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»Fair Finance Week«

Der Kohleindustrie Feuer machen oder ihr die Kohle entziehen

Foto: GettyImages/PogoniciGläsernes Sparschwein, gefüllt mit Erde und einem grünen Euro-Zeichen.Gut angelegt: Das Sparschwein freut sich über Investitionen in umweltverträgliche Produkte.

FRANKFURT. »Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.« Dieser Sinnspruch des tibetischen Universalphilosophen Dalai Lama soll Investoren Mut machen, auch mit kleinen Beiträgen Einfluss auf die große Industrie zu nehmen und dem Klimawandel Einhalt zu gebieten.

Freiwillig verzichten weder Banken noch Industriebetriebe auf Rendite. Warum sollten sie auch – das ist schließlich der Zweck ihres Daseins. Also muss sie mit den eigenen Waffen schlagen, wer Einfluss auf ihr Geschäftsgebaren nehmen will. Das wollen auch vier Organisationen, die nach Wegen suchen, die 2015 in Paris vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen. Auf der »Fair Finance Week« in Frankfurt stellten sie ihre Strategien vor.

Zwei Strategien, ein Ziel

Dabei schälten sich zwei Wege heraus. Die einen versuchen, die betreffenden Unternehmen vom Kapitalzufluss abzuschneiden. Die anderen lassen ihr Kapital in den Unternehmen und nehmen Einfluss als Anteilseigner. Zu beiden Strategien gleichermaßen gehört indes dazu, die Firmen öffentlich bloßzustellen, zu piesacken und gesellschaftlichen Druck zu organisieren, um ihnen die Lust am Geschäft zu nehmen.

Geld aus Kohleindustrie abziehen

Agnes Diekmann von »urgewald« berichtete vom Kampf der kleinen deutschen Naturschutzorganisation gegen Investitionen in die Kohleindustrie. Den staatlichen norwegischen Pensionsfonds habe »urgewald« davon überzeugen können, sein Geld aus dem Kohletagebau in Indien und Südamerika abzuziehen. Auch aus dem die Umwelt besonders belastenden »Mountaintop removal«-Tagebau der USA habe sich der Fonds verabschiedet. Bei dieser Variante der Kohleförderung werden in der Gebirgsregion der Appalachen ganze Bergegipfel weggesprengt, um an das schwarze Gold zu gelangen. Der norwegische Pensionsfonds ist mit einem Anlagevolumen von 8,8 Milliarden Euro einer der größten Investoren weltweit.

Kohle ist leicht zu ersetzen

»Kohle ist der Klimakiller Nummer Eins«, ist die Aktivistin überzeugt. Und sie sei am leichtesten zu ersetzen. Dennoch habe sich der Pensionsfonds lange geziert und seine Kohlebergbau-Investitionen in Höhe von 880 Millionen Euro zunächst in Energieversorger – auch solche, die Kohle verfeuern – umgeschichtet. Erst nach einem entsprechenden Parlamentsbeschluss aufgrund öffentlichen Drucks habe der Fonds seine Investitionen in Kohle vollständig aufgelöst.

Öffentlicher Druck ist wirksames Mittel

Dieckmann zählte weitere Unternehmen auf, die aufgrund des Drucks ihrer und anderer Organisationen ihre Kohleinvestitionen zurückgefahren oder aufgelöst hätten, darunter auch namhafte deutsche Versicherungskonzerne. In der Internet-Datenbank »Global Coal Exit List« hat »urgewald« mit Partnerorganisationen Angaben über Tausende Unternehmen gesammelt, die im Kohlegeschäft aktiv sind oder es aufgegeben haben.

Gesellschaftliche Legitimation entziehen

Einen ähnlichen Weg beschrieb die WDR-Onlinejournalistin Nina Giaramita, die ehrenamtlich für »Fossil Free Deutschland« arbeitet. Dieser Verein wendet sich neben der Kohleverfeuerung gegen die Verwendung jeglicher fossilen Brennstoffe zur Energieerzeugung. »Fossil Free« will mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen dem Verfeuern fossiler Energieträger wegen der negativen Folgen des Klimawandels »die gesellschaftliche Legitimation entziehen«.

Unternehmen mit Folgen ihres Tuns konfrontieren

Kritisch werteten hingegen Matthias Kopp vom deutschen Zweig der Umweltorganisation WWF und Markus Dufner vom Verband Kritische Aktionäre den Kapitalausstieg (»De-Invest«) aus der Kohleindustrie. Schon seit Jahrzehnten agierten die Kritischen Aktionäre als »Stachel im Fleisch des Kapitalismus«, sagte Dufner. Als Anteilseigner hätten sie die Möglichkeit, auf Hauptversammlungen die Unternehmensvorstände mit den fatalen Folgen ihres Tuns zu konfrontieren und zu zwingen, sich dafür zu rechtfertigen. Dies betreffe den Umweltschutz ebenso wie Menschenrechte.
Wolfgang Weissgerber

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