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Arye Sharuz Shalicar

»Boss Aro« und der Antisemitismus

dpa/Maurizio GambariniArye Sharuz Shalicar ist in Deutschland aufgewachsen und lebt heute in Israel. Antisemitismus kennt er in vielen Spielarten.

Persisch ist er, deutsch und israelisch. Die Heimatminister dieser Welt bekommen bei so einem Schnappatmung. Die Kurzfassung seines Lebens: von der Straßengang im Berliner Wedding zum Pressesprecher der israelischen Armee. Sein jüngstes Buch »Der neu-deutsche Antisemit« ist eine Abrechnung mit dem aufflammenden Antisemitismus in Deutschland.

Geboren wurde Arye Sharuz Shalicar 1977 in Göttingen. Deutschland sollte für seine Eltern eigentlich nur ein Zwischenstopp sein auf dem Weg nach Kanada, auf der Flucht vor dem Judenhass im Iran. Doch dann schlugen die Shalicars Wurzeln in Deutschland. Bis er 13 ist, wächst Arye in Berlin-Spandau auf. Religion spielt keine Rolle.

Plötzlich spielt die Nationalität eine Rolle

Als Aryes Mutter die Chance hat, im Wedding eine kleine Änderungsschneiderei zu übernehmen, zieht die Familie in den Berliner Problemkiez. Plötzlich hätten Nationalität und ethnische Herkunft, »Rasse« und Religion eine zentrale Rolle gespielt, erinnert sich Shalicar. Fast alle seiner neuen Freunde kommen aus muslimischen Einwandererfamilien. Es sind Türken, Libanesen, Kurden, Araber. Sie alle denken, Arye, mit seinen schwarzen Haaren und dem dunklen Teint, sei einer von ihnen: ein Muslim.

Die Halskette verrät ihn als Juden

Alles ändert sich, als Arye die Goldkette mit dem Davidstern anlegt, die ihm seine Großmutter geschenkt hatte. Als ihn drei arabisch sprechende Männer in der U-Bahn deswegen als »Scheißjude« anpöbeln, fragt er bei seinen wenig religiösen Eltern nach. Was sein Vater damals sagte, hat Shalicar 2010 in seinem Buch »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude« aufgeschrieben: »Eins musst du wissen und dein ganzes Leben zumindest im Hinterkopf behalten: Du bist ein Jude und die ganze Welt hasst dich!«

Freunde werden zu Feinden

Arye will seine Herkunft nicht verleugnen. Doch beste Freunde unter seinen muslimischen Kumpels werden nun von einem Tag auf den anderen zu Feinden, als sie erfahren, dass Arye Jude ist.

Vandalismus, nicht Kunst

Noch mehr als andere muss Arye um Respekt kämpfen – die entscheidende Währung auf der Straße. Arye greift zu Sprühdose und Edding-Stift. »Bei mir war es Vandalismus und keine Kunst«, sagt Arye Shalicar über seine Graffiti-Karriere. Sein Kampfname damals: Boss Aro. Aro »bombt« praktisch den ganzen Wedding mit seinem »Tag«, seiner Signatur voll. Er sprayt sogar am Tag, an belebten Plätzen, in aller Öffentlichkeit. In der Szene macht man sich so einen Namen, verschafft sich Respekt.

Erwachsene kennen die Regeln der Straße nicht

Aro prügelt sich und wird von der Polizei nach Hause gebracht, er fliegt von der Schule. In der Welt der Erwachsenen, der Eltern, der deutschen Lehrer, der Polizisten und im Rest der Welt hat man derweil keine Ahnung, welche Regeln auf der Straße und im Kiez wirklich gelten. Doch am Ende landet er nicht im Knast, sondern schafft sein Abitur.

Unter Bio-Deutschen fühlt er sich wohl, aber nicht zu Hause

Dann, bei der Bundeswehr, ist er bei den Sanitätern. Unter lauter »Bio-Deutschen«, eine völlig neue Erfahrung. Er fühlt sich wohl, aber zu Hause fühlt er sich nicht. Immer intensiver setzt er sich mit seiner jüdischen Herkunft auseinander. 2001 wandert er aus nach Israel »das einzige Land, in dem Juden als Juden sicher leben können«.

Karriere in Israel

Arye macht seinen Pflichtdienst bei der Armee, dann studiert er in Jerusalem Internationale Beziehungen. Er sammelt Medienerfahrungen im Nahoststudio der ARD. 2006 rekrutiert ihn erneut die israelische Armee, in der er zum offiziellen Pressesprecher und zum Major aufsteigt. Vor zwei Jahren wechselte Shalicar dann ins Nachrichtendienstministerium.

Auf den ersten Blick ein Widerspruch

Wer sich wie Shalicar von Berufs wegen viel in den digitalen Netzwerken tummelt, bekommt eine Menge Hass mit. Vieles von dem, was ihm auf Facebook, Twitter & Co. begegnet, ist in sein jüngstes Buch »Der neu-deutsche Antisemit« eingeflossen. Man könnte sagen, dass so ein zugleich realistischer wie verzerrter Eindruck entsteht, was nur auf den ersten Blick ein Widerspruch ist.

Als Israel-Kritik verkleideter Judenhass

Shalicar beschreibt den alten und den neuen Antisemitismus von muslimischen Migranten, den er am eigenen Leib erfahren hat. Er beschreibt den linksradikalen und den rechtsradikalen Antisemitismus, den von Menschen, die ihren Judenhass als »Israel-Kritik« verkleiden, den ganz alltäglichen – und auch den christlichen.

Mit seinen Kindern spricht er deutsch

Wer Arye Sharuz Shalicar sieht, seine gedrungene kräftige Statur, den rasierten Schädel, der könnte ihn für einen »Sabra« halten. Was wörtlich »Kaktusfeige« heißt, bezeichnet in Israel die im Land geborenen Juden. Viele Sabras sind orientalischer Herkunft, sie gelten als selbstbewusst, hart und kämpferisch. Doch mit seinen eigenen Kindern spricht Shalicar deutsch – mit Berliner Akzent. In Arye steckt eine Menge Deutschland. Auch hier ist ein Teil seiner Heimat. Israel und der Nahe Osten seien ihm manchmal einfach zu hart.


»Gehören Juden heute zu Deutschland?«, fragt Shalicar im Untertitel seines Buchs. Die Bilanz ist ein »Ja, aber«. Das Aber scheint wieder größer zu werden.
Markus Springer

Arye Sharuz Shalicar: »Der neu-deutsche Antisemit«; Hentrich und Hentrich Verlag 2018; 164 Seiten; 16,90 Euro.

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