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Aktion »Deutschland spricht«

Blind-Date mit Zündstoff

Getty-Images/SoopySueMal so richtig gepflegt streiten. Möwen können das gut, wenn es etwa um den größten Brotkrümel geht.

FRANKFURT. Bei der Aktion »Deutschland spricht« treffen Fremde aufeinander, die unterschiedlich denken. Evangelische-Sonntags-Zeitung-Redakteurin Carina Dobra hat mitgemacht – und war kurz sprachlos.

Carina DobraIn der Politik und Gesellschaft vermisst Evangelische Sonntags-Zeitung-Redakteurin Carina Dobra eine gesittete Streitkultur

Er lässt mich sitzen, denke ich, als ich schon gute zehn Minuten in dem kleinen Café gegenüber der Frankfurter Paulskirche sitze. Nervös starre ich aus dem Fenster. Ich suche einen Mann, Mitte 50, wenig Haar, Brille. Mehr weiß ich nicht, außer dass er Werner (Name von der Redaktion geändert) heißt, ganz in der Nähe wohnt und sich auch bei »Deutschland spricht« angemeldet hat.

Tausende fremde Menschen treffen aufeinander

Die Aktion ist eine Kooperation der »ZEIT« mit anderen Medienpartnern. An einem Tag, zur selben Uhrzeit, treffen bundesweit Tausende fremde Menschen aufeinander, die komplett anders ticken. Dafür müssen alle sieben Fragen mit »Ja« oder »Nein« beantworten. Ein eigens entwickelter Algorithmus entscheidet, welche Paare zusammenkommen.

Dritte Auflage der Aktion

Dieses Jahr gibt es bereits die dritte Auflage der Aktion. Im vergangenen Jahr meldeten sich insgesamt 28.000 Leser an, berichtet Sebastian Horn, stellvertretender »ZEIT ONLINE«-Chefredakteur bei der Vorab-Veranstaltung in der Paulskirche. Tatsächlich getroffen hätten sich 8000 Menschen. Dieses Mal rechnen die Initiatoren mit knapp 7000 Begegnungen.

Förmliche Begrüßung

Und eine davon soll zwischen Werner und mit stattfinden, wenn er denn kommt. Da blinkt mein Handy auf. Eine E-Mail von Werner: »Stehe auf der Miquelallee, verspäte mich um 15 Minuten«. »Puh!«. Erleichtert lasse ich mich in meinem Samt-Sessel zurückfallen. Wenig später also steht er vor mir, entschuldigt sich vielmals für seine Verspätung. Wir schütteln uns förmlich die Hand und sitzen uns nun gegenüber.

Gleichgültiges Schulterzucken

Gemeinsam werfen wir einen Blick auf den Fragen-Katalog. »Sollten Flüge stärker besteuert werden?« »Ja, natürlich muss Fliegen teurer werden«, sage ich entschlossen. Werner zuckt mit den Schultern. Er sei weder dafür noch dagegen. Es sei ihm schlichtweg egal. Zum einen, weil ihm sein Arbeitgeber seine vielen dienstlichen Flugreisen bezahlt, zum anderen weil ihm der Klimawandel ohnehin gleichgültig sei.

Meint er das ernst?

Moment! Wie bitte? Kurz warte ich ab, ob Werner laut »kleiner Scherz« sagt und herzlich lacht. Tut er aber nicht. Also frage ich noch einmal nach: »Wie genau meinst du das?« »Naja«, sagt Werner. Seine Frau und er hätten keine Kinder. Ganz bewusst hätten sich die beiden dagegen entschieden. Und außerdem sei er ja in 40 Jahren nicht mehr auf der Welt.

Der Moment der Sprachlosigkeit

Da hat Werner es doch tatsächlich geschafft, mich nach nur wenigen Minuten sprachlos zu machen. Innerlich rase ich, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Möglichst lässig sage ich zunächst: »Gut, dass du so ehrlich bist.« Dann versuche ich ihm klar zu machen, wie bedenklich ich seine Einstellung finde.

Haben Frauen dieselben Chancen wie Männer?

Weiter geht es im Protokoll. »Haben Frauen in Deutschland dieselben Chancen wie Männer?« »Ja«, sagt Werner selbstsicher. »Nein«, entgegne ich. Prima, der nächste Streitpunkt. Wenn es nach Werner geht, sind die Frauen in der Arbeitswelt nicht benachteiligt. Denn: »Frauen sind halt in ihrem Wesen zurückhaltender«, sagt er. Ein energisches Kopfschütteln kann ich mir nicht verkneifen. Ich halte mich selbst für eine selbstbewusste Frau, die weiß was sie will. »Es ist doch bewiesen, dass Frauen oft weniger verdienen als Männer«, bringe ich als Argument. Nicht mit Werner. »Ja, weil Frauen weniger verhandeln«, hält er gegen und erzählt aus seinem beruflichen Alltag. Er habe viel mit jungen Kolleginnen und Kollegen zu tun. Während Männer klar kommunizierten, dass sie mehr Gehalt wollen, seien Frauen bescheidener.

Flüchtiger Abschied, aber nachhaltiges Gespräch

Am Ende machen wir noch ein Selfie, bezahlen und gehen zusammen in Richtung U-Bahn. Dann ein kurzes Händeschütteln, ein rasches »hat mich gefreut« und Tschüss. Herzlich ist anders, dennoch bin ich zufrieden.
Auf der Bahnfahrt nach Hause lasse ich unser Gespräch wirken. Ich bin froh, dass ich das Experiment gewagt habe. Ein Widersehen mit Werner wird es nicht geben. Wir haben im Anschluss noch einmal kurz gemailt und die Fotos ausgetauscht. So spannend die Sache auch war, ich freue mich auf den nächsten Abend mit Freunden. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber den Wunsch nach einer zukunftsfähigen Klimapolitik teilen wir schon. Wir werden nämlich – so Gott will – in 40 Jahren noch auf dieser Erde sein.
 Carina Dobra

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