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Der Geist Gottes sorgt dafür, dass dir nicht die Luft ausgeht

Geistliche Wiederbeatmung

johnnyb / pixelio.deDer Heilige Geist ist wie Atem, der weit trägt.

privatMatthias Schmidt ist Propst für Oberhessen.

»Atmen Sie!« Irritiert schaue ich die Sprachtherapeutin an. Atmen? Das macht mein Körper doch von sich aus. »Atmen Sie tiefer und bewusster«, wiederholt sie ihre Anweisung. Als junger Pfarrer kam ich in ihre Praxis, weil ich mit Heiserkeit zu tun hatte. Mir blieb manchmal die Stimme weg. Ich war sprachlos, im wahrsten Sinne des Wortes. »Legen Sie Ihre Hand auf den Bauch und spüren Sie, wie Sie atmen«, forderte sie mich auf. In den kommenden Wochen habe ich also das Atmen gelernt. Und ich habe entdeckt, was das mit dem Reden zu tun hat. Ja, noch mehr: Ich spüre, dass ich manchmal atemlos durch mein Leben hetze. Und dann die Stimme wegbleibt, ich nichts mehr zu sagen habe.

Es ist schon erstaunlich, wie das Atmen unser Leben und unseren inneren Zustand beschreiben kann. Wenn eine Kollegin sagt, dass sie endlich aufatmen kann nach einer schwierigen Zeit, dann ahne ich, was sie damit meint. Oder wenn mir etwas die Kehle zuschnürt, den Atem raubt.

Kein Wunder, dass in manchen Sprachen die Worte für Atem und Seele miteinander verwandt sind. Am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, haucht Gott dem Menschen das Leben mit dem Atem ein.

Wenn ich die Pfingstgeschichte lese, dann denke ich an die Anweisung der Sprachtherapeutin: »Atmen Sie!« Der Evangelist Johannes erzählt die Ereignisse um Pfingsten in einer kurzen Szene. In den Tagen nach der Auferstehung kommt Jesus zu seinen Freunden. Und er macht etwas Ungewöhnliches. Er haucht sie an und sagt: »Nehmt hin den Geist Gottes!« (Johannes 20,22) So erzählt Johannes die Geschichte mit dem Heiligen Geist.

Jesus macht es hier wie Gott am Anfang der Schöpfung: Er haucht den Menschen das Leben ein. Den Geist des lebendigen Gottes. Es ist fast so etwas wie eine geistliche Wiederbeatmung. Diesen Männern und Frauen, diesen Jüngerinnen und Jüngern, die erschöpft sind von den Ereignissen der vergangenen Tage und Wochen, haucht er neue Kraft ein. Sie sind erschöpft von ihrer Trauer um den hingerichteten Jesus und von ihrer Angst. Und sie sind atemlos von den unglaublichen Erzählungen der Frauen, die das Grab Jesu leer vorgefunden haben und sagen: Er ist auferstanden. Den Jüngerinnen und Jüngern ist bei alledem die Puste ausgegangen. Jesus gibt sie ihnen zurück. Das ist für mich die Botschaft von Pfingsten: Der heilige Geist Gottes sorgt dafür, dass dir nicht die Luft ausgeht.

So stelle ich mir das mit dem Heiligen Geist vor. Wenn ich mitten in der Hektik des Alltags einen Ort finde, wo ich Atem schöpfen kann. Wenn ich in einem Konflikt, der mich viel Kraft kostet, mal durchatme und überlegen kann, was jetzt hilfreich ist. Wenn mich ein schöner Ort, ein gutes Gespräch, eine wunderbare Musik »inspiriert«, also wortwörtlich neuen Geist einhaucht. Wenn ich die Kraft habe und den längeren Atem für Herausforderungen, von denen ich dachte, ich schaffe sie nicht.

Ich wünsche Ihnen an den kommenden Pfingsttagen diese Erfahrung. Zeit haben, Kraft tanken, sich inspirieren lassen, mal Luft holen in der Atemlosigkeit des Alltags. Und etwas von dem Geist Gottes spüren, der lebendig macht und uns einen langen Atem schenkt für unser Leben.

Von Matthias Schmidt

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