrigung und höchste Erfüllung zugleich

Dann jedoch ist der Psalm von Vers 22 an (»Du hast mich erhört«) ein Psalm äußersten Vertrauens, ja des Jubels über Gottes Rettungstat: »doch meine Seele, ihm lebt sie« (V. 30). »Die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen« (V.27); »euer Herz soll ewiglich leben« (V. 27); »Des Herrn ist das Reich« (V. 29); »alle Enden der Erde werden dessen gedenken und umkehren zum HERRN« (V. 28); »ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen« (V. 30).
Von Psalm 22 aus ist der Tod Jesu ein Ereignis tiefster Erniedrigung und zugleich Ereignis höchster Erfüllung der Verheißung Jesu, heißt es doch, er werde die Sünde, das Böse und Gemeine überwinden, ja »Er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld« (1, 21). Man kann hier mithin vom Zeichen der Auferstehung im Tod – vom Ostermorgen im Karfreitag – sprechen. Im Bild der Brigitte Strauß sind es die widerstreitenden Farben des Chaos des Erdbebens und der Kreuzigung und des Lichtes der Ostersonne, die diese Spannung von Erhöhung und Erniedrigung zum Ausdruck bringen.
Nun ist auf dem Hügel Golgatha ein zweiter Schrei zu hören: ein unartikulierter Schrei, in dem Jesus stirbt: »Aber Jesus schrie abermals laut auf und verschied« (V. 50). Was zweimal in den Evangelien berichtet wird, hat eine doppelte Unterstreichung, eine unüberhörbare, scharfe Akzentuierung: Es ist auch hier nicht der Schrei der Verzweiflung. Es ist vielmehr das Schreien und Rufen des Weltenrichters, der einst kommt »mit den Wolken des Himmels« (26, 64), wie es der Gefangene vor dem Hohen Rat ankündigt. Und bei diesem Kommen ruft er – in der Vorstellung jüdischer Apokalyptik – so gellend, dass »die Heiligen« davon erwachen und auferstehen zum letzten Urteil Gottes, das unmittelbar zuvor auf Golgatha gesprochen ist. Genau das bezeugt Matthäus mit der Erwähnung des zweifachen Schreis als schon geschehen – im großen Bild von der endzeitlichen Offenbarung des jüngsten Gerichts.
So ist zu sagen: Am Nachmittag des Karfreitags geschieht das Weltgericht. Die Finsternis, von der hier die Rede ist, ist die über die ganze Erde sich ausbreitende endzeitliche Gerichtsfinsternis, von der im Alten Testament die Rede ist. Jetzt ergeht das Gericht, das an allen Menschen ihrer Schuld vor Gott wegen vollzogen werden müsste. Dieses große Gericht ergeht nun in dieser Stunde allein über dem Gekreuzigten.
»Und siehe!, der Vorhang im Tempel wurde (nämlich: von Gott) zerrissen in zwei Stücke von oben an bis unten aus« (27, 51). Das heißt, Gott kommt zum Gericht: »Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt! Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt!« (Jochen Klepper) Die endzeitliche Auferstehung geschieht partiell ebenfalls: »Und die Erde wurde erschüttert (nämlich von Gott), und die Felsen wurden gespalten, und die Gräber wurden geöffnet, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden geöffnet, und viele Heilige wurden erweckt, und – herauskommend aus den Gräbern – nach Jesu Auferweckung gingen sie hinein in die heilige Stadt und erschienen vielen« (V. 52f).

Durch den Tod Jesu geht das strahlende Licht auf

Die hier geschilderten Vorgänge entziehen sich völlig unseren menschlichen Vorstellungen. Vielleicht lässt sich davon nur im Zusammenhang von Farben sprechen. Brigitte Strauß deutet das vom Evangelisten Bezeugte im Zerfetzen des Tempelvorhanges, welcher die Profanen vor dem heiligen Gott schützte. Durch den Tod des Gekreuzigten, der »sein Leben hingab als Lösegeld für die (unendlich) vielen« (Mt 20, 28) geht das strahlende Licht auf, das die Künstlerin im überstrahlenden Licht des Ostermorgens am Karfreitag zeigen will.
Was lässt Matthäus nach dem Tod Jesu sehen? Die Vision des Jüngsten Tages, die Vision der Totenauferstehung. Die Verwirklichung dieser Vision ist im Tod Jesu so gegenwärtig, dass der Evangelist sie darlegt als schon geschehenes Ereignis. Nur in äußerster Vorsicht kann und darf davon gesprochen werden. Brigitte Strauß bringt es zum Ausdruck, indem sie die auferstandenen «Heiligen« nur im äußersten, kaum erkennbaren Schemen zeichnet. Auf einer Ebene zeitlicher Abfolge lässt sich das von Matthäus »Berichtete« nicht mehr erwägen, es ist vielmehr die symbolische Verschlüsselung einer hohen Wahrheit des Evangeliums: Der Tod ist im Tod Jesu überwunden; er wird einmal für alle überwunden sein, und der neue Himmel und die neue Erde werden erstanden sein.
Die unmittelbare Folge auf der Verstehensebene des »Tatsächlichen« davon ist, dass ausgerechnet jener im Gottesschrecken sich fürchtende römische Soldat und »die, mit ihm waren – bewachend Jesus« , …. die also, die zu den Henkern und Gewalttätern gezählt werden, erfahren die Würdigung, als Erste auszusprechen, was A und O von endzeitlicher Furchtlosigkeit und österlicher Hoffnung und pfingstlicher Sehnsucht nach dem Wahren ist, was Kern und Stern des christlichen Glaubens war und ist: »Wahrhaft Gottes Sohn war dieser!«(27, 54b) – theologisch besser übersetzt: »Wahrhaft Gottes Sohn war und ist und wird sein dieser.«
Mit dem Ausdruck »Auferstehung im Tode« lässt sich alles zusammenfassen. Und darin ist auch die Gewissheit verbunden, dass auch wir in unserem Tod nicht vernichtet werden (»Ganztod«), wie einige evangelische Theologen sagen, sondern im Moment des Todes eingehen in die Ewigkeit Gottes und dort mit den Heiligen warten auf die letzte »Auferstehung von den Toten«, auf den neuen Himmel und die neue Erde. Bei Lukas ist diese Erwartung eindringlich, klar und direkt zum Ausdruck gebracht durch das Wort des Gekreuzigten an den einen der beiden Schächer: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein« (Lukas 23,43).

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Gründonnerstag – Abschiedsworte

epd-bild/Alfred SchauhuberDas letzte Abendmahl: Ein Bronzerelief in Anlehnung an Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde.Das letzte Abendmahl: Ein Bronzerelief in Anlehnung an Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde.

Wenn das Ende vor Augen steht, zählt jeder Satz, bei Jesus sogar über den Tod hinaus • Von Martin Vorländer

Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?« So fragt ein Kind am Seder-Abend, dem Auftakt zum Passahfest. Es gehört zur Ordnung dieses Festabends, dass die Erwachsenen dann erzählen: In dieser Nacht wird an die großen Taten Gottes erinnert, daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Dieses Jahr feiern Jüdinnen und Juden das Passahfest ab dem 4. April, dem christlichen Karsamstag, acht Tage lang bis zum 11. April. Passah und Ostern liegen nahe beieinander.
Warum ist die Nacht des Gründonnerstags für Christinnen und Christen anders als alle anderen Nächte?  Jesus war mit seinen Jüngern zum Passahfest nach Jerusalem gekommen. Mit hoch gespannten Erwartungen wurde er begrüßt. »Hosianna!«, haben sie ihm zugerufen. Zu Deutsch: »Hilf doch!« Mit dem, der da auf dem Esel reitet, beginnt der Himmel auf Erden. Fünf Tage später schreien sie: »Kreuzige ihn!« Das Passahmahl, das Jesus mit seinen Jüngern hält, wird zu einem Abschiedsessen, zum letzten Abendmahl. Daran erinnert der Gründonnerstag.
Abschiede sind verdichtete Lebensmomente. Tagtäglich spielen sie sich an Bahnhöfen oder Flughäfen ab. Enkelkinder umarmen ihre abreisende Großmutter noch einmal so stürmisch, dass diese mit dem Gleichgewicht kämpft. Ein schnelles »Tschüss, man sieht sich« oder eine lange, nicht enden wollende Umarmung zweier Menschen, die sich nicht trennen können. Zum Abschied versucht man auszudrücken, was bleibt, auch wenn einer fährt: »Es war schön. Komm bald wieder! Denk daran, was wir besprochen haben. Ich werde dich vermissen. Pass auf dich auf!« Worte als Wegzehrung für die Zeit der Trennung.
Was Jesus zum Abschied beim Abendmahl sagt, ist reine Hingabe. Mit seinen Worten schenkt er sich selbst. Über Brot und Wein spricht Jesus: »Das ist mein Leib – für euch gegeben. Das ist mein Blut – für euch vergossen.« In Jesus Christus bekommt Menschsein ein neues Gesicht. Das »für dich« wird zum Kennzeichen. Für dich. So ist Gott. So können wir Menschen sein. 

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Auferweckung denken

iStock.com/Erik KhalitovDas unfassbare Licht mit Händen fassen. Die Auferweckung Jesu begreiflich machen, darum geht es im Neuen Testament.Das unfassbare Licht mit Händen fassen. Die Auferweckung Jesu begreiflich machen, darum geht es im Neuen Testament.

Wie das Neue Testament das Unfassbare begreiflich macht: Jesus der Gekreuzigte lebt • Von Stefan Alkier

Gespenster, Zombies und Vampire spuken ganz selbstverständlich durch Comics, Bücher, Filme und Internetclips. Aber dass Jesus von den Toten auferweckt wurde, ist selbst Christen unheimlich. Doch gerade darin liegt die Chance, über Sterben und Leben nachzudenken.
Der Grund, warum es überhaupt ein Neues Testament gibt, ist die Überzeugung: Jesu Tod am Kreuz hatte nicht das letzte Wort. Gottes Wort »Es werde Licht!« war nicht nur am Anfang von allem kreativ wirksam. Gott schafft und erhält weiterhin tagtäglich Leben. Gott kann sogar von den Toten zu neuem Leben auferwecken. Nicht der Tod, sondern Gott, der Schöpfer, hat das letzte Wort. Die unschlagbare Lebensmacht Gottes wurde nicht nur diesem einen, besonderen Jesus Christus zuteil. Den Tod überwinden, das ist allen versprochen, die Gott diese Macht zutrauen. Wer so glauben kann, wird niemals tiefer als in die barmherzige Hand Gottes fallen.
Natürlich: Raum und Zeit, geboren werden und sterben gibt es immer noch. Aber der Tod hat seine Endgültigkeit verloren. Das gilt schon jetzt, mitten im Leben. Wenn Christinnen und Christen Ostern und das Abendmahl feiern, dann geht es ums Ganze: Sie feiern den Sieg des Lebens über den Tod. Das ist mit der konkreten Geschichte von Jesus Christus verbunden. Paulus nennt den Lebensweg Christi das »Wort vom Kreuz« (1. Korinther 1, 18). Das Wort vom Kreuz erzählt zunächst die Geschichte eines Verrats und Justizmordes, an dem judäische und römische Amtsträger und damit zwei verschiedene Rechtssysteme beteiligt sind.
Verraten wird Jesus nicht von außerhalb, sondern von innen. Judas, einer seiner engen Gefährten, einer aus dem Zwölferkreis, liefert ihn an seine Feinde aus. Bei der Gefangennahme macht er Jesus kenntlich mit einem Kuss (Matthäus 26, 47). Jesus weiß den Evangelien zufolge beim letzten Mahl mit seinen Jüngern, was Judas vorhat. Aber er verweist ihn nicht seines Tisches (Matthäus 26, 20–30). Das letzte Abendmahl ist kein gepflegtes Dinner in einer konfliktfreien Gemeinschaft, keine geschlossene Gesellschaft moralischer Helden.

Jesus war nicht lebensmüde

Jesus weiß, dass ihn sein Weg ans Kreuz führt. Mehrfach in den Evangelien kündigt er sein Leiden, aber auch seine Auferweckung an. Jesus ist nicht lebensmüde. Im Garten Gethsemane betet er zu Gott: »Ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.« (Matthäus 26, 39). Er ist kein mythischer Held, der schmerzfrei über allem Leiden steht. Er ist aber auch kein ohnmächtiges Opfer. Er könnte auch anders. Bei seiner Festnahme sagt er: »Oder meinst du, ich könnte nicht meinen Vater bitten, und er schickte mir sofort mehr als zwölf Legionen Engel?« (Matthäus 26, 53) Jesus spricht das Vaterunser nicht nur. Er lebt es. »Dein Wille geschehe« gilt für ihn auch angesichts des drohenden Todes.
Nicht der Wille Gottes tötet Jesus. Menschen missbrauchen ihre Macht und begehen Unrecht. Der Hohe Rat will mit falschen Zeugen Jesus ein Verbrechen anhängen. Als dieser Plan misslingt, greift der Hohepriester ein und missbraucht die Macht seines Amtes. Er interpretiert die Aussage Jesu als Gotteslästerung (Matthäus 26, 65). Daraufhin beschließt der Hohe Rat einhellig die Todesstrafe. Weil im besetzten Judäa nur die römische Verwaltung hinrichten darf, überstellt er Jesus zu Pontius Pilatus (Matthäus 27, 1). Pilatus weiß, dass Jesus unschuldig ist. Er lässt trotzdem das Unrecht geschehen (Matthäus 27,24). Jesus stirbt einen qualvollen Tod am Kreuz. Seine letzten Worte richtet er an Gott: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« (Matthäus 27, 46; Psalm 22)
Endete die Geschichte hier, so hätten wir es mit der tragischen Geschichte eines guten Menschen zu tun, der als Opfer von Gewalt stirbt. Oder in zynischer Lesart: Gerechtigkeit ist ohnmächtig, Gewalt siegt. Das Wort vom Kreuz aber erzählt die Geschichte weiter und behauptet eine wunderbare Wende. Gott holt Jesus, das Opfer von Gewalt, aus dem Tod hinein in sein eigenes göttliches Leben. Gott identifiziert sich mit dem Gekreuzigten. Das Kreuz ist nicht mehr Marterpfahl. Das Kreuz wird zu einem Ort der Gottesbegegnung. Nicht Unrecht, Gewalt, Grausamkeit, und Sünde siegen. Gott verwandelt Unheil in Heil.

Ostern hat eine politische Botschaft

Wer sich in diese Geschichte von Jesus Christus hineinbegibt, erfährt Gottes Schöpfermacht, die stärker ist als der Tod. Taufe und Abendmahl, diese beiden verbinden mit Christus und seiner Erlösung von Tod und Sünde. Wer getauft ist und das Abendmahl feiert, nimmt Anteil am Tod des Opfers Jesu von Nazareth. Das führt in die Solidarität mit allen Opfern von Unrecht und Gewalt.
Die politische Botschaft des Evangeliums erinnert an den Tod des Gekreuzigten als Verdichtung von Unrecht und Gewalt, in die alle, auch wir heute, verstrickt sind. Der Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen verpflichtet. Der andere, und sei er noch so anders, ist ein Geschöpf Gottes. Ich muss alles tun, dass er nicht Opfer von Gewalt oder politischer Macht wird.
Diese ethische Maxime des Evangeliums gründet in der Hoffnung auf den Gott, der alles aus dem Nichts geschaffen hat und neu schaffen wird. Sie gründet auf den Gott des Lebens, der den gekreuzigten Christus auferweckt hat und die Toten erwecken wird (Römer 4, 17). Auferstehung heißt nicht, dass Tote einfach wiederbelebt werden. Das ewige Leben ist keine Fortsetzung des bisherigen. Wer an den auferstandenen Christus glaubt, hofft auf eine neue Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit für alle gelten.
Wenn die Verkündigung des Evangeliums vom Kreuz nicht in dieser universalen Hoffnung eingebunden bleibt, verkommt sie entweder zum sonntäglichen Lippenbekenntnis eines satten Bürgertums, zum moralischen Aktivismus der Selbstgerechten oder zur unheilvollen Bereitschaft, sich am eigenen Leiden zu ergötzen. Ohne die Theologie der Auferweckung bleibt das Kreuz stumm und macht stumm. Christen richten sich nicht ein in der Hölle der eigenen Selbstgerechtigkeit oder des Selbstmitleids. Sie feiern an Ostern, dass das Reich Gottes ins Leben einbricht.

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Völlig losgelöst von der Erde

iStock.com/gradtsFußsohlen

Warum die Kirche Jesus für seine Himmelfahrt dankbar sein kann • Von Johannes Lösch

Die Osterzeit dauert traditionell bis zum Pfingstfest. Christi ‧Himmelfahrt gehört dazu, weil das Fest vom Weg des Auferstandenen bis zu seiner Erhöhung in den Himmel erzählt. Mit ihm ‧verschwindet Gottes dauerhafte, körperliche Präsenz. Manchmal tut ein Abschied aber auch gut. Denn er kann befreiend sein.
Die niederländische Stiftung »Mars One« hat Großes vor: nichts weniger als eine Himmelfahrt. Sie sammelt Unterstützer und Geld, um ab 2026 Menschen auf den Mars zu schießen. Ihr Angebot: Ein »One-Way-Ticket«, ohne Chance auf Rückkehr zur Erde. Die Raumfahrer sollen eine dauerhafte Siedlung auf dem Mars errichten. Ein Flug zurück wäre zu teuer und dem Projekt nicht dienlich. Dessen Motto ist Programm: »Mars is Home.« Der Mars ist Heimat.
Kritiker nennen den Plan ein Himmelfahrtskommando und warnen vor Killerkeimen, Sauerstoffmangel und Missernten in den abgeschotteten Gewächshäusern des roten Planeten. Trotzdem bewerben sich weltweit tausende junge Menschen für das jahrelange, harte Training, das der Marsmission vorangehen soll. Dass diese ihre letzte Reise wird und sie eines Tages auf dem Mars sterben werden, schreckt sie nicht.

Schieß mich doch ins All und ich fang’ ganz neu an!

Was erhoffen sie sich von dem endgültigen Abschied von ihrem im Wortsinn irdischen Leben? Ist es Abenteuerlust oder fliehen sie vor etwas, vor Schuld oder Schulden, vor gescheiterten Beziehungen? Meinen sie, ihre Vergangenheit verfolgt sie nicht bis zum Mars? Frei sein, ein neues Leben anfangen. Ohne Eltern und die Autoritäten, die ihr Leben bisher bestimmt haben.
Ob man »Mars One« mag oder nicht: ein reizvoller Gedanke. Ein typischer Glücksritter-Gedanke, so wie bei den Millionen Europäern und Asiaten, die seit gut 500 Jahren in die Neue Welt ausgewandert sind. Oder wie bei den Raumfahrtpionieren, die vor über 50 Jahren den ersten Mensch ins Weltall schossen. Ganz neu anfangen, das Alte hinter sich lassen. Diese Geschichte will das »Mars One«-Projekt weiter schreiben.
Haben sich Jesu Jünger gefreut, als sie Jesus gen Himmel fahren sahen? Haben sie wie manche Väter heute am Himmelfahrtstag ein paar Flaschen geöffnet und miteinander geleert? Oder waren sie todtraurig, verwirrt? Selbstverständlich würden sie einiges an ihrem Meister vermissen: die Gemeinschaft beim Essen, die Weisheit, sein Gottvertrauen und seine unglaubliche Kraft, mit der er sie mitgerissen hatte. Vielleicht würden ihnen andere Seiten Jesu nicht fehlen. Jesus konnte zornig und ungeduldig sein. Er ging unbeirrt seinen Weg, egal ob seine Jünger protestiert und mit ihm gestritten haben. Nach Jerusalem zu gehen, hatten sie schon vorher als Himmelfahrtskommando bezeichnet. Es endete ja auch am Kreuz. Da war es zu spät – so sah es zumindest bis Ostern aus.
Die Jünger sehen an Himmelfahrt zum zweiten Mal ein »One-Way-Ticket«. Das erste hatte ihnen Jesus in Galiläa gegeben. Dort hatte er sie berufen. Für ihn gaben sie Familie und Beruf auf, nach dem Motto »Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der taugt nicht für das Himmelreich«. Das neue Leben im Auftrag Gottes und im Gefolge von Gottes Sohn war nun ebenso beendet wie ihr altes Leben als Fischer oder Bauer. Das zweite »One-Way-Ticket« nimmt Jesus für sich in Anspruch. Er wird erst wieder zurückkommen, wenn es aller Tage Abend ist. Die Jünger sind ab jetzt auf sich allein gestellt. Und sie sind frei.
Das Neue Testament erzählt einiges über die junge Christenheit, die sich nun bildet, aber nur wenig darüber, was aus den einzelnen Jüngern wurde. Petrus und andere entscheiden sich dafür, Missionare zu werden. Sie wollen das tun, was Jesus getan hatte: eigene Schüler ausbilden und das Reich Gottes verkündigen. Die Geschichten über Verhaftung, Folter und Märtyrertod der ersten Christen zeigen, wie nah die Begriffe Himmelfahrt und Himmelfahrtskommando beieinanderliegen.
Andere Jünger waren vermutlich ängstlicher als Petrus, tauchten unter oder flohen ins Ausland. Allen gemeinsam war, dass sie frei waren, selbst zu entscheiden, wie und wann sie Jesu letzten Willen umsetzen. »Gehet hin und machet zu Jüngern alle Welt«, hatte er ihnen aufgetragen und versprochen, dass seine Botschaft sie auch durch schwere Tage tragen würde.

Es war gut, dass Jesus nicht auf der Erde geblieben ist

Knapp zweitausend Jahre später zeigt die Anzahl christlicher Kirchen auf der Welt, dass die Jünger Jesu ganz unterschiedliche kulturelle Impulse bekommen haben. Christliche Freiheit und die Chance, etwas Neues zu beginnen, stehen unter Gottes Segen, auch wenn Gott an manchen Tagen weit entfernt oder dem Einzelnen abgewandt scheint.
Wer heute Christi Himmelfahrt feiert, kann erahnen: Es war gut, dass Jesus vor 2000 Jahren nicht auf der Erde geblieben ist. Hätte er den Jüngern und uns heutigen Christen als »Personal Jesus«, als persönlicher Jesus an unserer Seite noch mehr Impulse gegeben als die, die das Neue Testament kennt? Darüber lässt sich lange spekulieren.
Mit seinem Abschied wird Gott für die Menschen wieder unsichtbar. Menschen müssen wieder glauben, ohne zu sehen. Sie müssen wieder eigene Schritte gehen und eigene Wege wählen. Wer verschiedene gegenwärtige Gesellschaftssysteme miteinander vergleicht, wird aber schnell korrigieren: sie dürfen. Eine freiheitliche Gesellschaft und die Kirchen können ihm die Himmelfahrt genau dafür danken. 

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Das unbekannte Wunder

epd-bild/Jörn NeumannBereit für den Heiligen Geist: Der Bonner Tänzer Felix Grützner tanzt regelmäßig zu Pfingsten in der Kölner Kirche St. Maria.Bereit für den Heiligen Geist: Der Bonner Tänzer Felix Grützner tanzt regelmäßig zu Pfingsten in der Kölner Kirche St. Maria.

Pfingsten ist das dritte christliche Hauptfest nach Ostern und Weihnachten • Von Lothar Simmank

FRANKFURT. Was feiert man eigentlich Pfingsten? Die biblische Geschichte vom Pfingstwunder ist für viele schwer zu fassen: Der Heilige Geist kommt zu den Menschen. Pfingsten erinnert an den großen Traum vom Miteinander aller Christen.
Was ist an Pfingsten passiert?«, fragen Konfirmanden in der Fußgängerzone und erhalten nur von ganz wenigen Passanten erhellende Antworten. »Da ist Ostern rum«, meint einer – und es stimmt: Im Kirchenkalender endet mit Pfingsten offiziell die 50-tägige Osterzeit. Aber sonst? Die Straßenumfrage, die Wiesbadener Konfirmanden auf Youtube gestellt haben, bestätigt: Mit dem dritten christlichen Hauptfest nach Weihnachten und Ostern können viele nichts anfangen. Eine Emnid-Umfrage ergab schon 2009: Nur etwa die Hälfte der Deutschen kennt die Bedeutung des Pfingstfestes.
Dabei ist der Anlass für die zwei Feiertage im Kalender mit einer biblischen Geschichte verbunden, die sogar vom bedeutenden Regisseur Roberto Rossellini in seiner »Geschichte der Apostel« verfilmt wurde: Am jüdischen Wochenfest Schawout treffen sich die Anhänger Jesu in einem Haus in Jerusalem. Ihr Meister wurde gekreuzigt, doch einige haben den aus dem Grab Auferstandenen noch 40 Tage lang gesehen, laut Lukasevangelium mit »Fleisch und Knochen«. Später ist er vor ihren Augen in den Himmel aufgefahren und die Jünger sind allein zurückgeblieben.

Die Geschichte mit Jesus ist noch nicht zu Ende

Dann setzt plötzlich ein Brausen vom Himmel ein, gewaltiger Wind erfüllt das Haus. Feuerzungen setzen sich auf ihre Häupter, sie sind erfüllt vom Heiligen Geist, reden »in Zungen«. Menschen aus unterschiedlichen Nationen hören sie in ihrer jeweiligen Muttersprache predigen. Die Zuhörer sind entsetzt und ratlos: Wie kann das sein, dass sie diese Provinzler verstehen, die von den Wundern ihres Gottes berichten? Andere bleiben skeptisch und spotten: »Sie sind voll von süßem Wein.«
Für den Verfasser der Apostelgeschichte ist wichtig: Die Geschichte von Jesus Christus, wie sie die Evangelisten berichten, ist nicht zu Ende. Es geht weiter mit seinen Anhängern, den Christen: Pfingsten wird zum Geburtstag der Kirche. Denn hier tritt die christliche Gemeinde zum ersten Mal öffentlich auf – noch dazu in ausgesprochen spektakulärer Art und Weise. Die bis dahin verzagten Protagonisten des Christentums erweisen sich plötzlich als sprachmächtig und missionarisch überzeugend. Petrus rief der Überlieferung zufolge die Menschen auf, sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen. Ihm folgten laut Pfingsterzählung an dem Tag rund 3000 Menschen.

Feuer und Flamme für den Glauben

Es wird noch einige Jahrhunderte dauern, bis die neue Religion weite Teile der Welt erobert. Aber Pfingsten mit der Ausgießung des Heiligen Geistes markiert den Anfang dieser Bewegung. Es ist mit Händen zu greifen: Die Menschen sind im wahrsten Sinne Feuer und Flamme für ihren Glauben, die christliche Urgemeinde gründet sich: »Alle, die zum Glauben gekommen waren, bildeten eine enge Gemeinschaft und taten ihren ganzen Besitz zusammen«, übersetzt der Theologe Jörg Zink den Schluss der Pfingstgeschichte.

Heiliger Geist präsentiert sich in Wind und Feuer

Dass das spektakuläre Pfingstwunder nicht so geläufig ist, mag an der flüchtigen Gestalt des Heiligen Geistes liegen, der sich in der biblischen Geschichte in Wind und Feuer materialisiert. Lediglich die Taube als Symbol für den Heiligen Geist ist in Darstellungen weit verbreitet – auch wenn sie in der Pfingstgeschichte selbst gar nicht vorkommt.
Theologisch betrachtet ist Pfingsten für die Kirche jedoch ein existenziell wichtiges Fest. Der Theologe Fulbert Steffensky (Luzern) nennt den Pfingsttext aus der Apostelgeschichte in einer preisgekrönten Predigt »die Geburtsurkunde der Kirche«, die »von einer alten und lange vergangenen Schönheit« zeuge.
Steffensky stellt sich die Kirche als »alte Dame« vor, die erstaunt in ihrer Geburtsurkunde liest und die revolutionären Anfänge der Christenheit wiederentdeckt: »So also war ich gemeint, denkt die alte Dame Kirche. Das war der Anfang und der große Traum: Jeder sollte die Sprache des anderen verstehen; jeder sollte Gesichter haben und der Wahrheit näher sein, nicht nur die Profis oben; alle sollten miteinander das Gebet, das Brot und das Geld teilen.«
An den revolutionären Geist von Pfingsten erinnert der katholische Pastoraltheologe Jörg Seip (Bonn), der in einer Betrachtung starre amtskirchliche Strukturen aufs Korn nimmt: »Pfingsten ist das gefährlichste Fest. Pfingsten hat die Kirche nicht gegründet, sondern aufgehoben. Pfingsten war nie Fundament der Kirche. Pfingsten ist ihr Sprengsatz.«
Mit Pfingsten ist vielerorts auch eine ökumenische Tradition verbunden. In gemeinsamen Gottesdiensten oder Andachten erinnern Protestanten und Katholiken daran, dass beim ersten Pfingsten Menschen aus unterschiedlichen Lagern durch Gottes Geist zu einer Einheit zusammengeschweißt wurden. Die Theologin Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland, beschrieb das einmal so: »Pfingsten ist nicht der Geburtstag der Reformierten, der Lutheraner, der Katholiken oder der Baptisten, sondern der Geburtstag der Kirche.«epd

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Die Vision vom zerbrochenen Mond

epd-bild/Matthias RietschelBei der Fronleichnamsprozession in Crostwitz in der sorbischen Lausitz (Sachsen) trägt Pfarrer Clemens Rehor die Monstranz.Bei der Fronleichnamsprozession in Crostwitz in der sorbischen Lausitz (Sachsen) trägt Pfarrer Clemens Rehor die Monstranz.

Vor 750 Jahren wurde das Fronleichnamsfest zum ersten Mal weltweit gefeiert • Von Christian Feldmann

Am 19. Juni ist Fronleichnam, gesetzlicher Feiertag auch in Hessen und Rheinland-Pfalz. Das katholische Fest geht zurück auf eine Nonne aus dem 13. Jahrhundert. 

Prophetin des Fronleichnamsfestes« hat man sie genannt, die Nonne Juliana von Lüttich, deren visionärer Kraft und Hartnäckigkeit die katholische Kirche dieses Fest mit dem demonstrativen, öffentlichen Charakter angeblich verdankt. Aber von ihrem Leben und Glauben weiß man nicht viel. Juliana mag eine hochgebildete Klosterfrau gewesen sein, die ihre »Gesichte« in einprägsame, starke Formulierungen kleidete. Erfunden hat sie das Fronleichnamsfest nicht, dessen Botschaft und theologischer Gehalt damals sozusagen in der Luft lagen.

Der scheinbar zerbrochene Mond symbolisiert das Kirchenjahr

Um 1192/93 in Rétinne bei Lüttich geboren, wurde sie im Lütticher Kloster Mont-Cornillon der Augustiner-Chorfrauen erzogen. 1222 wählte man sie zur Priorin. Weil sie aber so streng an der Regel festhielt, vertrieben ihre Mitschwestern sie zweimal aus dem Kloster.

Juliana starb 1258 in der Verbannung in Fosses bei Namur. Schon als junges Mädchen hatte sie die Vision – die sich später wiederholte – von einem strahlenden Mond, dessen glänzende Scheibe von einer breiten, finsteren Linie durchschnitten war. Erst nach zwanzig Jahren vertraute sie diese Gesichte ihrer Freundin Eva an, samt der Deutung, die ihr vom Himmel zuteil geworden sei: Der scheinbar zerbrochene Mond symbolisiere das Kirchenjahr, dem zum vollen Glanz noch ein Fest zu Ehren der heiligen Eucharistie fehle.

Fest zu Ehren der Eucharistie

Bald nach ihrer Freundin erfuhren auch der Seelsorger Johannes von Lausanne, Kanonikus an St. Martin zu Lüttich, der Dominikanerprovinzial Hugo von Saint Cher und der Lütticher Erzdiakon Jakob Pantaleon von den Gesichten. Juliana gelang es auch, den zunächst abwehrenden Lütticher Bischof Robert de Thorete zu überzeugen. Denn 1246 ordnete er für seine Diözese ein alljährlich am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag zu begehendes Fest zu Ehren der Eucharistie an. Allerdings feierten anfangs nur wenige das Fest.

Aber Julianas gelehrte Gutachter machten Karriere: Hugo von Saint Cher stieg zum Kardinallegaten für die Niederlande und Westdeutschland auf und führte das Fest überall dort ein, wo er zu bestimmen hatte. Und der Archidiakon Pantaleon wurde 1261 zum Papst gewählt, nannte sich Urban IV. und machte die Fronleichnamsfeier 1264 für die ganze Kirche verpflichtend. Er war der erste, der den Begriff »festum sacratissimi corporis Domini nostri Jesu Christi« verwendete, woraus im Deutschen »Fronleichnam«, Leib des Herrn, wurde. 

Zunächst war keine Rede von einer feierlichen Prozession

Papst Urban IV. wollte mit dem Fest den Glauben daran stärken, dass Hostie und Wein auch nach der Wandlung Leib und Blut Christi bleiben. Zunächst war aber noch keine Rede von einer feierlichen Aussetzung des Allerheiligsten oder gar von einer prunkvollen Prozession. 

Die schon 1264 in St. Gereon zu Köln bezeugte Fronleichnamsprozession blieb zunächst eine Ausnahme; in Spanien setzte sie sich relativ früh durch. Von dort brachten sie die Jesuiten gegen Ende des Mittelalters nach Süddeutschland. Was anfangs ein schlichtes Herumtragen der Hostie zur Feier ihrer Verwandlung in den Leib Christi war, wurde bald zur mitunter aggressiven Demonstration römischen Glaubens gegen die Lutheraner. Diese glauben auch an die leibhaftige Präsenz Christi beim Abendmahl, aber nicht daran, dass sie in den Elementen Brot und Wein bleibend dingfest zu machen ist. 

Die Macht und Herrlichkeit der katholischen Kirche

Mit den Prozessionen »sollte die Macht und Herrlichkeit der katholischen Kirche vor Augen geführt werden«, schreibt ein Kenner der Materie, »mit dem glanzvollen Aufzug der Bruderschaften, mit lebenden Bildern aus dem Alten und dem Neuen Testament und aus der antiken Mythologie. Dreitausend Kostümierte sind 1583 bei der Münchner Fronleichnamsprozession mitgegangen, und 20 000 Menschen haben zugeschaut.« 

 Im Laufe der Jahrhunderte kam es immer wieder zu Exzessen und Konflikten mit der Obrigkeit. Die sehr weltlich klingenden Melodien mitmarschierender Militärkapellen, Böllerschüsse und die nicht enden wollenden Rangstreitigkeiten, wer näher am Allerheiligsten gehen durfte, sorgten für behördliches Eingreifen. 

In der Zeit des Nationalsozialismus gewann die Prozession eine ganz neue Bedeutung als Demonstration von Glaubens- und Gedankenfreiheit. Heute mag manche traditionsreiche Prozession zur Touristenattraktion entartet sein. Aber das katholische Bekenntnis wird nicht mehr mit einem Affront gegen Andersgläubige verwechselt.

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Erntedank rund um die Welt

pixelio.de/Thorben WengertErntedank: Weltkugel

 

Foto: © Thorben Wengert / pixelio.de (www.pixelio.de)

Erntedank ist ein Klein-Weihnachten: Nach Heilig Abend ist es der beliebteste Gottesdienst im Jahr. 138 569 Besucher zählte die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau im Jahr 2013. Gefeiert wird Erntedank in der Regel am Sonntag nach dem 29. September (Michaelistag), also meist am ersten Sonntag im Oktober. Erntedank ist ein Augenschmaus: Die Altäre werden üppig mit Erntegaben geschmückt: Brot, Äpfel, Kartoffeln, Kürbisse, Getreideähren, je nach Region Weintrauben oder die sieben Kräuter für grüne Soße. An manchen Orten werden Erntekronen aus Getreide oder Weinreben geflochten. Oft gibt es Familiengottesdienste. Erntedank lässt Kinder den Ablauf der Jahreszeit erleben und macht ihnen bewusst, wie aus Getreide Brot wird, die Milch in die Tüte und das Gemüse in die Dose kommt. Erntedankfeste gab es schon vor dem Christentum. Gott für die Ernte zu danken, gehörte zu allen Zeiten zu den religiösen Grundbedürfnissen. Im Judentum gibt es zwei Erntedankfeste: das Fest für die ersten Früchte, die geerntet wurden (Schawuot). Am Ende der Lese wird nochmals gefeiert: das Laubhüttenfest (Sukkot). Im Christentum ist ein Erntedankfest seit dem dritten Jahrhundert belegt. Da die Ernte je nach Klimazone zu verschiedenen Zeiten eingebracht wird, gab es nie einen einheitlichen Termin. Der Grundgedanke von Erntedank: Der Mensch kann viel tun, damit seine Arbeit fruchtet. Aber er hat das Gelingen letztlich nicht in der Hand. Darum der Dank an Gott als den Schöpfer aller Gaben. Danken und Teilen gehören zusammen. Erntedankgottesdienste sind daher oft mit einer Solidaritätsaktion zugunsten notleidender Menschen verbunden. Wie sieht Erntedank in anderen Ländern aus?mv 

Tansania

Henriette hat mit ihrem Mann und zwei Töchtern sieben Jahre in Tansania gelebt. Schlechtes Wetter ist gutes Wetter, das hat sie dort gelernt. »Habari za mvua? Was gibt es Neues vom Regen? So wird häufig gefragt, wenn man sich trifft und plaudert. Das fand ich am Anfang merkwürdig. Regen in Deutschland bedeutet meistens schlechtes Wetter. Aber Regen ist Segen, besonders in Tansania. Ohne Regen gibt es keinen Mais. Ohne Regen haben die Staudämme kein Wasser, die zur Stromerzeugung dienen. Es fallen Strom und Wasser aus. Die Erntezeit hängt nicht von den Jahreszeiten ab. Entscheidend sind die Regenzeiten, die regional verschieden sind. Im Süden Tansa‧nias dauert die Regenzeit von Dezember bis April. Im Norden des Landes gibt es eine kleine Regenzeit im November oder Dezember und eine große Regenzeit im April oder Mai. Als einmal die kleine Regenzeit ausfiel, hat es von August bis Februar überhaupt nicht mehr geregnet. Ich konnte mir kaum mehr vorstellen, dass aus Wolken Regen fallen kann, während meine Mutter am Telefon von meterhohem Schnee in Deutschland erzählte. Regen wird also begeistert gefeiert. Dafür nehmen die Tansanier auch ‧gerne in Kauf, dass die Wege ‧verschlammen und zum Teil unpassierbar sind. Die christlichen ‧Gemeinden in Tansania sind sehr von den Kirchen in Deutschland und Schweden geprägt. Sie feiern, regional verschieden, Erntedank sehr ähnlich, wie wir es kennen. Auch während des Jahres kommen Menschen am Ende des ‧Gottesdienstes mit ihren Ernte‧gaben und wollen sie segnen lassen.« 

China

Annette Mehlhorn ist Pfarrerin in der deutschsprachigen Gemeinde in Shanghai. Sie erlebt in China eine Mischung ganz unterschiedlicher Traditionen: »Erntedank als ein besonderes christliches Fest gibt es in den Kirchen Chinas nicht. Hier haben viele Missionare aus Amerika gewirkt. Darum begehen einige Gemeinden eine Art Thanksgiving. Andere feiern rund um die Frühjahrsfestlichkeiten den Segen der Schöpfung. Das ist von Ort zu Ort, von Pfarrer zu Pfarrer verschieden. Überall in China, auch von Christen und Christinnen wird das ›Mitt-Herbst-Fest‹ begangen. Hauptperson ist der Vollmond. Er soll in der Mitte des achten Monats besonders schön leuchten. Das Fest ist vor allem ein Familienfest. Man kommt zusammen, sitzt gemeinsam auf der Terrasse, betrachtet den Mond und liest Gedichte über den Mond. Dazu gibt es Mondkuchen mit regional unterschiedlichen Rezepten. Das ›Mitt-Herbst-Fest‹ geht wohl auf taoistische Traditionen zurück. Es hat ursprünglich etwas mit Erntesegen zu tun. In der Kirche Chinas gibt es derzeit eine starke, auch von der Kommunistischen Partei geförderte Tendenz, sich stärker auf die einheimische Kultur zu besinnen. Man versucht, alte chinesische Traditionen mit dem christlichen Festkalender zu verbinden. Bei vielen Christinnen und Christen bemerkt man ein Zögern: ›Wir machen mit, aber eigentlich ist das doch heidnisch, oder?‹ Traditionen in China haben einen schlechten Stand. Zu oft wurde in den letzten Jahrhunderten versucht, ihnen die Wurzeln auszureißen. Entsprechend groß ist aber auch die Sehnsucht danach.«  

Indien

Johny Thonipara kommt ursprünglich aus Indien. Er ist Pfarrer im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). »Indien ist groß«, ist sein erster Satz. »Es gibt viele Klimagebiete und keinen festen Termin für die Ernte. Ein typisch christliches Erntedankfest gibt es nicht. Zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr kommen Menschen nach dem Gottesdienst zum Altar und lassen sich segnen. Der Pfarrer spricht Dankgebete für das, was sie mitbringen. Wichtig ist in den Gemeinden der Gemeinschaftsaspekt: gemeinsam danken, essen, teilen. Erntedank ist auch eine Einnahmequelle. Es finden Versteigerungen und Wettkämpfe statt. Der Erlös kommt kirchlichen Projekten zugute. Die EKHN hat eine Partnerschaft mit der Kirche im Süden Indiens, in der Diözese Ost-Kerala. Kerala ist bekannt für sein Fest ›Onam‹, eine Art Erntefest, das auch von Christen mitgefeiert wird. Die Geschichte dahinter: In Kerala regierte einst König Mahabali. Unter ihm waren alle gleich, satt und zufrieden. Die Götter wurden eifersüchtig. Ein Gott ging als Zwerg zum König: ›Gib mir nur drei Schritt Land.‹ König Mahabali willigte ein. Da wurde der Zwerg zum Riesen. Sein erster Schritt bedeckte die Erde, der zweite den Himmel. Den dritten Schritt setzte er auf den Kopf des Königs und drückte ihn in den Boden. Der konnte noch einen Wunsch äußern: einmal im Jahr sein Volk besuchen zu dürfen. Das wird alljährlich in Kerala gefeiert mit Tanz und Musik in den Straßen. Und natürlich mit gemeinsamem Essen. Manche Christen haben Bedenken, doch die meisten feiern mit.« 

Europa

Für Europa steht einmal nicht die katholisch und evangelisch geprägte Welt. Athenagoras Ziliaskopoulos, Pfarrer in der griechisch-orthodoxen Kirche »Prophet Elias« in Frankfurt, beschreibt, wie Erntedank orthodox aussieht: »Es gibt bei uns kein Erntedankfest im hiesigen Sinne oder in der Form, wie es hierzulande gefeiert wird. Jedoch gibt es etwas Ähnliches, das klima‧bedingt am 6. August stattfindet: nämlich ein Dankgottesdienst für die erste Traubenernte. Am 6. August, dem Fest der Verklärung Christi, werden große Mengen Trauben von den Gläubigen zum Gottesdienst gebracht. Der Priester segnet sie und verteilt sie an die Gemeinde. Viele essen keine Trauben vor dem 6. August. Dann gibt es, regional und landwirtschaftlich bedingt, Gebete zur Segnung der Saaten. Das ganze Jahr über wird zu Ehren der vielen Heiligen mit Zucker und Nüssen gekochter Weizen zur Segnung in die Kirche gebracht. Das ist besonders wichtig, wenn in der Familie ein Namenstag gefeiert wird. Wer Namenstag hat, verteilt am Kirchenausgang Weizen und Brot an die ganze Gemeinde. Mit dem dazugehörigen Segensgebet wird Gott für die Gaben der Erde gedankt. Ebenfalls zu diesem Anlass und zur Erinnerung an das Wunder der Brotvermehrung Christi werden fünf Brote und, anstelle der zwei Fische, Öl und Wein gesegnet. Dieser Ritus heißt ›Artoklasia‹, aus dem Griechischen übersetzt ›Brotbrechen‹. Die Artoklasia wird in Deutschland auch bei großen ökumenischen Gottesdiensten gefeiert, zum Beispiel 2010 beim ökumenischen Kirchentag in München.« 

Nordamerika

Jim und Joachim, ein amerikanisch-deutsches Paar, beschreiben, wie »Thanksgiving«, das amerikanische Erntedankfest gefeiert wird: »Thanksgiving ist immer der Donnerstag vor dem 1. Advent. Der historische Hintergrund: Als die ersten Siedler aus Europa in Amerika ankamen, war ihr Saatgut auf der Schiffspassage unbrauchbar geworden. Es drohte der Hungertod. Die Ureinwohner, die sie Indianer nannten, halfen ihnen mit den sogenannten ›drei Heiligen‹: Mais, Kürbis, Bohnen. Daraus zogen sie Samen und überlebten. Ihr erstes Erntedankfest feierten die Weißen wohl noch mit den Indianern. Die Dankbarkeit hielt nicht lange an. Indianerstämme wurden ausgerottet, in Reservate gebracht und ausgebeutet. Thanksgiving begleitet ein latent schlechtes Gewissen. Die Familie von Jims Großmutter, einer Cree-Indian, erhielt noch Hilfspakete von der US-Regierung. Heute ist Thanksgiving das wichtigste Fest im Jahr, ein typisch familienorientiertes Fest. Alle kommen zusammen. Es ist wenig kommerzialisiert, ein Stück unberührte, heilige Tradition. Zu einem richtigen Thanksgiving-Essen gehört auf jeden Fall der Truthahn. Ein Truthahn wird jedes Jahr vom US-Präsidenten begnadigt. Seine Artgenossen landen im extra großen Backofen und werden mit Soße aufgetischt. Dazu gibt es Mais, Süßkartoffeln, grüne Bohnen, Weißbrot und Cranberry-Soße, danach haufenweise süße Kuchen. In christlichen Familien wird vor dem Essen ein Dankgebet gesprochen. In eher weltlich angehauchten Familien fasst man sich an den Händen. Wer mag, sagt, wofür er oder sie dankbar im Leben ist.«

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Leben, weil ich mich Gott verdanke

pixelio.de/EchinoDankbarkeit und Brunnen verbindet das Prinzip: Geben können, weil man zuvor empfangen hat. Zu beobachten am Brunnen im Kloster Maulbronn.Dankbarkeit und Brunnen verbindet das Prinzip: Geben können, weil man zuvor empfangen hat. Zu beobachten am Brunnen im Kloster Maulbronn.

Foto: © Echino / pixelio.de (www.pixelio.de)

»Ich empfinde Dankbarkeit«, sagt man. Was für ein Gefühl ist das? • Von Alexander Heck

Nicht jeder ist gern dankbar. Das Ideal des modernen Menschen sieht eher so aus: in allen Dingen selbstbestimmt sein, ‧niemanden brauchen und darum keinem dankbar sein müssen. Auf Dauer lässt das die Welt auf die eigenen begrenzten Möglichkeiten schrumpfen. Dankbarkeit anerkennt, dass es mehr und Größeres gibt als man selbst. Wer danken kann, weiß, dass er nicht selbst Herr des Lebens ist. Der Mensch lebt, weil er sich Gott verdankt. 

Dankbarkeit ist jene Erregung, »die Menschen zum Belohnen antreibt«. So beschreibt der englische Sozialphilosoph Adam Smith 1759 die Dankbarkeit in seiner »Theorie der ethischen Gefühle«. Weil uns etwas Gutes widerfahren ist, wollen wir dieses mit mindestens ebenso Gutem »wiedervergelten«. Dankbarkeit wäre also das Gefühl und der Drang, für einen Ausgleich zu sorgen. Durchaus nicht nur selbstlos: Man will dem anderen keinen Dank schuldig bleiben. Es fühlt sich unangenehm an, wenn jemand uns viel reicher beschenkt, als wir es jemals erwidern können. Wer dankt, will das Glück desjenigen befördern, der einem Gutes getan hat.

Gutes mit Gutem vergelten zu wollen, setzt aber eine Ähnlichkeit des gegenseitigen Empfindens voraus. Man muss sich wechselseitig anerkennen als Menschen, die des Guten würdig und die zu Gutem fähig und willens sind. Damit ich mich aufrichtig bedanken kann, muss der andere es wirklich gut mit mir meinen. Und ich muss mich selbst für würdig dieser Wohltat erachten. »Womit habe ich das verdient?« kann Ausdruck falscher Bescheidenheit sein – oder Zeichen dafür, dass ich meiner selbst nicht sicher bin. Die Achtung des anderen und die Selbstachtung sind Voraussetzungen der Dankbarkeit.

Der moderne Mensch lebt nur noch aus sich selbst heraus

Das ethische Gefühl von Dankbarkeit ist im Zuge der Moderne verkümmert. Der amerikanische Soziologe Charles Taylor spricht von einem »Unbehagen der Moderne« (1995). Der moderne Mensch lebt nur noch aus sich selbst heraus. Authentisch, aber letztlich »autistisch«. Er ist sich selbst die Lebensquelle. Er will keinem anderen etwas verdanken müssen, alles alleine schaffen können. Außerhalb seines Selbst scheint für den vereinzelten Menschen nichts mehr einen verpflichtenden Wert darzustellen. Keine Religion, keine liebende Anerkennung eines an sich Guten.

Was er als gut ansieht, sind nur noch seine privaten Vorlieben und Wünsche. Aber ohne eine Vorstellung vom Guten, die er mit anderen teilt, verkümmert auch die Dankbarkeit. Dann kann man nur noch dem gegenüber wirklich dankbar sein, der es mit den eigenen Vorlieben und Wünschen gut meint. Darin liegt eine spirituelle Herausforderung der Moderne: die Quellen des Religiösen wieder zu erschließen. Also das Gefühl, dass außerhalb von einem selbst noch Größeres existiert, das Dankbarkeit erzeugt. Religion ist ein solches »Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit«, weiß Friedrich Schleiermacher, der die evangelische Theologie des 19. Jahrhunderts in Deutschland prägte. 

Sehnsucht nach Spiritualität

Die heutige Sehnsucht nach Spiritualität lässt sich als Reaktion auf jenes »Unbehagen der Moderne« deuten. Gegenüber einem geistlosen Materialismus und platter Diesseitigkeit wünscht man sich das eigene Leben geistreicher. Religion ist eine Antwort auf diese Sehnsucht. Sie unterbricht den eigenen Alltag und lädt zum Staunen ein: Es gibt eine Macht, die das Leben will und erhält. Es gibt eine Liebe, die auch vom Tod nicht widerlegt wird. Es gibt Gott, dem ich mein Leben verdanke. Nicht nur mich und mein Leben – alles Leben. »Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will.« Diese Erkenntnis hatte 1914 der Theologe, Musiker und Mediziner Albert Schweitzer. In Europa hatte gerade der Erste Weltkrieg begonnen, der Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Albert Schweitzer war in Zentralafrika auf einer Flussfahrt auf dem Ogowe. Vom Schiff aus beobachtete er die Natur. Im Rückblick schreibt Albert Schweitzer: »Am Abend des dritten Tages dieser Rückfahrt nach Lambarene, als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurchfuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort ›Ehrfurcht vor dem Leben‹ vor mir.«

Wer die Welt mit offenen Sinnen wahrnimmt, kann entdecken, wie in der Schöpfung das eine mit dem anderen verbunden ist. Man kann nicht anders, als Ehrfurcht vor allem zu empfinden, das leben will wie man selbst. Daraus wächst die Einsicht, was gut und böse ist: Gut ist, was das Leben erhält und fördert. Böse, was das Leben vernichtet und niederhält. 

Dankbar dafür, geschaffen, gewollt und geliebt zu sein

Der Glaube, der Menschen Ehrfurcht lehrt und derart über Gott in Erstaunen versetzt, erregt Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, geschaffen, gewollt und geliebt zu sein, trotz der eigenen Schwächen. Der Mensch lebt, weil er sich Gott verdankt. Religion lässt sich in diesem Sinne auch deuten als ein »Bewußtsein schlechthinniger Empfänglichkeit«, so der Wiener Theologe Ulrich H. J. Körtner. Das Wesentliche im Leben kann der Mensch nicht herstellen, sondern sich nur schenken lassen. Diese Art Erfahrung kultiviert der christliche Glaube. »Was hast du, dass du nicht empfangen hast?« (1. Korintherbrief 4, 7)

Religion versteht sich »als Schule meiner Empfänglichkeit und als Einübung in die Dankbarkeit«. Wir verdanken uns! Danken ist dann wie eine »zweite Schöpfung«. Im Danken erscheinen die Dinge um uns herum nicht einfach nur als gegeben, sondern als der Güte Gottes entsprungen. Wer fähig ist zu danken, weiß, dass er selbst nicht der Herr des Lebens ist. Auch nicht Herr über das Leben. Wer dankt, schlägt nicht. Wer dankt, beutet nicht aus. Wer dankt, zerstört nicht. Wer dankt, öffnet wie von selbst seine Hände zum Teilen. Evangelische Spiritualität heißt, sich in ein Leben aus Dankbarkeit einzuüben. Dankbarkeit gegen Gott. Alles Weitere folgt wie von selbst daraus.

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Entschleunigung im Advent

Morguefile.comIrgendwie ist es immer kurz vor Zwölf und die Zeit viel zu knapp. Herr, wirf Zeit vom Himmel!Irgendwie ist es immer kurz vor Zwölf und die Zeit viel zu knapp. Herr, wirf Zeit vom Himmel!

Stille Zeit? Von wegen! Wie kommt man zu Besinnung trotz der Hektik in den Wochen vor Weihnachten? • Von Peter Heintel

Entschleunigung im Advent? Das klingt nach Quadratur des Kreises. Peter Heintel, Professor für Philosophie in Graz, ist Gründer des »Vereins zur Verzögerung der Zeit«. Er beschreibt, woher die Hektik am Jahresende kommt und warum das Lassen-Können eine Seite von Freiheit ist. 

Die sogenannte stille Zeit erleben wir als ihr Gegenteil: Zeitverdichtung, Stress, Hektik, musikalisch untermauerte Werbung fürs Weihnachtsgeschäft, Glöckchen schwingende Nikoläuse, nervös Herumeilende auf der Suche nach Geschenken. Vieles will noch vor den Feiertagen erledigt sein. Das alte Jahr soll sauber abgeschlossen werden. Budgets müssen verbraucht werden. Besinnung? Vielleicht wäre es besser, wenn wir den Advent in den Sommer verschieben. 

Beim Zeit-Verschieben war die Menschheit noch nie zimperlich. Der vorjulianische Kalender schloss das Jahr mit November. Dann war die Zeitrechnung für drei Monate ausgesetzt. Im März wurde das neue Jahr ausgerufen und das Fest des Gottes »Terminus«, der Gott der Grenze, gefeiert. Eine agrarisch dominierte Gesellschaft konnte wohl mit dieser lückenhaften Zeitrechnung auskommen. Im Winter ruhte die Natur. Ihre Forderung an die Menschen hielt sich in Grenzen.

Kirchenjahr hat viel »Heidnisches« übernommen

 Die Ansprüche des größer werdenden römischen Reiches forderte allerdings genauere Zeitrechnungen. Also wurden zwei Monate eingeschoben: der Juli, benannt nach Julius Caesar, und der August, benannt nach Kaiser Augustus. Der September, wörtlich übersetzt der siebte, wurde dadurch zum neunten Monat. Zeitordnungen sind durch die Absicht der Menschen bestimmt, sich vom Rhythmus der Natur zu lösen. 

Das Kirchenjahr mit seinen Festen hat viel »Heidnisches« übernommen und mit der christlichen Botschaft verflochten. Die Erwartung, dass die Tage wieder länger werden, ist vereint mit der Ankunft des Sohnes Gottes, mit seiner Geburt. Ein Ereignis, das gleichsam so bedeutend ist wie die neu aufgehende Sonne, wie die Verlässlichkeit der Natur. Wenn die Natur schläft und die Nächte immer länger werden, steigt die Sehnsucht nach Neubeginn. Ob die Sonne tatsächlich wiederkommt und nicht die Menschen den Dämonen der Nacht überlässt, war lange zweifelhaft. Die Abhängigkeit von der Natur ließ sich nicht aufheben. Die Natur war das göttliche Subjekt, dem man ausgeliefert war. 

Das pure Warten ist gefährlich

Winterzeit war von der Natur auferlegte Wartezeit. Im Nichts der Stille sind die Menschen auf sich selbst geworfen. Sie merken, wie ausgeliefert sie sind. Die Angst davor muss abgewehrt, die Stille durchbrochen werden durch Brauchtum, Dämonenvertreibung, durch Feste »portionierter« Erwartung. Hoffnung in Portionen so wie beim Adventskalender, bei dem sich täglich ein Türchen öffnet. Erwartung, dass etwas Neues anbricht, ist niemals bloß ein Eintauchen in Stille. Zu gefährlich ist das pure Warten und zudem ungewohnt. 

Die Leere, das Hineingleiten in ein Nichts, das keinen Anker hat, lässt uns selbst verloren gehen. Leere ist das Einfallstor für sonst nicht gedachte Gedanken. Nicht immer sind diese nur angenehm. Darum wird die Leere aufgefüllt. Wir haben unsere Schwierigkeiten mit freier Zeit, mit unstrukturierten Feier- und Festtagen. Wir lassen keine Zwischenräume. Das schafft Ablenkung. 

Im Advent erwarten wir die Ankunft eines neuen Lebens

Das Kirchenjahr endet mit Totengedenken. Im Advent erwarten wir die Ankunft eines neuen Lebens. Eines, das den Tod überwunden hat, wie es heißt. Es ist nicht mehr die Natur, die wiedergeboren wird. Es ist ein Mensch, der jedes Jahr wiederaufersteht. Die jährliche Wiederholung seiner Ankunft soll erinnern an seine Tat, die von der tödlichen Macht des Nichts erlöst und von den Dämonen der Natur, aus der Abhängigkeit von ihren Gesetzen befreit. Die Menschwerdung ist vollbracht. Ist sie bei den Menschen angekommen? 

Der Mensch ist aus dem Bann der Natur befreit. Das fordert ihn zu neuer Selbstbestimmung heraus. Ein Universum von Möglichkeiten liegt vor ihm. Aber das entzieht dem Leben seinen festen Grund. Freiheit ist unbestimmbar. Sonst wäre sie nicht frei. Freiheit ist ein Prozess, der sich mit drei Bewegungen beschreiben lässt. Das erste Moment von Freiheit: Ich habe Möglichkeiten, Optionen, die mehr oder weniger sein können. In unserer Gegenwart explodiert die Zahl der Optionen. Man kommt kaum hinterher. Das macht Stress. 

Unterbrechen ist ein Zauberwort der Freiheit

Freiheit zum zweiten kann nicht engelsgleich im Raum der Möglichkeiten schweben. Sie muss sich für etwas entscheiden und damit anderes ausschließen. Sie legt sich fest und ist dadurch nicht mehr frei. Das erleben wir tagtäglich. Wir haben Maschinen, Computer, Smartphones, um das Leben zu erleichtern und mehr Freiheit zu gewinnen. Am Ende bedienen wir die Maschinen. Das Verb verrät: Wir sind zu Dienern geworden. 

Daher hat Freiheit ein drittes Moment: Sie muss die Freiheit zu neuen Möglichkeiten wiedergewinnen. Das bedeutet: den täglichen Ablauf der Zeit und das gewohnte Getriebe unterbrechen. Unterbrechen ist ein Zauberwort der Freiheit. 

Je mehr möglich ist, desto schneller kommt man an seine Grenzen

Unsere Technik und Ökonomie machen uns unendlich viele Angebote, die früher nur im Traum wahr wurden. Die Verführung, sich dabei zu zerstreuen, ist groß. Wir alle unterliegen ihr und das in immer höherer Geschwindigkeit. Bereits Goethe sprach von einem »velozipherischen Zeitalter«. Teuflisch schnell fliegend. Dabei ging es damals noch vergleichsweise gemütlich zu. Wir heute sollen uns immer schneller immer mehr selbst verwirklichen. In Arbeit und Leistung. In Besitz und Eigentum. Aber wir gewinnen bei diesem ständigen Fortschritt nicht die erhoffte Sicherheit und Erfüllung. Im Gegenteil. Je mehr gleichzeitig möglich ist, desto schneller kommt man an seine Grenzen, wird konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Die Möglichkeiten sind unendlich, aber die Zeit ist befristet. Das macht hektisch: Nütze die Zeit, packe möglichst viel in sie hinein, versuche dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Jedoch: Ein voll gefülltes Leben ist nicht gleich ein erfülltes Leben.

Freiheit ist Selbstverwirklichung. Sie hat aber noch eine andere Seite: das Lassen-Können. Gelassenheit hat Konjunktur. Aber wie wird man gelassen, erst recht im Advent? Lassen-Können heißt: die Dinge langsamer angehen, Pausen machen, auf seine Lebensrhythmen Rücksicht nehmen. Widerstand leisten, wo unnötiger Zeitdruck verbreitet wird. Der bringt meist ohnehin nichts außer schlampigen Entscheidungen. Er verhindert oft die gründliche Analyse von Problemen. Zeitdruck erzeugt Krankheiten, die dann wieder ökonomisch von Nachteil sind. 

Orte der Unterbrechung in einer säkularen Welt

 Advent ist eine Zeit zwischen Todesgedanken und Neugeborenem. Advent unterbricht den sonstigen Ablauf des Jahres und kann eine Zeit für Rückblick und Vorausschau sein. Das alte Jahr ist getätigt, zu Ende gebracht. Man kann betrachten, was gut und was verfehlt war. So radikal es klingt: Man kann das Gute wie das Verfehlte in Frieden sterben lassen. Denn Advent verheißt: Nach Tod kommt Geburt. Der Kreis des Lebens beginnt von neuem. 

Religionen mit ihren Feiertagen und Festen waren für mich immer Orte der Unterbrechung, einer Auszeit und Rückbesinnung. Religionen haben ihre institutionelle Autorität und Macht verloren, aber den Auftrag behalten, Orte der Unterbrechung in einer säkularen Welt bereit zu halten. 

Advent. Zeit des Schenkens. Es gibt viele Dinge, mit denen man anderen eine Freude bereiten kann. Aus gutem Grund sind sie, mal mehr, mal weniger aufwendig in Geschenkpapier gehüllt. Einpacken und Auspacken sind ein begleitendes Ritual, das die Zwischentöne verwaltet, dem nackten Geschenk seine sachliche Aufdringlichkeit abmildert. Es umhüllt das Greifbare mit etwas Unbegreiflichem: mit der Zeit, die sich Schenkender und Beschenkter gegenseitig widmen. Unter allen Dingen, die wir zu geben haben, ist das ein besonderes Geschenk: Zeit. 

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