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Nationalsozialismus

Abstiegsängste der Akademiker

dpa/Süddeutsche Zeitung PhotoDie Reihen fest geschlossen: Mitglieder des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds.

Martin Göllnitz hat am Beispiel der Uni Kiel untersucht, was Studenten zu Unterstützern der Nationalsozialisten gemacht hat. Für diese Arbeit hat der Mainzer Historiker den Fakultätenpreis der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft des Jahres 2018 sowie den Wissenschaftspreis der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten erhalten. Im Gespräch mit Nils Sandrisser erklärt er, welche Gruppen besonders anfällig für radikale Rhetorik waren und heute noch sind.

privatMartin Göllnitz erforscht, warum Studenten zu Nazis geworden sind.

Herr Göllnitz, gibt es ein Muster, welche Studenten die Nazis besonders unterstützt haben?


MARTIN GÖLLNITZ: Man kann das nicht ganz pauschal sagen, aber sie waren überwiegend männlich, ein erheblicher Teil aus auslandsdeutschen Gebieten, und protestantisch. Die Katholiken verhielten sich deutlich reservierter – hier kam wohl der deutliche Abstand, den die katholische Kirche zum NS hielt, zum Tragen. Die Studierenden waren eine Art Spiegelbild der Gesamtgesellschaft und erfüllten damit eine Seismographenfunktion. An den meisten Universitäten wählten die Juristen und die Theologen nationalsozialistisch.


Haben Sie dafür eine Erklärung?


GÖLLNITZ: Das hat wohl vor allem mit beruflichen Entwicklungen zu tun. Während der Weltwirtschaftskrise existierte so etwas wie ein akademisches Prekariat. Es wurde mehr Nachwuchs ausgebildet, als es freie Stellen gab, vor allem bei den Juristen. Auf eine freie Stelle kamen bei ihnen rund fünf Anwärter. Und diese fürchteten die Konkurrenz ausländischer, jüdischer und weiblicher Studierender. Es ging also wesentlich um Ängste, den eigenen Lebensstandard nicht sichern oder ausbauen zu können. Bei den evangelischen Theologiestudenten ist sich die Forschung über die Ursachen nicht ganz einig, weil diese Gruppe nicht so sehr von Ängsten geplagt war. Bei ihnen gehe ich davon aus, dass ihre Unterstützung für die Nazis mit der Propaganda zu tun hat, die auch vonseiten der Pfarrer und Prediger kam.

Welche Rolle spielte die brutalisierte Gesellschaft?


GÖLLNITZ: Diese Studenten waren meist nicht selbst im Ersten Weltkrieg gewesen, weil sie entweder noch zu jung waren oder als Abiturienten nicht eingezogen werden durften. Aber sie haben den Krieg natürlich zu Hause mitbekommen – durch die Propaganda und Kriegsspielzeug, oder sie haben Brüder, Väter oder Onkel verloren. Diese Generation hat ihre fehlende Kriegsteilnahme als erheblichen Mangel begriffen. Das können wir uns heute kaum noch vorstellen: Die Studenten damals wollten in den Krieg ziehen und kämpfen. Und das holten sie nach, indem sie sich zum Beispiel an rechten Terrorgruppen beteiligten, in die SA eintraten oder illegale Wehrsportkurse machten. Mit späteren Studentengenerationen hatten es die Nazis viel schwerer, die wirkten auf sie apolitisch.

Erkennen Sie Parallelen beim Zulauf zu heutigen radikalen Parteien?

GÖLLNITZ: Da glaube ich, dass wir ganz beruhigt sein können. Die studentischen Hochschulgruppen der Zwischenkriegszeit oder der 1960er und 1970er Jahre hätten sich niemals selbst aufgelöst, nur weil staatliche Organe sie beobachtet hätten, so wie das heute die Junge Alternative in Niedersachsen getan hat. Die nationalsozialistischen Studierenden haben im Gegenteil stark provoziert, um den Staatsorganen zu zeigen, dass sie sie nicht stoppen konnten – was sich auch in ihren radikalen Methoden widerspiegelt wie Tränengasanschläge auf Professoren, Hetzjagden auf Kommilitonen, das Stürmen von Seminarräumen und physische Angriffe auf Hochschulpersonal. Davon sind wir ja heute glücklicherweise noch sehr weit entfernt. Die Hochschulgruppen der Jungen Alternative kranken auch daran, dass es für sie gar keinen Nährboden gibt, weil der Großteil der Studierenden gar nicht anfällig für diese Ideologien ist. Der AfD oder rechtsgerichteten Korporationen gelingt es bislang nicht, ihre Ideen in die Hochschulen hinein und von dort wieder hinaus in die Gesellschaft zu tragen.

Wie gelangen diese Ideen in die Hochschulen hinein?

GÖLLNITZ: Über Personen, die sich durch ein hohes Charisma auszeichnen und dann mit radikalen Methoden eine Gruppe um sich scharen. Ein Beispiel ist Joachim Haupt, der in Greifswald schon Anfang der 1920er Jahre eine nationalsozialistische Studentenschaft gegründet hat, als diese Bewegung noch kaum über Bayern herausgekommen war. Das ist wie bei Hitler selbst: Der Führer erschafft seine Bewegung und bindet sie mit Versprechungen an sich.

Das passt allerdings nicht zu den Erkenntnissen der Sozialforschung, die längst von einem »sekundären Autoritarismus » ausgeht – also einer autoritären Bewegung, die ohne zentralen Führer auskommt.

GÖLLNITZ: Das können wir für die Studierenden nicht beobachten. Denn an der Universität kommen die jungen Menschen mit sehr vielen Ideen, Möglichkeiten und Konzepten in Berührung. Außerdem ist es eine heterogene Gruppe, die sich ständig verändert – durch Hochschulwechsel oder aufgrund des Examens. Diese Gruppen stehen nie lange zusammen. Es fiel den Nazis daher schwer, sie über einen längeren Zeitraum hinweg zu motivieren und zu steuern. Studierende brauchen jemanden, der sie antreibt, der gemeinsame Ziele und Ideale schafft. Jemand wie Joachim Haupt eben oder – auf der linksextremen Seite in den 1960er Jahren – Thomas Weisbecker und Georg von Rauch, die eine ganze Gruppe radikalisierten, sie in ein palästinensisches Terrorcamp begleiteten und an der Waffe ausbilden ließen. Nachdem Weisbecker und von Rauch in Feuergefechten mit der Polizei starben, löste sich die Gruppe allmählich auf.

Und jenseits der Studierenden?

GÖLLNITZ: Was bei Akademikern immer wieder zu beobachten ist, sind diese Abstiegsängste. Die AfD hat als Professorenpartei begonnen, die vor den Gefahren des Euros warnte. Heute sind Muslime und Flüchtlinge allgemein ihre Hauptthemen. Das dürfte als die größte Parallele festzumachen sein: dass diese Schichten um das fürchten, was sie sich erarbeitet haben und dann Gruppen, die sie als potenzielle Gefahr sehen, für einen vermeintlichen, letztlich nur gefühlten ökonomischen Verlust verantwortlich machen. Wenn man sich Pegida-Veranstaltungen oder AfD-Mitgliederversammlungen anschaut, stellt man fest, dass es nicht die Perspektivlosen und Abgehängten sind, die da mitmachen. Die waren es in den 1920er und 1930er Jahren auch nicht. Es war damals und ist heute die Mittelschicht.

Martin Göllnitz: »Der Student als Führer. Handlungsmöglichkeiten eines jungakademischen Funktionärskorps am Beispiel der Universität Kiel (1927–1945)«; Jan Thorbecke Verlag 2018; 672 Seiten; 86 Euro.

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