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Beten ist Beziehung und kann mit einer einfachen Grundhaltung beginnen: »Du, Gott, bist da«

Das Geheimnis des Gebets

Uli SchadtHolzskulptur auf dem Vaterunser-Meditationsweg des Klosters Höchst im Odenwald.

privatMarion Rink ist Pfarrerin am Kloster Höchst, Jugendbildungsstätte und Tagungshaus der EKHN.

Da steht sie, die lebensgroße Holzskulptur, aufgerichtet, den Blick zum Himmel gewandt. Tausende Menschen haben sie schon betrachtet, Jüngere und Ältere, die auf dem Vaterunser-Meditationsweg des Klosters Höchst dem Geheimnis des Betens nachgegangen sind. »Geheiligt werde dein Name« steht auf dem Leib dieser Holzfigur zu lesen. Die erste Bitte des Vaterunsers.

Doch wie lautet Gottes Name? »Ich bin da«, »Ich werde sein, der ich sein werde«. So klingen Übersetzungsversuche für den eigentlich unaussprechlichen Namen Gottes, den Mose einst aus dem brennenden Dornbusch vernahm (2. Mose 3,14). Gott ist jetzt präsent und wird gegenwärtig bleiben. Kann man es vielleicht so mit anderen Worten sagen? Im Licht dieser ewigen Gegenwart Gottes zu leben – selbst wenn sie nicht spürbar ist – heißt das »Gottes Namen heiligen«?

Dann wäre die innere Grundhaltung des christlichen Betens und Meditierens ganz schlicht. Sie ließe sich zusammenfassen mit den Worten: »Du, Gott, bist da.« Beim Einatmen kann ich das in mich aufnehmen. Beim Ausatmen kann ich sagen: »Ich bin da.« In diese innere Ausrichtung kann ich an jedem Ort gehen. Kürzer oder länger. Über meinen Atem kann ich meine Verbindung entdecken mit Menschen, Pflanzen und Tieren um mich herum. Wir alle schöpfen Atem vom Atem des Lebens.

»Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet«, sagt Jesus (Matthäus 6,8). Auch das ist geheimnisvoll. So geht es also beim Beten nicht darum, Gott zu informieren. Der ferne, der andere, der überraschende Gott, den »aller Himmel Himmel nicht fassen« (1. Könige 8,27), entzieht sich jedem Zugriff, jeder noch so wortreichen Manipulation.

Gleichzeitig eröffnet das Vaterunser-Gebet einen unmittelbaren Resonanzraum, eine große Nähe. Zwischen einen liebenden Vater – zu dem Jesus beten lehrt – und sein geliebtes Kind passt kein Blatt. Beten ist also zuerst und vor allem Beziehung. Eine Beziehung, in der gesagt werden kann, was das Herz bewegt.

Das Vaterunser weitet den Horizont. Himmel und Erde sind nicht getrennte Welten. Und alle Bitten, auch die um Brot, Vergebung und Erlösung gehen über das Private hinaus.

Wenn Nonnen einst im Kloster Höchst regelmäßig ihre Stundengebete sangen, so taten sie das nicht, um ihren Aufgaben in der Welt zu entfliehen. Im Gegenteil. Vielleicht hat ihnen gerade die regelmäßige Unterbrechung ermöglicht, den vielen Kranken und Bedürftigen aus der Region über so lange Jahre hin hilfreich zur Seite zu stehen.

Die betenden Hände hat der Künstler der Holzskulptur zum Vaterunser-Gebet beim Kloster Höchst übergroß gestaltet. Sie strecken sich aus zum Himmel. Da erwartet jemand viel und lässt doch ab von eigenem Wollen. Und überlässt sich der größeren Weisheit, ist bereit, sich überraschen zu lassen.

Beten weitet meinen Horizont. Beten ist Beziehung. Nahe der Holzskulptur rauscht beständig das Wasser eines Brunnens, Urbild für die Quelle allen Lebens. Fast, als wollte es flüstern: »… der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« (EG 361,1)

Von Marion Rink

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