Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Erlöst, frei, wie neugeboren

Die »So tun als ob«-Methode

Foto: GettyImages/julief514Wie die neugeborenen Kinder. Ein Baby im Taufkleid.

Foto: Medienhaus/Nicole KohlheppJanine Knoop-Bauer ist Pfarrerin und Rundfunkbeauftragte am SWR in Mainz.

In einem Ratgeber lese ich: »Die So-tun-als-ob-Methode: Ein Garant für mehr Lebensfreude und Selbstsicherheit.« Bei der weiteren Lektüre erfahre ich, worum es geht. Ich soll meine Ziele so klar wie möglich für mich formulieren und dann so tun, als hätte ich sie schon erreicht. Die Vorschusslorbeeren, mit denen ich mich schmücke, haben psychologisch gesehen fast denselben Effekt wie die echten, nach denen ich strebe. Man fühlt sich besser und stärker. Strahlt Selbstsicherheit aus. So gestärkt soll es leichter fallen, die Ziele dann wirklich zu erreichen. Denn das Umfeld reagiert anders. Wer hat, dem wird gegeben. »Fake it, until you make it!« So tun als ob, bis du’s bist.

Die Methode hat viele literarische Vorbilder. Felix Krull fällt mir ein, der Hauptmann von Köpenick, aber auch der talentierte Mr. Ripley. Und ganz aktuell: die Geschichte der 28-jährigen Anna Sorokin aus Deutschland. Sie hat so getan, als gehörte sie zum New Yorker Jetset. Und schließlich gehörte sie wirklich dazu – dank gekonnter Selbstvermarktung auf Instagram und anderen sozialen Medien. Ihre Story soll jetzt verfilmt werden.

Diesen Geschichten ist gemeinsam: Hier haben Menschen vorgegeben, etwas zu sein, was sie nicht waren. Oder noch nicht. Und sind damit weit gekommen. Es scheint, die Methode kann Erfolg haben.

In der kirchlichen Tradition gibt es überraschenderweise etwas Ähnliches. Der Sonntag nach Ostern hat den lateinischen Namen »Quasimodogeniti«. Das bedeutet übersetzt: wie die neugeborenen Kinder. So sollten sich die an Ostern getauften Menschen fühlen – einen Sonntag danach. Wie neugeboren. Um das auch nach außen zu zeigen, trugen sie weiße Gewänder.

Ich habe mich schon immer gefragt: Fühlt man sich wirklich wie neugeboren durch die Taufe? Ich bin als Säugling getauft worden. Ich habe keine Erinnerung daran. Klar, theologisch ist die Taufe so etwas wie eine Neugeburt. Luther hat gesagt: In der Taufe wird der sündige Mensch ersäuft. Aus dem Wasser der Taufe taucht der neue Mensch auf. Ein Mensch, der gottgefällig leben kann. Daran glaube ich. Daran, dass die Taufe wirkt. Als Zeichen, dass dieser Mensch, der da getauft wird, zu Gott gehört. Unwiderruflich.

Aber ob man das auch spürt? Christinnen und Christen machen die Erfahrung: Trotz Taufe gibt es Verletzungen. Trotz Taufe scheitern Menschen, leiden, werden verlassen und lassen andere im Stich. Die Taufe ist kein Schutzzauber. Sie bewahrt weder vor Unglück, das einem widerfährt, noch vor Unrecht, das man tut.

Trotzdem. Heute soll es so sein. Wie die neugeborenen Kinder, so sollen die Getauften zum Gottesdienst gehen. Ich denke: Schon damals, als diese Tradition in den Kirchen lebendig war, ging es um den psychologischen Effekt. So tun als ob! Sich das weiße Gewand anziehen und damit alles, was es verspricht. Im Christentum geht es immer darum: Etwas von der Erlösung, die Gott verspricht, ist schon spürbar. Anderes noch nicht. Da brauchen wir Vorschussvertrauen. Um das auch nach außen sichtbar zu machen, da helfen vielleicht wirklich die Vorschusslorbeeren. Heute mal so tun als ob – als ob wir neugeboren sind durch die Taufe. Wie die Kinder – heiter, unschuldig, offen. So tun als ob, bis wir es sind. Ich bin sicher, das macht einen Unterschied.

Janine Knoop-Bauer

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top