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Vielfalt

Familienbild der Bibel

Getty-Images/Cstar55Eine traditionelle Krippe mit Mutter, Vater und Kind. So sehen in der Bibel aber längst nicht alle Familien aus, und auch Josef war nicht der leibliche Vater von Jesus.

Familienvorstellungen aus dem 21. Jahrhundert lassen sich aus den biblischen Texten nur schwer ablesen. Jesus etwa ging von einem sehr weiten Familienbegriff aus. Ihm ging es stärker um gemeinschaftliche Strukturen von Verlässlichkeit, Fürsorge und Solidarität als um leibliche Verwandtschaftsverhältnisse.

Im Alten Testament bezeichnet der Familienbegriff ganz verschiedene Konstellationen des Zusammenlebens. Das hebräische Wort für Familie meint sowohl das Haus als auch die Menschen, die darin leben. Zu biblischen Zeiten lebten dort zumeist mehrere Generationen zusammen. Auch Mägde, Diener und Sklaven gehörten dazu. Die Familie war eine rechtliche und soziale Einheit und garantierte den Familienmitgliedern Rechtssicherheit und wirtschaftliche Absicherung. Der Hausvater stand der Familie als Familienoberhaupt vor.

Erzväter mit mehreren Ehefrauen

In den ersten fünf Büchern Mose lebten die sogenannten Erzväter wie beispielsweise Abraham, Loth und Jakob in Großfamilienverbänden mit mehreren Generationen zusammen. Sie hatten zumeist mehrere Ehefrauen. Hinzu kamen diverse Mägde und Dienerinnen, die von den Männern ebenfalls Kinder bekommen haben. Kinder und Enkelkinder waren die Lebensversicherung der Alten dafür, dass sie eine Überlebenschance hatten. Eheschließungen waren in diesem Sinn Wirtschaftsverträge, in denen Rechte und Pflichten der Eheleute ganz genau festgehalten wurden.

Könige hatten auch Kinder mit den Mägden

In der Zeit der Könige differenzierte sich diese Form der Familienverbände zumindest für die Machthabenden noch weiter aus. König David und sein Sohn und Nachfolger König Salomo hatten als Könige über das gesamte Nord- und Südreich Israels jeweils zahlreiche Frauen und Mägde, mit denen sie Kinder hatten. Sie dienten als Zeichen von Macht und Stärke.

Familienformen nicht zu vergleichen

Insgesamt unterscheiden sich die polygamen und mehrgenerationalen Familienkonstellationen der damaligen Zeit fundamental von heutigen Familienformen und können nicht miteinander verglichen werden – dafür sind die sozialen, politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Lebensbedingungen viel zu unterschiedlich.

Josef wollte Maria verlassen

Das Neue Testament zeigt im Hinblick auf Familie ein ambivalentes Bild: Jesus war kein traditioneller Familienmensch. Schon seine Geburt war kompliziert und seine leibliche Herkunft umstritten. Nach Auskunft der Evangelisten Lukas und Matthäus war seine Mutter die minderjährige und (noch) nicht verheiratete Maria aus Nazareth. Liiert war sie mit dem Zimmermann Josef. Aber Josef war nicht der leibliche Vater von Jesus. Als der von der Schwangerschaft Marias hörte, wollte er sie verlassen. Erst durch einen Engel Gottes, der Josef im Traum erschien und ihm alles erklärte, beruhigte er sich und blieb bei Maria.

Jesus hatte einen Adoptivvater

Geboren wurde Jesus in einer Krippe in einem Stall in Bethlehem. Denn Maria und Josef mussten gemäß dem Evangelisten Lukas nach Bethlehem zu einer Volkszählung in ihre Heimatstadt reisen (Lk 2, 1–6). Josef wurde der Adoptivvater Jesu. Gott war sein Vater. Als Sohn Gottes und Adoptivsohn Josefs waren Jesu Geburt und Kindheit gefährdet. Denn aus Angst vor den Soldaten des Königs Herodes, die Jesus ermorden wollten, flohen Josef und Maria mit dem neugeborenen Kind auf einem Esel nach Ägypten.

Gott ist der Vater des Kindes

Heile Familie sieht anders aus. Und heilig war sie bestenfalls aufgrund der Ankündigung des Engels Gabriel an Maria, dass der Vater des Kindes Gott selbst sein würde (Lk 1, 35). Gott, der unergründliche und abwesende Vater, hatte sich eine einfache Frau aus Nazareth als Mutter seines Sohnes ausgesucht und damit eine ganz besondere Familienkonstellation geschaffen.

Jesus streitet mit Mutter und Geschwistern

Jesus wiederum legte bereits als Jugendlicher im jüdischen Tempel biblische Schriften aus, die er im Rahmen seiner religiösen Erziehung kennengelernt hatte. Als er einmal vor einer Menschenmenge einen Bibelabschnitt erklärte, kamen seine Mutter Maria und seine Brüder vorbei, um ihn nach Hause zu holen. Jesus reagierte darauf verärgert. Mit großer Geste zeigte er in die Runde derer, die sich um ihn geschart hatten und ihm zuhörten. »Siehe, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder!« (Mt 12, 46 ff.) Der Evangelist Lukas notierte diese Szene sogar noch deutlicher. Dort konstatierte Jesus: »Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun.« (Lk 8, 21)

Gott war wichtiger als Verwandte

Diese Bibelstellen werfen ein eher schlechtes Licht auf das Verhältnis von Jesus zu seiner Mutter und seinen leiblichen Brüdern und Schwestern (siehe auch Mk 3, 31–35). Die Auslegung von Gottes Wort war für Jesus wichtiger als jegliche Verwandtschaftsverhältnisse.

Jünger begleiten den Wanderprediger

Mit etwa 30 Jahren begann Jesus, als Wanderprediger in Galiläa von Ort zu Ort zu gehen. Er war unverheiratet und ungebunden. Auf seinen Wanderungen sprach er zu den Menschen, hörte ihnen zu, heilte Kranke und erzählte ihnen von Gott, seinem Vater. Für seine Reisen als Wanderprediger berief er auch zwölf Jünger. Im Lauf der Zeit schlossen sich ihm weitere Männer und Frauen an. Jesu Erwartung an sie: Sie sollten alles stehen und liegen lassen und ihm nachfolgen. Jesu Haltung war radikal: Zu seiner »wahren Familie« gehörten nur diejenigen, die ihm nachfolgten, die mit ihm zusammen die Botschaft Gottes verkündeten und die mit ihm gemeinsam nach dem Doppelgebot der Liebe lebten: »Liebe Gott von ganzem Herzen (…) und deinen Nächsten wie dich selbst.« (Mk 12, 29–31)

Jesus beschränkte sich nicht auf leibliche Verwandte

Er lehrte den Menschen das »Unser Vater im Himmel« (Mt 6, 9–13; Lk 11, 2–4) als universales Gebet. Gott wurde zum Vater aller Gläubigen. Und Jesus wurde den Menschen zum Christus, weil er sich nicht darauf beschränken ließ, der Zimmermann aus Nazareth und der Sohn und Bruder seiner leiblichen Verwandtschaft zu sein.

Geschwister im Glauben

Er wurde Bruder von vielen und lud die Menschen in eine universelle Gemeinschaft von Geschwistern im Glauben ein. Noch kurz bevor Jesus am Kreuz starb, sagte er zu seinem Lieblingsjünger im Johannesevangelium: »Siehe, das ist deine Mutter!«, und zu seiner Mutter Maria sagte er: »Siehe, das ist dein Sohn!« (Joh 19, 26 f.) Selbst im Sterben ging es Jesus mehr um gemeinschaftliche Strukturen von Verlässlichkeit, Fürsorge und Solidarität als um leibliche Verwandtschaftsverhältnisse. Jesus ging folglich von einem sehr weiten Familienbegriff aus.

Ehe regelt sexuelle Bedürfnisse

Und der Apostel Paulus? Paulus blieb genau wie Jesus ehe- und kinderlos. Er warb in seinen Briefen an verschiedene christliche Gemeinden für einen zölibatären Lebensstil und lehnte die Ehe eigentlich ab (1. Kor 7). Er sah in ihr lediglich die Möglichkeit, sexuelle Bedürfnisse geregelt zu kanalisieren (1. Kor 7,9). Als traditioneller »Familienapostel« taugt Paulus folglich genauso wenig wie Jesus.

Familie als Ort von Drama, Liebe und Tod

Familienvorstellungen sind also im biblischen Sinn vielfältig und ambivalent. Sie sind stark von zeitgeschichtlichen Erfahrungen geprägt und vom jeweiligen Umfeld, Lebenszusammenhang und Kontext abhängig. Familie ist in biblischen Geschichten zudem nicht nur ein Ort von Fürsorge und Gemeinschaft, sondern auch ein Ort von Drama und Eifersucht, Liebe und Tod.

Familie geht weit über leibliche Zugehörigkeit hinaus

Im Neuen Testament hat Jesus den Familienbegriff weit über die leibliche Zugehörigkeit hinaus ausgedehnt. Auf Grundlage der biblischen Geschichte von den »wahren Verwandten« (Mt 12, 46–50) lassen sich im Hinblick auf Jesus und seinem Familienverständnis drei Erkenntnisse festhalten:
Jesus war ein »Familien-Universalist«: Menschen, die ihm nachfolgten, waren seine Geschwister, seine Familienangehörigen. Ohne diese geschwisterliche Solidargemeinschaft lassen sich weder Jesu Leben noch seine Botschaft verstehen.
Jesus war ein »Familien-Praktiker«: Am Tun von Gottes Willen und an der Praxis der Nächstenliebe entschied sich für Jesus, wer zur Familie gehörte. Jesus lebte und wirkte in umfassenden Beziehungsgeschehen.

Familiäre Beziehungen nehmen im Tun Gestalt an

 Jesus war ein Familien-Visionär: In seinem Buch »Nenn mich nicht Bruder!« bezeichnet der Theologe Thorsten Latzel Jesus als einen »Familien-Utopisten«: Die weit gefassten familiären Beziehungen, in denen sich Jesus verwurzelt sah, waren für ihn nicht einfach da, sondern nahmen im Tun Gestalt an. Sie entstanden, weil sich Jesus anderen zuwandte, weil er sie ernst nahm und weil er ihnen zurief: Wenn ihr die Botschaft von Gottes Liebe glaubt, sie weitergebt und danach lebt, dann seid ihr meine Geschwister und meine Familie. Und dann könnt ihr auch Familie füreinander werden! Das Doppelgebot der Liebe war für ihn nicht nur ein Anspruch ans Zusammenleben, sondern auch ein Zuspruch und eine visionäre Utopie für ein friedliches Zusammenleben im Sinne eines umfassenden Schalom.
Von Kerstin Söderblom


Kerstin Söderblom ist promovierte Theologin und Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Sie ist als systemische Beraterin und Coach tätig.

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