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Zwei Welten

Besuch bei Flüchtlingshelfern in Ungarn und Serbien

eöa/Berndt BiewendtEin Park in Belgrad. Flüchtlinge warten auf Menschen, die ihn sagen können, was als nächstes zu tun ist. Sie wollen nach Bosnien und von dort aus weiter in die EU.

Die Diakonie Hessen und das Zentrum Oekumene der evangelischen Kirchen Kurhessen-Waldeck und Hessen und Nassau haben ihre Begegnungsreisen zu europäischen Flüchtlingsinitiativen fortgesetzt. In Serbien und Ungarn erlebten sie sowohl ein Europa mit menschlichem Antlitz als auch ein Europa, das eine menschenverachtende Fratze zeigt.

eöa/Berndt BiewendtIm Krnjaca Camp bei Belgrad bekommen die Kinder Unterricht.

Ein kleiner Park zwischen dem Busbahnhof und dem Hauptbahnhof in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Er ist voll von jungen, überwiegend männlichen Flüchtlingen. Teilweise haben sie ihr gesamtes Hab und Gut dabei – verstaut in Rucksäcken. Sie tauschen sich über weitere Fluchtwege aus und nehmen Kontakt zu Schleppern auf. Eine fünfköpfige Gruppe von Afghanen sitzt auf einer Bank, alle starren in ihr Smartphone. Auf die Frage, wohin sie wollen, kommt die Antwort prompt aus allen Mündern: Germany.

Nur ein Ziel: die EU

»Das Verhalten der Flüchtlinge erlebe ich mitunter als irrational. Sie können hier in Serbien bleiben und eine Perspektive entwickeln. Es hat bei uns nicht einen einzigen gewalttätigen Übergriff auf Flüchtlinge gegeben. Aber in ihrem Kopf haben sie nur das eine Ziel, die EU«, sagt Marija Vranesevic von Philantropy, einer diakonischen Einrichtung der serbisch-orthodoxen Kirche. Nach Besuchen in Griechenland und Italien waren 14 ehrenamtlich und vier hauptamtlich Engagierte in der Flüchtlingsarbeit jetzt zu einer Begegnungsreise von Kirche und Diakonie in Serbien und Ungarn unterwegs.

Kranke fürchten, auf Liste nach hinten zu rutschen

Für die allermeisten Flüchtlinge ist Serbien nicht mehr als ein Transitland. Das bestätigt auch Zorica Ristic von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). »In den ungarischen Transitlagern weigern sich Flüchtlinge trotz lebensbedrohlicher Erkrankungen, in ein Hospital gebracht zu werden, weil sie fürchten, in der Warteliste nach hinten zu rutschen. Es spielen sich regelrechte Dramen ab.« Das EU-Land Ungarn habe vor einigen Jahren noch 50 Flüchtlinge pro Woche hereingelassen, heute sei es nur noch einer pro Tag.

Menschen sind morgens einfach weg

Das Krnjaca Camp, ein offenes Asylzentrum bei Belgrad, ist für 1000 Menschen ausgelegt. Es gilt bei der Betreuung und Versorgung der Flüchtlinge als vorbildlich. Derzeit leben dort rund 200 Flüchtlinge. Jeden Morgen sei unklar, wie viele Flüchtlinge noch da sind, sagt die Leiterin des Camps, Durda Surlan. »Es gibt Tage, da sind 25 Menschen plötzlich weg, manchmal mehr. Sie machen sich auf in die Berge nach Bosnien, um von dort in die EU nach Kroatien zu kommen.« Wer es nicht in die EU schafft – und das sind die allermeisten – kehrt in den kalten Monaten nach Serbien zurück. »Dann haben wir hier viele Fälle von Beinverletzungen, aber auch Krätze oder Läuse aufgrund der fehlenden hygienischen Bedingungen in den Bergen«, erläutert Danijela Radosavljevic, die Ärztin des Asylzentrums.

Kirchen müssen mutig für Menschenrechte eintreten

»Es ist unerträglich, wenn Flüchtlinge in Serbien 20 oder 30 Mal versuchen, die Grenze zur EU zu überschreiten. Betroffen sind zumeist junge Menschen, die Jahre ihres Lebens verlieren. Wir müssen für sie andere, sichere Wege finden«, fordert Doris Peschke von der Diakonie Hessen, die die Reisegruppe begleitete. Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorff, die an allen drei Begegnungsreisen teilgenommen hatte, betont: »Europa braucht die zivilgesellschaftliche Stimme von unten und Kirchen, die mutig eintreten für Menschenrechte, Menschenwürde und für die Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen.«

Nicht-EU Land bietet Schutz

In dem Durchgangsland Serbien sei für sie beeindruckend gewesen, wie ein Nicht-EU Land Schutz und Unterkunft für Tausende Geflüchtete auf ihrem Weg Richtung Westeuropa vorhält und organisiert. »Unsere serbischen Gesprächspartner und -partnerinnen hielten uns auch den Spiegel einer europäischen Flüchtlingspolitik vor, die dem menschlichen Antlitz ins Gesicht schlägt«, sagt Müller-Langsdorff.

Erinnerungen an die Grenze zur DDR

Ungarn und damit die EU hat seine Grenze zu Serbien mit Stacheldraht abgeriegelt. Mancher aus der deutschen Gruppe fühlt sich nach eigenen Angaben bei der Einreise an die ehemalige DDR erinnert. Wartezeiten, Gepäckkontrollen und ein ungarischer Grenzbeamter, der fragt, ob tatsächlich nur Deutsche im Bus sitzen und energisch hinzufügt: »No Albanien! No Kosovo! No Bosnien!«

Kinder hinter Stacheldraht

Im ungarischen Transitlager bei der Grenzstation Röszke warten derzeit 322 Flüchtlinge zum Teil seit mehr als einem Jahr auf die Bearbeitung ihres Asylantrags. Jon Hoisaeter vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), das seinen Sitz in Budapest hat, spricht eine ungewöhnlich deutliche Sprache: »Das ist ein Gefängnis, das Menschen unsichtbar macht. Unter den Flüchtlingen sind 178 Kinder, die hinter Stacheldraht leben und nicht zur Schule gehen können.«

Nahrungsentzug für Asylsuchende

Schwere Vorwürfe erhebt auch das ungarische Helsinki-Komitee, das sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt. Durch Nahrungsentzug sollten Flüchtlinge dazu gebracht werden, auf ihren Asylantrag zu verzichten. Das betreffe jene Flüchtlinge, deren Antrag in erster Instanz abgelehnt wurde und die dagegen in Berufung gegangen sind, berichtet Komitee-Mitarbeiterin Marta Pardavi. »Ein Ehepaar aus dem Irak hat erst nach einer Eilverfügung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nach fünftägigem Nahrungsentzug wieder etwas zum Essen erhalten. Die drei Kinder des Paars wurden in dieser Zeit versorgt. Die Eltern ernährten sich während der fünf Tage von den Resten, die ihre Kinder übrig ließen.«

Arbeit muss leise vonstatten gehen

»Rassismus und Intoleranz in Ungarn sind größer geworden«, sagt Lilla Soltis. Sie ist für die Flüchtlingshilfe der Lutherischen Kirche Ungarns tätig, die 200.000 Mitglieder hat. Ihr Kollege Meszaros Attila ergänzt. »Wir haben keine Website, wir machen keine Öffentlichkeitsarbeit, aber wir können arbeiten.« Das klingt bei der mit 600.000 Mitgliedern größeren Reformierten Kirche Ungarns ganz ähnlich. »Wir können in der Flüchtlingsarbeit machen, was wir wollen«, sagt der Ökumene-Referent der Reformierten Kirche Pfarrer Balasz Odor: »Solange wir nicht zu laut werden.«

Sozialarbeiter als Soros-Agenten verunglimpft

Die Medien in Ungarn sind weitgehend unter Kontrolle der Regierung. Eine Zeitung veröffentlichte die Namen von Sozialarbeitern, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind, und behauptete, sie seien Soros-Agenten. Den jüdischen US-Milliardär Georges Soros, der ungarischer Herkunft ist, hatte die Orban-Regierung zum »Staatsfeind« erklärt und ihm vorgeworfen, er fördere die unkontrollierte Masseneinwanderung. 2018 waren exakt 632 Flüchtlinge nach Ungarn gekommen – macht nicht einmal zwei pro Tag. 2019 dürften es nach bisherigem Stand noch weniger sein. Die ungarische Regierung hat eine Flüchtlingskrise ausgerufen, der die Flüchtlinge abhandengekommen sind.Berndt Biewendt

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