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1. Mai

Frei-Tag der Arbeiterklasse

Foto: dpa/Daniel KarmannEs gibt sie noch, die Aufrechten, die am 1. Mai für Arbeiterrechte demonstrieren. Der Ruf nach einem Mindestlohn wurde inzwischen erhört.

Der einstige »Kampftag der Arbeiterklasse« ist heute ein gern genutzter freier Tag für Ausflüge mit der Familie, für Radtouren, Wanderung oder Grillpartys. Rote Fahnen schwenken am 1. Mai nur noch die ganz Aufrechten.

Es begann im Jahr 1886. In den USA versuchen Industriearbeiter, mit einem Generalstreik den Achtstundentag durchzusetzen. 400 000 Beschäftigte aus 11 000 Betrieben legen am 1. Mai die Arbeit nieder. In Chicago eskaliert nach zwei Tagen die Situation. 80 000 Arbeiter demonstrierten, nachdem die Polizei mehrere Streikposten angegriffen und getötet hatte. Auf dem Heumarkt der Stadt am Michigansee rücken am Ende der Kundgebung plötzlich bewaffnete Polizisten an, als ein Unbekannter eine Bombe zündet. Die Polizei eröffnet daraufhin das Feuer.

Nach unterschiedlichen Quellen kommen sieben Polizisten und bis zu 20 Demonstranten ums Leben. In der Folge werden die Führer mehrerer Gewerkschaften verhaftet, ihre Zeitungen verboten und über die gesamte USA das Kriegsrecht verhängt. Sieben angebliche Rädelsführer werden später zum Tode verurteilt und vier auch tatsächlich hingerichtet, unter ihnen der Deutsche August Spies aus dem nordhessischen Friedewald. Wie 60 Millionen weitere Wirtschaftsflüchtlinge aus Europa war er gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Nazis schaffen den »Tag der nationalen Arbeit«

Die »Haymarket Riots« können den Siegeszug der Arbeiterklasse nicht aufhalten. 1890 gibt es am »Protest- und Gedenktag« 1. Mai Massenstreiks und Massendemonstrationen auf der ganzen Welt, auch in Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der 1. Mai hier 1919 einmalig gesetzlicher Feiertag, auf seine dauerhafte Einrichtung konnten sich die Parteien der Weimarer Republik jedoch nicht einigen. Das blieb ausgerechnet den Nazis vorbehalten, die den 1. Mai zum »Tag der nationalen Arbeit« erklärten, zugleich aber die Gewerkschaften gleichschalteten und ihr Vermögen kassierten.

Die Alliierten bestätigten den Feiertag schon 1946, in der Bundesrepublik ist er seit ihrer Gründung 1949 gesetzlicher Feiertag, in der DDR war er es ebenfalls, wie auch in zahlreichen weiteren Ländern rund um den Erdball. Einen »Labour Day« gibt es in einigen Ländern alternativ im März oder September.

Gründe, zu demonstrieren, gäbe es genug

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ruft in diesem Jahr »auf die Straße für ein gerechtes solidarisches Europa« zur zentralen Kundgebung in Leipzig. Gründe, um am »Tag der Arbeit« auf die Straße zu gehen, gäbe es auch am 1. Mai 2019 genug. Der digitale Wandel bedroht Abertausende Arbeitsplätze, in immer weniger Unternehmen gelten noch Tarifverträge – gerade ein Viertel der Betriebe wendet sie noch an. Nur noch 47 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in tarifgebundenen Betrieben.

Doch die Gewerkschaften verlieren Jahr für Jahr Mitglieder. Knapp sechs Millionen Mitglieder verzeichneten die acht Einzelgewerkschaften des DGB Ende 2018, nur noch halb so viele wie unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Einzelne Berufsgruppen wie Lokführer oder Piloten kämpfen allein für ihre Partiku-larinteressen und haben mit Flächen- und Branchentarifverträgen nichts im Sinn. Und am 1. Mai wird lieber gegrillt oder geradelt, anstatt für Arbeitnehmerrechte zu demonstrieren. In der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden, um nur ein Beispiel zu nennen, folgten im vergangenen Jahr kaum 500 der 280 000 Einwohner dem Aufruf des DGB.

Bedeutung der Industriesozialarbeit

Bei den Kirchen spielt der 1. Mai als »Tag der Arbeit« traditionell keine besondere Rolle. Industriesozialarbeit hat aber dennoch sowohl bei der evangelischen wie bei der katholischen Kirche seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert große Bedeutung.

Ohne jegliche Berührungsängste treten Pfarrer und Priester auch gelegentlich bei den Mai-Kundgebungen der Gewerkschaften auf. »Es wäre dem christlichen Glauben ganz unangemessen, das nicht ernst zu nehmen«, erklärte Pfarrer Ralf Stroh vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der hessen-nassauischen Kirche einmal in einem Interview.

Und für Katholiken ist der 1. Mai immerhin ein Gedenktag für den »Heiligen Josef, der Arbeiter«. Er erinnert an einen Zimmermann aus dem Nahen Osten, dessen Sohn vor 2000 Jahren von römischen Besatzungstruppen hingerichtet wurde.

Wolfgang Weissgerber

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