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Irland

Furcht vor Gewalt

dpa/ZuMA-PressProtest gegen den Brexit : Die Briten schießen sich selbst in den Fuß.

DUBLIN/FRANKFURT. Mit großer Sorge verfolgen Protestanten in Irland das endlose Gezerre um den Brexit. Das Londoner Unterhaus will ihn neu verhandeln, die Europäische Union will das nicht. Während die politische Lage festgefahren scheint, rücken der Austrittstermin Großbritanniens aus der Union und die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits näher.

dpa/info-grafikDie Karte zeigt die EU-Außengrenze nach dem Brexit.

Pfarrer Stephan Arras hält nichts vom Brexit. Daraus macht er im Gespräch mit der Evangelischen Sonntags-Zeitung keinen Hehl. Der ehemalige Dekan des Dekanats Odenwald ist seit 2015 Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Irland und als solcher auf der ganzen Insel unterwegs. Einen kleinen Rest Hoffnung habe er noch, dass die Briten den Austritt aus der EU in letzter Minute absagen, »denn der Brexit ist der schlechteste aller Deals«.

EU-Außengrenze mitten im Gemeindegebiet

 Tatsächlich aber befürchtet Arras, dass es zu einem ungewollten harten Brexit, einem ungeregelten Austritt kommt. »Dann haben wir eine EU-Außengrenze mitten in unserem Gemeindegebiet«, sagt der in Dublin lebende Pfarrer. Sollte es so weit kommen, müsse mit gewalttätigen Auseinandersetzungen gerechnet werden. Entsprechende Aussagen habe er von Menschen aus dem Grenzgebiet gehört: »Sobald der erste Schlagbaum steht, wird er in die Luft gejagt.«

Alle sind für Frieden, haben aber verschiedene Interessen

Die Menschen in Nordirland hätten beim Referendum vor zweieinhalb Jahren zwar zu mehr als 60 Prozent gegen den Brexit gestimmt, aber Befürworter gebe es nun mal auch. Selbst bei Treffen des Irish Council of Churches, einem Zusammenschluss von Kirchen der Republik Irland und Nordirlands, müsse er abends beim Bier »behutsam sein«, mit dem, was er sagt. Zwar wollten sich alle für den Frieden einsetzen, aber die Interessen seien unterschiedlich. Die einen wollten den festen Anschluss an Großbritannien und den Brexit, andere Unabhängigkeit und den Verbleib in der EU.

Falsche Hoffnungen auf europäische Einrichtungen

Die mit dem Brexit verbundenen Sorgen der Menschen seien in der Republik Irland und in Nordirland unterschiedlich, beobachtet Arras, der von der Evangelischen Kirche in Deutschland entsandt wurde. In der Republik Irland habe man anfangs noch geglaubt, dass europäische Einrichtungen in großer Zahl von Großbritannien auf die Insel übersiedeln. Das allerdings habe sich nicht bewahrheitet.

Sorge um den Export

Inzwischen überwiegen vor allem wirtschaftliche Sorgen. Die Republik exportiert Milch und Fleisch nach Großbritannien. Diese Produkte würden durch den Zoll teurer, wenn Irland weiterhin Teil der EU ist, Großbritannien aber nicht. Unklar ist, ob der Absatzmarkt dann im heutigen Umfang bestehen bleibt. Auch der Güteraustausch mit den anderen EU-Ländern würde sich verändern, weil viele Waren über Großbritannien transportiert werden und entsprechend verzollt werden müssten. Kämen sie künftig nur noch über den Seeweg, würde dies zu einer Verteuerung führen.

Nordirland-Konflikt könnte wieder aufflammen

In Nordirland »sind die Sorgen noch viel größer«, so der Seelsorger. Ebenso wie in der Republik Irland befürchte man im Falle des harten Brexits bewaffnete Konflikte an der EU-Außengrenze und ein Wiederaufflammen des Konflikts zwischen denjenigen, die sich der Republik Irland anschließen wollen – überwiegend Katholiken – und denjenigen, die sich stark an Großbritannien binden wollen – zum größten Teil Protestanten. Die Erfolge des Karfreitagsabkommens von 1998, mit dem der Konflikt weitestgehend beigelegt wurde, seien in Gefahr, sagt Arras. Angesichts der fortschreitenden Säkularisierung sieht er allerdings kaum noch eine religiöse Dimension des Konflikts. »Es geht um die Frage ›Bin ich britisch oder bin ich irisch?‹«.

Zuschüsse für Landwirtschaft gehen verloren

Wirtschaftlich gesehen befürchten die Nordiren den Verlust der umfangreichen EU-Zuschüsse für die Landwirtschaft. »Die Menschen haben Angst, dass Großbritannien kein Geld für Nordirland haben wird.«
Deutsche bemühen sich um britischen Pass
Deutsche Gemeindemitglieder, die mit einem Iren oder einer Irin verheiratet sind, versuchten derzeit, einen britischen Pass zu bekommen, damit sie bleiben können. Nordiren wiederum bemühten sich verstärkt um einen Pass der Republik Irland. Das Recht dazu ist im Karfreitagsabkommen verankert. Mit dem irischen Pass blieben sie EU-Bürger.

 Religionsgemeinschaften sind inselweit organisiert

»Die Kirchen«, betont Arras, »müssen die Rolle der Bindeglieder zwischen den verfeindeten Gruppierungen übernehmen.« Alle Religionsgemeinschaften seien inselweit organisiert, also im Süden und im Norden Irlands gleichermaßen. Damit seien sie wie geschaffen, eine Verbindung zwischen allen herzustellen und sich für den Frieden einzusetzen.
 Renate Haller

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