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Verjüngung und Ethik

Forever young

AP Photo/Joel RyanMichael Jackson träumte davon, sich klonen zu lassen, um ewig zu leben. Er starb im Sommer 2009.

Unsterblich sein. Neu ist dieser Wunsch nicht. Seit Jahren versuchen Wissenschaftler weltweit, die biologische Uhr zurückzudrehen. Forscher aus den USA behaupten nun, sie hätten neun Menschen verjüngt. Klingt verlockend. Gut wäre das für die Gesellschaft allerdings nicht.

Hier ein graues Haar mehr, dort eine neue Falte und das Gedächtnis lässt auch mehr und mehr nach. Alt werden findet wahrscheinlich kaum jemand angenehm. Gerne denken Menschen an die scheinbar unbeschwerte Zeit ihrer Jugend zurück. Faszinierend also der Gedanke, man könne die Zeit an einem bestimmten Lebenspunkt einfach anhalten.

Biologische Uhr zurückgedreht

Forscher eines Biotech-Unternehmens in den USA lassen solche Hoffnungen aufflammen: Auf einer Fachkonferenz behauptete das Team, neun Männer jünger gemacht zu haben. Mit Hilfe eines Medikamenten-Cocktails. Sie griffen auf bekannte und bereits zugelassene Stoffe zurück und kombinierten sie. Nach einem Jahr soll sich gezeigt haben: Die biologische Uhr der Probanden war im Schnitt um zweieinhalb Jahre zurückgedreht.

Ergebnisse sind nicht überprüft

Vorneweg: Repräsentativ ist diese Untersuchung nicht. Nur wenige Menschen haben teilgenommen, darunter keine einzige Frau. Bislang sind die Ergebnisse außerdem weder von Kollegen geprüft noch in einem Fachmagazin veröffentlicht.

Weit entfernt von der Realität

Trotzdem spannend, findet Martin Denzel vom Max-Planck-Institut (MPI) für Biologie des Alterns in Köln. Der Humanbiologe forscht schon seit vielen Jahren zum Altersprozess. Die klein angelegte Studie könne ein Startpunkt sein für eine längere Reise, sagt Denzel. Welche Mechanismen verlängern das Leben? Diese Frage stellen sich auch seine Kollegen und er selbst – ebenso wie Evolutionsbiologen schon vor langer Zeit. Der Traum eines endlosen Lebens sei aber von der Realität weit entfernt, stellt der Biologe klar. Das darf in den Augen des Alternsforschers auch nicht oberstes Ziel der Wissenschaft sein. Zunächst einmal gehe es darum, den Prozess des Alterns zu verstehen und alterstypische Krankheiten zu bekämpfen.

Für die Fortpflanzung optimiert

Genetisch wäre das Szenario denkbar, erklärt der Experte. Es gebe einige Zellen, die nicht altern. Das sei allerdings nicht immer positiv: So vermehrten sich auch ungewollte, bösartige Zellen wie etwa Tumorzellen immer weiter. Der gesamte menschliche Organismus sei dazu optimiert, sich fortzupflanzen, nicht alt zu werden, erklärt der Biologe. Außerdem sei es wichtig, sich darauf zu besinnen, was die Medizin bereits erreichen konnte. Die Menschen werden heute viel älter als in früheren Jahren, viele Krankheiten sind beherrschbar.
Die Gesellschaft müsse sich zudem fragen: Wie definieren wir das Alter? Ist das wirklich eine Krankheit? Zudem müsste sich jeder klar werden: Möchte ich länger jung oder länger alt bleiben? Das ganze Krankenkassen-System wäre hinfällig.

Urlaub ist attraktiv, weil er zeitlich begrenzt ist

Einen Schritt weiterdenken. Dazu rät auch der evangelische Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Reiner Anselm. »Die Vorstellung von einem ewigen Leben ist so lange interessant, so lange es keine Konkretion gibt«, erklärt der Medizinethiker. »Wir würden uns das selbst nicht wünschen wollen«, ist sich der Theologe sicher. Der Urlaub auf Teneriffa oder ein gemeinsames Abendessen mit Freunden seien doch deswegen so besonders, weil sie zeitlich begrenzt sind.

Hunderte von Jahren im Job?

Jeder müsste sich auch fragen: Mit wem wollen wir ewig alt werden? Eine 500-jährige Ehe? Wohl dem, der sich das mit seinem Partner vorstellen könnte. Und auch der aktuelle Job müsste so viel Spaß und Abwechslung bringen, dass man sich vorstellen könnte, diesem sein Leben lang nachzugehen.

Ohne Veränderungen ist das Leben reizlos

Politik und Gesellschaft seien bereits jetzt mit dem Immer-älter-Werden der Menschen überfordert. Etwa wenn es um die Verlängerung der Arbeitszeit geht. »Irgendwann ist es auch mal gut«, findet Anselm. Neues realisieren. Darauf sei der Mensch angelegt. Wenn diese Möglichkeit irgendwann ausgeschöpft wäre, sei auch das Leben nicht mehr reizvoll, glaubt der Ethiker.

Medikamente nur für die Reichen

Ein Problem komme auch mit Blick auf die Generationengerechtigkeit auf. Es gebe weniger Nachkommen, da die Jungen nicht altern würden. Somit machten die Generationen keinen Platz für Neue. Wahrscheinlich würde eine solche Wunderpille zudem zu sozialen Ungerechtigkeiten führen. Etwa wenn das Medikament teuer wäre und es sich nur die Reichen leisten könnten.

Das ewige Leben muss finanzierbar sein

Schon jetzt lebten die Armen im Schnitt etwas kürzer, erklärt Anselm. Das zeigt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung von 2017. »In fast allen Ländern leben Hochschulabsolventen im Durchschnitt zwei bis zwölf Jahre länger als Landsleute, die höchstens eine Grundschule oder gar keine Schule besucht haben«, heißt es darin. Wer lange oder ewig leben will, müsse dieses Leben außerdem auch finanzieren können. Eine ewige Rente wäre aus Sicht des Experten unrealistisch.
 Carina Dobra

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